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Jüdische Rundschau · 1936-02-11 · Heft 12 (11.2.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 12 (11.2.1936)
Date
1936-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Hr. 12. 11.11. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Neue und alte Berufe Die Juden in Südamerika <ni> Von Dr. Arthur Ruppin Rehr l1nlhd^ naCh,,0,^n,1e", Ahschn>" st,'IW» die in Nr. 7 und 11 begonnene Darstellung Dr. Ruppins von seiner ' wi^eZ^d ,^- 1°? (vgL auch Vormerkung in Nr. 7). In der heutigen Veröffentlichung behandelt Ruppin vorin $aJL,„l-i .Vlcl,e" Berufe; die nächste Fortsetzung wird der landwirtschaftlichen Kolonisation der Juden m aauameriha gewidmet sein. (Red.) Hausierhandel »nd Abzahlungsgeschäft Während in den Vereinigten Staaten die meisten der osteuropäischen jüdischen Einwanderer durch die Pforte der maeiinaustne als Arbeiter in das wirtseliaftliche Leben des neuen Landes eintreten, ist die Eingangspforte in Südamerika der H a u s i e r h a n d e 1 und das Abzahlungsgeschäft, in dieser Beziehung ist die Einwanderung nach Südamerika von der gleichzeitigen jüdischen Einwanderung aus Osteuropa naen Nordamerika grundverschieden; sie gleicht eher der ihr zeitlich vorangehenden Einwanderung aus Deutschland nach Nordamerika, die auch zum großen Teil mit Hausierhandel begann und von hier aus zum Ladengeschäft, zum Betrieb einer Werkstatt oder zum Großhandel aufstieg. Uas Arbeiterelement war in ihr, ebenso wie in der jetzigen Einwanderung nach Südamerika, gar nicht oder nur sehr schwach vertreten. i?er,°nind dafür> daß rfie osteuropäischen Einwanderer im 20. Jahrhundert in Nordamerika Arbeiter in den sweatshops, in Sudamerika dagegen Hausierer oder Abzahlungsgeschaftsleute wurden, ist ein dreifacher. Erstens waren in Nordamerika die Arbeitslöhne der amerikanischen Arbeiter in den Nadelmdustrien verhältnismäßig hoch und der jüdische Einwanderer konnte bei diesen, vielleicht sogar bei noch etwas niedrigeren Löhnen existieren und seinen bisherigen Standard of life aufrecht erhalten. In Argentinien und noch mehr in Brasilien, Chile und den andern südamerikanischen Landern sind dagegen die Arbeitslöhne infolge der Konkurrenz der Eingeborenen so niedrig, daß die Einwanderer davon in Argentinien kaum, in den andern Ländern überhaupt nicht in der ihnen gewohnten Weise leben können. Zweitens boten den osteuropäischen Einwanderern in Nordamerika die deutschen Juden, die bereits die Kleiderherstellung in Werkstätten in die Hand genommen hatten und die jüdischen Einwanderer als Arbeiter einstellten, im Anfang einen Rückhalt. In Südamerika fehlt er. Drittens war in Südamerika ein gewisses wirtschaftliches Vakuum vorhanden, das der Hausierhandel und das Abzahlungsgeschäft ausfüllte. Das Leben spielt sich hier viel mehr auf der Straße und in Cafes ab und der Hausierer, der seine Waren auf der Straße oder in Cafes und Restaurants anbietet, hat ein großes Publikum vor sich. In Rio de Janeiro, aber auch in anderen Städten treten auf den Straßen die (meist christlichen) Verkäufer von Lotterielosen in solcher Menge auf, daß man glauben könnte, die eine Hälfte der Bevölkerung existiere davon, daß sie der anderen Hälfte Lose, verkauft. Aut dem Lande leben die^ Landwirte in Einzelgehöften, weit voneinander und von der Stadt entfernt, und der Hausierer, der ihnen in seinem Pack oder in einem Wägelchen Waren zum Kauf bringt, ist meist ein gern gesehener Gast, der die Einförmigkeit des Lebens unterbricht; er wird häufig mm Essen und Uebernachten eingeladen und .gleicht hierin dem reisenden jüdischen Kaufmann des frühen Mittelalters, der an den Höfen der Großen willkommen war. Das Abzahlungsgeschäft wird dadurch begünstigt, daß der Südamerikaner und besonders der Eingeborene keine Neigung hat zu sparen und selten genug Geld hat, um irgendeine größere Anschaffung (Möbel, Grammophon, Fahrrad, Schmuck, Kleider usw.) bar zu bezahlen. Der Kauf auf Abzahlung, wobei sich die Abzahlungsraten seinen (wöchentlichen oder monatlichen) Geldeingängen anpassen und vom Abzahlungsverkäufer einkassiert werden, ist deshalb eine Erleichterung und oft eine Notwendigkeit Der „Klapper" Da die meisten jüdischen Einwanderer ohne eigene Mittel ins Land kommen, müssen sie im Anfang den Handel in solcher Weise ausüben, daß sie dazu kein Kapital brauchen. Hierfür gibt es zwei Wege: den des Hausierers, der seine Waren (Knöpfe, Nadeln, Zwirn, Kämme, Krawatten, Strümpfe usw.) im Werte von wenigen Dollars in einem offenen Kasten oder im geschlossenen Koffer mit sich trägt und aut Straßen und in Cafes anbietet und gegen bar verkauft; oder den Weg des „Klappers", der für einen Abzahlungsverkäufer Bestellungen auf Waren von Privatleuten zu bekommen sucht und seinen Namen davon führt, daß man in Südamerika keine Wohnung betreten darf, ohne in die Hände zu klatschen („klappen") und zum Eintreten aufgefordert zu werden. Der Klapper trägt gewöhnlich auch einen Kasten oder Koffer mit Waren mit sich; aber das ist mehr ein Schild, um den Charakter seines Besuches anzuzeigen; es liegt ihm weniger daran, diese Waren zu verkaufen, als Bestellungen auf andere Waren gegen Abzahlung zu erhalten. Sein Verdienst besteht darin, daß er auf die Bestellungen, die er erhält, von dem Abzahlungsverkäufer einen gewissen Prozentsatz als Kornmission bekommt. — I>ic Gewerbesteuer, welche der Hausierer zu zahlen hat, ist niedrig; sie beträgt in der Regel in der niedrigsten Klasse, die nur geringwertige Waren verkaufen darf, 5 Pesos monatlich und steigt in höheren Klassen aut 15 und 75 Pesos. Der Abzahlungsverkäufer selbst, der in eigener Person oder mit Hilfe der „Klapper" Bestellungen zu erhalten sucht, ist nicht, wie das in Europa der Fall ist, Inhaber eines Warenlagers, sondern nur der Mittelsmann (und Träger des Kreditrisikos) zwischen dem eigentlichen Warenbesitzer und dem Klienten. Er wird in Argentinien „Cuentinik" genannt, weil er für eigene Rechnung (cuentn) kauft und verkauft; in Brasilien heißt er „K I i e n t e I s c h i k", weil er eine Kundschaft (Klientel) hat, die er mit Waren auf Abzahlung versorgt. Der Beruf des Cuenteniks oder Klientelschiks ist die zweite Stufe der wirtschaftlichen Leiter für den Einwanderer. Er erreicht sie gewöhnlich, nachdem er 2—3 Jahre als Hausierer oder Klapper tätig war und sich ein kleines Kapital von etwa 100O Pesos £ bO erspart hat, das ihn für den Warenkaufmann kreditfähig macht. Im allgemeinen Wird es in der jüdischen Oesellschaft einem Einwanderer als Makel angerechnet, wenn er über die ersten Jahre hinaus ein Hausierer oder Klapper bleibt; er gilt, dann als Schlemihl. Sobald er sich ein Mindestkapital erspart hat setzt er sich mit einem oder einigen Warenkaufleuten (Ladcnbcsit/crn) in Verbindung und vereinhart mit ihnen, daß sie den Klienten die er ihnen mit einer Anweisung zuschickt, Waren nach Wahl des Klienten bis zu dem in der Anweisung angegebenen Betrage überlassen, ohne von ihnen Zahlung zu verlangen. Er macht sich selbst den Warenbesitzern gepm.ber für den Kaufpreis (nach Abzug seines Verdienstzuschlags, der in der Regel 40 «vi des Kaufpreises beträgt) verantwortlich und kassiert seinerseits von dem Klienten die Abzahlungen, meist m 10 gleichen. Monatsraten, ein. Kooperativen Der hohe Verdicnstzuschlag ist zum Teil darin begründet, daß der Eingang der Abzahlungsraten mit einem großen Risiko verbunden ist; in Zeiten der Krise werden die Abzahlungen von den Käufern, die ihre Arbeit oder ihre Stellung verlieren, nicht geleistet; viele Cuenteniks sind hierdurch im Krisenjahr 1930 ruiniert worden. Andererseits erschwert der hohe Preis der Waren natürlich den Verkauf. Dies hat den Anstoß zu einer besonderen Organisationsform gegeben, die für das Abzahlungsgeschäft in Südamerika eigenartig ist und sich nirgends sonst findet. Die Cuenteniks haben sich in Argentinien, in Montevideo und anderwärts zu Einkaufskooperativen vereinigt. Diese Einkaufskooperativen kaufen die Waren meist im großen direkt von den Produzenten ein und geben sie ihren Mitgliedern zum Selbstkostenpreise ab, so daß diese den Gewinn für sich haben, den bisher der Warenverkäufer (Ladenbesitzer) hatte; sie sind selbst „Grossisten" geworden. Die größte dieser Kooperativen ist die Sociedad Comercial Israelita in Buenos Aires. Sie hat imposante Lager- und Verkaufsräume in einem eigenen Gebäude, das mehr als eine Million Pesos gekostet hatte. Ihre Einkaufs- und Verkaufsorganisation scheint ausgezeichnet zu sein. Ihre Leiter sagten mir, daß ihre Verkaufspreise (trotz, des Verdienstzuschlags der Cuenteniks) gar nicht oder nur unwesentlich höher seien als in irgendeinem anderen (gegen bar verkaufenden) Ladengeschäfte. Der Umsatz dieser Kooperative, die 1924 gegründet wurde, und am 31. 7. 1935 ein Kapital von 2 800 0«) Pesos besaß, betrug im Jahre 1934/35 5 100000 Pesos. Indessen ist dies nur ein kleiner Teil von dem Warenumsatz der Cuenteniks, denn neben der genannten Koopenative gibt es in Buenos Aires noch eine andere große Kooperative dieser Art, die Cooperation Commercial Israelitc, und es sind auch noch viele Cuenteniks vorhanden, die nicht Mitglieder der Kooperativen sind, sondern die Waren von Warenkaufleuten beziehen. — Die Kooperativen erfüllen auch Funktionen der sozialen Fürsorge und unterstützen die Hinterbliebenen ihrer Mitglieder. Welch gewaltige Bedeutung das Abzahlungsgeschäft für die jüdischen Einwanderer hat, ist daraus ersichtlich, daß in manchen Städten, z. B. in Bahia und Cerite (Brasilien), 80 bis 90 o/o der Juden davon leben; in den Ländern, in welche die Juden erst in der allerletzten Zeit eingewandert sind, z. B. in Peru, Paraguay, ist der Prozentsatz noch größer; hier leben fast alle Juden von diesem Erwerbszweige. Andererseits ist dort, wo die Juden schon einige Jahrzehnte wohnen, der Prozentsatz kleiner, weil ein Teil der Juden Inhaber von Läden oder von Werkstätten oder Engros'-Geschäften geworden ist. In Buenos Aires soll der Prozentsatz der Cuenteniks und Klapper unter der jüdischen Bevölkerung nur noch 20 bis 30o/o betragen. Die Cuenteniks nehmen Bestellungen nicht nur auf Waren, sondern auch auf andere Dinge, z. B. auf Vergrößerungen von Photographien entgegen. Eine besondere Kategorie bilden die „Corteniks", welche in den Provinzstädten cort Stoffe zur Anfertigung von Kleidern verkaufen. Eine höhere Klasse von Cuenteniks sind diejenigen, welche nicht überall, sondern nur unter den Büroangestellten und Beamten öffentlicher oder privater Betriebe ihre Klientel suchen. Während es im Hausierhandel neben den Juden auch viele Nichtjuden gibt, besonders Araber aus Syrien, sind sie im Abzahlungsgeschäft selten. Nur 5 o/o aller Cuenteniks in Buenos Aires sollen Nichtjuden sein. Interessant ist, daß die Sefaradim an dem Abzahlungsgeschäft nur wenig beteiligt sind; sie suchen, wo irgend möglich, ein Ladengeschäft zu eröffnen oder in einem solchen eine Anstellung m finden. Juden in der Industrie Neben dem Hausierhandel, Abzahlungsgeschäft (und Ladengeschäft) beginnt in den letzten Jahren die Trikotagen-Industrie für die neuen Einwanderer von Wichtigkeit zu werden. Viele Einwanderer aus Polen und Rumänien sind in der Trikotagen-Industrie fachkundig; die Trikotagen-Maschinen sind nicht sehr teuer und relativ leicht zu bedienen. Die Einführung dieser Industrie, die in Südamerika nicht bekannt war und im Lande selbst die Rohstoffe (Wolle und Baumwolle) und billige einheimische Arbeiter vorfand, hat sich überall als lohnend erwiesen und hat neben dem Hausierhandel und Abzahlungsgeschäft den Juden den Eingang zu neuen Ländern, z. B. Peru, Columbia, erschlossen. Die Industrie wird in kleinen und größeren Werkstätten, in denen von einer bis zu 20 Maschinen arbeiten, betrieben. Während die Trikotagen-Industrie neueren Datums ist, werden andere Industrien, die wie die Trikotagen-Industrie Werkstatt- (nicht Fabrik-) Charakter haben, von den Juden schon längere Zeit betrieben, z. B. die Erzeugung von Möbeln (Hoizmöbei, eiserne Bettstellen usw.), Lederwaren (iJamcntaschen, Gürtel), Webstoffen, Kravv a tt c n, fertige Kleidung (einschließlich Regenmäntel und Hemden). Mit Bezug auf die Beschäftigung von Juden als Arbeiter in diesen Industrien besteht ein Unterschied zwischen Argentinien und Uruguay einerseits und Brasilien, Chile (und den anderen Ländern)* andererseits. In Brasilien beträgt der Arbeitslohn eines gewöhnlichen Arbeiters 5 bis 6 Milreis (6—7 Piaster), in Chile sogar nur 6—8 chilenische Pesos (= 5—6 Piaster). Bei diesen Löhnen kann der osteuropäische Einwanderer nicht existieren, und er ist deshalb nur selten und nur bei einigen besser bezahlten Arbeiten anzutreffen. In Argentinien und Uruguay, wo der gewöhnliche Arbeiter 3 -5 Pesos (3—5 M.) Lohn erhält, sind die Juden auch unter den Arbeitern vertreten, allerdings auch hier mehr unter den Arbeitern, die feine Arbeit leisten und besser bezahlt werden; so z. B. sind sie Zuschneider oder nähen Röcke in der Kleider-Industrie (während die Hosen von Nichtjuden genäht werden). Die Möbelindustrie ist an vielen Orten zu einer vorwiegend jüdischen Industrie geworden. Das hängt damit zusammen, daß sehr viele Möbel auf Abzahlung gekauft werden und die jüdischen Ab/alilungs verkauf er (oder ihre Kooperativen) da/u übergegangen sind, Möbel selbst herzustellen. Die Juden sollen zuerst ans Petroleumkisten ganz primitive und billige Möbel hergestellt und direkt au Konsumenten verkauft haben und von hier zur Erzeugung besserer Möbel fortgeschritten sein. Juden finden sich auch als Selbständige und Arbeiter in Druckereien und in einigen Lebensmittel-Industrien (Herstellung von Bonbons, Weinerzeugling im Weindistrikt Mendo/a in Argentinien). Die eigentliche G r o ß - (F a b r i k) - I n d u s t r i e ist in Südamerika noch in ihren Anfangen, zeigt aber seit dein Weltkriege, besonders in Argentinien, eine kräftige Entwicklung. Juden, besonders die sefardischen und deutschen Juden, haben an dieser Entwicklung in der T e x t i 1 b r a n c h e (Seide-, Wolle- und Baiimwoil-Spinnereiett und Webereien) von Anfang an teilgenommen. Eine der größten und modernst eingerichteten Wollspinnereien und Webereien in Buenos Aires ist vor etwa 10 Jahren von sefardischen Juden errichtet worden und beschäftigt 900 Arbeiter, darunter ein Dritte! Juden. Nach Schätzung von kompetenter Seite sollen in Buenos Aires (in den andern argentinischen Staaten gibt es fast keine Fabriken) in der Textil- und Trikotagenbranche 3000 Juden, in der Möbeler/engung 1000 Juden, in den sonstigen Industrien (einschl. Kleider) 2000- 3000 Juden als Arbeiter beschäftigt sein. Wie bei jeder Einwanderung, die im neuen Lande ein neues Leben anfängt, so ist auch bei den Juden in Südamerika ihre Berufsgliederung noch labil. Der Einwanderer ergreift zuerst jeden Beruf, der ihm sein tägliches Brot verspricht und geht dann zu anderen Berufen über. Die Juden zeigen sich sehr erfinderisch in der Entdeckung neuer Berufe; ein Jude aus Montevideo hat in dem 2000 km entfernten Valparaiso den Verkauf von Karamelbonbons organisiert, indem er Alben mit geschichtlichen und geographischen Daten gratis an die Jugend verteilt und jedem Karamelbonbon, der 10 centevos ( ~ 1 mil) kostet, ein Bild beifügt, das in das Album an einer bestimmten Stelle einzukleben ist. Er macht damit gute Geschäfte. Die Zahl der Juden, die zum Grldhandel oder zum Großhandel in Vieh, Getreide, Häuten, Pelzen, Kleiderstoffen usw. aufgestiegen sind, ist nur in Buenos Aires und in Rio de Janeiro, sowie bei den marokkanischen Juden in Para (Brasilien) von einiger Bedeutung. Die sefardischen Juden haben sich in Buenos Avres als Importcure von Kleiderstoffen eine wichtige Position geschaffen. Im Getreidegeschäft gelten in Argentinien die zwei größten Kinnen (Bunge Born, Louis Dreyfus fr Co.), die in allen größeren Orten Eiliaicn haben, Ludwig- Holländer J Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Centrai-Vereins, ist, wie wir erfahren, am Sonntag, dem 9. d. M., in Berlin gestorben. Mit Holländer verschwindet eine Gestalt, die viele Jahre im Judentum Deutschlands an prominenter Stelle tätig war. Er war in der Nachkriegszeit einer der geistigen und politischen Führer des Centrai-Vereins und genoß persönlich auch über die Kreise des Centrai-Vereins hinaus Respekt und Ansehen. Holländer war ein Gegner des Zionismus, und wir haben uns in der „Jüdischen Rundschau" häufig mit seinen Anschauungen und Theorien, die wir nicht zu billigen vermochten, scharf auseinandergesetzt. Aber auch wir haben anerkannt, daß dieser Mann bestrebt war, nicht einer Bequemlichkeits-Ideologie sieh hinzugeben, sondern seine Anschauung grundsätzlich und bildungsmäßig zu unterbauen. Aus seinen Aeußerungen fühlte man heraus, daß hier ein geistig vielseitig interessierter Mann spricht oder schreibt, der sich in den Gebieten der philosophischen, soziologischen und psychologischen Wissenschaft umtut und der das Gelesene und Durchdachte auch im Bereich der jüdischen Analyse und Auseinandersetzung zur Anwendung zu bringen bestrebt ist. Auf diesem Wege ist er freilich nach unserer schien es, daß er zu sehr in Vorurteilen seiner liberal-bürgerlichen Erziehung befangen war, um zu wirklichen Konsequenzen durchzustoßen. Es war interessant, bei Dr. Holländer in den letzten Jahren seiner Tätigkeit eine innere Entwicklung — man darf vielleicht sogar sagen Wandlung — zu beobachten. Im Gegensatz zu vielen Ideologen unter seinen religiös-liberalen Paitcigenossen \ erschloß er sich nicht der Erkenntnis, daß der Begriff der jüdischen Gemeinschaft nicht einfach als „Religionsgemeinschaft" erschöpft werden kann. Da er den jüdischen Volks- Meinung fehlgegangen. Oft begriff nicht akzeptieren wollte, suchte er nach einem Ersatz und fand diesen in verschiedenen Eormiiüeiururen, wie ,,SchieksaIsgemein=diaft" ml er auch einfach .,so/io!o:M--> he Erscheinung"*. Er kam dann freilich in der Bemühung, dieses aufkeimende jüdische Nationalbewußtsein mit seiner '! In-orie von der Zugehörigkeit der Juden /um deutschen Volk zu vereinen, zu absurden Ergebnissen, wie der von ihm immer wieder angewandten Formel, die deutschen Juden seien ein besonderer „deutscher Stamm unter den anderen deutschen Stämmen". Holländer hat die Abwendung von der Assimilation und das wachsende Interesse fur jüdisch-geistige Inhalte in den Nachkrivgsjahren positiv gowertet, und auch die Vorgänge in Palästina hat er mit Anteilnahme verfolgt. Durch seine offizielle Stellung war er vielleicht zu sehr festgelegt, um wirklich eine Wendung vollziehen zu können; manche Personen, die mit ihm in direkte Berührung kamen, bestätigen, daß sein Wunsch, in irgendeiner Form die Mitarbeit am Palästina-Werk zu ermöglichen, echt gewesen ist. Es muß auch gesagt werden, daß Holländer, so sehr er in seiner antizionistischen Haltung beharrte, ein ritterlicher Gegner war, der es verschmähte, die vulgären Argumente, die manchmal in antizionistischen Kreisen im Kampf gegen den Zionismus verwendet wurden, anzuwenden; ja er ist manchen dieser Argumente, die einen etwas denun/iatorischen Beigeschmack hatten, mehrmals selbst mit Entschiedenheit entgegengetreten. Durch den Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland ist die Grundlage der politischen und jüdischen Anschauungen, aut denen Holländer fußte, zerstört worden. Folgerichtig ist er von der Bildfläche abgetreten und hat sich" in den letzten Jahren, während er auch durch seine Krankheit körperlich stark mitgenommen war, völlig seinen privaten Studien gewidmet. Mit öffentlichen Aeußerungen ist er seit 1933 fast gar nicht mehr hervorgetreten. * Dr. Ludwig Holländer, geboren 1S77 in Berlin, war zunächst in München Beamter des bayerischen Landesverbandes des Central-Vercins und seit 19ÖS Syndikus und später Direktor des Central-Vcrtins in Berlin. Er hat zahlreiche Aufsätze in der Zeitschrift „Im Deutschen Reich", die er seit 190») leitete, und seit 1922 in der „C.-V.-Zeitung" veröffentlicht. Seit der Begründung des Geschäftsführenden Ausschusses des K. C. ist er dessen erster Vorsitzender. Er gehörte auch sonst verschiedenen jüdischen Gremien in Deutschlani und der religiös-liberalen Partei an. Wir werden gebeten, mitzuteilen, daß die Beerdigung am Mittwoch, dem 12. Februar, vormittags 11 Uhr, von der Alten Halle des Friedhofs Weißensee aus stattfindet

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