Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1936)
- Date
- 1936-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653937--28277-2689752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8ו ,4ו. IU936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Eine jüdische Sittenlehre ,Kibbuz Schulchan Arucb“ hebräisch und deutsch Dem modernen westeuropäischen Juden, der nicht der strengen Orthodoxie angehört, sind die nachbiblischen Quellenwerke der jüdischen Sitten- und Lebenslehre höchstens dem Hamen nach bekannt. Was Wunder, wenn die meisten modernen Juden ohne jede sachliche Kenntnis den Behauptungen gegenüberstchen, die häufig von antisemitischer Seite über das Schrifttum der Juden gemacht werden. Zwar ibt es eine Reihe von grundlegenden Werken, die gewisse älschungcn und Entstellungen berichtigen und nachweisen; denn diese angeblichen Zitate gehen fast alle auf dieselbe Quelle zurück, nämlich aut antijüdische Tendenzschrift«!, die vor mehr als hundert Jahren — zum Teil von getauften und abgefallenen Juden — verfaßt wurden, um das Judentum herabzusetzen. Aus der großen Zahl der Werke dieser Art nennen wir das Buch von Josef R. Bloch ״Israel und die Völker“ (Verlag Benjamin Harz) und aus neuerer Zeit das Büchlein ״Enthüllte Talmudzitate“ von Alexander Guttmann (Philo-Verlag), Einer der Hauptfälscher von Talmud- Zitaten, Prof. Rohling, hat bekanntlich in einem aufsehenerregenden Prozeß gegen den genannten Josef R. Bloch vor Gericht die Fälschungen durch Zurückziehung der Beleidigungsklage zugestehen müssen. Aber abgesehen von diesen Auseinandersetzungen ist es für viele Juden, die keine jüdische Erziehung hatten, schwierig, das Wesen des Talmud zu begreifen; denn dieses Buch ist in noch weit höherem Maße als es für andere inittelalterliehe Werke gilt, nur aus seiner Zeit und den besonderen Umständen seiner Entstellung zu verstehen. Dazu kommen noch die sprachlichen Schwierigkeiten. Die jetzt vollständig vorliegende zwölfbändige deutsche Uebersetzung von Lazarus Goldschmidt (Jüdischer Verlag, Berlin) gibt auch dem nicht Hebräisch und Aramäisch Verstehenden die Möglichkeit, sich über das Wesen des Talmud zu orientieren; freilich wird es für nicht Vorgebildete schwer sein, sich ohne Erklärungen in dem Labyrinth dieser oft kasuistischen Erörterungen zurechtzufinden. Zu den oft genannten, aber wenig bekannten Büchern gehört auch der Schulchan Aruc n, diese im 16. Jahrhundert (erste Ausgabe 1565 in Venedig) entstandene Kodifikation jüdischer Gesetze und Gebräuche. Der nichtorthodoxe Jude wird auch diesem Buch mit historischkritischer Einstellung gc״enübertrctcn. Es bleibe dahingestellt, ob es für uns noch möglich ist, ein genaues Wissen in bezug aut diese hnlachischcn Werke zu erwerben oder ob der hierfür notwendige Kraftaufwand uns überhaupt zur Verfügung steht; notwendig aber ist es in dieser Zeit der Rückwendung zürn Judentum, etwas über Inhalt und insbesondere über den Geist solcher älteren Werke zu wissen, auch für die, welche der Meinung sind, daß seiir viele der darin behandelten Gesetze für unsere Zeit nicht mehr passen und die sich daran nicht gebunden erachten. Es ist daher gerade in dieser Zeit überaus willkommen, daß jetzt ein Werk vollendet vorliegt, das einen Einblick in die Welt des Schulchan Aruch gestattet. Es handelt sich um ein Buch des ungarischen Rabbiners und Talmudisten Schelomo Ganzfried (1804—1886), das unter dem Titel ״K i z z n r Schulchan Aruch“ (Verkürzung des Schulchan Aruch) 1864 zum ersten Male erschienen ist und eine große Popularität erlangt hat. Dieses hebräische Werk ist nun in einer Ausgabe mit punktiertem hebräischen Text und vollständiger deutscher Uebersetzung von Dr. Selig Bamberger (Hamburg) im Verlag A. J. Hofmann, Frankfurt a. M., erschienen. Das Buch ist in einem ziemlich *THchten Hebräisch geschrieben, und durch die Gegenüber- Stellung von hebräischem und deutschem Text eignet es sich auch zum Gebrauch für die Einführung in die rabbinische Sprache und Ausdrucksweise für Hebräischlernende. Vor allem aber wird der Inhalt dieses Buches heute wieder viel mehr Menschen interessieren, als es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen wäre. Das Werk umfaßt 1088 Seiten und ist in zahlreiche Abschnitte und Kapitel eingeteilt, die sich aut die gesamte Lebensführung des orthodoxen Juden beziehen. Alle Dinge des täglichen Lebens, sogar die alltäglichsten und vulgärsten Verrichtungen, werden in den Kreis der Betrachtung einbezogen und mit Verhaltungsmaßregeln versehen, dazu treten die Fragen des Berufslebens, des Handels und Wandels, die Feier jüdischer Feste und eine große Zahl ethischer Gebote. Ganzfried hat vor allem die Abschnitte ״Orach Cliaim“ (Gebete und geheiligte Zeiten), einen Teil des ״Jore Dcah“ (verbotene Speisen, Reinheitsesetze, Ehevorschriffcn, Vorschriften für Trauernde) und leinere Teile des ״Eben Hacser“ und ״Choschcn Harnischpat“ auszugsweise verarbeitet, während andere Teile des Schulchan Aruch unberücksichtigt blieben. Alle die Vorschriften haben nur einen Sinn: die Heiligung des Lebens, wie sie dem Juden vorgeschrieben ist, bis in alle minutiösen Einzelheiten zu sichern. Manchem wird vieles zu rationalistisch und äußerlich scheinen, aber niemand kann leugnen, daß es ein durchdachtes System ist, das davon ausgeht, daß auch äußere Dinge, so sehr man sich darüber hinwegsetzen kann, einen tieferen Einfluß auf den Menschen ausüben, als man zugeben möchte und als man auch selbst kontrollieren kann. Das Wesentliche aber scheint uns nicht die Summe der Einzelheiten, sondern der Geist des Ganzen. Dafür ist schon der erste Abschnitt charakteristisch: Vorschriften beim Aufstehen am Morgen, Jede Bewegung und jede Handlung soll dabei in dem Bevvußtsein geschehen, vor dem König der Welt zu stehen, der alles sieht und vor dem man sich würdevoll, ehrfürchtig und demütig benehmen soll. Es gibt schon hier eine Fülle von interessanten Gleichnissen. Auffallend ist auch die feine Psychologie, die genau die Schwächen des Menschen kennt und berücksichtigt. So z. B. heißt es, der Mensch müsse nach dem Erwachen sofort zum Gebet aufstehen, und daran knüpfen sich Betrachtungen über die Ausreden, die der Mensch vor sich selbst finden kann, um noch länger liegen zu bleiben. ״Denn der böse Trieb versteht sehr gut, den Menschen in Gruben zu fangen, daß er nicht aufsteht.“ Demgegenüber muß der Mensch ״sich über ihn stark machen una dart nicht auf ihn hören; und auch wenn ihm die Sache nicht leicht fällt ob der Schwere des Körpers und seiner Trägheit, mache er den Willen des Königs über alle Könige, des Heiligen, gelobt sei Er, zu seinem Streben.“ Wenn dann vom Beten und Lernen am frühen Morgen die Rede ist, heißt es: ״Besser wenig mit Andacht (kawanah), als viel gedankenlos“. Bei den Vorschriften über das Anziehen von Kleidern ist manches enthalten, das wir, die wir den menschlichen Körper nicht als etwas zu Verbergendes betrachten, kaum mehr verstehen und hinnehmen werden; alle diese Vorschriften sind aber zu dem Zweck bestimmt, der in dem Satz zusammengefaßt ist: ״Die Sittsamkeit und die Verschämtheit führen den Menschen zur Demut vor Ihm, gepriesen sei Sein Name.“ Besonders interessant und vielleicht auch ein wenig zeitgemäß sind die Warnungen vor prunkvoller Kleidung und vor der Assimilation an die Kleidung anderer, wodurch man nach außen falschen Schein erwecken will. Weiter heißt es: ״Ein Gewand, zum Hochmut und zur Sittenlosigkeit hergestellt, darf ein Israelit nicht nachahmen.“ Seine Kleider seien vielmehr in einer Weise verfertigt, die auf Demut und Sittsamkeit hinweist. Es wird gewarnt vor Eitelkeit, vor Hochmut und vor Götzendienst una vor den kostbaren Kleidern, die den Menschen zum Hochmut verleiten; aber auch minderwertige Kleider soll man nicht anzichcn, die in den Augen der Menschen verächtlich machen, sondern seine Kleider seien mitteimäßig und sauber. Diese Mahnung zum Mittelmaß ist überhaupt der Leitgedanke des Buches. So z. "B. heißt es in der Lehre von den Tugenden: Der Mittelweg( ״Der gute und gerade Weg ist, daß sich der Mensch gewöhne, den Mittelweg zu gehen; er verlange nur die Dinge, die der Körper braucht und ohne die man nicht leben kann; so wie es heißt (Spr. 13, 25), der Gerechte ißt, um satt zu werden; ebenso widme man sich seinen Gescliäften nur so weit, um das zu erreichen, was man für sein irdisches Dasein braucht, wie es heißt (Ps. 37, 16), besser das Wenige für den Gerechten. Man verschließe seine Ilände nicht zu sehr, auch vergeude man sein Vermögen nicht, sondern gebe Almosen seinem Vermögen entsprechend und leihe gebührend dem, der es nötig hat. Man sei nicht ausgelassen lustig und auch nicht betrübt und traurig, sondern freue sich alle seine Tage mit Ruhe und freundlichem Angesicht. Und so bei den meisten übrigen Eigenschaften: wer den Mittelweg geht, wird ein Weiser genann t.“ Es ist unmöglich, hier alles herauszugreifen, was an roßartigen ethischen Geboten in diesem Buch entalten ist. Dennoch möchten wir einige Zitate bringen, die ein besonderes Licht auf die echte jüdische Auffassung werfen, die so oft verkannt und entstellt wird und die — was wir leider sagen müssen — auch nicht allen Juden in ihrem praktischen Verhalten immer zur Richtschnur dient. So z. B. heißt es in dem Abschnitt über das Verbot, einen Menschen zu kränken: Kränkende Worte — Tränen der Frau ״Ebenso, wie Uebervorteilung beim Kauf oder Verkauf verboten ist, so ist auch Kränkung mit Worten verboten; so heißt es (Lev. 25, 17): kränket nicht einer seinen Nächsten; fürchte dich vor deinem Gotte! — das ist Kränkung mit Worten. Größer ist Kränkung mit Worten als Uebervorteilung im Vermögen; denn diese läßt sich zurückgeben, jene alter läßt sich nicht zurückgeltcti; diese ist im Vermögen und jene an der Person; und -wer über Kränkung durch Worte wcheklagt, wird sofort erhört. — Besonders muß man sich vor einer Kränkung seiner Frau in acht nehmen, sie nicht durch Worte zu verletzen, weil die Frau von Natur weich ist und schon über eine geringe Verletzung weint; und der Ewige, gepriesen sei Kr, achtet auf die Tränen und die Himmel störe für die Tränen sind nie geschlossen“ Auch das Erwerbsleben ist streng geregelt. Wir finden am Eingang des 62. Abschnittes' folgende Mahnung: Treu and Glauben im Geschäftsleben ״Man muß sich sehr in acht nehmen, daß man seiner! Nächsten nicht übervortcilt. Wer seinen Nächsten übervorteilt, sei es, daß der Verkäufer den Käufer übervorteilt, oder, daß der Käufer den Verkäufer ülrcrvorteilt, Übertritt ein Verbot, so heißt es (Lev. 25, 14): Wenn ihr einer dem anderen etwas verkaufet oder aus der Hand des anderen kaufet, übervorteilt nicht einer seinen Bruder! — Und das ist die erste Frage, die man den Menschen in jener Stunde fragt, da inan ihn ins himmlische Gericht führt: Hast: du mit Treue deinen Lebensunterhalt erworben?“ Hier ist also an die Spitze des ganzen Kapitels das Gebot von ״Treu und Glauben“ gestellt, das für das Verhalten der Juden im Geschäft maßgebend sein soll. Dieser Grundsatz wird dann in allen Einzelheiten im weiteren Verlaut des Abschnittes ausgeführt. Besonders verboten ist Wucher und üble Behandlung des Schuldners. Gegen Zinsnehmen Das Kapitel 65 beginnt mit einer sehr feinen psychologi* sehen Einleitung, worin darauf hingewiesen wird, daß der Wunsch des Menscheit, Geld zu erwerben, sich durch Zippsnehmen in einer leichten und daher verführerischen Weise erfüllen lasse (im Gegensatz etwa zu Raub, Uebervorteilung usw.); bei Leihgeschäften nämlich hat sowohl (!er Verleiher als auch der Leihende einen Vorteil. ״Darum ist cs sehr leicht möglich, daß sich ein Mensch, was der Ewige verhüten möge, vom bösen Trieb überreden läßt und durch dieses Verbot strauchelt. Deshalb hat unsere heilige Lehre bei diesem Verbot sehr erschwert, und ist dasselbe in vielen Schriftverscn untersagt.“ Es wird dann weiter hestimmt, daß zuviel genommene Zinsen zurückgegeben werden müssen, daß mau auch freiwillig keine höheren Zinsen vom Schuldner nehmen darf usw., aber auch, daß man den Schuldner nicht demütigen darf. So 7. B. darf der Schuldner dem Gläubiger nicht Ehrungen zuteil werden lassen, die er sonst (ohne sein ScliuklVerhältnis) nicht, geboten hatte. Der Gläubiger darf auch vom Schuldner nichts verlangen, was dieser ohne das Bestehen des Leihverhältnisses nicht für ihn getan hätte. Aehnliche Bestimmungen finden wir in Fülle in diesem Buch, natürlich auch Bestimmungen, die uns von geringerer Wichtigkeit oder aber veraltet erscheinen. Wie immer dem sei, wir glauben, daß ein Studium dieses Buches erhellend bei vielen wirken kann, die sich vom Wesen dieses Schrifttums ganz falsche Vorstellungen machen, und die Erfahrung zeigt, daß auch sehr viele Juden sich von den ablehnenden Urteilen, die in einer aufklärerischen Zeit über dieses Schrifttum verbreitet wurden, oder auch von manchen landläufigen Fchldcutungcn irremachen lassen. Daher ist das Erscheinen dieser neuen Ausgabe des Kizzur Schulchan Aruch ein dankenswertes Unternehmen. Die Uebersetzung hält sich mit großer Treue an das Original und ist gut lesbar. Mi, In New York trafen Rabbi Mcir Berlin, M. Shragai und Ilse War bürg ein. Rabbi Berlin wird der 25. Jahrestagung des Misrachi in Washington beiwohnen. Shragai wird sich mehrere Monate in USA. aufhalten, um sich Gm Hapocl Hamisrachi organisatorisch zu betätigen. Ilse Warbürg unternimmt eine Tournee zur Unterstützung des Jugend- Alijah-Projektes der Hadassah. Die Abenteuer der Graeia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIMER E. Fort«etst1ng Dir Mann scheute keine Mühe der Ucberredung nnd des Trostes, um sie wieder ans Lieht eines hoffnungsvollen Lebens zu ziehen. Nun war er sogar bereit, auch ihre Schwester und Channah wieder zurückzurufen, zumal er von der alten Lehrerin einen günstigen Einfluß auf Graeia erwartete. Diese war mit allem einverstanden. Reyna und Channah kamen, jene ein wahrhaft schönes Müdehen mit ihrem rötlichen Haar und ihren überhell ge- Wordenen Augen, diese eine alte, müde Frau, scheinbar noch kleiner geworden, als sie schon immer war, der ihr Buckel fast über den Kopf hinauszuwachsen schien. Reyna glich, wenn sie sprach, einem Menschen, der mehr zu verheimlichen als mitzuteilen hatte. Sie hatte einen mächtigen Vorrat an Gilt in sich angesammelt, von dem sie gelegentlich einiges abzugeben nicht unterlassen konnte. Auf Graeia machte dies fast ebenso wenig Eindruck wie die guten Worte Channahs. Das Ilaus wurde immerhin durch die beiden belebter. Aber wenn in einem Gefängnis sich das Leben drängt, so fühlt der Insasse erst recht die Mauern, die ihn umschließen. Graeia ließ jetzt sogar ihr Kind von der Schwester, die nun plötzlich auf ihre Patenschaft pochte, und von Channah eich aus der Iland nehmen. Sie fühlte sich selbst zu verzagt, um der Kleinen mehr zu bieten als Aufsicht und Schutz. Nur zu einem war sie noch aufgelegt und immer bereit: die Klugen und Beschwerden derer anzuhören, die ins Haus kamen, um Trost, Rat oder Hilfe zu beanspruchen. Langsam wurde aus Graeia wieder die rechnende, kaufmünnisch denkende Frau, die das eigene große Unglück vergaß, indem sie sich mit den dunklen Schicksalen ihrer Glau- Densgenossen beschäftigte. Ihre starke Natur half sich damit selbst und fand in den vielen, die wie Mutterlose zu ihr kamen, den Ersatz für die ihr versagte eigene Kinderschar. Helfen — helfen — helfen hieß nun ihr Wahlspruch, bedeutete ihr nun das Leben. Sie hatte ihr eigenes Vermögen und ihre eigenen Einkünfte aus dem Haus Benvenistc in Porto. Sie gab, wo es nottat, mit vollen Händen. Sie gab denen, die sich aus Portugal davonmachen, und denen, die bleiben wollten. Sie führte genau Buch über alle Ausgaben und freute sich am Ende einer Woche oder eines Monats über die verschenkten Summen, wie wenn sie von ihr verdient worden wären. Sie hielt sich an das Wort jenes Ms irranen, der auf die Frage des Königs, wie reich er denn sei, geantwortet hatte; So reich, Majestät, als ich Wohltaten in meinem Leben erwiesen habe. So auch bereicherte sich Graeia im edelsten Sinn und fühlte einen neuen Inhalt ihres so verarmten Lebens aus dem Unglück ihres Volkes heraufwachsen. Sie begnügte sich aber nicht mit der Hingabe von Geld und tröstenden Worten. Sie sah sich jeden Einzelnen, der zu ihr kam, genau an, fragte und prüfte ihn, erwog mit allen, ob und wann und wohin sie auswandern sollten. In jener Zeit wurden in Portugal, da sich das äußere Bild der Welt durch die Entdeckungen mächtig verändert hatte und sich fast ununterbrochen weiter veränderte, viele geographische Karten und Wcltbeschreibungen gedruckt. Graeia umgab sich mit dieser Literatur und breitete sie vor ihren Besuchern aus: Wohin willst du? Hier-, da- oder dorthin? Sie wußte Bescheid, wo Juden wohnten, auch wo die Wissenschaften, die Künste, das Handwerk oder der Handel blühten, wo man den Juden gnädig oder ungnädig gesinnt war, oder wo die bereits heimisch Gewordenen Zuzug begrüßten oder bekämpften. Graeia lebte auf diese Weise im Judentum der Welt, im wahrhaften und allgemeinen Judentum und war ihm schwesterlich oder mütterlich verbunden. Der Obsorge für ihr eigenes Kind war sie durch die Schwester und die Lehrerin enthoben. Sie sah die Kleine nur noch zu bestimmten Stunden und erinnerte sich gelegentlich daran, daß sie es damit eigentlich kaum anders hielt als einst ihr Vater, den seine geschäftlichen und gesellschaftlichen Verpfliehtungen verhindert hatten, sich um seine Kinder zu bekümmern. Sie sah auch die Distanz zwischen sich und ihrem Mann größer werden. Nicht als ob damit auch ihre Gefühle für ihn schwächer oder anders geworden wären, im Gegenteil: sie sah ihn in Geschäfte und Sorgen verstrickt und wußte, daß auch er eines Tages vor sie hintreten würde, um von ihr mitgenommen, weggenommen zu werden aus diesem Land. And» er war ihr wie eines ihrer Kinder, den sie das Gehen würde lehren müssen, nämlich das Aus-dem-Lande-Gehen. Nicht er, das wußte sie jetzt, würde Führer sein, sondern sie selbst die heimliche Führerin für ihn und andere. Gott, den sie immer wieder nur um dieses Eine bat, würde sie begnaden, das Werk der Wanderung, das auch ein Werk der Wandlung sein sollte, in die Wege za leiten, die zu einem hohen Ziele führen würden. So sehr ergriff von ihr in kurzer Zeit das Bewußtsein ihrer in der Zukunft liegenden und in die Zukunft weisenden Pflichten Besitz, daß sie über diese oft mit sich sprach, wi© wenn zwei Menschen in ihr lebten: ein eben vergehender und teils schon vergangener und ein eben werdender und teils noch zukünftiger. Als ob sie zwei Gehirne, zwei Herzen und sogar zwei Körper hätte, so schied sich in ihr ein Leben vom anderen, ein Gedanke vom anderen, ein Gefühl vom anderen and soaar auch ein Aussehen vom anderen. Dies nämlich war <lt1s Seltsame, daß sie in der häus* liehen Einsamkeit sich zu vernachlässigen schien, in grauen, unscheinbaren, alten Kleidern herumging oder herumsaß, aber, sobald Hilfebedürftige kamen, sich in ihre schönsten Kleider warf, Schmuck onlcgte und sich aufrichtete gleich einer Königin. Klagen? Sie klagte nur noch mit sich selbst, wenn sie allein war. Krank oder schwach sein? Sie war es, wenn Francisco da war, wenn er sich hei Tag oder Nacht ihr nahen wollte. Kamen aber die bedrückten Brüder und Schwestern von draußen, so fanden sie eine hoclmufgerichtete, selbstbewußte, zielbewußte Frau, von der sie fühlen mußten, daß sie ihnen nicht nur Bat und Hilfe, sondern auch von ihrer überschüssigen Kraft geben würde. So wurde Graeia eine Fürstin der Bedrängten, und dies« sprachen un* willkürlich öfter als den Namen Mendez den anderen^ aus, den diese Familie früher getragen hatte, den Namen Nasi, der Fürst bedeutet. Graeia hieß und war ״die Nasi“. Seltsam genug, aber es war so, daß der nicht klein zu kriegende Joäo Mcndcz von alledem sogar in seinem ländliehen Versteck hörte. Eines Tages kam ein Brief von ihm an, worin er von seiner ״königlichen Tante“ sprach und nicht etwa nur eine Bitte, sondern das Verlangen stellte, an ihrem Lehen und ihrer Mission teilzuhaben, denn er sei es, nun bald fünfzehnjährig, müde, außerhalb der Welt und des Judentums zu leben, welch beiden er sich ganz und gar weihen und hingeben wollte. Er habe, hieß es weiter, nun enug gelernt, er wolle nun arbeiten und wirken oder min* estens die Arbeit und das Wirken in der Welt und für das Judentum erlernen. Er habe, so pochte er, sich nicht nur in Bücher vertieft, sondern auch in die Geheimnisse der Ilandwerke und des Landbaues, und nun wolle er auch das Bankiergewerbe erlernen und sich endlich auf den Weg begehen, den zu gehen er sich vorgenommen habe. Graeia gefiel dieser Brief. Er hatte nichts Knabenhaftes mehr an »ich und verriet nichts von Spiel und Abenteuer. Sie lobte bei sich ihren Mann, der diesen Jungen, und gewiß auch seinen dicken Bruder, in eine gute Lehre geschickt hatte. Sie ahnte, daß sich da ein Kopf mit einem Wollen gebildet hatte, den sie brauchen konnte. Zwar erschrak sie, als sie die Worte ״nun bald fünfzehnjährig“ las. Wie alt war aie selbst? Fünf Jahre älter! Und wie weit lag Kindheit and sogar Jugend hinter ihr! Zwanzigjährig war sie und doch schon fern von aller Imst und allen Lüsten dieses Lebensalters and ihres Geschlechts. War dies nicht das Besondere and Geheimnisvolle ihres Wesens? Den Brief in der Hand, ging sie in ihrem mit Papieren und Büchern angefüllten Zimmer auf und ab. Sie sah sich mit großen Augen um. Und ihrem Blick bot sich nichts dar, was daran erinnert hält«, daß dies da» Zimmer einer jungen Frau war.