Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1936)
- Date
- 1936-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 18.Ü. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Setfe 3 ״Ein unlöslicher Zusammenhang“ ZertiSikats- und Kapilalisten-Einwanderung Aas einem Gespräch mit Dr. Georg Landauer, Jerusalem Die Verlangsamung des Tempos der Palästina-Wanderung infolge der veränderten Lage, die in diesem Halbjahre die Bewilligung einer geringeren Zahl von Zertifikaten zur Folge hatte, muß auch auf die Gestaltung der jüdisehen Auswanderungs plane aus Deutschland wirken. Wir benutzten die Anwesenheit des Leiters der Zentralstelle für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Palästina, Dr. Georg Landauer, um ihn über die Konsequenzen der gegenwärtigen Situation zu befragen. Frage: Wie kann man auf Grund dar Erfahrungen der letzten drei Jahre die heutige Situation beurteilen? Antwort: In den letzten drei Jahren haben wir etwa 30 000 Juden aus Deutschland in Palästina aufgenommen, von denen ein großer Teil — fast alle — in das Wirtschaftsleben des Landes bereits eingegliedert sind. Man muß berücksichtigen, daß bei jeder Einwanderung in ein neues Land, vor allem aber in ein Kolonialland, ein gewisser Prozentsatz von Einwanderern nicht unerhebliche Schwierigkeiten zu überwinden hat, sei es aus persönlichen und psychologischen, sei es aus ökonomischen oder anderen Gründen. Wenn man von diesem unvermeidlichen Bruchteil absieht, ergibt sich das Bild, daß die nach Palästina gekommenen Einwanderer in ihrer Gesamtheit bei weitem besser und vor allem sicherer untergebracht sind als in den anderen Ländern, ganz abgesehen davon, daß kein anderes Land auch nur annähernd eine so große Zahl aufgenommen hat. Dies ist nicht nur durch die einzigartige politische Stellung Palästinas (als Land des Jüdischen Nationalheims) ermöglicht worden, sondern vor allein auch durch die wirtschaftlichen Anstrengungen der jüdischen Gesamtheit. Palästina als Land des Aufbaus kann neue arbeitsuchende Einwanderer in demselben Verhältnis aufnehmen, wie durch cinströmendes Kapital una Unternehmungsgeist neue Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden. Es besteht ein unlöslicher Zusammenhang zwischen der Zertifikats-Einwanderung und der sogenannten Kanitalisten-Einwanderung. Dies wirkt sogar ins Politische hinein, denn bei den Verhandlungen, die mit der Regierung wegen der Zertifikate geführt werden müssen, ist ein ein gewichtiges Argument, daß durch diese Alijah zugleich Arbeitsplätze geschaffen werden und daß die neuen Ankömmlinge nicht etwa den bereits im Lande Befindlichen Arbeitsplätze streitig machen. Bei der Einwan• derung au» Deutschland, die in das Arbeitsgebiet unserer Zentralstelle fällt, war in der Vergangenheit das Verhältnis so, daß ungefähr 45 0/0 der Einwanderer der sogenannten Kapitalistcn-Kategorie angehörten, während die anderen als Arbeiter oder als Verwandte ins Land kamen. Die Zahl verschiebt sich noch etwas zugunsten der Arbeitnehmer, denn auch in den auf Kapitalisten-Visum gekommenen Famiiicn gibt es oft Familienmitglieder, z. B. heranwachsende Kinder, die gleichfalls als Arbeitnehmer in Betracht kommen. Wir glauben, daß sich auch in Zukunft die Einwandenmg ungefähr in derselben Weise fortsetzen läßt. Was halten Sie von der jetzigen Stockung? Die gegenwärtige Depression kann, worauf Schon öfter hingewiesen wurde, in wirtschaftlicher Hinsicht aut bestimmten Gebieten zur Gesundung führen. Abgesehen von ihrem politischen Hintergrund (Zurückhaltung von Investitionen aus Kriegsangst, Abheben von Depositen und damit verbunden Krediteinschränkung) wird sich die Wirtschaftskrise überwinden lassen, wenn die jüdische Aufbauarbeit fortgesetzt wird. Die Zahl der Arbeitslosen ist ja, gemessen an der Gesamtzahl der Arbeiter des Landes, nicht groß, und wenn erst die verantwortlichen Institutionen, vor allem die Regierung und die großen jüdischen Körperschäften durch die notwendigen Entwicklungsarbeiten die Baubewegung und Neukolonisation wieder in Gang bringen, wird dieses Problem zu überwinden sein. Immerhin muß betont werden, daß wir uns des Ernstes des Problems und unserer Verpflichtung gegenüber den Arbeitslosen bewußt sind. Was halten Sie von den Plänen, die Auswanderung nach anderen Ländern zu organisieren? Wir Zionisten haben, •besonders seit 1933, innerhalb des deutschen Judentums stets erklärt, daß Palästina gewiß nicht alle Juden aufnehmen kann und daß wir auch die Zuwanderung von ungeeigneten Elementen gar nicht wünsehen. Menschen, die nach Palästina nicht gehen können oder wollen, sollte die Auswanderung nach anderen Ländern ermöglicht werden. An dieser Hilfsarbeit haben sich übrigens Zionisten stets führend beteiligt. Wenn wir aber praktisch die Projekte ansehen, die in den deutsch-jüdischen Gremien heute diskutiert werden, so muß man die Frage aufwerfen: welches Land wird denn mittellose, arbeitsuchende Auswanderer aus Deutschland in größerem Umfang aufnehmen? Vorläufig besteht dazu nur geringe Geneigtheit, die geltenden Bestimmungen erschweren die Zuwanderung in allen Ländern. Palästina ist das einzige Land, das, gestützt aut das anerkannte Recht der Juden auf Einwanderung und auf Grund der jüdischen Gesamtverantwortung, jüdischen Arbeitsuchenden eine Aufnahmestätte bietet. Beklagt man sich —- gerade unter Nichtzionisten! — oft über die zu g e - ringe Zahl der Zertifikate, so darf man nicht vergessen, daß diese ״wenigen“ Palästina-Zertifikate die einzigen sind, die es überhaupt gibt. Was nützt es denn, mit Programmen hervorzutreten, die erst durch Abrücken von Palästina psychologisch einen antipalästinensischen Effekt erreichen, um dann für dieselben Menschen, denen sich kein anderes Land bietet, doch Palästina-Zertifikate zu verlangen. Angesichts der Wahrscheinlichkeit, daß man doch wieder auf Palästina zurückgreifen wird, müssen wir die Forderung stellen, daß heute, auch in der beruflichen Vorbereitungsarbeit, die Bedürfnisse Palästinas auf alle Fälle berücksichtigt werden. Wichtiger noch ist der Zusammenhang mit der Kapitaiisien-Einwanderting. Palästina wird nur Arbeitsplätze haben, wenn die konzentrierten Bemühungen des jüdischen Volkes darauf gerichtet sind, Arbeitsplätze zu schaffen. Dies geschieht durch die nationalen Fonds, Keren Kajemeth und Keren Hajessod, es geschieht durch Ausdehnung der bereits bestehenden ländlichen Siedlungen, aber es geschieht in hervorragendem Maße auch durch die allgemeine volkswirtschaftliche Wirkung des von Einwanderern mitgebrachten Kapitals. Ich befürchte, man wird ein System erfinden, wodurch die begüterten Juden mit ihrem Kapital auf dem Wege eines legalen Transfers in andere Länder Europas oder nach Amerika überführt werden, während die mittellosen auf Zertifikat nach Palästina zu schicken sein werden. Das ist ein schwerer Irrtum, ein Denkfehler, der sich rächen muß. Es kann keine Einwanderung von Arbeitnehmern ohne eine Einwanderung von Arbeitgebern stattfinden. Wir müssen nicht nur aus ideellen, sondern auch aus praktischen Erwägungen davon ausgehen, daß eine So- 1 i d a r i t ä t zwischen allen Schichten des jüdischen Volkes im Hinblick auf die Wanderungsverhältnisse besteht. Anders ist eine so gewaltige Transaktion wie die Organisierung der Wanderung der Juden Deutschlands gar nicht durchzuführen. Wenn Juden die Mithilfe öffentlicher jüdischer Institutionen bei der Bewerksteiligung ihrer Auswanderung und ihres Kapital-Transfers in Anspruch nehmen, dann müssen sie auch den allgemeinen Erfordernissen der jüdischen Wanderung Rechnung tragen. Natürlich ״zwingen“ wir niemanden, nach Palästina zu gehen. Es kommt hier nicht auf die Pläne des Einzelnen an, sondern darauf, daß die öffentliehen jüdischen Institutionen, die mit der Kapitalleituag zu tun haben, diese Zusammenhänge begreifen müssen. Sonst stehen sie und wir vor der Gefahr, gerade den wichtigsten Teil des Problems, närnlich die Auswanderung der Arbeitsuchenden und der Jugend, nicht bewältigen zu können. Wie kann man nach Ihrer Meinung diesen Grundsätzen Wirksamkeit verleihen? Es ist zum großen Teil eine Frage der praktischen Durchführung. Die Einwanderung nach Palästina und der hiermit verbundene Kapital-Transfer ist von großen Teilen des jüdischen Volkes auch außerhalb Deutschlands mit Verständnis und Sympathie aufgenommen worden. Ohne die Mithilfe der jüdischen Institutionen, ja der breiten jüdischen Volksschichten in anderen Ländern, ist aber das Werk gar nicht durcheuführen. Für die P a 1 ä sti n a-Wanderung sind diese jüdischen Kreise schon aus dem Grunde zu gewinnen, weil sie dadurch ein gesundes Wachstum des Jüdischen Nationalheims erwarten können. Es darf erwartet werden, daß alle öffentlichen jüdischen Institutionen sich über den Vorrang Palästinas klar sind. Dies ist schon darum nötig, weil nur durch Einsatz öffentlicher Mittel jene unbedin^ erforderliche Erweiterung unserer landwirtschaftliehen Basis durchführbar ist, ohne die es keinen gesunden Aufbau geben kann. Die Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Palästina, so schließt Dr. Landauer seine Darlegungen, wird in dem Maße möglich sein, als es gelingt durch jüdische Anstrengungen und jüdisches Kapital erweiterte Siedlungen, stärkere Umschichtung zur Land- Wirtschaft und dem Landesbedarf dienende gewerbliche und industrielle Unternehmungen zu schaffen, wie sie auch in den letzten zwei Jahren von vielen deutschen Juden aufgebaut worden sind. _ Die ״Deutsche Justiz“ vom 14. Februar 1936 teilt in den Personalnachrichten mit, daß der Reichsanwalt im einstweiligen Ruhestand Dr. Neumann in Leipzig auf Grund des Reichsbürgergesetzes in den Ruhestand getreten ist. Leon Blum und Dreyfus Ein Vorfall und ein Buch Unser Pariser K-Korrespondent berichtet: Ldon Blum, dessen Name zur Zeit infolge des rohen Ueberfalls, den politische Gegner gegen ihn unternommen haben, in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion getreten ist, hat soeben ein kleines Büchlein veröffentlich!, das seine persönlichen Erinnerungen an die Affäre Dreyfus enthält. (Souvenirs sur l’Affaire, Librairie, Gallimard, N. R. F. Paris 1936.) Vom jüdischen Standpunkt sind vor allem seine Ausführungen über die Haltung der französische־ Juden während der Affäre interessant, weil die damaligen Kämpfe um den Fall Dreyfus noch heute in hohem Maße auf die Haltung der französischen Juden zur jüdischen Tagespolitik zurückwirken. Blum stellt fest, daß viele französische Juden, die von der Unschuld Dreyfus’ überzeugt waren, doch nicht wagten, für ihn einzutreten, erade weil er Jude war. Sie glaubten, die Welle des ntisetnitismus, die die ״Affaire“ in Frankreich hervorgerufen hatte, durch eine kleinmütige Neutralität abwenden zu können. Sie haben nicht zur Zeit begriffen, daß ihre scheinbare Neutralität den Gegner nicht täuschen würde, und daß der Kampf der ״Antidreyfusards“ doch gegen ״die Juden“, nicht nur gegen den Capitain Dreyfus, geführt wurde. ♦ Eigenartig wird man durch diese Arbeit Blums zu Gedanken über die Vorgänge, in deren Mittelpunkt er nun selbst steht angeregt. Das Attentat auf Leon Blum ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausgeführt worden, weil Blum Jude ist, sondern weil er ein der Gegenseite verhaßter politischer Führer in Frankreich ist. Politische Leidenschaften sind es, die diese Tat veranlaßt haben. Es ist nicht unsere Sache, uns in das politische Leben Frankreichs einzumischen. Aber obwohl die Angelegenheit mit jüdischen Dingen nichts zu tun hat, ist zu befürchten, daß in der Auseinandersetzung, die dieser Tat noch folgen dürfte, auch das jüdische Moment eine Rolle spielen wird. Auch dies kennen wir schon aus anderen Fällen, einer unübersehbaren Anzahl von Fallen vor und nach der Affaire Dreyfus, in die Juden in i r g e n d e i n e r Weise verwickelt waren. Es zeigt sieh hierin die eigenartige, abnormale Situation der Juden, die oft Jahre und Jahrzehnte lang nicht so fühlbar ist, aber in kritischen Zeiten den Juden selbst in erschreckendem Maße zum Bewußtsein gebracht wird. Wir haben dann oft das Gefühl, daß die Geschichte uns in eine Position gedrängt hat, die den Boden für verhängnisvolle Mißverständnisse abgibt. In solchen Zeiten der Erregung wird uns auch besonders klar, ein wie brennendes Problem das ist, was wir die ״Judenfrage“ im jüdischen Sinn nennen. Alle Vorkommnisse guter und böser Art, die bei anderen nur in ihrer T a!sachlichkeit gewertet werden, bekommen bei uns eine Beziehung zum Jüdischen und zur Judenfrage. Diese Situation kann sich nur ändern, wenn das jüdische Volk selbst sein Leben von Grund auf neu gestaltet und damit eine der Haupt- Ursachen der Judenfrage aus der Welt schafft. Diese Erkenntnis empfangen wir heute fast aus allen Erlebnissen, die die Tage uns bringen. Englische Faschisten im Londoner East End London, 13. Februar. (JTA.) Der Abgeordnete Emest Thurtle erklärte im englischen Unterhaus, jüdische Ladenbesitzer in Shoreditch seien der Einschüchterung durch die Faschisten ausgesetzt und in einzelnen Fällen seien ihre Schaufenster zertrümmert worden. Er frage darum den Innenminister, ob er dafür Sorge tragen wolle, daß diesen Bürgern der volle Schutz des Gesetzes zuteil werde. Innenminister Sir John Simon antwortete, er habe sich mit dem hauptstädtischen Polizeikommissar in Verbindung gesetzt und von diesem die Auskunft erhalten, daß die Angelegenheit die stärkste Aufmerksamkeit der Polizei in jenem Distrikt finde, wo von Zeit zu Zeit Beschwerden über provokatives Verhalten von Faschisten gegenüber Juden vorgebracht werden. Besondere Maßnahmen seien getroffen worden lind würden weiter getroffen werden, um die Ordnung in dem Distrikt aufrecht zu erhalten. Die Polizei werde in jedem Falle eingreifen, in dem die Notwendigkeit des Einschreitens hinreichend begründet sei. Abg. Thurtle fragte sodann den Innenminister, ob er ihn davor überzeugen woile, daß die in Ost-London allgemein herrschende Furcht, .Ocset/esveriotzungen durch faschistische Organisationen würden von der Polizei nachsichtig behandelt, ungerechtfertigt sei. Sir John Simon antwortete: Es ist nicht die geringste Berechtigung hierfür vorhanden und ich bin dem geehrten Mitglied des Hauses dafür dankbar, daß er mir Gelegenheit bot, ein glattes Dementi zu geben. Bilder aus dem Golem-Film von Duvivier (Vgl. den Bericht unseres Pariser Korrespondenten in Nr. 12 der ״J. R*“) Rabbi Jacob (Charles Doral) und seine trau Rachel Die Prager Juden rufen den Geist des flohen Rabbi Loew; Kaiser Rudolf (Harry Paar} bei der Folterung Rabbi Jacobs in der Mitte Rabbi Jacob (Doral) (Doral). Rechts der Kanzler Lang (Roger Karl) Foto•: ScMeiingor ,♦יי•*-