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Jüdische Rundschau · 1936-02-14 · Heft 13 (14.2.1936) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 13 (14.2.1936)
Date
1936-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 14 II. 1936 Teil ihrer Zeit auf den Absatz verwenden; oder bei Plantatoren, welche die körperliche Arbeit durch Lohnarbeiter verrichten lassen und sich nur mit der Leitung der Wirtschaft befassen („kommerzielle Landwirte"); d) wenn die Landwirtschaft ein „auszeichnender" Beruf ist, der ihren Trägern in der Gemeinschaft besondere Bedeutung verleiht und sie selbst seelisch erhebt („nationale oder idealistische Landwirte"), bestes Heispiel die zionistische Kolonisation in Palästina. Idealistische Motive Am schwersten ist bei jeder Kolonisation der Anfang; denn dann handelt es sich darum, städtische, mit Landwirtschaft ganz unbekannte Menschen an landwirtschaftliche Arbeit zu gewöhnen, und es gilt ferner, nicht nur Landwirtschaft zu treiben, sondern einen landwirtschaftlichen Betrieb neu zu schaffen. In der zweiten Generation ist es leichter, aber auch in der zweiten Generation wirkt der Einfluß der ersten Generation nach. In Argentinien ist mehrmals versucht worden, die Kolonisation zu mehr als lediglich zu einem die EMstenz. sichernden Berufszweige zu machen, sie mit einem Ideal zu verbinden. Baron Hirsch hoffte, durch das Muster der landwirtschaftlichen Kolonisation in Argentinien die Behauptung der Antisemiten, daß die Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit nicht taugen, zu widerlegen und dadurch in dieser Hinsicht die Ehre des jüdischen Volkes w i ilcdior/iistelien. Coloncl Goldsmith, der von 1S')2 18<)3 im Aufiiag des Barons Hirsch die argentinische Kolonisation leitete, suchte Argentinien als Vorstufe zu Palästina darzustellen: „beginnen wir mit A (Argentinien) und endigen wir mit Z (Zion)!" Aber die Wirklichkeit hat bisher weder das eine noch das andere bestätigt. Ohne Verbindung mit einem Ideal, ohne eine höhere Weihe bleibt aber die Landwirtschaft ein Beruf wie ieder andere; den man — in der ersten Generation ohne weiteres, in der zweiten Generation nach einigem Zögern — gegen einen anderen einträglicheren oder leichteren Beruf zu vertauschen bereit ist. Geht es dem Kolonisten in Argentinien schlecht, so ist es mir natürlich, daß er sich nach einem anderen Berufe umsieht; geht es ihm gut, so kann er es sich leisten, seine- Söhne in ein Büro oder auf die Unhcrsität zu schicken: in beiden Ballen ist es mit der Kolonisation /u Bude. So sehen wir die Zukunft der argentinischen Kolonisation nicht gerade in mni g c in Lichte. Aber unsere Behauptung, daiS ohne den abzeichnenden < harakter oder ohne die Weihe eines Ideals die Juden in einer Welt wie der heutigen auf die Dauer nicht bei de (schweren) Landwirtschaft bleiben werden, gilt nicht nur für Argentinien, sondern für j e d e s 1 and, a u c h f n r Pal a s t i n a. Man nehme von der Landwirfschaft in Palästina den Glanz, den ihr das jüdisch-nationale Ideal verleiht, und es wird von ihr nichts Uhrig bleiben als vielleicht die mit billiger Lohnarbeit arbeitenden Pardessanim. Bin Star«! von Landwirten kann sich auf die I lauer nur auf dem Boden des eigenen Volkes halten. Verstreute Einzelsiedlungen Außer den Kolonien der ICA existieren in Argentinien noch einige sogen, „unabhängige" jüdische landwirtschaftliche Siedlungen. Sic sind meist von Kolonisten oder ihren Söhnen aus den ICA-Kolonien gegründet worden, denen das Regime der ICA nicht behagie und die sich mit eigenen Mitteln Boden kauften und ansiedelten, linier diesen Siedlungen sind zu nennen Medanos in der Provinz Buenos Aires, Villa Alba in der Pampa, General Roca in Rio Negro, Nccochca und Larrea (auf Regierungsland) in Chaco. Es gibt auch einige kleine unabhängige Sicdlergruppen in Villalonga (Prov. Buenos Aires) und in der Nähe der fCA-Knlonie Dora (Prov. Santiago del Fstcro). In allen diesen Siedlungen leben ungefähr 5d0 Kolonisten (2000 Seelen). Ihre Lage war bis 1922 sehr gut, da sie den Boden sehr hillig gekauft hatten und für ihre Produkte gute Preise erzielten. Mit dein Rückgang der Preise, der 1022 cinset/ic, hat sich ihre Lage verschlechtert und viele haben ihre Boden verlassen. Die beiden Kolonien Quatre Irmaos und Philippson, welche die ICA in Brasilien gegründet hat, konnte ich nicht besuchen. Soviel ich erfahren konnte, sind sie nicht gelungen und die ICA soll sich mit dem Gedanken tragen, sie aufzugeben. Binzeine jü IBchc Landwirte finden sich /erstreut auch in anderen siidanierih um. hen Ländern. In Uruguay gibt es eine Gruppe von lo indischen Milchigem. In Paraguay haben sich letzthin in der Mennoniten-Kolonie Indepedencia uden aus Deutschland mit eigenem Kapital auf Regieningsand angesiedelt. In Chile fand ich am Buhe der Anden zwei Juden, die bisher JVIzh imller in Santiago waren und mit gii üt-ni eigenem K ig:! i! eine Barm von 9.W ha erworben haben und dort ODtcm ::;:d GefHigel/m ht treiben; außerdem haben kürzlich einige Inden in der Nahe von Santiago 1 and für Siedlungs/wecke gekauft. Jüdische Städtchen Einen eigenartigen Sproß haben die landwirtschaftlichen Kolonien in Argentinien in der Forin von jüdischen S t ä d t c i) c n getrieben. Ihre Entstehung geht darauf zurück, daß Kolonisten, welch'' die I nmhviris< haft aufgaben, sich, in der Nahe der Kehndcn an einem Orte in guter Verkehrslage, z. B. neben einer Bahnstation, niederließen und Handel, beseude-s Vieh, um; Getreidehandel, feiner Gast- und Schankwirtschait, Kleinverkauf und Handwerk trieben. Sie bekamen bald Zuzug von auswärtigen Juden und gaben dem Orte, selbst wenn vorher dort nur Nicht juden wohnten, einen ausgeprägt jüdischen Charakter. Die größten Städtchen dieser Art sind Basavilbaso (Prov. f'ntre Rios) mit 3000 Juden und -1000 NiciitjmU.il, letztere meist Biseiihahnarbeifer, und Moiscsville (Prov. Santa Fe) mit '3000 Juden und 500 Nichtjudcn, genannt das ..argentinische Jerusalem". Die Städtchen gleichen kleinen jüdischen Städtchen in Osteuropa, nur daß ihre Anlage regelmäßiger ist. In ihnen konzentriert sich das kulturelle Leben der umwohnenden Kolonisten, die sonst in ihren Gehöften, allein oder zu 2 oder 4 zusammen, ein einsames Leben führen. Allerdings machen die schlechten Wege die Verbindung zum Städtchen nicht leicht. Im Städtchen ist die Schule, die Synagoge, die Kooperative für! inkaut und Verkauf, die Bank (Leihkasse), das Hotel, das Kino und der „Salon" (Versammlungsraum für gesellschaftliche Zwecke). Außer Basavilbaso und Moiscsville, die ich besuchte, gibt es noch andere Städtchen, von denen die größten Clara mit 6!X) Juden und 300 Nichtjuden, Dom ingu es mit 600 Juden und 400 Nichtjuden, Rioha mit 900 Juden und 800 Nichtjuden sind. Bei den Bemühungen, für die jüdischen Auswanderer aus Osteuropa und neuerdings aus Deutschland an Stelle der fiir die Einwanderung geschlossenen Länder neue Länder zu finden, sind mehrfach Pläne großer landwirtschaftlicher Kolonisation in Südamerika vorvorgebracht worden. Im Jahre 1935 hat das „Comite International de Immigration" in Paris mit der Regierung von Ecuador einen (noch der Genehmigung durch das Parlament von Ecuador bedürfenden) Vertrag abgeschlossen (veröffentlicht in dem Rcgistro Ufficiel in Quito vom 21. 2. 1035), nach welchem die Regierung dem Comite ca. 485 000 ha Boden, der in 13 Stücken in 10 verschiedenen Provinzen liegt, zur Kolonisation mit europäischen Einwanderern über- WER HAT DIES LAND ERWORBEN? BDEIN TÄGLICHES FUNFPFENNIGSTUCK Februar: Zweite Büchsenleerung und Büchsen-Aufstellungs-Aktion KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Berlin W15, MeinekestraOe 10. Postacheck: Berlin 282 4? laßt. Die geringen Aussichten einer solchen Kolonisation für Juden in diesem tropischen und fast stellenlosen Lande hegen auf der Hand, wenn man in Betracht zieht, daß sogar in Argentinien mit seinem gemäßigten Klima, seinem viel besseren Eisenbahn- und Wegenetz und seiner viel höheren wirtschaftliehen und kulturellen Entwickung (in Ecuador sind SO «,o der Bevölkerung halbzivilisierte Indianer) die Erfolge der landwirtschaftlichen Kolonisation nicht ermutigend sind. Bs liegt wahrscheinlich weniger am Willen der ICA als am Mangel an willigen und geeigneten Siedlern und an den geringen Erträgen, wenn die Kolonisation in Argentinien trotz, der grollen Bodenreserve und der finanziellen Mittel der ICA zum Stillstand gekommen ist. Warnung vor schönen Prospekten Mit Recht sagt Dr. Inraa n, der im Auftrage des High Cominissioner for Refugees im Jahre 1935 Südamerika bereist hat, in seinem Berichte: „Die ll.iu;.i schwielig!; eil (einer lamhviri* haftlichen Kolonisation) hegt darin, daß die meisten Refugees weder Farmer sind noch Faimer werden Wullen. Sogar wenn sie überredet werden könnten, aufs Land zu gehen, so würden viele von ihnen rweiiellos nach ein paar Monaten die Geschichte der vielen gescheiterten landwirtschaftlichen europäischen Ansiedlungcn in Südamerika wiederholen; sie würden der Schwierigkeiten des Dschungel? oder der Wüste, der fehlenden Verbindung mir ger übrigen Welt, des Mangels an Markten, der Schwierigkeit 'der Kinde rerziehung, der Lolicrung und des Mangels an kulturellen Ocnii-«en, deren sie sieh in ihrem I Icrkunftslandc erfreuten, müde werden. — Kolonisation «plane sind immer vei lockend; nichts ist mehr geeignet, schone .Prospekte' zu entwerfen oder die Sympathie der Regierungen dünn bevölkerter Länder zu erwerben. Alx'r diie Geschichte von Südamerika ist voll von gescheiterten Koloniweionsplasien." — — — Mit Bezug auf die geplante Kolonisation von 50 000 Juden in Ecuador sagt Dr. Ina.-n. daß sie außerordentlich anweise sein und ..fatal resulu" haben werde, da die meisten K(dngees sich dem sehr schweren Klima und Landlflxn dort nicht werden anpassen können und außerdem die Einwanderung einer so grollen Zahl von Fremden eine starke Voreingenommenheit gegen sie erwecken würde. Ein Ausweg Solange in Sudamerika für Juden noch im Handel Verdicnstnioglichkeitcn bestehen, werden sie nicht zu landwirtschaftlicher Arbeit in unerschlossenen, klimatisch ungünstigen, weit von jeder Ktdttir abliegenden Ochicten gehen; oder wenn sie gehen, werden sie dort nicht bleiben. Die einzige Möglichkeit, die Juden in Südamerika zur Landwirtschaft zu bringen, sehe ich in einer neuen Form der Kolonisation, bei der die Juden nicht weit entfernt von den Städten auf der Grundlaße extensiver Kulturen, sondern in der Nähe der Städte auf der Grundlage intensiver Kulturen (Gemüse- und Blumenzucht, Obstbau', Milchwirtschaf' rvf!'5g'e1, Fler, Hon'f!) angesiedelt werden. Wie ich höre, beschäftigt sich die ICA mit solchen Lianen für die Umgebung von Rio de Janeiro und Buenos Aires. Eine solche „vorstädtische Landwirtschaff könnte einen Vergleich mit einem anderen städtischen Berufe, der den Juden offen steht, in vielen Fällen aushalten. Voraussetzung ist allerdings daß diese Ansiedlung nicht der Initiative des Einzelnen fiberlassen, sondern von einer Siedlungsgesellsehaft in systematischer Weise (auf kaufmännische, nicht philanthropische) Weise in die Hand genommen wird und daß die Siedler sich zu Kooperativen für gemeinsamen Einkauf und Verkauf zusammenschließen. Angestellte jüdischer Geschäfte Im Informationsdienst der Deutschen Arbeitsfront wird über den Erfolg der Bemühungen berichtet, wie sie zugunsten von Angestellten jüdischer Betriebe unternommen worden sind. Hierüber heißt es, es habe tausenden im Einzelhandel tätigen Männern und Frauen der Arbeitsplatz dadurch erhalten werden können, daß die Betriebe in den Besitz von Ariern übergeführt worden seien. Aus einer Reihe von Einzelbeispielen, die angeführt werden, sei erwähnt, daß von einer jüdischen Firma in Hannover berichtet wird, sie habe beabsichtigt, im August nach und nach dem Personal zu kündigen und dafür jüdische Gefolgschaftsangehörige einzustellen. Auf die Einwände der Reichsbetriebsgemeinschaft „Handel" der Deutschen Arbeitsfront hin habe sie sich zunächst nicht bewegen lassen, von einer Kündigung abzusehen und sei sogar zur Entlassung eines Schwerkriegsbeschädigten geschritten. Nachdem wegen der Erregung der Bevölkerung der stellvertretende Betriebsführer habe in Schutz haft genommen werden müssen, sei erreicht worden, daß später die Firma in arische Hände übergeführt worden sei. Heute werden von dieser Firma 20. Oefolgschaftsangehörige mehr beschäftigt. Der Fall Fließ Mitte Januar stand der jüdische Rechtsanwalt Fließ in Magdeburg wegen wissentlich falscher Anschuldigung in Tateinheit mit verleumderischer Beleidigung des Rechtsanwalts Dr. Kuhlmey vor Gericht (siehe „Jüd. R." Nr. 5). Die Magdeburger Justiz pressest eile veröfteutlicht jetzt noch einmal eine zusammenfassende Darstellung des Falles. Ausgangspunkt des Prozesses war eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht im Mai vorigen Jahres, bei der Dr. Kuhlmey den Antrag stellte, Rechtsanwalt Fließ, der ihm als Vertreter eines jüdischen Betriebsführers gegenüberstand, zum Verhandeln nicht zuzulassen. Dr. Kuhlmey habe, so heißt es in der Darstellung der Justizpressesteile, hierbei erkläit, im heutigen deutschen Arbeitsrecht, das im besonderen Maße vom nationalsozialistischen Gedankengut beherrscht sei, müsse ein Jude von der Mitarbeit ausgeschlossen sein. Auch jüdische Parteien könnten keinen jüdischen Anwalt verlangen, denn sonst könnten auch andere Fremdrassige, z. B. Neger, einen Vertreter ihrer Rasse als Anwalt verlangen, was natürlich ausgeschlossen sei. Kuhlmey habe dann noch hinzugefügt, irgendeine Wertung oder Herabsetzung der einzelnen anderen Rasse scheide bei dem, was er sage, aus, ihm komme es nur auf grundsätzliche Ausführungen an; wenn er z. B. von der Negerrasse gesprochen habe, so habe er sie durch seine Ausführungen keineswegs beleidigen wollen, im Gegenteil, ihm sei mancher Neger lieber als mancher Jude. Daß es sich hierbei nur um grundsätzliche Ausführungen gehandelt habe, sei von Dr. Kuhlmey mehrmals ausdrücklich hervorgehoben worden, außerdem nach dem Zusammenhang unverkennbar gewesen. Einige Tage später habe dann Rechtsanwalt Fließ bei der Anwaltskammer die ehrengerichtliche Bestrafung von Dr. Kuhlmey verlangt mit der Begründung, Kuhlmey habe vor dem Arbeitsgericht erklärt, er verhandle lieber mit einem Neger als mit einem Juden, und ihn dadurch aufs schwerste beleidigt. Wegen dieses Vorwurfs gegen Kuhlmey stand dann Rechtsanwalt Fließ im Januar 1936 als Angeklagter vor Gericht. Zu dem Urteil, das auf neun Monate Gefängnis lautete, erklärt die Darstellung der Justizpressestelle, das Gericht habe auf Grund des Sachverhalts feststellen müssen, daß die Aeußerungen Kuhlmeys nicht so gelautet hätten, wie es Fließ in seiner Beschwerdeschrift behauptet habe; sie hätten keinen beleidigenden Charakter gehabt und hätten von Fließ weder als Beleidigung empfunden werden können, noch seien sie von ihm als solche empfunden worden. Gleichwohl habe Fließ bewußt wahrhcitswklrig den falschen Eindruck einer ihm von Kuhlmey zugefügten Beleidigung hervorgerufen, indem er eine Acußcrung nicht nur falsch wiedergegeben, sondern sie aus ihrem Zusammenhang gerissen, und ihr durch die Unterdrückung der wesentlichen Begleitumstände eine ganz andere Bedeutung gegeben habe, als sie in Wahrheit gehabt habe. Aus dieser zutreffenden Würdigung des Gerichts habe sich dann ohne weiteres die Notwendigkeit ergeben, die Strafbestimmungen über wissentlich falsche Anschuldigung und verleumderische Beleidigung anzuwenden. Strafverschärfend habe dabei gewirkt, daß Fließ aus offensichtlicher politischer Gehässigkeit gegen einen Berufsgenossen in hervorragender Stellung in dieser Weise vorgegangen sei. Zum Schluß teilt die Darstellung der Justizpressestelle mit, Fließ habe gegen das Urteil zwar Revision eingelegt, der ganze Fall habe inzwischen aber seinen Abschluß dadurch gefunden, daß Fließ am 29. Januar Selbstmord begangen ha b e. Daß er den Selbstmord aus Bestürzung über den Ausgang des Strafverfahrens oder aus Furcht vor der Strafvollstreckung begangen habe, sei nicht geklärt, da er bereits am 26. Dezember 1935 einen Selbstmordversuch unternommen habe, der anscheinend in keinem Zusammenhang mit dem Strafverfahren gestanden habe. Die Reichskonferenz der polnischen Juden Der zweite Verhandluugstag der Konferenz in Berlin (über deren Anfang bereits berichtet wurde) begann mit einem Tätigkeitsbericht von Dr. Mcitlis, in dem die bisher geleistete Arbeit der verschiedenen Vereine und Organisationen im Reich wie in Berlin auf dem Gebiet des Rechtsschutzes, der sozialen, konstruktiven und kulturellen Arbeit zusammengefaßt dargestellt wurde. Zu dem Thema: „Die kulturellen Belange der polnischen Juden" ergriff Herr Rosenwasser, Frankfurt a. M., das Wort; seine Ausführungen gipfelten in dem Gedanken, daß die kulturelle Verbesserung der Lage der polnischen Juden übereinstimmend mit ihren nationalen Belangen gefordert werden muß. Ueher „Ziel und Aufgaben des Reichsverbandes" sprach 1. Kornfeld, Berlin, der einen Plan der zukünftigen Gestaltung des Reichsverbandes und seiner Organe entwarf. Er sieht in dem Reichsverband einen Faktor zur Wahrung der besonderen geistigen und kulturellen wie wirtschaftlichen und sozialen Belange der polnischen Juden. Die Nachniittagssitzuug der Reichskonferenz war der Generaldebatte gewidmet. Größere Meinungsverschiedenheiten entstanden in der Diskussion um Namen und Inhalt des zukünftigen Reichsverbandes. — Erst nach langen Verhandlungen gelang es am dritten Verhandlungstage, eine einigende Plattform zu erzielen. Es wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, daß die Organisation der polnischen Juden in Deutschland den Namen" Reichsverband polnischer Juden in Deutschland führen wird. •- Der Reichsverband ist demnach eine jüdisch-nationale Organisation und hat sich neben einer Reihe von praktischen Aufgaben das Ziel gesetzt, für die Erhaltung der jüdischen Art sowie für die Pflege der jüdischen wie polnischen Kultur Sorge zu tragen. Mit der Arbeit des Reiehsverbandcs sind folgende zwei Körperschaften beauftragt worden: a) Exekutive — b) Zentralrat. Der Zentralrat erteilt der Exekutive Direktiven für ihre Arbeit und überwacht dieselbe. In die Exekutive wurden mit überwältigender Stimmenmehrheit folgende Herren gewählt: Kornfeld, Berlin; Dr. Meitlis, Berlin; Rubinstein, Berlin; Fuchs, Oberhausen: Pohorylos, Hamburg. Zum Präsidenten des Zentralrates ist Dr. Michael Traub, Berlin, gewählt worden. Die Konferenz beschloß, einen dreigliedrigen Finanzbeirat des Reichsverbandes zu schaffen, in den folgende Herren gewählt worden sind: Vortrefflich, Berlin; Fisch, Berlin; Sturm, Berlin. Unter den verschiedenen von der Reichskonferenz angenommenen Resolutionen e-regte besondere Beachtung die Resolution über das Verhältnis der polnischen Judenhcit in Deutschland zum polnischen" Staat und zum Aufbauwerk in Palästina, zu dem ein eindrucksvolles Bekenntnis abgelegt wurde. Es wurde für dieses Arbeitsgebiet eine enge Kooperation mit der ZVfD. beschlossen. Unter den anderen Resolutionen verdienen noch besondere Aufmerksamkeit die Resolution über das Verhältnis zu den jüdischen Gremien in Deutschland sowie die zu dem Problem der Staatenlosen und über die künftige Kulturarbeit des Reichsverbandes.

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