Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.».*e.^ ^Y. J >> ' % '" Mff Preis 25 Rpi. Nr. / Jahrgang 41 p,ei« 25 Rpi. JÜDISCHE RUNDSCHAU SdurlttiaItnnx,V.rla8 n. Anieigenverw.ltung, BerlLoWlS.MelnekMtr.lO F«nirul: Summel-Nt I 1 Dwro.rck MHV82, 716570, 7240/42. - BBiuK«p«i» einKhU BMIellgeW i« Mon.t KM 2, , i. Vierteljahr RM 5,75. hti Abholung KM 1,88 biw. RM 5J9- — I'o»t«rheck - Konten der Vertriebs Abteilung: Berlin 71571 (Rir GroS-Berlin', Berlin 17392 (Kit ,1», übrin« Rekh). In Fällen höherer Gew.li be«tehl kein Amprui-h Hill Nsrhlielerunt oder Eret.lmnü etwi »chon ECz.hller B«iue»Rebiihren - Ericheint i.d.n Dienstag and Freitag. BERLIN rinn FREITAG, 14. FEBRUAR 1936 Gttltigi Anzeigenpreislifte Nr. 4. Die 32 gespnltenc mm - Zeil-» 20 Rpi, fth Familiennachrichten 15 Rpi. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten lagnn oder Stellen und in hettimtnte Ausgaben kann nichi gewährleistet werden- Gelepenheitaan zeigen nur bei Vorausfahl unt; auf Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montae bis Donn<*m(aj> 9—18 Uhr, Freitag 9—16 Uhr. Annahmesehlufi für die DinniHF, - AuBpabe Montag lO Uhr, für di» Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr- (Kur Familienameigen arn *Tae vor Erscheinen 12 Uhr) Per Zionismus erstrebt für das (Odische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) 't ' i Von Washington nach Jerusalem Von ERNST KAHN Zwei Tischgenossen im Speisewagen Washington - New York führen eine merkwürdige Unterhaltung; sie dreht sich" um P a 1 ä s t i na, das der eine von ihnen soeben auf einer Mittelmeerrcise besucht hat; dort — so erzählt er — herrsche größtes Leben; denn Juden aus Deutschland seien in Massen dahin geströmt, um eine „deutsche Kolonie" auf/ubauen. Diese Neuigkeit hat mich um so mehr interessiert, als ich gerade auf dem Wc; in dieses angebliche neue Siedlungsgebiet war. Und so beschloß ich, die Information gleich an Ort und Stelle auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Das Ergebnis meiner Lokaluntersuchung sei hier mitgeteilt. Um es vorwegzunehmen: Jener Yankee hat unzweifelhaft bona f de berichtet: denn in den Straßen von Tel- Awiw, Jerusalem und namentlich von Haifa hat er bestimmt ganz erheb'ich mehr deutsch sprechen gehört als in den deutsches'eii S iracirnseln seiner amerikanischen Heimat, wie in Milwaukee oder im New Yorker Bronxville. Und auch iTr die ko'onisatorische Wirkung der Einwanderer kann man Anhnl spunkte genug finden; gar manche (»sei et*) aus Bagdad und dem Jemen hat sich zu ihrer arabischen Mutter- und ihrer hebräischen Adoptivsprache ein ganz leidliches Deutsch ihrer Herrschaft aus Berlin oder Breslau abgelauscht, und selbst der arabische Stiefelputzer an der Ecke bietet seine gewiß nicht überflüssigen Dienste mit dem Rufe „Heer Doktorr, ein halben Grusch" an; denn er taxiert den Neuankömmling als Deutschen und somit als Akademiker ein. Bei einer objektiven Sprachenzählung würde heute Deutsch die dritte Stelle erhalten, also nicht etwa Englisch, das man außerhalb gewisser Jerusalemer Viertel nur selten und dann meistens in recht bedenklicher Mißhandlung hört. Denn nicht nur die jüdischen Ankömmlinge aus dem Deutschen Reich, sondern auch die aus den meisten Nachbarländern sprechen Deutsch; fast scheint es, als ob auch das Jiddische sich hier nicht nur mit neuhebräischen, sondern auch mit neuhochdeutschen Worten stark anreichere. Und doch haften diese Beobachtungen ebenso an der Oberfläche wie so viele andere Eindrücke der Touristen. Denn das Deutsche ist hier die Snrachc der Aelteren und der Stadter; draußen in den Siedlungen ist das wesentlich anders; und die Schnelligkeit, mit der die Kinder Hebräisch lernen und bevorzugen, ist fast noch erstaunlicher als die Mühelosigkeit, mit der etwa in Amerika die Sprößlinge der Neueinwanderer das so unendlich leichtere Englisch akzentfrei meistern. Und doch ist da ein grundlegender Unterschied: ..Während nämlich dieses so einfache Englisch von Einwanderern in London oder in New York meistens häßlich und nachlässig gesprochen wird, ohne Ehrgeiz, Aussprache und Grammatik mit geringer Mühe zu verbessern, verdient die Beharrlichkeit, mit der so viele, auch der älteren, Ankömmlinge aus Deutschland in das ihnen so fremdgewordene Hebräisch einzudringen suchen, Anerkennung und Bewunderung: Sie wissen wohl, daß die Bcwenung des Einwanderers nicht zuletzt an seinen hebräischen Kenntnissen gemessen wird. Im allgemeinen finden sie auch müde Richter: nur die eigenen Kinder sind häufig recht streng; so versicherte mir das Töch'erchcn eines bekannten Zionistcn, der bereits in der Oef feuilichkeit hebräisch spricht, ihr Vater spreche „ein ganz unmögliches Iwrith", und ein alter KJVcr klagte mir bekümmert, sein Söhnchesi lehne es seit einiger Zeit ab, sein leider lückenhaftes Hebräisch zu verbessern. Das deutet schon an, daß die kolonisatorischen Tendenzen der nach Palästina!<o iime'iden eine etwas andere Richtung einschlagen, als jener Weltreisende angenommen hatte. Wie liegen nun die Dinge wirklich? Wie reagiert Palästina auf die Alijah aus Deutschland und wie reagiert diese auf Palästina? Ferner: wie unterscheidet sich dieses Ve.hähnis in Palästina etwa von dem Verhältnis des nach Amerika Kommenden zu dieser seiner neuen Heimat? So ein Vergleich ist vielleicht mehr als eine Spielerei; denn aller Voraussicht nach werden P a I ä s t i n a und die Vereinigten Staaten an erster Stelle stellen, wenn einmal die Liste der Imiuigrationsländer der auswandernden luden aus Deutschland fertiggestellt ist. Das ist aii'unehmcn unbeschadet aller Schwierigkeiten, die auch diese beiden Länder den Einwandercrkandidaten entgegenstellen, weil diese Schranken doch •) Hausangestellte. Beide MacDonalds wiedergewählt Zeitgemäße Erinnerung: an den „MacDonald-Briei" r>urch die Nachwahl von Malcolm Mac Donald ins englische Unterhaus am 10. d. M. ist der Regierung Baldwin ihr jüngstes Kabinettsniitglied erhalten geblieben. Baldwin hat gegenüber den zwei aus dem Labour-Lager zur Nationalregierung übergegangenen Regieruiigsmltgliedern, MacDonald Vater und Sohn, die bei der Allgemeinen Wahl durchgefallen waren, die Treue der Loyalität gehalten. Die Sache der Nationalregiening hat über die bloßen Parteitendenzen den Sieg davongetragen, da der konservative Führer nicht den konservativen Parteikandidaten, sondern das Mitglied der Nationairegierung unterstützt hat. In jüdischen Kreisen und insbesondere im Zionismus wird die Rückkehr von Malcolm MacDonald ins Parlament begrüßt werden. Denn der junge MacDonald hat oftmals sein Verständnis für jüdische Probleme bekundet und hat sich in der Palästinasache große Verdienste erworben. Der Zufall will es, dal? die Rückkehr der beiden MacDonalds mit einem Konflikt zeitlich zusammenfällt, der sieh, an ein von ihnen verantwortetes Dokument anknüpft. Als im Winter 193(1 nach dem „Passfield-Weißbuch" ein Kabiuetts- Komitee unter dem Vorsitz des damaligen Außenministers Uenderson eingesetzt wurde, um die scharfen Meinungsverschiedenheiten zwischen der eng'ischen Regierung und der Jewish Agencv beizulegen, da hat Malcolm MacDonald als Sekretär dieses Komitees einer Verständigung große Dienste geleistet. Fr hat die Materie studiert" und die Berechtigung der zionistischen Argumente eingesehen. Das Resultat dieser Verhandlungen war der „M ac Do u a 1 d - B r i e f" vom LI. Februar H)')l, der vom Parlament gebilligt wurde und bis heute das maßgebende Dokument in bezug auf die Palästinapolitik der britischen Regierung darstellt. Der Mac- Donald-Brief bezieht sieh in erster Linie auf die Fragen der Einwanderung und des Bodenerwerbs, d. h. auf die Erfüllung des Art. 6 des Mandates, der eine Förderung der dichten Siedlung von Juden auf dem Lande der Regierung zur Pflicht macht. In dem Briet wird erklärt, die Regierung beabsichtige, sofort eine Untersuchung anzustellen, um festzustellen, welche Ländereien für die geschlossene Ansiedhing von Juden gemäß dem Art. o verfügbar sind oder verfügbar gemacht werden können. Diese Untersuchung sollte alle Landrcscrveti Palästinas einschließen. Ein Verbot der Erwerbung irgendwelcher Ländercicn durch Juden wurde in dem M a e D o n a I il - B r i c f ausdrücklich abgelehnt, jedoch behielt sich die Regierung „eine zeitweilige Kontrolle von Land-Dispositionen und -Ucbertragungen" vor, die die Wirksamkeit der geplanten Land-Entwicklungs-Politik sichern sollte. Der „L an den t w i c k I u u g s - P I a n" ist nicht zustande gekommen, weil die 10i 1 eingetretene Finanzkrise in England ihn unmöglich machte. Die Tätigkeit des von der Regierung ernannten Landeutwicklimgs-Dircktors French brachte kein durchbi'n bares Ergebnis. Die Regierung hat im Jahre lOi'j ein l'ächter-.SchuUgeset/. erlassen und ist soeben mit Planen hervorgetreten, die einen Teil d e r Bauer n g üti-r d er Fell a c h e n unverkäuflich machen sollen. Gegen diese Pläne hat die Jewish Agencv protestiert, weil sie der Meinung ist, daß sie den wirklichen Verhältnissen Palästina« nicht gerecht werden und weniger auf eine ökonomische Notwendigkeit zurückgehen a's auf den Wunsch der Regierung, den Arabern eine politische Konzession zu machen (dies erhellt schon aus der Art der Bekanntgabe an die Araber). Die Jewish Agencv beruft sich in ihrer Erklärung in erster Linie auf den M a c Donald- B r i e f, und es M anzunehmen, daß alie zukünftigen Verhandlungen, die Dr. Weizmann auch in London Uber diese f-'rage zu fuhren gedenkt, an dir es Schriftstück anknüpfen werden. Die Frage des Legislative Council wird hierdurch freilich nicht berührt, denn das in dem Pa-sfield-Weißbuch vom Oktober 1QW gegebene Versprechen, einen Legislative Council einzurichten, wirtl in dem das Passfield-Weißbueh teilweise abändernden MacDouakl-ürief gar nicht erwähnt, also in Kraft gelassen. Die jetzige Politik der Palästina-Negicrung, durch die unruhigen Verhältnisse im Orient in flotteres Tempo geraten, knüpft an diese nun ui ehr g e n au fünf Jahre alten Dokumente, die in der Zwischenzeit stillschweigend suspendiert, aber nicht widerrufen waren, wieder an. Wenn der MacDonald-ßrief aus den Akten hervorgeholt wird und grundsätzliche Entscheidungen der Palästina-Politik zu treffen sind, dann ist es auch unter aktuellen Gesichtspunkten für den Zionismus gewiß nicht gleichgültig, daß MacDonald Vater und Sohn — und besonders der Sohn, der bis vor kurzem im Koloiiialamt saß und jetzt im verwandten Dominion-Amt sitzt — ins Unterhaus zurückgekehrt und dadurch als Kabinettsmiiglieder gesichert sind. Sir Herbert Samuel und Lord Bearsted in England So u t ii a in pt o n, 12. Februar. (JTA.) Am 12. Februar nachmittags sind Lord Bearsted und Sir Herbert Samuel an Bord der „Majestic" in Soulhampton eingetroffen. Nach der Landung äußerten sie ihre Genugtuung über die herzliche Aufnahme, die sie und Simon Marks in den Vereinigten Staaten gefunden haben. Lord Bearsted erklärte, mau könne hoffen, daß in den Vereinigten Staaten zwei Millionen Pfund zur Unterstützung der jüdischen Auswanderung aus Deutsehland aufgebracht werden würden. Die Mitglieder der Delegation, fuhr Lord Bearsted for'4 hätten innerhalb von vierzehn Tagen dreißig Ansprachen in New York, Philadelphia, Chicago, St. Louis, Baltimore und Washington gehalten. Er glaube, daß es gelungen sei, die öf leidliche Meinung, die sich der Dringlichkeit der Lage vielfach nicht bewußt gewesen sei, zu gewinnen, und er hoffe, daß das geweckte Interesse in Taten werde umgewandelt werden. Man habe den Amerikanern die Notwendigkeit der Sache dargelegt. Es bestehe kein Zweifel, daß sie von sich aus Anstrengungen machen würden, Mittel aufzubringen. Was die Mitglieder der Delegation anbelange, so hätten sie nun zu berichten und Beratungen zu pflegen, bevor sie einen endgültigen Plan formulieren. Sic hätten zwar einen Plan, doch wolle er in diesem Augenblick nicht darüber sprechen. Erst in der nächsten Woche, sobald der Plan, wie er hoffe, angenommen sein wird, weide er Mitteilungen darüber machen können. F.« handele sich um einen P lau f ü r all in ä bliche Aus w a n d e r u n g a u s Deutschland. Dieser Plan sei in Amerika mehr oder weniger bekannt. Die Auswanderung mu--e schrittweise erfnlrrcn; man dürfe nur Mensehen in dem Mal!e uberführen, als sie aufgeuomm n werden können. Zur finanziellen Seile des Bösliches der IVEgation in Amerika beul 'rkte Lord Bearsted, mau hoffe, in einem bestimmten Zeitraum in den Vereinigten Staaten zwei Millionen und in der ganzen Welt drei Millionen Pfund aufzubringen. Auf die f-'rage. wohin di .• indie Auswanderung in Betracht kommenden .luden gebracht werden sollen, erklärte Lord Bearsted, zweifellos werde eine gcwUse Zahl von ihnen nach P a 1 ä s t i n a gehen. Dies werde ganz davon abhangen, wieviele /eititikate erkngt weiden köini'-n. Der Arbeitsplan sehe zum I eil die bemfliche S huluug der Menschen vor ihrer Auswanderung \or, damit sie sah gleich n.-'c!, der Ankunft m dem I inwantleiungslaiid selbst erhalten können. Zum Schluß gab Vi<cousit He.ir.sted seiner Freude darüber Attsdruck, daß auf deganzen Reise \ on den nichtjtidischen Teilen der Be\ölkei tmg die w ä r in < I e S \ m p a t h i e für die Aktion an den Tag gelegt Woiden sei. Die erste feste Zusage einer großen Spende habe er von einem Nirhtjuden erhalten. erheblich niedriger sind als die in den meisten anderen Ländern. Das ist der Fall, trotz der begrenzten Zahl von Palästina-Zertifikaten für Unbemittelte und trotz der harten Bedingungen der amerikanischen Konsulate. Vor allem endigt in Amerika und in Palästina die bürokratische Schererei in dem Augenblick, in dein das Kreuzverhör im New Yorker oder Haifaer Hafen glücklich überstanden ist. Die Polizei kümmert sich weder hier noch dort um Wohnung oder Adressenveränderung. Und im angenehmen Gegensatz zu so vielen andern Ländern ist der legal ins Land Gekommene am Arbeitsmarkt gleichberechtigt und von Ausweisungsbefehlen verschont; selbst die „Touristen" dürfen bei etwas Glück, Geschick, Ausdauer und guten Nerven eine Stabilisierung ihres labilen Zustandes erhoffen. Und doch — welch ein himmelweiter Unterschied in der EcbcnsgcstalUmg da und dort! Ich will nicht von den äußerlichen Dingen zu viel reden, obwohl auch die für viele, namentlich der Aelteren, Saturierteren und von europäischen Behaglichkeiten Verwöhnten, wichtig genug sein mögen. Wenn beispielsweise der Jerusalemer einmal in vierzehn Tagen sich zum Lohn für weise Sparsamkeit in seinem Wasserkonsum ein Vollbad leisten kann, so wird er diesen seltenen Genuß erheblich dankbarer würdigen als der Washingtoner sein selbstverständliches tägliches Bad. Ja, Washington und Jerusalem — welche Gegensätze! Das Gemeinsame ist schnell aufgezählt. Beides sind Landeshauptstädte. Hier wie dort ein charmantes Staatsoberhaupt, um dessen Einladung sich ein Heer von Snobs und Ehrgeizigen bemüht -- wobei das freilich in Washington wesentlich demokratischer bewerkstelligt wird. Beide Plätze haben entsetzliche Elendbezirke, die in der amerikanischen Hauptstadt Neger, hier aber Juden und Araber schändlich zusammenpferchen, mit dem Unterschied freilich, daß mau sie in den Vereinigten Staaten unter dem Druck der öffentlichen Meinung allmählich abreißt, hier aber unter den Augen der Behörden und bei erschreckender Gleichgültigkeit namentlich der jüdischen Oeffcntlichkeit rasch wachsen läßt. Auch Nationalbibliotbeken besitzen die beiden Zentren