Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1936)
- Date
- 1936-02-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 14 18. II. 1936 Prof. Samuel Krauß 70 Jahre Am 18. Februar können wir mit dem bekannten jüdischen Forscher Prof. Samuel Krauß seinen 70. Geburtstag leiern. Krauß wurde am 18. Februar 1800 in einem kleinen Dort in Ungarn geboren, lernte an der Jeschiwah in Papa (Ungarn), studierte in Budapest und Berlin (Universität, Lehranstalt für die Wissenschaft: des Judentums), bis er schließlieh sein Studium mit dem Doktordiplom in Gießen beendete. 1894 wurde er Professor für Hebräisch an dem Budapester jüdischen Lehrer-Seminar. Seit 1906 wirkt er als Professor für jüdische Geschichte und Bibel-Exegese an der Israelitisch- Theologischen Lehranstalt in Wien. Seit der Gründung des indischen Lehrer-Seminars in Wien durch Oberrabbiner ('hujes ist Prof. Krauß auch an dieser Anstalt als Lehrer tätig. Die Vielseitigkeit und der außergewöhnliche Fleiß des Jubilars müssen mustergültig genannt werden. Auf sämtlichen Gebieten der Wissenschaft des Judentums: Bibel-Exegese, Geschichte. l.iterut Urgeschichte, hebräische Philologie, Archüologie usw. hat er Wichtiges geleistet. Außer unzähligen Beiträgen für alle jüdischen Zeit- Schriften, Sammelwerke, Denk- und Festschriften, Enzyklopädien usw. hat Krauß folgende große Werke v. rr.lTcn' licht: ״Griechische und lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrnsch und Targum“ (2 Bände, Berlin 1898-99). ״Das Lehen Jesu nach jüdischen Quellen“ (Berlin 1902). Hebräischer Kommentar zu Jesajah in der Sammlung Abra- Jiam Kahana, Bibel mit wissenschaftlichem Kommentar (Shitomir 1905). ״Antonius und Kabln“ (Wien 1910). ״ I almudisi he Archäologie“ (iS Bände, Leipzig 1910-11), teil- "׳eise auch in Hebräisch unter dum Titel ״Kadmonijet 11a- 1 ,1111)1111". ,,Studien zur by/antiniseh-jüdisiliun Geschichte“ (Wien 1914). ,,Die Wiener Gezerali“ (Wien 1920). ״Vier Jahrtausende jüdisches Palästina“ (Wien 1922). ״Synagognle Altert inner“ (Wien 1922) u. a. Foto : Archi» Zusammen mit Bacher und Bünoezi gab Krauß auch eine Leherset/ung der Bibel in ungarischer Sprache heraus. Er gehör! zu den wenigen westeuropäischen Gelehrten, die ihre Arbeiten auch in hebräischer Sprache verfaßt haben. Im 1 laseblioatii, Iia-Goreti. Iiu-O’am, 11a-Z.״fe!t, ha-Kedem, Dewir usw. linckt man überall wissenschaftliche Beiträge von Prof. Knude Am Leliier-Semimir in W ien trägt er in hebräischer Lnterrichtsspraelie vor. Mit bekannten hebräischen Schrift- Stellern 1יו er In 1 reiindschaft verbunden. Eine besonder« Liebe hat Krauß liir Palästina, welches er mehrere Male besucht hat, und wo er auch archäologische und historische 1־!״־.schlingen, die er in seinen Werken verwertet, getrieben hat. Der Jubilar er 1 reut sich in den weitesten Gelehrtenkreisen der Welt einer großen Wertschätzung, die sowohl auf seine wissenschaltliehen als auch auf seine menschlichen Eigenschaften z 11 rückgeführt werden kann. Wir wünschen dem unermüdlichen Forscher noch viele durch befriedigende Arbeit ausgefüüte ,Jahre zur Bereicherung der Wissenschaft des Judentums. prof ״r Isattk Marken (Hamburg) .Aus Anlaß des 70. Geburtstags von Professor Krauß ist die Monatsschrift für die Wissenschaft und Geschichte des Judentums als Festschrift für den Jubilar nusgeslaltct worden. Kunstausstellung in Paris. Unser Pariser K-Berichtcrstatter schreibt uns: Ein junger jüdischer Maler aus Detitsciiland, Fred U lltnan ti, hat in der Galerie Niveau seine erste Pariser Ausstellung eröffnet. Ullniaims Bilder geben eine große Anzahl typischer Szenen aus dem Pariser Lehen wieder, die in der Art der Primitiven (Rousseau, Bombois usw.) mit Geist und Humor dargesteüt werden. Die Ausstellung zeigt den jungen Maler vor allem als einen begabten Illustrator, dessen Fähigkeiten irn Aquarell und in der Graphik vielleicht eine noch freiere Auswirkung finden könnten. Neue Bücher Ein großer Entdecker Josef Löbel: Robert Koch, Bibliothek zeitgenössischer Werke (Zürich). Nach den ״Lebensrettern“, die wir kürzlich an dieser Stelle angezeigt haben, bringt Dr. Josef Löbel (Franzensbad) nun die ״Geschiehte eines Glücklichen“, die Historie vom Leben und der Arbeit Robert Kochs. AeuBerlich bietet das Schicksal des großen Arztes keineswegs den großen Anreiz, wie er den meisten Helden der zeitüblichen Biographien eignet. Von einem Boden idealer Harmonie ist die Daseinslandschaft dieses großen Forschers und Entdeckers überspannt. Vorn kleinen Bauernarzt, der am Abend die Zither zupfte, bis zu dem Mann, der der Menschheit die Bekämpfung der Tuberkulose, der Cholera und zahlreicher anderer Infektionen ermöglichte, führt eine ununterbrochene Kette, deren Glieder Glück und Verdienst heißen, und die aus Arbeit zusammengeschweißt ist, Löbel zeigt den Heros der Vi'iss.-nschaft, der Genie und Pedanterie, Sehnsucht in die Ferne und wurzelhaftes Verharren am Ort in sich vereint. Und da uie Bücher dieses prachtvollen Menschen, Schriftstellers und Arztes gewöhnlich in sechzehn Sprachen übersetzt zu werden pflegen, so wird das Denkmal, das in vorbildlicher, sprachlicher Reinheit und schlichter Freude an der Erhöhung eines großen Kollegen der jüdische Schriftsteller hier dem deutschen Gelehrten setzt, weithin sichtbar sein. Uebrigens spielen in Kochs Leben Juden keine unerhebliche Rolle. Der Professor, der den Studenten prüft, ist lakob Henle, selber ein Forscher auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten, Erfinder der Theorie vom ״Contagium animatum“ (vom lebendigen Kranklieitsstoff), einer Idee, die allerdings niemals bei Henle zu irgendeiner Erfahrung geworden ist. Und als Koch in dem verlassenen Wollstein den Milzbranderreger entdeckt und damit den ersten Spatenstich zu neuen Quellen getan hatte, fuhr er nach Breslau zu dem Universitätsprofessor Ferdinand Cohn. Der empfing den kleinen Kreisarzt, der da mit eigenem Mikroskop und eigenen Mäusen in einer Schachtel angerückt kam, und sah sich die Präparate Kochs an. Dann schickte er hinüber ins pathologische Institut zu Professor Cohnheim (zu dessen Assistenten Paul Ehrlich, der Salvarsan-Entdecker, gehörte) und beide erkannten sofort, daß hier die Bakteriologie geboren war. Löbel schreibt dazu: ״Hatte seinerzeit Jakob Henle den spekulativen Prolog gesprochen, so sprachen Cohn und Cohnheim jetzt den kritischen Epilog: irn Anfang war das Wort und am Ende war das Wort, in der Mitte aber war die Tat. Robert Kochs Tat.“ Die Vorahnung, und die Propaganda für das Verdienst — davon bleibt wenig. Oft wird cs sogar geringgeschätzt, weil es nicht faßbar und eindeutig genug ist. Eindeutig ist nur die Tat. Kochs Leben war die Tat selbst und darum ist cs auch für uns vorbildlich. M. G, * Ein Budi über die Türkei Enver Pascha, der große Freund Deutschlands. Von Kurt Okay. Verlag für Kulturpolitik, Berlin W 50. Wir haben vor kurzem an dieser Stelle ein Buch über die moderne Türkei besprochen, in dessen Mittelpunkt die Gestalt des Ghazi Kamal Atatiirk stand, ln der damals besprochcncn Darstellung (Nr. 100 vom 13. 12. 35) spielte die Person Enver Paschas vielfach eine Rolie, wenn auch nicht immer eine besonders günstige. Nunmehr ist ein Buch erschienen, das in vieler Hinsicht eine Ergänzung jener Darstellung ist, weil es die Ereignisse, die vor der Erhebung des Ghazi lagen und die historische Basis für sie abgaben, darstellt bzw., soweit es sich um die Zeit Kamal Paschas selbst handelt, die Geschehnisse von einem etwas anderen Gesichtspunkte atis betrachtet. Okay ist in seinen Helden verliebt und will gewiß keine kritische Darstellung einer Geschichtsperiode geben. Er stellt den Kampf der jungtiirlöschen Revolutionäre gegen das verrottete System der alten Türkei dar und die mannigfachen Ereignisse von der Zeit der türkischen Revolution über Balkankriege und Weltkrieg bis zum Zusammenbruch. Daran schließt sieh jenes Nachspiel, das Enver Pascha zunächst in Sowjetrußland und dann als Vorkämpfer eines neuen turaniselien Reiches in Turkestan zeigt, bis er dort im Kampfe fällt. Für uns ist besonderes diese letzte Episode von Interesse, die einen gewissen Einblick in die nationalen Kräfte des erwachenden Orients gibt. Daneben interessiert die Episode des türkischen Zuges gegen den Suez-Kanal im Weltkriege, der von Dschenial Pascha aut die Initiative Envers von Palästina aus durchgeführt wurde. —-n. ״*STOry 0F A SÄSÜLjAFTer 20 OPir WHO ׳׳**•?-4*2 Der Film ״Land der Verheißung“ des Keren Ilajessod, der in Berlin und zahlreichen deutschen Städten bereits dem jüdischen Publikum vorgeführt wurde, erregt auch in anderen Ländern größte Aufmerksamkeit des jüdischen und nichtjüdischon Publikums. Wir haben bereits mehrfach von dem Erfolg berichtet, den der Film in der Presse verschiedener Länder gefunden hat. 90 z. B. berichteten wir über die Aufführungen in Amerika, wo zunächst fünf Wochen lang der Film in New York im großen Astor-Thcater am Broadway lief, wo mehr als 175 000 Menschen die Aufführung gesehen haben; nach dem Astor- Theater wurde der Film von tausenden kleinen Kinos im ganzen Lande übernommen, wo er jetzt noch läuft. Unser Bild zeigt die Menschenmenge vor dem Astor-Theater am Broadway an einem Abend vor Beginn der Aufführung. Foto; Xcrea Sie griff sich, den Brief auf einen 'Fisch werfend, mit beiden Händen in die Hüften, richtete sich groß auf und hatte ein Gefühl von Höhe und Haltung, das sie beglückte. Sie war so jung, wie man zu sein hatte, wenn man ein Unmaß von Aufgabe und Arbeit vor sieh sah, und so alt, wie es notwendig war, um vor keiner Aufgabe und Arbeit zurückzuschrecken. Etwas wahrhalt Mosaisches erfüllte sie, ein Wissen um die Welt und eine Ahnung von dem Ucberweltlichen. Ja, die beiden Knaben sollten kommen, um sie sein, von ihr erzogen werden für ein kämpferisches Leben, für etwas anderes und viel mehr als das nur Kaufmännische. Sie wollte die beiden, ganz bestimmt aber den klugen und quecksilbrigen Joflo, in ein gläubiges, tätiges, vorwärtstreibendes Leben hineinstoßen, in das jüdische Alten teuer des Wanderns und Kämpfens. Sie!)rauchte Mitarbeiter, Gleichgesinnte — hier war einer, vielleicht, wenn der gute, dicke Salomo erwachte, sogar zwei. Francisco gab auch in diesem Punkte nach, oder richtiger: er hieß die Entscheidung Gracius gut. Er wußte, daß sie mehr und stärker war als er. Er ahnte sogar, daß sie ihn kleiner gemacht hatte, als er je vorher gewesen war. Er war ein Diplomat, seine I'rau aber war aus ihrem großen Herzen zur Magie der Tat vorgeschritten. Ihm blieb nur übrig, sie ausschreiten zu lassen und sie zu bewundern. Und nun kamen die beiden Knaben. Es war ein großes Ereignis. Joflo war ein junger Mann geworden, schön wie ein Jüngling des Hofdienstes, in seinem Auftreten bestimmt wie ein Offizier und dabei wiederum verbindlich nach allen Seiten wie ein angehender Höfling, der Karriere machen wollte. Die Worte liefen ihm wie dienstbare Geister zu, rascher sogar als die Gedanken, uncl vor seinen vielen Fragen hüpften schon die Antworten her. Mit Salomos Ent- Wicklung dagegen hatte es noch gute Wege. Er saß prall in »einem Wams und war trflg und in sich versponnen. Seine Augen hingen bewundernd an der schönen ihn überragenden Gestalt lleynus, und man merkte ihm an, um wieviel lieber er ihr, der abweisend Stummen, zugehört hätte als Gratia, die zuviel Forderungen und Anforderungen stellte. Beide Knaben traten in das Bankhaus ein. Vom ersten Tag an war es klar, daß Joflo alles mitbrachte, was ein Kaufmann haben mußte. Man brauchte ihn kaum etwas zu lehren. Er begriff rascher, als etwas begreiflich zu machen war. Er war kein Lehrling, er war ein Gelernter. Wohingegen Salomo im Schweiße seines Angesichtes durch das Dunkel der kaufmännischen Geheimnisse tappte. Joflo wiederum war es, der ihn belehrte und schon von allem Anfang an als zukünftiger Chef sich einen Vertrauten und Ergebenen heranzog. Sein Chef aber war nicht Francisco, der ihm mit Mißtrauen begegnete, sondern Graeia, von der er lernte, was ihn Francisco nie hätte lehren wollen: den Mut und die Kraft zu großen Entschlüssen. VI. Francisco und Rabbi Isaak waren allerdings nicht ganz so unschlüssig oder untätig, wie es nach außen hin und auch für Graeia den Anschein hatte. Nach vielen gründliehen Erwägungen und Besprechungen, welch’ letztere sich auf einen großen Kreis von Geschäftsfreunden und, auf schriftlichem Wege, auf den Bruder Diego ausdehnten, war Francisco dazu übergegangen, seine Auswanderung nach Antwerpen vorzubereiten. Er lehnte alle portugiesischen Geschäfte, die auf weite Sicht gingen, ab und zog ihnen andere vor, durch die Kapital außerhalb des Landes beansprucht war. Es gelang ihm, diversen Grundbesitz zu veräußern, vor allem Häuser in Stadt und Land, deren Abgabe er leicht damit begründen konnte, daß er weiteren Plünderungen und zerstörenden Angriffen zuvorkommen wolle. Auch den Geschäftsführer des Hauses Benveniste ließ er aus Porto kommen und gab ihm Anweisungen, die auf einen Verkauf des dortigen Besitzes abzielten. Im Zusammenhang damit schlug Francisco seiner Frau vor, das väterliche Wohnhaus, das schwer verkäuflich war, irgend einem wohltätigen Zweck zuzuführen. Er sagte ihr, daß es nur Geld koste und für die Zukunft der Familie und der Firma bedeutungslos geworden sei. Graeia war auf der Stelle einverstanden. Nicht nur weil sie jeden Akt begrüßte, der ihre Bindung an dieses Land verringert«, sondern weil ihr auch sofort entfiel, wem sie das große Haus schenken könne. Niemand anderem als dem Bruder Christophoro. Auch damit glaubte sie einer Fessel ledig zu werden, die sie mit der Vergangenheit noch verbunden hielt. Denn Christophoro war so gut wie der einzige Christ und Portugiese, dem sie Dank schuldete. Ihn erstatten hieß sich losmachen. Natürlich wußte sie, daß der fromme Bruder das Geschenk nicht für sich, sondern nur für seinen Orden annehmen konnte. Die Güte und Menschlichkeit dieses Priesters sollte der Kirche vergolten werden. Graeia setzte sich sofort hin und teilte ihr Vorhaben dem alten Mann« mit Sie brauchte nicht lange auf Antwort zu warten. Eines Tages stand Christophoro in eigener Person vor ihr und breitete seine Arme aus, um sie an seine Brust zu ziehen. Aber mitten in der Bewegung hielt er inne und starrte Graeia wie ein fremdes Wesen an. So sehr hatte sie sich verändert, seitdem er zur Taufe ihres Kindes dagewesen war. Sie selbst mußte ihn in ihre Arme ziehen, und sie tat es mit einem Lächeln, in dem sie sein Staunen begriff und überwand. Christophoro hörte ihr stumm zu und blieb auch einsilbig, als sie ihm all’ ihre Geheimnisse und den neuen Inhalt ihres Lebens anvertraute. Er wußte nun, warum es ihn getrieben hatte, selbst nach Lissabon zu reisen. Er nahm hier Abschied von Graeia fürs Leben, aber ihm kam es vor, als ob die Graeia von heute eine ganz andere wäre, als die er in den letzten Jahren gekannt hatte. Eher schien es ihm, als ob sie aus jenen Kinderjahren stamme, in denen sie hart, trotzig und einsam gewesen war. Dieses seltsame und erschreckend charakterfeste Kind glaubte er in der neuen Graeia wieder zu erkennen. Er brachte ihr den Dank und Segen seiner Oberen und den eigenen und beeilte sich mit der Rückreise. Gracias Wesen, gehärtet und männlich geworden, trieb ihn davon. Die Papiere, die seinem Orden zum Besitzer des großen Hauses machten, brannten ihm in der Tasche. Dies vollzog sich in den ersten Tagen des Jahres 1531. Es war eia garstiger Winter. Er überschüttete das Land mit furchtbaren Regengüssen, er brachte sogar reichlich Schnee, immer neue Schneefülle, immer neue Regengüssä, dazu Stürme von der See her, die riesige Wasserwände an der ganzen Küste aufriehteten und über das Land hingossen. Der Himmel halte sich all seiner Bläue entäußert, war grau und schwarz, manchmal sogar gelb. Die Zeichendeuter und Bußprediger sprachen von schlimmen Dingen, die da kommen sollten. Und sie kamen. Es kam, mit dem wildesten der wilden Unwetter, ein furchtbares Erdbeben. Am 26. Januar erbebte an der ganzen Küste und bis tief ins Land hinein die Erde, und zumal die Hügel, auf denen die Hauptstadt erbaut war, gerieten in heftige Bewegung, als wollten sie einer zum anderen wandern und die Stadt unter sich begraben. Die Erdstoße wiederholten sich in unregelmäßigen Abständen. Erst stürzten die Menschen aus den Häusern in die Kirchen und, als diese erst recht wankten, aus den Kirchen ins Freie, wo sich aber bald da, bald dort die Erde auftat und ihren' Schlund zeigte gleich einem vielmäuligcn Untier, das endlich einmal wieder seinen Hunger stillen wollte. Die besinnungslos gewordenen Menschen flohen zum Ufer und Hafen. Aber dort sahen sie erst recht In die Hölle. Denn der Fluß schien aufgestanden zu sein wie ein Riese, der nun lange genug gelegen und den Menschen seinen gcduldigen Rücken hingehalten hatte, er hob Erde, Steine und Fische aus seinem Innern und spie sie über die Heranstürzenden aus. Sogar kleine Fahrzeuge nahm er wie Spielzeuge in seine schaumigen Pratzen und schmetterte sie über die Ufer. War das nodr der vielbesungene '1 cjo, der friedliche, segnende Fluß? Es war, als ob er seine Gewässer in Feuerbrändo verwandelt hätte, die er nun unter ohrenbetäubendem Getöse gegen die Stadt schleuderte. (Fortsetzung folgt)