Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-02-11 · Heft 12 (11.2.1936) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 12 (11.2.1936)
Date
1936-02-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653935--28241-2689714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

12 entity mentions

Nr. 12, 11. n. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Sefto II Wie gestalte ich den Schabbat? Für Schabbat, 15. Februar Wochenabschnitt: „Jlthro" (2. B. M. Kap. 18, 1-20, 23) I. Wir stellen in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen die 10 Gebote. Beim 1. Gebot weisen wir auf die interessante Tatsache hin, die Jehuda Halevi in seinem Kusai erwähnt, daß Gott die Forderung nach seiner Anerkennung mit der Tatsache begründet, dafj er das jüdische Volk aus Aegypten feführt hat, und nicht, was an sicli doch näher gelegen ätte, mit seiner Eigenschaft als Schöpfer des Weltalls. Der Auszug aus Aegypten als historische Tatsache ist als solche beweisbar, während sich der Schöpfungsakt eines Beweises grundsätzlich entzieht. Von hier ausgehend sprechen wir über die Rolle der Geschichte im jüdischen Volk und die besondere Stellung der Tradition in unserem Volkstum. Wir gehen dann, indem wir diesen Gedanken weiter führen, zum 5. Gebot über und sprechen über das Gebot der Elternehriing als sinnfälligsten Ausdruck der Traditionsgebundenheit des jüdischen Menschen. So gesehen, findet auch der Schlußsatz in diesem Gebote: „daß lang werden deine Tage" seinen besonderen Sinn. Dadurch, daß wir unsere Eltern ehren, reichen unsere Tage hinein in die Zeit der vorigen Generation und über sie hinaus in die Kette des gesamten jüdischen Volkes. Da auch unsere Nachkommen einst durch die Thora zum Gebot der Elternehrung verpflichtet werden, wird die Folge der Generationen gesichert. — Dieser hier angedeutete Gedanke wird ausführlicher dargestellt im Kommentar von Samson Rafael Hirsch zu Kap. 20, Vers 12. II. Denselben Kommentar ziehe man zu einer ausführlichen Würdigung des 4. Gebotes heran, das uns ja auf einem Oneg Schabbat besonders naheliegt. Hier findet sich viel Material über den eigenartigen sozialen und religiösen Charakter ■unseres Festes mit wertvollen Hinweisen auf andere Stellen der Thora, die in diesem Zusammenhang wichtig sind. Zur Ergänzung ziehe man noch das Buch von Dr. Zobel: „Der Schabbat", erschienen im Schocken-Verlag, heran. III. Am 24. Schwat ist der Todestag von A. D. Gordon. Aus diesem Anlaß beschäftigen wir uns auf unserem Oneg Schabbat mit dem Werke dieses Mannes und lesen einige charakteristische Stellen aus seinem Buche: „Erlösung durch Arbeit" vor. Vielleicht ist es angebracht, wiederum von unserem Zehngebot auszugehen, wo nach Ansicht vieler alter jüdischer Erklärer die Fassung: „6 Tage sollst du arbeiten'' als ausdrückliches Gebot angesehen wird. Von hier ausgehend spreche man dann über das Werk Gordons, das uns ja gerade die Bedeutung der Arbeit nahegebracht hat. Als Haftarah wird das ö. Kapitel aus dem Propheten Jesaja gelesen, das von der Berufung des Propheten erzählt. I. E. Von der jüdischen Legende und dem Märchen Es ist sehr lohiwnd, sich an einem Oneg Schabbat über das jüdische Märchen, über die Sage und Legende eingehend zu unterhalten, besonders deshalb, weil diese Literaturgattung bei uns Juden oft spezifische Merkmale aufzuweisen hat. Märchen und Sagen hat es bei Juden seit frühester Zeit gegeben, und vieles ist uns im alten Schrifttum erhalten geblieben. Wir wissen ja alle, daß jedes Volk auf dem Wege seiner Entwicklung eine Periode des sogenannten „Sagen und Singen" durchgemacht hat. Es ist gewöhnlich jene frühe Zeit, in der das Volk die Kunst des Geschichteschreibens noch nicht beherrscht, es vermag noch nicht seine Erlebnisse objektiv wiederzugeben, will aber der Nachwelt die Begebenheiten seiner Zeit überliefern. Was es auf dieser Kulturstufe erlebt, wird leicht mit Phantasie gemischt, Wahrheit wird oft zur Dichtung. Aber auch in einer späteren Zeit, in der bereits das geschichtliche Bewußtsein geweckt ist, nimmt das Märchen und die Legende einen weiten Raum ein. Oft wollen derartige märchenhafte Erzählungen Geschichtliches „ergänzen", in ihrer Art Ereignisse ausmalen und durch sie gewisse religiöse Wahrheiten zum Ausdruck bringen. Die jüdische Geschichte kennt auch Zeiten der Not und der Drangsal, in denen oft die Geschichte zum Schweigen verurteilt war; dann spricht die Legende und in ihr kommt das Feuer jüdischer Gläubigkeit, der stillen Zuversicht und der Hoffnung zum Durchbruch. Hier urteilte das Volk, wenn auch von einer eingeengten Perspektive, über sein Leben und über das seiner großen Männer und Helden. Eine besondere Gattung bilden die Erzählungen und Geschichten, die den Leser und Hörer religiös-moralisch erbauen und erziehen wollen. Das Ziel ist hier ein belehrendes, das besonders in einer moralisierenden Schlußfolgerung gipfelt. Hierher gehören große Partien des agadischen, erzählenden Talmuds, der Midraschim und der späteren didaktischen Literatur, die besonders reich an derartigen Stoffen ist. Hier begegnen wir den bekannten und geläufigen Erzählungs- und Wanderungsmotiven, die der Erzähler seinerseits bei der Ausgestaltung des wunderbaren Lebens berühmter Männer der Vergangenheit verwendet. Oft wird von verschiedenen historisch belegten Personen Aehnliches erzählt, wobei natürlich das Motiv wiederkehrt und nur zuweilen die Person, der Ort und die Zeit der Handlung wechseln. Die traditionellen Requisiten der Legende und des Märchens sind hier überall zu Hause. Es wäre gut, wenn man an Hand von einzelnen Legenden und Erzählungen diesen Tendenzen nachzugehen versuchen würde. Ausgezeichnetes Material bildet vor allem Bin Gorions „Der Born Judas", besonders mit seinen Mären und Legenden aus dem jüdischen Mittelalter. Auch die chassidischen Geschichten etwa von Buber sollte man hierzu heranziehen. Für die ältere, biblische Literatur wäre die Arbeit von Hermann Otinkel „Das Märchen im Alten Testament" zu berücksichtigen, dessen Folgerungen und Schlüsse von uns nicht immer akzeptiert werden können. J. M. Briefe an die Redaktion Die Stellung Philos Die Abenteuer der Graeia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIM ER 3. Fortietmnfr Auch der Rat war aufgestanden: „Ihr droht, Herr Mendez?" Francisco sprach schon in die Frage hinein: „Ja, ich drohe. Ich stelle mich eurem Schlag. Ich will weder Geld verdienen noch andere verdienen hissen, wenn man um mich herum Unrecht tut und Opfer sucht, wo man nur mich suchen und opfern dürfte. Setzt mich gefangen! Denn ich bin der Jude, den ihr treffen wollt." Der Beamte machte große, starre Augen. Er sah, daß vor diesem unheimlich ruhigen Mann, der vor ihm stand, diplomatische Kniffe versagen mußten. Er holte tief Atem, bevor er antwortete: „Bis morgen um diese Stunde wird eine Entscheidung ergehen. Ich will noch heute mein Kollegium berufen, das pflichtgemäß zu beraten und zu entscheiden hat Mendez wiederholte ohne äußere Bewegung: „Bis morgen um diese Stunde." Dann ging er mit einer stummen Verbeugung. Er ging nicht nach Hause und nicht in seine Bank. Er ging zum Hafen, wo die Schiffe lagen, die eben angekommenen und die demnächst ausfahrenden. Er kannte sie fast alle, so wie man Freunde kennt. Er erinnerte sieh des Tages, wo er mit Gracia hier gewesen war, jenes gesegneten Tages, an dem sie sich wieder nahegekommen waren. Er suchte auch jetzt nichts anderes, als hier ihr und ihrem Verlangen nach der Fern«, nach der Weit nahe zu sein. Er wollte seinem rechnenden Kopf, seinem auf Wort und Gegenwert bedachten Beruf entfliehen. Er wollte träumen, wie Grncia träumte. Von Flucht und Fahrt, von Abreise und Ankunft, von neuem Leben, von Freiheit, vom Glück des Glaubens und von der göttlichen Vorsehung. Er ließ sich mit Kapitänen und Schiffsbesitzern in Unterhaltungen ein, er war gesprächig, machte Witze und setzte sich sogar mit einem gerade aus Antwerpen zurückgekommenen Reeder in eine Hafenkneipe. Ob er seinen Bruder, den Diogo Mendez, nicht gesehen oder gar gesprochen hahe? Wie es in Antwerpen ausschaue? Dies und anderes fragte er. Er überschattete den Reeder mit Fragen. Dieser merkte, daß der Herr Mondez außer sich sei oder so sehr in sich vergraben, daß er kaum Antworten erwartete. Er erzählte von der Stadt Antwerpen: nein, den Bruder habe er nicht gesehen, aber an allen Ecken und Enden von ihm gehört. Es sei ja erstaunlich, wie sich das Haus Mendez im Norden herausgemacht habe, es eifere ja Der „Tag der WIZO" Zu dem Bericht über die W i z o - T a g u n g in unserer letzten Ausgabe ist folgendes nachzutragen: Am Nachmittag wurden grundlegende Fragen der Wizo- Arbcit behandelt, und dabei ergab sich die Notwendigkeit, die Stellung der Wizo innerhalb der zionistischen Arbeit zu umgrenzen. Es wurde einstimmig folgende Erklärung angenommen : „Die Wizo-Tagung aal 5. Februar stell! folgendes fest: Die Wizo leistet ihre Arbeit auf der Grundlage des Basler Programms. Demgemäß sieht sie es als eine ihrer wesentlichsten Aufgaben an, daß ihre nichtzionistischen Mitglieder dein Zionismus zugeführt werden und sich der Zionistischen Organisation anschließen. Diese Feststellung schließt nicht aus. daß auch in Zukunft nichtzionistische Frauen dem Verband als Mitglieder beit reten." Frau Möller (Hamburg) und Frau Erhard (Berlin) berichteten über ihre Erfahrungen auf dem Gebiete der Werbung und Propaganda und machten Vorschläge für den bevorstehenden Werbemonat; Frl. Dr. Lieber (Frankfurt a. Main) behandelte in einem Referat die Frage der Jung- Wizo. Die Ergebnisse des Delcgiertentages wurden eingehend besprochen und die sich daraus ergebenden Aufgaben für die Wizo festgestellt. Persönliches. Am 1. März begeht der ehemalige Hildesheimer Landrabbiner, Dr. A. L e w i n s k y, seinen 70. Geburtstag. Fast 45 Jahre hat er seines Amtes als Rabbiner gewaltet. Der größte Teil seiner Amtstätigkeit, und zwar seit November 1802, war den Synagogen-Gemeinden der beiden Regierungs-Bezirke Hildesheim und Stade (Provinz Hannover) gewidmet. Zwei Jahre vor seinem Amtsantritte in Hildesheim war er als Bezirks-Rabbiner in Weilburg a. d. Lahn (Reg.-Bez. Wiesbaden) tätig. Seit dem 1. Juli v.J. ist Dr. Lcwinsky antragsgemäß in den Ruhestand getreten. Seitdem hat er seinen Wohnsitz nach Mainz verlegt. Dr. Gerhard Herz, Düsseldorf, bittet uns mitzuteilen, daß sein Artikel „Jüdisches Chorwesen" („ein Beispiel aus der Praxis") in Nr. 7 vom 24. 1. 36 in einer von der Redaktion stark gekürzten Form erschienen ist. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg nimmt Schülerinnen und Praktikantinnen zur Ausbildung in Hauswirtschaft, Säuglings- und Kinderpflege auf. ANTWORTEN DER REDAKTION Dr. Heinz B. Mendel, Hamburg. Die von Ihnen gewünschte Feststellung können wir leider in unserer Zeitung nicht bringen. Ludwigshafen a. Rh., 9. 2. 38 An die Reduktion der „Jüdischen Rundschau" Was IIerniann N tutnatk in seinem Briefe in Nr. 11 über die Stellung; Philos ausführt, finde ich be^tieGt durch die Darlegungen eines anerkannten Philonkenners wie Prof. Leopold Cohn in seiner Vorrede zu dem von ihm herausgegebenen Buche „D i e Werke Philos von Alexandria in deutscher l'elicrsciziing; Erster Teil", Breslau 1909. Prof. Colin schreibt hier: „Trotz seiner giiccliischcn Denkweise war Philo ein frommer, strenggläubiger und gesetzestreu'T Jude. Die griechische Bibelübersetzung ha'te iür ihn dieselbe Au'orität wie der l'rtext für die paiii. tihcnsi-ehen und babylonischen Juden. Alles, was er in seiner griechischen Bibel las, hielt er für g etliche Offenbarung, denn auch die Uebcrsctzer waren nach seiner Meinung von g.'»!! liebem (»eist, inspiriert. So lic-4 er denn aui h manches aus semer hibcl heraus, was sofort hinfällig erscheint, wenn man den hebiaisi hen Text vergleicht und i-ieht, daß in der Seetuagin'a fai - h , übersetzt ist. Alle?.<i in (bar von Mo>es vin.ibten Gcse'/- bin hein gelten ihm als goi.tliihe Ansprüche, als Orakel. Aehr.li'h wie R. Akiba halt Philo auch (las kleinste Wert in dt r Ibbel dir bedeutsam. Paß Moa-s der Verlasser des Gesetzes d. h. des Pentat' u<h i-t, untet liegt iur ihn nicht dein geringsten Zweifel. De biblischen Gebote sind, wie er an eirnr S'Gie ausdrücklich sagt, teils direkte- Ott, n'eirungen Gottes, die von Moses vcrdolrne'scht und aet'g zi.ichnet sind, teils Aue : ae'he des von g■•' :- liehern GGve eiiuh on giol'en Propheten M'ms, Alle IGz-dilungen ehr liiirei entbahen nach ihm wahre gesehiehtk Ge Begebenheiten; auch die wunderbaren Erzählungen im Leben der Patriarchen, die Geschichte von den zehn Plagen, vom Durchzug der Israeliten durch das Schilfmeer usw. erzählt er wieder, ohne einen Zweifel an ihrer Geschichtlichkeit zu äußern. K Wenn er auch in den allegorischen Schritten alles alleirisch deutet und die Persönlichkeiten der biblischen Erzählung wie die gesetzlichen Vorschriften in Mecn und Symbole aufliest, fordert er doch den festen Glauben an die Wahrheit der biblischen Erzählung und strengste Beobachtung aller in der Heiligen S 1 nft vir rdn 'tu G ' uk und (b-setze. Er eifert sehr energ seh gegpn eie fr i< Kiel tung m Ii i m h i die v n d< r 1 ci' u 'uip g<vi"sir /ereii oii dfisctze i Ii um gl mblc al dun zu dürfen, weil sie symbolisch in gi 1 d t \ui ii k n in p-> 12). , Als wahrhaft frommer unei von 1 i isti ung tur eleu ,u h b n < u' n er ullur M um 10 he nt i r in kr \ 11 i u ig der r. h- (riii.cn und sibliehen Gruudlchr 1 d s In 1 Iitunis M t < lull ni m 1 i i r ) i ngiti er tur d n M i t ii ii u immer v n le lx-- ii er s h nie in den mon < /' i f eb c ic ^iuhervorlluma i zu litat Pr I termaiill II l '«-■ ioi Ii l'.ini r D r- 1,11t!- e e J'l.iio- ..l.) i e 1 u ii e n - 1 1 t ii in Phil. Iii ' '11-',.' II. \s Ii III -rillen eer I h n T ir i \ ii i i 1 r ' < i d in I u i / u d n 1 ,- II u , / neu Uno nur ei ...oi uei :en .Tili ir 1 i i t - zu ' it, n Vi e sear er im In iciuuni v/urzilt. / i sn i r 1 1 in i d iti l r w i t i1 tili ti r I 11 in r ] i , n K ii m n i n zun Pi ii i r ah bi t ii u d w hl Hb s in' u i i g n hervorgegangen ist'' (b. 33). II > Iii Ii 1 igss Ii kabomer J)r. Ernst S t e c k e 1 m a c h e r Alle Ihre Bücher von der Buchhandlungam Zoo Fritz Ring Charlottenburg, loachimsthaler Straße 43-44 Mi'elied der iüdis'hen Gemeinde Telefon Bismarck 650* schon mit den Fuggers und den andern Firmen des .Nordlandes um die Wette, es streue ja sein Geld da oben aus vollen Händen in die Geschäfte und in die Politik. Dazu könne man nur gratulieren. Die Antwerpencr Börse sei ja ohne den Namen Mendez gar nicht mehr denkbar. Das Haus Mendez sei eine Macht. Der Reeder stieß mit Francisco auf weiteres gutes Gedeihen seines Hauses an. Dieser faßte nur den letzten Satz in seiner ganzen Bedeutung auf. Das Wort Macht faszinierte ihn, hob ihn über seine Träume hinaus, gab ihm neue Haltung und ließ ihn geradezu erwachen. Er lächelte vor sich hin. Macht, Macht — ja, das sei es, worauf es ankomme, worauf man sich stellen müsse wie auf einen Felsen. Von diesem Felsen könne man in den Abgrund oder aber hinauf in den Himmel springen. Man müsse nur den Mut haben zum Sprung, zum Absprung, zum Aufschwung. Zum Donnerwetter! Francisco halte dies an seinem Partner vorbei und über ihn hinausgesprochen. Zum Schluß schlug er mit beiden Fäusten auf den Tisch. Der Reeder kannte den kleinen, gemessenen Bankier Mendez nicht mehr und wußte sieh seine Reden nicht anders zu deuten, als daß er offenbar vor einem ganz großen Geschäft stehe, das ihn so mächtig aufrege. Er bewunderte die Leidenschaft dieses heimlichen Juden für sein Geschäft und dachte sich, daß ein Portugiese vom Verdienst und Gewinn nie so verzaubert werden könne wie eben ein Jude. Für alle Fälle aber sagte er, daß er, wenn Herr Mendez. ihn brauche, zur Verfügung stehe. Verdienen werde ju in der heutigen Zeit sehr groß geschrieben. Francisco sah den Mann erstaunt an: Verdienen? Groß geschrieben? Ja, und klein schreibe man, was recht und billig und Gott wohlgefällig sei. Die Welt sei voll von heiligen Worten und ebenso voll von unheiligen Werken. Zwischen beiden sei eine Scheidewand, eine Mauer — ehe die nicht gefallen sei, möchte man niel t mehr leben. Oder auf einer Insel wohnen bei den Heiden. Der Reeder sah ein, daß es mit Herrn Mendez nicht ganz richtig sei. Ein Herr Mendez schwärmt? Ein Herr Mendez. treibt Philosophie oder gar Theologie? O Gott, o Gott! Da kehrt man besser zu seinen Geschäften zurück. Das sieht ja gerade so aus, als ob sich Herr Mendez in seinen Unternehmungen übernommen, als ob er sich, dieser dreimal schlaue Jude, verspekuliert habe. Da wird man gut daran tun, sein Geld, das man bei ihm stehen hat, schleunigst zurückzuziehen. Verflucht, verflucht -— wozu duldet man denn diese Juden, wenn auch sie den Kopf verlieren? Der Reeder verabschiedete sich und ging. Als er im Hafen sein Erlebnis mit. Herrn Mendez erzählte, wurde er ausgelacht und gefragt, ob er diesen nicht durch ein W'eiuglas angeschaut habe, nämlich durch dasjenige, das er selbst zuviel getrunken habe. Schließlich beruhigte er sich bei dem Gedanken, (laß Herr Mendez wohl von einer Gasterei gekommen war, bei der er mehr getrunken hatte, als ihm znträglich war. Wobei ihm freilieh sogleich die Frage h iiiterherkam: Seit wann trinkt Herr Mendez mehr, als er vertragim kann? francisco wurde an diesem Tag nicht mehr nüchtern. Er stürzte aus Räuschen in Zweifel, aus /weifein in Räusche. Er ying durch die Straßen, (rot in Kiiihen ein, die um Weg lagen, fühlte sich in ihnen und auch in der Stadt als ein fremder Gast, nicht dazugehörig, ohne Verbindung mit den Mauern und Räumen. Immer w ieder gingen seilte Gedanken zu Graeia hin und zu d-m Kind oder zu den Gräbern seiner Eltern und seines Bruders. Was tot war und was lebte, stund gleich leib.iaf.ig oder auch glci< h unkürperlich vor ihm. Er strich an dem fest ungsahnik bell Haus vorbei, in dem er seine Leute gefangen wußte, schlug mit den Fäusten gegen die Steinquadern, wie wenn er sie zerschlagen könnte, und lud) sein Herz zu den Gefangenen hinein wie zu geheiligten Wesen, ähnlich wie es einst, die Christen mit ihren Märtyrern getan hatten. Als er endlich wieder zu Hause war, umarmte er sein« Frau mit einer stürmischen Leidenschaft, die sie erschreckte. Er hob das Kind aus der Wiege hoch und sang einen jüdischen Segen über ihm. Erst in der „Burg", als er vor den heiligen Rüchern saß, wurde er ruhiger. Er lernte aus ihnen den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht. Das eheliche Schlafzimmer betrat er nicht. Sehr früh am Morgen kam die verängstigte Gracia, um nach ihm zu sehen, und fand ihn schlafend in seinem Stuhl. Er schreckte auf, als sie vor ihm stand und aus ruhigen Augen auf ihn niedersah. Sie beugte sich über ihn. Ein paar Seisunden bedachte er sich, dann sagte er: ,,Gracia, wir werden wandern. Laß mir nur Zeit, du Liebe!" Gracia schlug wie ein Kind, das endlich einen Wunsch erfüllt bekommt, die Hände zusammen und flog dem sich Erhebenden in die Arme. Im Uebersehwang der Freude aber sagte sie ihrem Manne ein Wort, das ihn von Stund an nicht mehr verlassen sollte: „Francisco, Israel ist führerlos, du wirst sein Führer sein. Der Erhabene, den wir preisen, wird dir die Kraft dazu verleihen." Er taumelte zurück und wehrte in fast kindlichem Ton ab: „Bedenke doch, ich bin ein Kaufmann, ein Händler, ein Mann, des Geldes." Gracia ging ihm nach bis in die Ecke, in die er sich zurückgezogen hatte, und stand groß vor ihm:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.