Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1936)
- Date
- 1936-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 12, 11. IL 1936 als „jüdische" Firmen, weil sie von Juden gegründet oder geleitet sind; in Wirklichkeit sind sie aber mehr international als jüdisch und haben viel mehr christliche als jüdische Angestellte. An der Getreidebörse (Effektivgeschäft) in Buenos Aires gibt es unter 1278 Mitgliedern 84 Juden, in den großen Banken haben die Juden geringen Einfluß; dagegen sind sie unter den Geldwechslern und in kleineren Banken stärker vertreten. Die jüdischen kooperativen Banken (Leihkassen) zählen viele Tausende von Mitgliedern. — In Buenos Aires existiert auch eine Camara Comercial lndustriai Israelita, ein Fach verein der mittleren jüdischen Kaufleute und Industriellen, der seinen 3(X) Mitgliedern mit Informationen und juridischem Rat zur Seite steht. Der Jude arbeitet, wo die Arbeitszeit nicht wie durch den Achtstundentag in der Industrie oder durch gesetzlich festgesetzten Ladenschluß am Abend oder durch Sonntagsruhe (die meist schon Sonnabend mittag beginnt) beschränkt ist, viel mehr als der N i c h t j u d e. Fr bringt von Osteuropa die geschäftliche Hast und Zähigkeit hinüber und hat wenig Verständnis und Verwendung für „freie Zeit". Der Nichtjude in Südamerika dagegen hat in geschäftlichen Fangen keine so große Eiie, handelt viel mehr mit nonchalance. In den Regierungsbüros wird am Vormittag gar nicht, am Nachmittag fünf Stunden gearbeitet, in den großen Banken sechs Stunden täglich. Die Angestellten haben Anrecht auf einen Monat Urlaub im Jahr und haben an 55 Feiertagen (außer Sonntagen) frei. Akademische Berufe Sehr stark ist der Andrang der Juden zu den akademischen Berufen. Das tritt zwar noch nicht so sehr in der Zahl der jüdischen Aerzte, Advokaten, Ingenieure hervor, weil die jüdische Einwanderung noch jungen Datums ist, aber in der zweiten Generation zeigt sich ein hoher Prozentsatz der Juden unter den Studenten. Es gibt keine statistischen Daten hierüber; die Schätzungen, die ich für einige Orte erhielt (in Montevideo 5 Aerzte, 3 Zahnärzte, 1 Advokat, aber 7« Studenten, in Recife 3 Aerzte, aber 20 —30 Studenten, in Chile 20 Advokaten, -Ii) Aerzte, dagegen mehr als 100 Studenten, der Medizin und Jurisprudenz)' zeigen aber, daß die Zahl der Studierenden zwei- und dreimal so groß ist als die Zahl der jetzt bereits ihren Beruf ausübenden Akademiker. Das heißt, daß in spätestens 6 Jahren sich die Z a h I d e r jüdisch e n A e r z t e, A d v o k a t e n, Ingenieure -.- in die Beamtenstelltmgen kommen Juden nur schwer hinein verdoppelt oder verdreifacht haben wird. Was aus all diesen neuen Akademikern werden wird, ist ein .schweres Problem. Iis ist schwer, die jungen Leute von der Absieht des Studiums abzubringen, weil ihnen sehr wenig sonstige Berufe offen stehen, die ihnen ein bürgerliches Auskommen geben können. Das 1 landwerk steht auf tiefer Stufe, der Kleinhandel und die BürosteHungen sind überfüllt, und zum Großhandel gehört Kapital, das sie nur selten besitzen. Wenn man die 23 000 Juden, die in den landwirtschaftlichen Kolonien leben, asiHrr Betracht läßt, so ist die berufliche Gliederung der Juden in Argentinien etwa die, daß •10 v, von I lauieriiandel und Abzalilungsge.sch.aft, 2t «öi von Industrie und Handwerk, 20 «•» vom Ladengeschäft, 15 » 0 von UroiiiWüdei, freien Berufen und Renten leben. In den anderen 1 ämlereien i-t die Berufsgliederung insofern verschieden, als der Prozentsatz, der von Hausierhandel Und Abzahlungsgeschäft Lebenden um so grüßer ist, je jünger die Einwanderung ist, und demgegenüber die anderen Berufe, besonders Großhandel und freie Berufe, schwächer besetzt sind. In Bahia (Brasilien) sind von 150 jüdischen Familien 120 im (Hausier- und) Abzahlungsgeschäft, 25 in Ladengeschäften tätig; in Recife (Brasilien) von 300 Familien. 250 im (Hausier- und) Abzahlungsgeschäft, 30 in Ladengeschäften. In Peru und in Paraguay leben fast alle Juden, mit wenigen Ausnahmen, vom Handel. Optimistischer Ausblick Wenn auch die Berufsgliederung der Juden in Südamerika manche Probleme und Gefahren in sich birgt, so ist doch ihre wirtschaftliche Lage zur Zeit durchaus als'günstig zu bezeichnen. Die Krisis von 1930 32 hat sie zwar um 5 oder 10 Jahre zurückgeworfen, aber ihr allgemeiner wirtschaftlicher Aufstieg ist in die Augen springend und geradezu überraschend. 1 s gibt unter ihnen keine Arbeitslosigkeit; der Hausierhandel und das Gewerbe des Klippers verschaffen auch dem Einwanderer, der ohne einen Cent in der Tasche ankommt, die baldige Möglichkeit eine« Veulieusfes. In besonderen Notfallen hellen in der er-fen Zeit die jüdischen Hilfskomitees mit, um den Einwanderer auf die Füße zu stellen. Auch die jüdischen 1 )ailehn.sirenossensehaften (Leihkassen), die in Buenos Aires und Wmtcv ido Tau-.cn.!e \.,n Mitgliedern haben, sind sehr nützlich, Mit Stolz wurde mir von den luden in vielen Städten gesagt, daß es unter ihnen keine Hungrigen und keine Kinder ohne Schulbildung gäbe. Wo einer dieser seltenen Fälle einträte, greife sofort die Gemeinde ein. Das Vertrauen der Juden in ihre wirtschaftliche Zukunft steht in schroffem Gegensatz zu der Hoffnungslosigkeit ihr« Brüder in Osteuropa; überall zeigt sich gesunde Energie und Optimismus. In der Regel ist die wirtschaftliche Lage des einzelnen Juden um so besser, je länger er bereits im Lande ist; das ist ein deutlicher Beweis ihres allmählichen Aufstiegs. In Buenos Aires wurde mir von den Komitee-Mitgliedern der jüdischen Handelskammer gesagt, daß die Juden, die vor dem Weltkriege ankamen, heut im Durchschnitt bereits wohlhabend sind, die Einwanderer aus der Zeil von 1915 bis 1025 ein bürgerliches Auskommen haben und nur die Einwanderer seit 1923 noch um ihre Existenz, aber mit guten Aussichten, ringen. In Rio de Janeiro ist es ebenso, nur ist die Gesamtlage weniger günstig, weil die jüngeren Einwandererschiehten stärker vertreten sind. Doch bietet alles in allem die wirtschaftliche Lage ein durchaus erfreuliches Bild. _ (Weitere Teile folgen) Europa und der Orient Hüaire Bclloc über die Zukunft Palästinas Im Cassell-Verlag erscheint soeben unter dem Titel „Das Schlachtfeld" die jüngste Arbeit des englisch-katholischen Schriftstellers Hilaire Belloc, in der er auf die Möglichkeit hinweist, daß Palästina und Syrien der Schauplatz eines großen Religion« Krieges werden könnten. (Wir haben hier kürzlich eine in der Zeitung Universe" erschienene Aetißerung Bcllocs zur Palästinafrage zitiert. — A. J. R.) Belloc ist der Ansicht, daß die europäischen Mächte auf die Dauer nicht imstande sein werden, sich auf dieser Brücke zwischen Europa und Asien zu halten. Einmal seien Syrien und Palästina im Grunde eine Einheit und die politische Teilung des Gebietes widerspreche den natürlichen Verhältnissen; sie werde darum vermutlich keinen Bestand haben. Zum anderen seien Frankreich und England, „die beiden Herren, denen Syrien künstlich zugeteilt wurde, gegensätzliche Rivalen — potentiell Feinde." Der Verfasser setzt sodann auseinander, daß hinter den beiden Mächten nicht die Kraft der Religion stehe. Sie waren und sind von einer Uebersteigerung des Nationalismus geleitet, von der Sucht nac h wirtschaftlichen Vorteilen. Die Politik sei insbesondere durch das Interesse am Erdöl bedingt. Die religionsverkümmerte europäische Herrschaft habe sich gegenüber feindlichen Millionen z\i behaupten, die ihrerseits die Religion, die sie geschaffen hat und durch die sie leben, nicht verloren haben. Die französischen und englischen Beamten und die ihnen unterstellten zahlenmäßig geringen militärischen Kräfte stehen isoliert mitten in einem Meer des Islam. Die gleiche Kraft, die einst die Kreuzfahrer vernichtete, sei heute in Syrien aktiver als jemals. Materiell sei sie wohl ganz oder teilweise entwaffnet; geistig aber sei sie bewaffnet genug. Man könne zwar nicht sagen, ob der Islam des ganzen Orients, vom Atlantischen Ozean bis zum Ganges, materiell die gleiche Stärke wie der Westen wiedererlangen wird; es gebe jedoch keinen vernünftigen Grund, die Möglichkeit einer solchen Erhebung zu verneinen. Die Mohammedaner in der Zeit Richclieus und Cromwells waren besser ausgerüstet als die Franzosen und Engländer ihrer Tage. Es sei darum fraglich, ob Europa die so lange für gesichert gehaltene Ueberlegenheit gegenüber dem Islam lange Zeit aufrechterhalten werde. England sei in Palästina besser daran, da es große Vorteile biete, als Förderer und Schützer der j ü - di sehen Einwanderung aufzutreten. Die jüdische Einwanderung verschaffe Palästina Einkünfte, die fast größer seien als die Möglichkeit ihrer Verwertung. Als großes Bankenland hätte England wohl das Experiment aus eigenem materiell stützen können; tatsächli chbringe es sich selbst in Gang und mehr als das. Haifa, der einzige wirkliche Hafen an der ganzen Küste, sei mit jüdischem Geld erbaut; ohne das Geld, das mit den jüdischen Einwanderern einströmte, würde Haifa nicht das sein, was es tatsächlich ist. Dasselbe werde sich binnen kurzem bei der Entwicklung des Stra ßennetzes und bei der Wiederauftorstung zeigen, es sei bereits in der großen Menge neuer Bauten sichtbar. Die ganze Umgebung von Jerusalem sei bereits umgewandelt. In der Esdrealon-Ebene, in Bethlehem an den Abhängen bei Tiberias, überall gehe der neue Aufbau vor sich. Bei alledem müsse man aber dessen eingedenk sein, daß das, was getan wird, nicht unmittelbar für die englische Macht, sondern für die Juden geschieht. Der Vorteil der Juden, als der Verbündeten der englischen Macht, könne ein Vorteil Englands sein, er sei aber nicht ein unmittelbarer Vorteil; und er habe eine sehr ernste Kehrseite, nämlich die, daß von allen Störungen von außen, die Syrien bei den Veränderungen in neuer Zeit erlitten habe, die stärkste und von der eingeborenen Bevölkerung am meisten verhaßte der Zionismus sei. Man könne, fährt Belloc fort, diesen Haß als unwirksam bezeichnen; der jüdische Fortschritt müsse andauern, solange Frieden herrscht und England ungestört die Macht in Händen hat. Die Juden bringen eine weit höhere materielle Kultur mit, geschulte wissenschaftliche Fachleute, eine bedeutend vermehrte Nutzung des Landes und seiner natürlichen Hilfsquellen. Sie können aus einem unversiegbaren Menschenreservoir schöpfen. Ohne die teilweise Einschränkung seitens der Behörden würde der Strom das Land sofort überfluten. Aber schon bei seinen jetzigen Formen könne man sehen, daß d i e jüdischen Anstrengungen bereits Erfolg Ii a b e n. Ganz besonders die Hauptstadt werde umgewandelt; Jerusalem sei jetzt eine jüdische Stadt. Ah dies aber ruhe auf einer einzigen Grundlage: der Politik und der materiellen Kraft einer europäischen Großmacht. Sobald diese Macht auf anderen Gebieten beschäftigt sei oder diese Politik geändert werden würde, wäre das Ende der jüdischen Anstrengungen in Palästina gekommen. Diese Anstrengungen stützten sich auf etwas, dessen sich die übrigen in die syrische Welt eindringenden Kräfte nicht rühmen können, nämlich auf ein starkes moralisches Motiv, das zwar nicht religiös in technischem Sinn sei, aber die Macht einer Religion habe. Obwohl es gewisse Dissidenten gebe, sei die ganze jüdische Rasse, und jedenfalls der nach Palästina kommende jüdische Einwanderer, von den stärksten Motiven beseelt, die Menschen zur Tat führen können. Aber diese Kraft allein würde es den Juden nicht ermöglichen, sich gegenüber der grimmigen Feindschaft der sie umgebenden mohammedanischen Welt zu behaupten. Diese Feindschaft sei eine ebensolche moralische Macht, Wir im Westen, schreibt Belloc zum Schluß, würdigen diese Macht nicht, weil wir nicht ihren Ausdruck hören; wir sind nicht Zeugen der Gebärden, noch Partner bei den Unterredungen, die den Nahen Osten erfüllen; lassen wir sie aber außer acht, dann lassen wir etwas außer acht, was eine Wendung unseres Schicksals herbeiführen könnte. Wiener Brie! Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, 9. Februar In zwei Plenarsitzungen, die am 6. und 7. Februar abgehalten wurden, hat der Vorstand der Kultusgemcinde, der sich nach dem Ausscheiden der Minorität insgesamt aus 17 Mitgliedern zusammensetzt, die durch die Mandatsnicdcrlegung der der ,,Union" angehörenden Mitglieder notwendig gewordene Neu Konstituierung vorgenommen. Im Präsidium der Gemeinde, das bisher aus Staatsrat Dr. Friedm a n n, Oberbaurat Stricker und dem Unionistcn Dr. Ticho bestand, ist jetzt durch das Ausscheiden des letzteren die Neuwahl eines Vizepräsidenten notwendig geworden. Die Wahl fiel auf den bisherigen Obmann des Klubs der zionistischen Mandatare und Rat der Stadt Wien, Dr. Jakob Ehrlich, der zum Vizepräsidenten der Gemeinde gewählt wurde. In der gleichen Sitzung wurde der einhellige Beschluß gefaßt, Neuwahlen des Gesamtvorstandes auszuschreiben. Die durch das Ableben des Amtsdirektors und ersten Sekretärs, Regierungsrat Fuchsgelb, im Sommer vorigen Jahres freigewordene Stelle wurde rovisorisch dem früheren Vizepräsidenten Dr. Josef öwenherz übertragen. Die in Wien verstorbene Frau Sarah Fricdmann, deren Tod die „Jüdische Rundschau" gemeldet hat, war die Tochter des Ottyniaer Rebbe und seit 35 Jahren mit dem Hustathyncr Rebbe, dem in Chassidim-Kreisen sehr bekannten Rebbe Israel Fried mann, dein einzigen noch lebenden männlichen Enkel des berühmten Rizeners, des Begründers der Friedmann-Dynastie, verheiratet. Mit der Verstorbenen ist eine überaus edle und gütige Helferin, eine durch hervorragende innere und äußere Eigenschaften ausgezeichnete Frau in der Blüte ihres Lebens gestorben. Ihre Schönheit war berühmt, aber auch ihre menschlichen Qualitäten standen auf hohem Niveau. Sie, deren Ehe kinderlos geblieben war, sorgte dafür, daß jüdischen Müttern, die nicht mit Gütern gesegnet waren, nach Kräften geholfen wurde. Auf diesem Gebiete leistete die Verstorbene Außerordentliches, Sie begründete vor 12 Jahren den Verein „F r a u e n h i I f s - aktion für Kranke und Wöchnerinnen", dessen Wirken überaus segensreich war. Sarah Friedmann widmete sich mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit diesem Werke. Dank ihrer unermüdlichen und aufopferungsvollen Arbeit konnte sie eine Viertel Million Schilling an arme Kranke zur Verteilung bringen. L Else Laskcr-Sdiülcr Zu ihrem 60. CeluirtsfOK am II. Februar Von Alfred W o! f e n s t e i n W-enn man dieser Dichterin heute gedenkt, dieser begabtesten, die das Judentum unter den musisch schaffenden Frauen hervorgebracht hat, so stellt sieh uns ein ganz versunkenes Vineta der Kunst wieder vor Augen. Obwohl das wunderbare Spiet ihrer Ver-e und Prosa lein, udig geblieben ist, zeigt es doch besonders d.-tifhYh wie ein schmerzliches Sinnbild die Wandlung an, die .sich seither zwischen Dichtung und Leben vollzogen hat. Damals, in grauer oder vielmehr blauer Vorzeit, gehörte ihre Dichtung, ebenso wie die Theodor Däublers, zu einer Generation, die junger war als sie. Unter uns kurz vor dem Kriege Hervortretenden saß sie wie eine weise und zugleich kindliche Frau, wie eine Königin der Kunst. Als Prinz von Theben, als M.alik machte sie aus der Welt um sich einen Traum von majestätischer Herrschaft des Künstlers, von westöstlichcr Vereinigung aller liebenden Menschen, von Verwebung biblischer und abendländischer Schönheit, wie in einem einzigen Tibetteppich. Sie ernannte die Poeten und Freunde ringsum zu Statthaltern und Herzögen der Schwärmerei. An ihrem spielerischen Hof geschahen alle möglichen Taten der Politik des Herzens, Intriguen der Menschlichkeit, Kriege der Liebe. In ihrem Reich waren die Körper aus dem Baustoff der Zärtlichkeit gefügt, so daß es vorkommen konnte, daß „dem Jussuf vor Liebe eine Rippe in der Brust brach, gleich einem der Aeste des Elfenbeinbaumes". So lebte und dichtete sie in der selbstgeschaffenen Wirklichkeit vor sich hin — es war dieses letzte Mal noch möglich! —, während die Welt um sie den blutigsten Katastrophen entgegenging. Else Lasker-Schüler verkörperte noch einmal in halb bewußter, halb naiver Unbeirrbarkeit den Unterschied zwischen einer vom Gefühl regierten Frau — und jenen mit dem Zeitgeschehen verbundenen Dichtern des „Expressionismus", die in ahnenden und mahnenden Versen die großen Umwälzungen vorausgestalteten. Aber auch in der Lyrik da Lasker-Schüler spricht die tiefe Empfindung eines Endes. Ihr Spielen ist ein zitterndes Verstecken, ihre Einsamkeit der wachsende Untergang aller Beziehungen, tmd noch in ihrem Lieblingswort „immer..." drückt sich die Furcht vor der Vergänglichkeit aus. Es ist ein sehr jüdisches Motiv, — und jene Zeit versuchte es noch nicht zu überwinden, sondern wühlte sich gern hinein. „Ich bin müde vom Tod." Der zurückgehende Gedanke an die geliebte Mutter, die gehegte Trauer um den Verlust des einzigen Sohnes, jede Liebe selbst ist sanfte oder wilde Flucht vor der unbegreiflich hinrollenden Zeit. Und wie in einein Zentrum scheint sich diese Flucht in dem Bewußtsein ihres Judentums zu sammeln, alles wird zu dieser Vergangenheit und Vergänglichkeit ihres jüdischen Schicksals, wenn sie spricht: „Der Fels ist morsch, Dein ich entspringe Und nieine Göftedieder singe , . . Und immer, immer noch der Widerhall In mir, Wenn schauerlich gen Ost Das morsche Felsgebein, Mein Volk, Zu Gott sclirett." Aber in diesen „Hebräischen Balladen" eröffnet sich hinter dem düsteren wüsten Eingangsgedicht eine blühende Landschaft voll biblischer Menschen. Die großartige Fülle unseres Besitztums an unvergleichlichen legendarischen Gestatten ersteht hier in einer genialen Sprache, in so holden Formen und lyrischen Formeln, v/ie man sie seit dem Hohenlied kaum gehört hat. Da ist Esther „schlank wie die Feldpalme", „Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme"; — Moses: „Als Moses im Alter Gottes war"; — David und Jonathan: „In der Bibel stehn wir geschrieben / Buntumschlungen"; Jakob „war der Büffel seiner Herde"; — Abraham „baute in der Landschaft Eden / Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt / Und übte sich, mit Gott zu reden" — Esau: „Um seine Schultern schlägt er wild das Dickicht." In dieser Else Lasker- Schüler regt sich die Süßigkeit Sulainiths und die Kraft Debora!«, zugleich der Stolz auf das eigenste jüdische Wesen, dessen Fahnenträger der jüdische Dichter vor allen anderen ist. Dichtertum und Judentum, Geist und Volk, zwei Wege, die oft aneinander vorbeiliefen, vereinen sich im vollendet lyrischen Ton dieser Verse. Sie sind eine neue Bestätigung des ewigen Gehaltes unserer Mythen, die jederzeit, auch in der schwersten Zeit, ermutigend wiedererstehen können. Die Klänge und Gestalten der „Hebräischen Balladen" ziehen sich durch das ganze Werk der Lasker-Schüler, auch wenn von Sankt Peter Hille oder der Wupper die Rede ist. Da sie nicht weit von Heinrich Heine geboren ist, in Elberfeld, besitzt sie die rheinische Heiterkeit, die douquijoteske Komik, die romantische Ironie jenes großen und guten Europäers. Doch sie lebt der Urheimat wieder näher und sieht sich und die Ihren „als goldene Säulen über das Abendland ragen, wie östliche Gedanken, ... vom Jordan umspült, ... mag es auch nicht jedem Juden gelingen, den Erzduft im Blute zu erhalten." lieber dem dunklen Gefühl eines Endes blitzt bei ihr eine neue Schönheit auf, entstehend aus der alten, die niemals untergehen kann. Sie ist dem Schicksal, dem Schmerz und Glück unsere» neuen Schicksals schon entgegengeschritten. Wird es zu neuen Schöpfungen führen? Das Land, dem ihre träumenden Worte galten, ist lebendige Wirklichkeit geworden. Juden leben und arbeiten dort in ihrem Vaterlande, und :n ihnen oder in ihren Kindern können sich jene legendarischen Figuren voller Anmut, Leidenschaftlichkeit, Klarheit und Güte immer wieder verkörpern. Der Fels ist nicht morsch; und frisch ist sicherlich das Wasser, was ihm entspringt. Unsere Kinder werden, so hoffe ich, beim mühevollen Kampf um den neuen Lebensraum den Geist nicht vergessen, der immer das Zeichen des Juden war, ob Städter oder Bauer, und seine besondere menschliche Blüte, die Kunst. Wenn wir Else Lasker-Schüler heute Glück wünschen, so wünschen wir es so: Möge ihre Dichtung, möge die jüdische Kunst in Zukunft Werke hervorbringen, ki deren formalem und sozialem Gehalt sich die wunderbare Wirkung offenbart, daß wir durch das Schicksal von heute für die Zukunft nicht schwächer, sondern ganz im Gegenteil stärker werden können.