Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 14. II. 1936 Aus dem englischen Unterhaus und sie stellen sogar im Austauschverkehr. Die in Jerusalem freilich ist im Beginnen und leidet — begreiflich genug- — an großen Lücken; die berühmte Kongreß Library in Washington dagegen ist wohl die vollständigste ihrer Art; jedes Ruch und Büchlein, das auf den Vermerk „Copyright in USA" Wert legt, muß dort in einem Freiexemplar eingeliefert werden; für das junge Land ist die Kongreßbibliothek schon recht alt. Das freilich ist wohl das einzig Ehrwürdige in der Bundeshauptstadt, wo man als ältestes Nationaldenkina! zum nahegelegenen Mount Vernon, dem schönen Landsitz George Washingtons aus dem Ende des 18. Jahrhunderts — nach Christi Geburt — pilgert, während man in Jerusalems Umgebung die Wahl von vielen Stätten hat, die fast ebenso lang vor unserer Zeitrechnung die Menschen erschütterten; und daneben jenes großartige lebende Museum von Menschen mit ihren Trachten aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, Religionen, Rassen und Jahrhunderten. Vielleicht müßte auch das Beamtenhafte im Charakter beider Städte registriert werden. Beide stehen dadurch etwas außerhalb des Arbeitsrhythmus ihres Landes, was man ja in Palästina in das Wortspiel gekleidet hat, Jerusalem liege S00 m über dem Aufbau. Aber auch hier — welche Gegensätze! Wenn der — jüdische — Finanzminister in Washington wegen seines Riesendefizites schlaflose Nächte und zahllose Angriffe erdulden muß, so hat der - englische — Treasurcr in Jerusalem unter einer nicht minder heftigen Opposition aus dem umgekehrten Anlafi zu leiden, da sein außerproportionell hoher Budgetüberschuß die Steuerzahler erregt. Freilich würde dieses relativ unerhörte gewaltige Surplus seines palästinensischen Kollegen Herrn Henry Morgentbau jun. auch nicht viel helfen; denn wenn Mr. Johnsohn nötigenfalls mit den 7 Millionen das Land auch ohne einen Mil Neueinuahmen durch L i Jahre hindurchbringen könnte, würden sie in Ameiika die Bundesausgaben von gerade 1 r2 Tagen decken! Denn einstweilen ist alles klein und bescheiden in Palästina. Wenn man auch heute noch in seiner stolzen Hauptstadt zur Schonung seiner Sticfelsohlen lieber auf der Fahrstraße als auf dem Rürgersteig spaziert, wo nur Lolchen, Kanü le oder Ziegenherden einem manchmal den Platz streitig machen, so würden in Washington die endlose Autokctte und die Verkehrspolizisten schnell ein so selbstmörderisches Experiment beendigen. Ob allerdings die Transportmittel im reichen Amerika so unbedingt angenehmer und überlegener sind als in Palästina, das ist nicht ganz sicher; zwar wird in den alles beherrschenden Omnibussen die Freude am billigen Tarif getrübt durch die Enge und manchmal durch etwas Schmutz — aber die Martyrien einer sommerlichen Untergrundbahn in New York während der „Rush"stunden sind erheblich schlimmer. Und der großartigen Kleinautofahrt von TeLAwiw nach Jerusalem kann Amerika um den gleichen Preis, mit der gleichen Schnelligkeit bei Ueberwindung gleicher Naturhindernisse kaum ähnliches gegenüberstellen. Aber alles in allem steht unleugbar die Beherrschung der Lebenstechnik und damit der Lebensstandard in den Vereinigten Staaten auch heute noch weit, weit über der neuerdings so schnell (zu schnell?) gehobenen palästinensischen Höhe; das gilt namentlich auch vom flachen Lande, wo dank billiger Stromtarife und einer vielleicht nicht unbedenklichen Vorwegnahme künftiger Konsumkraft und dank gewaltigen Regierungssubventionen alles so grundverschieden ist von dem einfachen, manchmal recht kärglichen Landleben in Palästina; das Iiier auch heute noch so häufige Leben in Zelten, Baracken und sogar in „Lifts" steht in denkbar größtem Gegensatz zu dem Komfort im Farmhaus mit Kühlanlage, Riesenradio, Telephon, elektrischem Kochherd, zwei bis drei Autos usw. Am krassesten ist wohl der Unterschied in der Größenordnung der Farmen: während in Palästina heute ein ländlicher Besitz von 50 60 Dunam als eine stattliche Angelegenheit gilt und 25 - 50 Dunam genügend bewässertes ( and eine Familie gut ernähren können — ist ein amerikanischer Bauer mit weniger als '300—100 Dunam wohl eine Seltenheit — freilich sind diese Farmen in den Vereinigten Staaten auch meistens nicht voll unter Kultur; denn die Bevölkerung wäre nicht imstande, alle ihre Früchte zu verzehren; ganz anders in Palästina, das noch auf viele Jahre au dem umgekehrten Problem leiden wird und gewaltige Mengen von Agrarprodukteu aus dem Ausland teuer eintauschen muß. Palästina gehört somit heute zu den ganz wenigen Ländern ohne chronische Agrarkrise, somit zu den wenigen Beispielen, wo die Ansetzung von Landwirten auch volkswirtschaftlich diskutabel ist im Gegensatz zu all den anderen häufig genannten Gebieten, in welche laienhafte Betriebsamkeit und fanatische Palästinafeindschaft völlig ungeeignete deutsche Großstadtjuden verbannen möchte. Dem Besucher der Städte fällt in Palästina und namentlich hier in Jerusalem die unübersichtliche Bauart im Vergleich zu Amerika auf. Zwar ist die Schachbrett- oder fächerartige Anordnung im amerikanischen Städtebau nicht immer ästhetisch befriedigend, aber sie ermöglicht wenigstens ein fast müheloses Zurechtfinden auch für den Neuankömmling; der Gastgeber in Legislative Council und Einwanderung; Im englischen Unterhaus richtete am 10. d. M. Abgeordneter Tom Smith an den Minister für die Kolonien die Frage, ob er im Hinblick auf die gegen die geplante Einsetzung des Legislative Council erhobenen Proteste die Lage zwecks Abgabe einer neuen Erklärung über diese Angelegenheit überprüfen wolle. Kolonienminister Thomas verneinte diese Frage und erklärte, daß der Plan des Legislative Council von den Juden abgelehnt worden sei, während die Stellung der Araber zu dem Plan noch nicht klar sei. Die Regierung habe daher keinen Anlaß, ihren bisherigen Standpunkt zu ändern. Auf eine Frage des Abgeordneten Wedgwood, ob dies die Politik sei, die die Politik der Regierung und des ganzen Kabinetts bleiben soll, erwiderte der Koloniennünister, die Regierung verfolge eine Politik der Verantwortung gegenüber allen Faktoren. Eine weitere Frage des Führers der Liberalen, Sir Archibald Sinclair, zu diesem Gegenstand blieb unbeantwortet. Später richtete der Abgeordnete Morgan an den Außenminister Eden die Frage, ob die Regierung mit Rücksicht aut die Feststellungen in dem Rücktrittsschreiben des früheren Oherkommissars für Auswandererfürsorge, James O. Mac- Donald, bereit sei, die Einwanderung von luden aus Deutschland nach Palästina zu erleichtern. Die Anfrage wurde von dem Minister für die Kolonien, Thomas, dahin beantwortet, daß für den Umfang der jüdischen Einwanderung nach Palästina das Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes weiterhin maßgebend sein müsse. Unter Wahrung dieses Grundsatzes solle jedoch die Einwanderung von luden aus Deutschland nach Möglichkeit besonders berücksichtigt werden. Keine neuen Einwanderungsgesetze, Bodengesetz noch nicht fertiggestellt London, 12. Februar. (JTA.) Die Beantwortung einer Antrage des Abgeordneten Wedgwood in der Sitzung des Unterhauses vom 12. Februar gab dem Minister für die Kolonien, J. H. Tlioma s, Gelegenheit, die Stellung der englischen Regierung zum Plan des Legislative Council nochmals zu präzisieren. Abg. Colone! Wedgwood fragte den Minister für die Kolonien, ob er bereit sei, dem Hause die Entwürfe der geplanten palästinensischen Verordnungen über Verfassung, Bodenverkauf undEinwanderung vorzulegen. Jerusalem hingegen ladet in der Regel seinen Gast mit einer Situationskarte ein, worin die Lage seines Hauses genau eingezeichnet ist; sonst besteht große Gefahr, daß der Arme sich nicht zurechtfindet. Klimatisch ist Jerusalem ein Glanzpunkt, Washington aber ein Schrecken des Landes. Im Gegensatz zu den kühlen Nächten Jerusalems mit dem unvergleichlichen Sternenhimmel sind die Sommernächte Washingtons eine schwer erträgliche Fortsetzung eines schwer erträglichen feuchtheißen Tages. Wer über viel Kapital verfügt, also zur dünnen Schicht der Reichen zählt, der ist auch in Palästina und vielleicht hier mehr als anderswo in einer beneidenswerten Lage. Denn er kann für dasselbe Geld sich mehr als in anderen Ländern leisten und sich im Winter vor der Kälte und im Sommer vor der Hitze in herrlichster Natur — und das ganze Jahr hindurch vor Steuerzahlen schützen. Auch bei reichlichster Lebensgestaltung wird der Millionär hier kaum so viel Geld ausgeben können, wie er in New York oder London oder Berlin allein an den Fiskus zu zahlen hat. Denn Palästina kennt ja weder Einkommen-, noch Vermögen-, noch Erbschaftsteuer. So angenehm dieser Zustand für den Begüterten ist, so ist die Kehrseite der Medaille die extreme rnanchesterliche Stellung des Staates gegenüber den sozial Schwachen: kein Kinderschutz, keine geordnete Armenpflege und vor allem keine Arbeitslosenunterstützung, die ja selbst das starknervige Amerika jetzt endlich einführt. Schwere Opfer und Entbehrungen werden durch diese Mängel den Unbemittelten auferlegt; sie klagen aber über diese Last weniger als manche bemittelteren Ankömmlinge über jene im Grunde unvermeidlichen Unvollkommenheiten eines noch armen und werdenden und ökonomisch noch lange nicht ausgeglichenen Landes. Denn immer wieder muß betont werden, daß die hiesige Prosperity der letzten Jahre weitgehend auf ebenso anormalen Erscheinungen beruhte, wie die Depression im reichen Amerika nur durch vorübergehende Ursachen hervorgerufen war. Und damit kommen wir der Beantwortung unserer Frage: Amerika oder Palästina? schon erheblich näher: Wer — abgesehen von den wenigen ganz Reichen und nicht auf Arbeitseinkommen Angewiesenen — sein künftiges Heim vorwiegend unter materiellen Gesichtspunkten wählen will, wer also Gewinnchancen und Komfort für das Entscheidende hält, der sollte sehen, ob er nach Amerika Zutritt findet. Freilich, wer den Willen und die Kraft in sich fühlt, Aufbauarbeit zu leisten, wer schon einmal das Grauen verspürt hat, ein Fremder in seiner Heimat geworden zu sein, wer seine Kinder zu wahrer Harmonie ver- Kolonienminister I. H. Thomas antwortete, dafl die Bestimmungen für die Einsetzung eines Legislative Council durch königliche Verordnung (Order made by the King in Council) auf Grund des Foreign Jurisdiction Act vom Jahre 1890 getroffen werden würden. Es würde der geltenden Uebung widersprechen, eine solche Verordnung als Entwurf vorzulegen (nämlich dem englischen Parlament — Anm. d. Red.), den Wünschen des Interpellanten könne am besten dadurch entsprochen werden, daß in der Bibliothek eine Kopie des vom High Commissioner für Palästina im Dezember veröffentlichten Corrtiminiques ausgelegt werde, in dem die Vorschläge der Regierung klar zum Ausdruck gebracht sind. Es werde veranlaßt werden, daß dies geschehe. Was die Einwanderung betreffe, so sei es ihm nicht bekannt, daß neue Gesetzesbestimmungen entworfen wurden. In beziig auf Bodenverkauf sei grundsätzlich der Einführung eines Gesetzes zugestimmt worden, dessen Entwurf nicht veröffentlicht werden soll, solange Besprechungen, die der High Commissioner mit jüdischen und arabischen Führern abhalten werde, geführt werden. Sobald der Gesetzesentwurf fertiggestellt sein werde, werde erwogen werden, in welcher Art er dem Hause am passendsten zugänglich gemacht werden könnte. Der Abgeordnete Wedgwood fragte weiter, ob dies so zu verstehen sei, daß der Gesetzentwurf für die Einführung der Verfassung Palästinas den Arabern und Juden in Palästina vorgelegt worden sei, daß das Kabinett noch keine Entscheidung über ihn getroffen habe oder, wenn dies doch der Fall sei, daß diese Entscheidung nicht die endgültige Form betreffe. Minister Thomas antwortete, der High Commissioner verfahre bei allen Verhandlungen sowohl mit den Arabern als auch mit den Juden auf Grund der Instruktionen des Kabinetts und unter dessen voller Zustimmung. Abg. Wedgwood: „Körinen wir in diesem Hause mit Rücksicht darauf, daß der Plan die volle Zustimmung des Kabinetts besitzt, die gleiche Information über diesen beklagenswerten Plan haben, wie die Bevölkerung Palästinas sie jetzt erhalten hat?" Minister Thomas antwortete, er halte es in diesem heiklen und schwierigen Stadium der Verhandlungen nicht für förderlich, die Vorschläge anders zu bezeichnen als einen echten Versuch, das Mandat zu verwirkliche n. In derselben Sitzung fragte Abg. Joel, ob der Minister eine Antwort von der italienischen Regierung betreffend die für Palästina und Transjordanien bestimmte italienische Rundtunkpropaganda erhalten habe und warm der palästinensische Sender seine Tätigkeit aufnehmen werde. Der Minister sagte, man hoffe, daß der palästinensische Rundfunk in der ersten Hälfte April beginnen werde. helfen, wer den Frieden des Schabbat erleben will, wer bereit ist, freudig an den zahllosen jüdischen Problemen auf steinigem Boden mitzuarbeiten, wer die Mühen und den Reiz der Pionierarbeit liebt, wer beim Aufbau dabei sein will, der möge sich für Palästina entscheiden. Zwar: falsche und gefährliche Illusionen, die möge er zu Hause lassen. Nicht nur in materiellen Dingen; auch von den Menschen und den Institutionen möge er nicht zuviel erwarten. Ein zum Teil aus ärmster Umgebung heimkehrendes Volk bringt von seiner tausendjährigen Wanderschaft gar manches häßliche Gerumpel und auch manche geistige und körperliche Krankheit mit. Es wäre töricht, darüber sich zu verwundern oder darüber enttäuscht zu sein. Wer nicht ein gehörig Maß von Geduld und Verstehen mit sich bringt, der möge wegbleiben. Dieses Verstehen bedeutet natürlich nicht Inaktivität. Im Gegenteil: Geduld und Verstehen soli nur das Gegengewicht bilden gegen ein unermüdliches, zähes Arbeiten an einer allmählichen Besserung. Diesem Bemühen wird dann Erfolg beschieden sein, wenn wenig gesprochen und viel gehandelt wird. Kommen mögen jene, die nicht durch Kritik und Besserwissen auffallen, sondern durch das stille Beispiel wirken wollen und die von vornherein wissen, daß gut Ding Weile hat. Sie werden in dem kleinen Land ein Riesenfeld finden, sie werden ohne es zu wollen, willkommene Führer werden. Und sie werden ganz anders am Platze sein als im großen Amerika, wo sie und ihre Kinder sich bei der nötigen Selbstkritik stets als Isolierte, um nicht zu sa ,en Fremdkörper fühlen werden — selbst wenn sie in Palästen wohnen. Und das Ermutigende bei der Heimkehr nach Palästina ist ja dieses: Die meisten Rückkehrenden bringen keineswegs die erwähnten Mängel und Schwächen mit. Viele von ihnen haben bei ihren Wirtsvölkern neben Schlechtem auch gar manches Wertvolle erworben. Wenn sie ohne Aufdringlichkeit und ohne Ueberschätzung dieser Dinge, ohne Streberei und ohne Snobismus diese Tradition dem ewig Jüdischen rumischen werden, dann könnte der äußere Anschein, der zu jenem zunächst etwas komisch anmutenden Tischgespräch im Speisewagen Washington—New York Anlaß gab, auch zu etwas Gutem führen. Ilauptschiiftleiler: Dr. Rotiert Weltsch, Berlin - Charlottenburg 9 {auch rerant wort lieh für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Locwenstein. Berlin W 15. Anzeijjcnleiter u. verantwortlich (iir den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin-Tempelhof, Gültig; Anzeigen-Preisliste 4 »om 15. Oktober 1935. Verlag und AnzeigenTerwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin VV 15. MeinckcstT. 10. D.-A. Jan. 37 455. — Druck: Siegfried Scholwn, Bln.-SchöneberR. Sachgemäße u. schleunige Durchführung Ihrer AUS W ÄNDERUNG nach Palästina und anderen Ländern Dl7.ÜirC V.^M licLM Amt*er.-R.i a.D. Dr A.Chner Repräsentanz in TEL-AV.V: Leiter der King Salomen Bank Ober reg.-Rat a. D. R. Kempner Dr. j u r. W. Marx, Tel-Avlv Filiale Haifa 27, Her : I «tr., P. O. B. 1003 Berlin W15, Meinekestr. 0. J 1 Bismarck 2856 <9'/s-13 u. 16V«-19Uhr> lg Schalort, Alelchem Str. Ed« Ben Jehuda Hoad VIRN06ENS-LIOUIDATIONIN TRANSFER-PROJEKTE ♦ TAUSCH-OBJEKTE ♦ ANLAGEBERATUMG