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Jüdische Rundschau · 1936-02-14 · Heft 13 (14.2.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 13 (14.2.1936)
Date
1936-02-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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i* Nr. 13. 14 II. 1936 JDDISCHPRUNDSCHAU 5eife 7 weniger verloren .. dankliche Vorarbeit zum tätigen Leben Palästina-Arbeiter zc Aus der „heroischen" Epodie des Zionismus S. Ben Zion: Die Bilu auf dem Wege. S. Ben Zion: Die Bilu am Ziel. Joseph Baraz: Dagania. Irma Singer: Die Sage vom Dilb, S. Weichselbaum: Hundert Bäume. — Herausgg. vom Hauptbüro des KKL, Jerusalem, und dem „Omauidh''-Ver!ag, Tel-Avviw. Die Herausgeber dieser neuen Sammlung, das Hauptbüro des KKL in Jerusalem und der Verlag Omauuth in Td- Awiw, haben sich ein unleugbares Verdienst durch die Veröffentlichung dieser handlichen und sehmuck ausgestatteten Büchlein erworben. Nicht nur, weil Jugendbünde und Arbeitsgemeinschaften mm nicht mehr um den Stoff für ihre „Sichoth" verlegen zu sein brauchen. Nein: diese Baiidchen, ven Palästinensern schmucklos und schritt erzäh't, singen ein 1 ied von jii.lischer Opferbereitschaft, das trotz allen Lerngemeinschaften und Arbeitskreise in den Reihen unserer Tugend noch viel zu wenig bekannt ist — selbst nicht in den Reihen derjenigen, für die damals gearbeitet wurde. Die drei ersten Bücher sind vorwiegend für die jungen jüdischen Menschen in Deutschland bestimmt, die heute vor der schweren Entscheidung ihres Lebens stehen und dabei zum großen Teil in der Laire sind, sieh auf ein Judentum zurückgeworfen zu sehen, das'sie wohl als ein Erbe im Blut spürten, von dem sie aber nicht, wiesen. Jedenfalls hat zu allermeist dieses ererbte ludentiiui zur bewußten Bildung ihres Geistes und Herzens 'keinen wesenfachen Beitrag geleistet---- In eitler ganz ähnlichen Lage befand sich vor einem halben Jahrhundert da« Gcscbl"eht der jungen Menschen, von denen diese Blätter erzählen: das Geschlecht der „BILD", wie sie nach ihrem Wahlspruche genannt wurden. Das war vor einem halben Jahrhundert in Rußland. Auch dVt waren die Studenten und Ovmnn«inston schon Europäer, Intelligenzier, harten den Zusammenhang mil dem lebendigen Judentum mehr oder . und es fehlte ihnen die reale und gedes Zionismus, der damals noch nicht erwacht war. Den Weg dieser ersten ■lehnen die zwei Bücher von Ben ZSon, während Baraz die Geschichte dazwischen schreibt, die fast zum Symbol der Arbeit in Erez Israel geworden ist. Am 18. Januar 1SS2 hatten die Juden Rußlands in allen Synagogen und Jcschiwoth einen allgemeinen Fasttag ausrufen lassen: ein Aufschrei der Verzweiflung ging durch das Land nach den Pogromen dieses Jahres und der noch schlimmeren „Wiedergutmachung", die sich als ein neues Verhängnis für die Juden herausstellte. Die russisch-jüdische lugend' hatte bis jetzt den Idealen einer kosmopolitischen Merischheifsverbriide: ung auf dem Boden einer tiefgehenden russischen Bildimg angehangen. Jetzt nun gründet ein Student im ersten Semester, Israel B e I k i n d, eine palästinensische Vereinigung, die er sehr bezeichnend erst ,,DAB!0" (Sprich zu den Kindern Israel, daß sie aufbrechen!) nannten. Denn eine DiskusM;ms - Vereinigung schien die^e Zusammenkunft junger redehisfiger, erst nach Klarheit strebender Köpfe vor allem zu sein. Erst allmählich wurden die BILD daraus. Die aber redete n nicht mehr — oder doch nicht mehr ausschließlich — sondern gingen. Das war eine Alijah, die von der heutigen Alijah, mag sie auch noch so schwer sein, so verschieden war wie Wüste vom Gartenland. Alles mußte man sich selbst schaffen: Zertifikate gab es noch nicht, das tu.-' i c'ie Palästina war verschlossen — nur persönliche Gewandtheit ermöglichte den Eingang, nur brockenweise Unterstützung europäischer Juden ermöglichte den Fortgang. Und waren sie einmal dort, so ging der Kampf los: für die jüdische Arbeit gegen die arabische Arbeit, die billiger und den Arbeitern gewohnter war — so daß selbst jüdische Funktionäre des „Barons" Rothschild, des Gründers der wenigen damaligen Siedlungen, erbittert gegen die jüdischen Arbeiter kämpften. Wie die jungen Einwanderer allmählich von Mikweh Israci nach Rischon, von Rischon nach Katra, dem heutigen Gederah, geworfen wurden; wie ihnen die tt'ärmsten Förderer wie der treffliche Karl Netter wegstarben, ehe sie ihr Werk vollendet hatten — das muß man lesen. Unsere lugend muß und soll das lesen — sie wird es spannender finden als den alten Indianer-Roman. Auch die BILU konnten nicht alle ihre Ziele erreichen; sie heißen heute nicht mehr BILU — sie sind zu den „Bauern von Gederah" geworden, lind sie zeigen dadurch, daß sie wohl nicht das soziale Ideal der Arbeit verwirklichen konnten, das ihnen vorschwebte, als sie auszogen. Aber dem andern Ideal, der Rückkehr zur Arbeit auf dem eigenen Boden, sind sie treu geblieben. — Wer heute des Wegs daher kommt — etwa von Tel-Awiw her oder auch nur von Rischon Le Zion — und das freundliche Gederah mit seinen weiden Häusern liegen sieht, der ahnt kaum, welche äußeren und inneren Kämpfe schließlich zur Erstürmung dieses Vorpostens führten. — Aber die Zelte der Chaluzim und Chaluzoth zeigen ihm — gerade in Ge- Lehrmeisterin Geschichte Die Lage der Juden im deutsdien Mittelalter — Karl V. und der Beginn der Neuzeit Von Ricarda fluch ist im vergangenen Jahre ein Werk über das deutsche Mitlelalter erschienen: „Römisches Reich Deutscher Nation" (Atlantis-Verlag, Berlin), das über den engeren Kreis der historisch Interessierten hinaus Aufmerksamkeit verdient. Nicht nur, daß es in einer dichterischen und durchsichtigen Sprache geschrieben ist — es zeichnet sich auch durch seine systematische Anlage aus, die sich nicht so sehr an den historischen Ab'auf hält, als vielmehr an die in der Geschichte wirkenden Kräfte, die im deutschen Mittelalter, das Ober den Bezirk des deutschen Volkes hinausgreifend eine europäische Einheit bildete, wirksam waren. Dennoch gei-gt es, aus der Verknüpfung dieser Kräfte auch zu ei icr Darstellung des eigentlich Dramatischen in der mittelalterlichen Geschichte vorzudringen und Entwicklung, Höhepunkt und Zusammenbruch des Reiches lebendig werden zu lassen. Zwei Kapitel des Bucrtes sind den Juden gewidmet, die als eine der für das Mittelalter in Frage kommenden Kräfte aufgefaßt werden. Der erste Abschnitt über die Juden betont das, was gelegentlich als „Polarität" des jüdischen Charakters gekennzeichnet wurde. Er weist sodann auf die Privilegien hin, die die Juden zunächst bekamen und die ihnen Lcbeiismöglicbkeiten gaben und schildert ihre Stellung im internationalen Handel und auf anderen Gebieten des Lebens. In diesem Zusammenhange wird auf die Stellung der Juden in der Heilkunst hingewiesen, wovon es heißt: „Die schöne Begabung der Juden für die Heilkunst, die sowohl mit ihrem Scharfblick und ihrer Gabe der Einfühlung wie mit ihrer warmherzigen Neigung zu helfen zusammenhängen mag, bewirkte jederzeit, daß einzelnen Bevorzugten Vertrauensstellungen eingeräumt wurden." Im allgemeinen ist dieses Kapitel von der Tendenz beherrscht, die Lage der Juden im großen ganzen für weite Partien der mittelalterlichen Geschichte als günstig hinzustellen und die Ausbrüche gegen sie als Ausnahmefälle zu kennzeichnen. In diesem Zusammenhange geht Ricarda Huch auf die Ereignisse ein, die zur Zeit der K r e u 7, z ii g e über die Juden kamen. Sie sagt hierzu u. a. folgendes: „Daß dieser Angriff auf die Juden nicht etwa durch Abneigung gegen die Rasse, sondern durch erhitzten Glaubenseifer verursacht war, geht daraus hervor, daß denjenigen Juden, die sich taufen ließen, nichts zuleide getan wurde." Zum Glaubenshaß sei die Raublust hinzugetreten. — In einem zweiten Kapitel behandelt Ricarda Huch die Frage des Verhältnisses der Juden zum Wucher und die daraus entspringenden Verfolgungen. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Kirche zum Zinsnehmen, durch das die Juden zum Wucher hingedrängt wurden. So heißt es im vermehrten Sachsenspiegel, daß die Juden „wuchern müßten, weil sie erblich Land und Boden nicht haben dürften, und weil die Handwerker sie nicht in ihre Zünfte einließen". Es sei, sagt Ricarda Huch, zu IM^IMMalMHMaHBaHBaMHBMMaM derah — daß die alte BILU-Tradition auch heute nicht aufgegeben ist. Eine andere Kolonie, die vielen Siedlern und Besuchern jetzt bei ihrer 25-Jahr-Feier als wahres Symbol unserer Palästina-Arbeit erschien, hat einer der ersten Siedler, Joseph Baraz, in ihrer Entwicklung zu schildern unternommen. Hier ragen aus der Reihe der Arbeitenden zwei eindrucksvolle Gestalten hervor. A. D. Oordoit, der Alte von Daganiah, der als 43iähriger ins Land kam, niemals vorher f andarbeit geleistet hatte und dank seinem reinen Willen und seiner unermüdlichen Energie zum Schufzgeist der Siedlung und zum Führer einer ganzen Generation wurde. „Diener des Menschen und der Natur" steht auf seinem Grabstein. Und dann der junge, strahlend schöne Josef Busse, der als ein 28jähriger Jüngling im See von Kinereth ertrank — sein ganzes Leben hatte er dem Ideale der Kwuzah geweiht. Aber sein Werk lebt — in dem Olivenhain am Ufer des Jordan, in dem er gegraben und gepflanzt hatte, hat er seine Ruhe gefunden. * Zwei Kinderbücher schließen sich an diese erste Reihe der Palästina-Bibliothek: Irma Singer, uns seit ihrem Erstlingswerk als Märchencrzählerin vertraut, erzählt ihren und anderer Leute Kindern, schlicht und lebendig die Sage vom Riesen Dilb, der Nahalal verfluchte, dessen Fluch aber nicht so stark war wie der Segen des Hirten. Und S. Wei c Ilse i bäum erzählt eine Geschichte von einem findigen'Meinen ,.OIch Germania", die allen Kindern Spaß machen wird. Offenbar ist die „Heimat-'-Reihe für die Kleineren bestimmt — und dort wird sie gute Dienste tun. B. B. St. einem verhängnisvollen Kreislauf gekommen, der dazu führte, daß die Juden, je mehr sie zu zahlen hatten und selbst ausgebeutet wurden, desto mehr ihre Schuldner ausbeuten mußten. Die Judenverfolgungen des 14. Jahrhunderts hätten aufgewühlt, was sich in den Untiefen des Volkes verbarg und hätten den Heroismus offenbart, dessen die Juden fähig waren. „So pflegt die ewige Gerechtigkeit" — sagt die Verfasserin Verfolgern und Verfolgten Auch an vor " ' ulenen Ricarda Huch auf die Lage Schilderung der Epoche an geschichtlicher Enterscheint ihr bereits als „Gewinn und Verlust zwischen zu verteilen." anderen Stellen des Buches geht der Juden ein, besonders bei der Karls IV., in der zur Zeit des „Schwarzen Todes" furchtbare Judenverfolgungen vorkamen. Ricarda Huch vermutet, daß der Kaiser den Gedanken gefaßt habe, es sei für ihn vorteilhaft, wenn Juden ermordet würden. So schenkte er seinem Großonkel, Erzbischot Baldewin, der am meisten für seine Wahl getan hatte, das hinterlassenc Gut aller im Elsaß erschlagenen Juden sowie die dem Kaiser zustehenden Bußgelder derer, die die Juden ermordet und beraubt hatten, und die Güter der Juden, die etwa noch erschlagen werden würden u. s. f. Dies leitet bereits in die Zeit des Abstiegs des Heiligen Römischen Reiches hinüber, und Ricarda Huch läßt ihr Buch mit der Zeit des Kaisers Siegniund schließen, mit der Epoche des Untergangs des Deutschen Ordens im Osten des Reiches und dem Beginn der großen reformatorischen Bestrebungen. Alles weitere, was Wicklung des Reiches noch folgt, einer anderen Epoche zugehörig. In die anschließende Zeit führt ein Buch des Historikers Walther Tritsch, das vor kurzem erschienen ist und sich mit Kaiser Karl V. beschäftigt (Verlag Julius Kitfls Nachf., Leipzig-Mährisch-tistrau l()jrj). Das Buch von Tritsch ist beinahe wie ein historischer Roman geschrieben, obwohl es aut wissenschaftliche Eundierung keinesfalls verzichtet. Es redet in einer eigenartigen Sprache zu uns, sich erst gewöhnen muß. fesselt aber schon die Gestalt Karls V. als Bewegers Zeit mit allen Spanmingsmomeciten, lagen, vor uns ausbreitet. Von Juden und jüdischen Dingen ist kaum die Rede, wenn man von der gelegentlichen Erwähnung absieht, daß Karl V. den Kampf der Königin Isabella gegen die wirtschaftliehe .Macht der spanischen Moslem und Juden fortsetzen limine, um zu verhindern, daß sie sich des neuen Ueberseehaudels und der neuen spanischen Kolonien bennicht.gen. Wesentlicher ist für uns die psychologische F u n d i e r u n g und die Auseinandersetzung mit Fragen, die auch für unsere Zeit von aktuellem Interesse sind. So wendet Tritsch sich in seinem Vorwort gegen Bausch- und Bogcnurfeile sie auf den Einzelnen angewandt werden, in der Geschichte darum gehe, welche allgemeine Verhalten der Völker wirklich bestimmen, und nicht um Eigenschaften dieser Völker, f ür Lehen vieler Völker miteinbezogen Betrachtlingsart erhöhtes Interesse, von tiefer Verehrung zu dem Haus wenn es auch zugleich Kritik an und in die der Leser deshalb, weil es Bewegten seiner in jener Epoche •r Vr,l ker, wenn u ner und meint, daß es M e n s c h e n das zu einer gegebenen Zeit die auch noch möglichen uns Juden, die in das sind, gewinnt eine solche Das Buch von Tritsch ist der Habsburger beseelt, ihm übt. Es stellt die Frage, inwieweit die Bluterbsehaft in diesem Hause wirksam geworden ist, und meint, daß kein menschliches Blut sich Frei von Entartung fortpflanzen kann, wenn es ohne Hilfe eines bestimmten Geistes ist. wie auch andererseits kein menschlicher Geist lange seihst ohne Nahrung durch ein bestimmtes Blut bleiben könne. Der Geist eines I laiiscs sei es, der die Art seiner Kinder hege oder sie vernachlässige. Abgesehen von diesen methodischen Bemerkungen hat aber auch der Gegenstand selbst, die Zeit Karls V., die Epoche von Reformation und Gegenreformation, der Anbruch der wirklich neuen Zeit in Europa für uns Juden, deren neue Zeit erst Jahrhunderte später anbrach, ein starkes historisch-psychologisches Interesse, weil wir in vieler Hinsicht das, was die Menschen jener Generationen erlebten, erst vor kurzem durchmachten oder auch noch mitten in den großen seelischen Auseinandersetzungen stehen, die andere Völker bereits lange hinter sich haben. Diese Feststellung steht gewiß in keinem Gegensatz zu der anderen Tatsache, daß das jüdische Voll: gegenüber den europäischen Nationen auf ein weit höheres Alfer zurückblickt. Aus der Verbindung beider Erkenntnisse vielmehr gewinnt man erst die rechte Einsicht in Struktur und .Aufgabe der gegenwärtigen jüdischen Geschirlitsperiode. oe. ' I Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSIIEIMER 4. FortleUunsr So gottlos und tfiricht das alles war, es wurde geglaubt. Geglaubt und befolgt. Mnn überfiel Juden, man prügelte sie halb oder ganz, tot, man raubte sie aus. Zum mindesten aber besehimpfte man sie. Es kam zwar nicht zu Mnssenvcrfolgungcn, aber Fall reihte sich an Fall: hier ein Toter, da ein Schwerverwundeter, dort ein Verprügelter und Geplünderter. Die Marranen halten nichts?.u lachen, und wenn sie in die Kirchen gingen, was man von ihnen verlangte, so konnten sie dort nicht selten erleben, daß man sie anspic oder hinaustrieb. Gracia lebte ihr Leben in dem großen Garten ihres Hauses. Obwohl sie sich so gesund wie nur je fühlte, gab sie sieh für krank aus und lehnte es ab, auf die Straße, geschweige denn in die Kirche zu gehen. Sie wollte nichts sehen und hören. .Sie sah und hörte trotzdem genug. Es kamen Bittsteller, Ratsuchende und Bettelnde ins Haus, reiche und nrn-,e Opfer der Verfolgungen, Verwundete, Verarmte und Vergrämte. Wenn Francisco nicht, da war, hörte Gracia sie an und versprach oder gewährte ihnen Hilfe. Sie wurde mit Scgenssprüelicn für sieh, ihren Mann, ihr Kind und erst recht für dos werdende überhäuft. Sie hieß Lea, Ruth und Esther. Das Unglück ihres Volkes trat zu ihr mit dem Segen derer, denen sie wohltat. Sie stand im Garten und ließ die kleine Reyna ihre ersten Scheinehen auf der Erde versuchen, die so ungnädig und grausam gegen ihre Glaubensgenossen war. Sie ging mit dem Kind durch die immer noch voll Trümmern liegenden Räume des Vorderhauses, wie wenn es seine Augen an den Anblick der jüdischen Schuizlosigkoit gewöhnen wollte. Wo sie ging oder stand, war sie von dem Glück, das Kind zu haben und einem zweiten entgegenzuhoffen, umleuchtet und von dem Unglück anderer jüdischer Kinder und Eltern umschattet. So hing das Mütterliche als jüdisches Glück und Unglück über ihr. Zwischen ihr und Francisco gab es nur noch diesen einen Gesprächsstoff: daß der Mann seine Schicksalsgenossen führen müsse, hinausführen aus dem Elend des Gefängnisses Portugal, erst sie und dann seine Familie, dann die übrigen, die er zu sieh rufen werde, einen nach dem andern. Francisco sagte nicht nein, aber sein Ja verlangte Zeit, Besonnenheit, Umsieht und Voraussicht. Der Kaufmann Mendez. stand der Gefahr, die an ihn herantrat, aber er wehrte Und verwahrte sich gegen Abenteuer. Rabbi Isaak war in dieser Frage Graeios Verbündeter. Man hatte ihm im Gefängnis drei Finger der rechten Hand zerquetscht, daß sie steif geblieben waren. Nun hatte er mit der linken Hand schreiben gelernt, aber das ging nicht so gut wie einst mit der rechten, und darüber kam er am wenigsten hinweg, der er ein Mann des Schreibens war. Für Franciscos Geschäfte war er nicht mehr der Rechte. Er wandte sich von allen geschäftlichen und wirtschaftlichen Gesprächen mit strengem Gesicht ab. Er widmete sich seinen Gebeten und frommen Planen. Die letzteren stimmten mit den Wünschen Gracias überein. Auch Rabbi Isaak dachte an Wandern und Auswandern. Leise erzählte er ihr von Palästina, von den Trümmern und der Wüste dort, von den Weisen zu Safed und von den Armen, die in Erdhöhlen wohnten oder in Hütten, die nichts anderes als Steinhohlen waren. Rabbi Isaak verstand sich oufs Schildern. Während er aber aus dem Verfall und Elend Palästinas das Heroische herauslas, fühlte sich Gracia davon abgeschreckt wie von einem noch schlimmeren Kerker. Sie wollte nicht in« F,!end, nicht in die Finsternis, sie wollte mit ihren Kindern in die Helle und ins Glück. Isaak war kein Fanatiker. Sein Blick ging in die Welt, auf das Gcsamtschieksal des Judentums. Er nannte die I.Brtder, wo es sich noch lohnt«, den Kampf für und um das Judentum aufzunehmen: Italien, Polen, Litauen, die Niederlande, die Türkei. Auch versprach er sich für die Zukunft etwas von Deutsehland, wo die Reformation um sich griff. Mendel, der Vorsichtige und Voraussicht ige, hatte schon vor einem Jahr einen seiner klügsten Angestellten durch die Welt geschickt, um durch ihn prüfen zu lassen, wo sich für die Zeitdauer einiger Generationen Wohn statten für auswandernde Juden fänden. Dieser Reisende kam jetzt gerade zurück und hatte den Kopf und das Hera voll von dem, was er gesehen oder von den Glaubensgenossen erfahren hau«. Er brachte mehr Verzweiflung als Hoffnung mit: Im Osten Europas lebten die Juden in Armut und Aengsten. In Italien genossen si« zugleich mit der Freiheit immer wiederkehrende Angriffe und Aufrüttelungen. In den Niederlanden *aU ihnen die Inquisition ist Nacken, wenn auch nicht so schlimm wie in Spanien, da man dort mit den deutsehen und niederländischen Ketzern genug zu tun hatte. In Deutsehland seihst war ein euiges Hin und Her von Zulassung und Austreibung, von Nachsieht und Bedrückung. Nur im Türkisehen Reich hallen Juden aus aller Herren Länder, zumal aber die glaubensstarken Vertriebenen der iberischen Halbinsel eine Freistätte cefnnden. Dies war insgesamt kein tröstliches Bild und keine Aufmunterung. Rabbi Isaak freilieh sprach von der Türkei wie von einem nahen und hoffnungsvollen Ziel. Warum nicht die kleine Reise durch das Mittelländische Meer tun und den Boden betreten und bewohnen, der mit dem des Heiligen Landes eine wenn auch weitläufige Einheit bilde? Vom Osten seien die Juden gekommen, der Osten würde sie wieder aufnehmen. Aber gerade dagegen lehnte sieh Francisco fast mit Entrüstung auf: Osten? Osten? Man habe ihn seit Jahrtausenden verlassen, diesen Osten des Beginns und der Erfüllung. Das sei vorbei, das sei vollbracht. Der Westen sei Heimat geworden mit neuem Beginn und vielen neuen Erfüllungen. Habe es denn im Osten etwa an Enttäuschungen gefehlt? Wo seien die zehn Stämme geblieben? Wo das Reich Juda? Der Osten sei uns verheißen zum Ende der Zeit, der Westen aber sei uns auferlegt; und angewiesen als Feld der Bewährung. Wer nach Paliistina ziehe, solange es Wüste und nicht nach Gottes Gebot und Verheißung neu aufgeblüht sei, der versündige sich an Gott und seiner Vorausbestimmung. Rabbi Isaak hatte es leicht, dagegen zu sprechen: die Türkei sei noch nicht Palästina. Aber dessen wärmende Nähe sei dort, sein heimliches Locken, der Moderduft dessen, was gewesen sei, und der Blütenduft dessen, was zu werden versprach. Unser Gesicht — sei es nicht bei jedem Gebet und jeder heiligen Handlung dem Osten zugewandt? Warum ihm nicht auch die Schritte zuwenden? Es gab keine Einigung zwischen den beiden. Gracia stand zwischen ihnen und trug ihnen zu, was an jüdischem Opfer ihre Augen gesehen und ihre Ohren gehört hatten. Westen oder Osten — sie verlangte nach Freiheit, nach Linderung der Not, nach offenem jüdischen Bekenntnis. Was die beiden Mfinncr bedachten und erwügten, dem eilte sie mit ihrem Gefühl weit voraus. Ihr war die Judenhcit ein Ganzes, eine leidende Einheit — sie kannte nichts anderes. Sie trug auf ihren Armen und in ihrem Schoß die jüdische Zukunft, zwei

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