Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1936)
- Date
- 1936-02-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 11, 7.11. 1936 Die Juden in Südamerika nz I gehender ] NEW YORK bestempfohlener Kaufra., hervorragend verkehrwewattdt, wünscht anläßlich vorüber, gehender Reiae »eriöie Auftrüge. Off. u. J 548 a. d. Anz.-Abt, Meirwkwtr. 10 Von Dr. Arthur Ruppin (Vgl. Vorbemerkung und ersten Artikel in Nr. 7 der „J. R.") II. Die Einwanderung* Daß die jüdische Bevölkerung Südamerikas von 10 000 im Jahre 19(10 auf 353 000 im Jahre'1935 anwuchs, ist direkt und indirekt (durch die natürliche Vermehrung) das Resultat der Einwanderung. Amtliche Ziffern über den Umfang der jüdischen Einwanderung liegen nur aus Argentinien vor*); für alle übrigen Länder sind wir auf Schätzungen angewiesen, die sich meist auf die Angaben der jüdischen Einwanderer-Hilfskomitees in den ein/einen Ländern gründen. 1. Einwanderung nach Argentinien In dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wanderten durchschnittlich jährlich 5S39 Juden ein; im zweiten Jahrzehnt ging diese Zahl infolge des Weltkrieges auf 3147 zurück (von 1915 bis 1919 war die Zahl der jüdischen Einwanderer nur 1539. d. h. 308 im jährlichen Durchschnitt). Dann hebt sich die Einwanderung in den vier Jahren 1921 bis 1924 auf 8193 jährlich, bleibt annähernd auf der gleichen Höhe bis 1930, um dann — mit iler Einführung von Einwanderungsheschränktingen — im Jahre 1931 auf 1553 und seit 1932 auf etwa 2000 jährlich zu sinken. — Insgesamt hat die Einwanderung von 1901 bis 1934 170 7S9 Juden nach Argentinien gebracht. Dieser Zahl von Einwanderern steht nur eine verschwindend geringe (von der amtlichen Statistik nicht angegebene) Zahl von jüdischen Auswanderern gegenüber, wählend bei den Nichtjuden die Zahl der Auswanderer nach der amtlichen Statistik sehr beträchtlich ist und in manchen Jahren, z. B. in den Krisenjahren 1932 und 1933, die Zahl der Einwanderer übertraf. Der A n t e i I der J u d e n an d e r G e s a m t e i n w a n - derung nach Argentinien war: 1928 5,3"», 1929 4,3 "o, 1930 6,3' ^, 19)1 b,3 ■ KM 2 5,b 1913 8,1 <>y., 1931 8,0 "o, erste Hälfte 1935 8,8'm. Daraus geht hervor, daß infolge der Einwandeningsbesehriinkungeu der letzten Jahre die allgemeine Ei n «• a n d e r u n g v e r h ä 1 t n i s in ä I! ig noch mehr g e s u n k e n ist als d i e j u d i s c h e, d. h. daß die Einwanderungslw-rhrankungen die Nichtjtiden mindestens ebenso stark treffen wie die luden. 2. Einwanderung in die übrigen Länder Die Übrigen Länder Südamerikas — mit Ausnahme Brasiliens — haben für die Juden er-.t Bedeutung gewonnen, seitdem in Argentinien eine Wirtseltaft-krisis einsetzte und die jüdische Einwanderung dahin erschwert wurde. Schätzungsweise wanderten ein (direkt oder auf dem l'mwege über andere südamerikanische' I ander): im JahresdurcKsdinitt Bra.ili« Chile Uruguay Peru Co'umb!« Pi.ro- >™«.V Sonstige sud amrrik. Länder Zu- Kämmen 1900—1910 200 1U0 _ _ ~» _ _ 300 1910^1920 200 :>oo __ _ _ 400 1920—1930 3000 300 1000 100 100 100 4MW 1931 201» 500 2500 MO 300 500 200 6300 1932 2000 500 2000 300 300 500 200 5800 1933 :»oo 500 1000 300 300 500 200 5800 1934 2000 500 1000 300 300 500 200 4800 Rechnet man die Einwanderung nach Argentinien im Jahre 1934 mit 2200 Seelen hinzu, so hat ganz Südamerika in diesem Jahre 7000 jüdische Einwanderer aufgenommen, von denen 5200 nach Argentinien, Uruguay (iMontevideo) und Brasilien gingen, während nur 1800 auf alle anderen südamerikanischen Länder entfallen. Di-e Haviptauffangsbccken für die Einwanderung sind die Großstädte; in Argentinien wohnen mehr als die Hälfte aller Juden in der Hauptstadt Buenos Aires, in Brasilien 80 o/o aller Juden in Rio de Janeiro und San Paolo; in Uruguay leben fast sämtliche Juden in der Hauptstadt Montevideo, in Chile 90' ,. in Santiago. 3. Herkunftsländer _ Unter den Herkunftsländern der Einwanderer stehen (nach meinen Feststellungen; amtliche Angaben liegen nicht vor) *) Sie sind für die letzten jähre nicht veröffentlicht; ich habe sie durch freundliche Vermittlung des Herrn Jose Rubin, Sekretär der nnwawIcrcrfursorgtgescHschaft (Soprofinüs) in Buenos Aires erhalten. Bessarabien, Südrußland, Litauen und Polen an erster Stelle. Das hängt wohl damit zusammen, daß der Baron Hirsch im Beginn seiner Kolonisationstätigkeit (vor 45 Jahren) seine ersten Siedler vorzugsweise aus Bessarabien, Litauen und Südrußland wählte, wo es eine gewisse Zahl jüdischer Landwirte gab, und daß diese ersten Siedler dann ihre Verwandten und Bekannten nach sich zogen; in Polen war die große Not der drei Millionen Juden und die Schließung der Tore der Vereinigten Staaten das Hauptmotiv für die Wanderung nach Südamerika. Auch aus Ungarn kamen Juden; sie sind besonders in Montevideo zahlenmäßig stark vertreten, finden sich aber nicht unter den landwirtschaftlichen Siedlern; ebenso sind Einwanderer aus Galizien wohl in den Städten, aber fast gar nicht unter den Landwirten anzutreffen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß für manche Einwanderer Argentinien (und Brasilien) die erste Einwanderungsetappe bildeten, von wo sie später nach anderen südamerikanischen Ländern weiterwanderten. Die sefardischen Juden stammen meist aus den Baikanländern, z. B. aus der Stadt Monastir in Jugoslawien, aus der Türkei (Smyrna, Konstantinopel), aus Syrien und Nordafrika (Marokko, Algier). Da die Verwandtschaft ihres j,Ladino" mit dem Spanischen die Aneignung der Landessprache erleichtert (der Unterschied ist ungefähr derselbe wie zwischen Jiddisch und Deutsch), können sie als Einzelne auch in den kleneren Städten Fuß fassen, die den osteuropäischen Juden nur schwer zugänglich sind. Deshalb finden sich in manchen kleineren Städten, z. B. in Chile, jüdische Gemeinden, die nur aus Sefaradim bestehen. 4. Einwanderungsbeschränknngen Die „weiße" Einwanderung in die südamerikanischen Länder war bis etwa vor einem Jahrzehnt keinerlei Einschränkungen unterworfen; im Gegenteil suchten diese an Bevölkerungsmangel leidenden Länder Einwanderer heranzuziehen. Aber im letzten Jahrzehnt sind sie dem von den Vereinigten Staaten gegebenen Beispiel, wenn auch nur zögernd und weniger rigoros, gefolgt. Den Grund bildete die Wirtschaftskrisis, die wie in den Vereinigten Staaten auch in Südamerika 1929 einsetzte, aber weniger stark war und seit dem Jahre 1932 bereits im Abklingen begriffen oder überwunden ist. Si? hat allerdings Wunden zurückgelassen, insbesondere in der Form der Entwertung der Währung, die auf die Hälfte und in einigen Ländern auf ein Drittel ihres früheren Goldwertes gefallen ist. Im Gegensatz zu dem Währungsverfall in Europa in deH Nachkriegsjahren hat in Südamerika die Geldentwertung jedoch keine entsprechende Steigerung der Sachwerte zur Folge gehabt; sowohl die Grundstückswerte, die Mieten, wie die Preise der Nahrungsmittel sind eher gesunken als gestiegen, so daß für denjenigen, der nicht auf importierte Produkte angewiesen ist, die Währongsentwertung keine Verteuerung der Lebenshaltung herbeigeführt hat. Gemessen an den Preisen in Palästina ist das Leben in Südamerika billig; in Chile (und den anderen Staaten des Westens) um mehr als die Hälfte und in Brasilien um ein Dritte! billiger; nur Argentinien kommt Palästina ungefähr gleich. Am größten ist der Unterschied im Preise der Lebensmittel, die in Südamerika außerordentlich niedrig sind. Diese Billigkeit erleichtert es dem Einwanderer, wenn er nur ein wenig Geld mitbringt, sich damit einige Zeit zu erhalten, bis er eine Existenz findet. Es ist hier nicht der Platz, auf alle Einzelheiten der Gesetze, welche die Einwanderung in die einzelnen Länder be- Sdtönstcs Gesdienk für alle Gelegenheiten Sorben «/5 c h it n Kofin, J.H. Bibel- und Talmudschatz Ein Bach für die jüdisch* FamllU, Neu bearbeitet von Rabb. Dr. S. Bambergrer / 15. Auflage / Eleg. Ganzleinen band y RM. 5,50 Drs Buch bebt und «tärlct wie k**in zweites die jüdische Gesinnung. F.* darf in keinem jüdischen Hause fehlen I. Kauft mann, Verlag, Frankfurt a. M. $TiT££ schränken, einzugehen. Fast überall wiederholt sich das Prinzip, daß die Einwanderung nur den Personen erlaubt ist, die von ihren bereits im Lande befindlichen und wirtschaftlich gesicherten Verwandten angefordert werden, oder den Personen, die einzelnen Betrieben als Fachleute (Spezialisten) nötig sind, oder Landwirte mit einem Pacht- oder Kaufvertrage. Daneben gibt es aber auch Fälle, wo Touristen, die it. der ersten Schiffsklasse reisen, im Lande verbleiben. --- Einige kleinere Länder, wie Peru, begnügen sich mit dem Nachweis, daii der Einwanderer ein genügendes Vermögen besitzt, um seine Existenz für eine gewisse Zeit zu sichern, und verlangen bei der Landung die Hinterlegung eines bestimmten Betrages. Sobald die Einwanderer in gesetzlicher Weise Südamerika betreten haben, sind sie in ihrer wirtschaftlichen Betätigung frei (abgesehen natürlich von den Berufen, für welche eine besondere Vorbildung vorgeschrieben ist). Die Einwanderer brauchen keine besondere Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis nachsuchen, sie können jede Stellung annehmen. Eine Einschränkung besteht nur insoweit, als in den wirtschaftliehen Betrieben in Argentinien und Brasilien »/s der Angestellten und Arbeiter argentinische bzw. brasilianische Staatsbürger sein müssen. Praktisch hat dies für die Einwanderer fast keine Bedeutung, besonders da sie sich nach drei oder fünf Jahren naturalisieren lassen können. Anders als in den Vereinigten Staaten spielt in den Einwanderungsgesetzen Südamerikas die Volks- oder Rassenzugehörigkeit keine Rolle. Die Bestimmungen sind für die Angehörigen aller Völker und Staaten die gleichen. Allerdings gibt es in einigen Ländern bereits Stimmen, welche die Einwanderung aus Mittel- und Stkieuropa (Deutsche, Italiener, Spanier, Portugiesen) erlauben und die aus Osteuropa verbieten wollen. Es gibt in Brasilien auch bereits eine faschistische Partei, die „Integralisten", welche die Parole „Brasilien den Brasilianern!" verbreitet und sich gegen das ausländische Kapital in wirtschaftlichen Unternehmungen und gegen jede Einwanderung wendet. Bisher haben diese Bestrebungen keinen Erfolg gehabt. Die Gesellschaft Hicem, welche die Fürsorge für jüdische Auswanderer in der ganzen Welt zur Aufgabe hat, arbeitet in Argentinien und Brasilien durch besondere Komitees, in Argentinien durch die Sociedad de Proteccion a Immigrant« Israelites (abgekürzter Name: Soprotimis). Sie hilft den Etnwan- Un-rv hei der Ausschiffung, besorgt ihnen, falls nötig, die erste Unterkunft und steht ihnen durch kleine Darlehen und durch Stellenvermittlung zur Seite. In den anderen Ländern, wo die Hicem keine eigene Vertretung hat, haben sich meist freiwillige Komitees gebildet, welche sich um die Einwanderer kümmern. 5. Einwanderung aus Deutschland seit 1933 Infolge der Einwanderungsbeschränkomgen haben die Länder Südamerikas bei der Aufnahme der Juden, die seit 1933 Deutschland verließen, nur eine untergeordnete Bedeutung gehabt. Im ganzen sind von April 1933 bis Oktober 1935 etwa 4000 Juden aus Deutschland eingewandert, nämlich 2000 nach Brasilien (etwa je zur Hälfte nach Rio de Janeiro und nach San Paolo), 1500 nach Argentinien (hauptsächlich Buenos Aires), 500 nach anderen südamerikanischen Ländern. Im allgemeinen haben diese Einwanderer im Handel, in Büros und ähnlichen Berufen eine Existenz gefunden. Ein paar Familien sind in die ICA-Kolonien gegangen und arbeiten hier in der Hoffnung auf baldige Ansiedlung; ein landwirtschaftlich vorgebildetes Ehepaar aus Deutschland fabriziert hier Käse aus gekaufter Milch und erzielt damit ein bescheidenes Einkommen. Etwa zehn junge Leute arbeiten in einer landwirtschaftlichen Farm in Südargentinien, die von Herrn Adolph Hirsch, dem Vorsitzenden des Hilfsvereins deutscher Juden in Buenos Aires, dafür zur Verfügung gestellt wurde. Der Hilfsverein deutschsprechender Juden in Buenos Aires und die dafür gegründeten besonderen Komitees in Ric de Janeiro und San Paolo haben sich um die Einwandere! sehr bemüht und durch ihre Vermittlung vielen eine Stellung verschafft. Das war nicht leicht, da die Einwanderer der Landessprache unkundig waren und meist dem Handelsstand angehören. Während gelernte Arbeiter und Handwerker In der Tat wurden in den nächsten Togen einige verdächtige Burschen von der Straße festgenommen, von denen erwiesen war. daß sie mit den beiden Getuteten in engstem Verkehr gestanden hatten. Die Befreiung der eingekerkerten Mnrranen «her erfolgte vorläufig nicht. Francisco sprach darüber mit Graeia. Rabbi Isaak fehlte ihm sehr, .so suchte er bei seiner Frau die Möglichkeit, sich zu beraten. Sie setzte ihm zuerst Widerstand entgegen: Die Eingekerkerten- Heien sie denn nicht alle eingekerkert? Dieses Haus sei das kleine, diese Stadt das große Gefängnis, dieses Land nicht« als eine einzige Heilte von dunklen Verliesen für die .luden. Aber Francisco war durch die letzten Ereignisse harter geworden. Er gab ihr nicht, nach und ging ihren schwärmerischen Reden auf den Grund. Kr erklärte ihr neuerdings, daß er Portugal sofort verlassen würde, wenn e« nur um ihn ginge. Aller sehwache er nicht, wenn er auswanderte, die Position der heimlichen Juden, die gezwungen seien zurückzubleiben? Wäre dies nicht Verrat von ihm? Oder glaube Graeia etwa, daß von heut« auf morgen alle Mammen auswandern konnten? Seine Pflicht und nichts als seine jüdische Pflicht halte ihn zurück. Graeia sehwieg zu diesen Vorhaltungen. Francisco fuhr fort: „Ein Jude ist nichts, das Judentum ist alles. Ein reicher Jude ist immer noch ein Bettler, die Gemeinde aller aber Lst reich. N'ieht durch ihr Geld, sondern weil sie eben eine Gemeinde ist. Wer sie in der Gefahr vorlaßt, ist ein Abtrünniger. Wollen wir, willst du abtrünnig werden?" Graeia gab keine Antwort. Ihr Mann setzte ihr mit neuen Argumenten zu: „Auswandern! Was heißt Auswandern? Es ist entweder eine bittere Notwendigkeit oder ein kindliche® Spiel. Denn kindlich ist es zu glauben, daß man anderswo schöner und freier leben könne. Schiin und frei lebt der Mensch in der Heimat, oder er muß um die Schönheit und Freiheit seines Lehens in der Heimat kämpfen. Denn draußen muß er dies erst recht." Graeia saß zusammengekauert und klein da. Sie' fühlte keine Bindung an das Land Portugal. Ihr Herz war an das Judentum gebunden, wo immer in der Welt es saß. Das war das unabänderliche Ergebnis von ("hannahs Erziehung, Graeia haßte Portugal und Spanien. Sie sehnte sich nach einer andern Welt, von der sie noch kein Unrecht erfahren hatte. Die iberische Halbinsel galt ihr als der glühende Ofen, der die Juden verbrannte, die Eitern samt den Kindern, die der Heuehelei Schuldigen mit den Unschuldigen. Graeia fühlte «ich schuldig. Sie fühlte sich vom Judentum wie vom Christentum angeklagt. Dias alles warf sie in kunterbunten Sätzen vor ihren Mnnn hin. Wie eine aus der großen Herde machte sie dem Hirten Vorwürfe. Sie hielt sich dabei nicht an das Mögliche, sie verlangte das Unmögliche, das Wunderbare, die große und heilige Erlösung, so wie dies nur der Unschuldige sehen und fordern kann. „Lieber Mann, neben dem Unrecht und dem Unglück ist die Liebe in der Welt. Man muß die Heb© suchen, man muß sie wahr machen, indem man sich ihr anvertraut. Hier ist Haß und Mord, in deinem Portugal, in deinem Spanien. Wenn wir ihnen den Rücken kehren, vielleicht ist die Liebe schon auf dem Schiff da, vielleicht tragt sie uns schon das Meer entgegen. Hier werden wir gehaßt und bedroht und müssen wieder hassen und drohen. Mach ein Ende damit! Laß' uns wandern und den andern den Weg zeigen, daß sie uns folgen. Einer nach dem andern wird, wenn wir den Anfang gemacht habe*, den Fuß heben, seine Schultern straffen und die Brust breit machen im Wind, der ihn aus diesem Lande wegführt. Einer nach dem andern soll wandern — dann wandert in der Zeit ganz Israel. Sei du, der du klug und stark bist, der Prophet des Wanderns!" Francisco war von solchen Worten mächtig erregt. Er wagte Graeia nicht anzusehen. Er warf den Kopf in den Nacken, sali zur Decke, hob die Arme, verschlang die Hände ineinander, ließ sieh in einen Sessel fallen und blieb in seinem Zweifeln und in seiner Verzweiflung stumm. Graeia aber fuhr fort: „Wenn wir draußen sind, wirst du die andern hinter dir herziehen. Wir werden nicht allein bleiben. Einer nach dem andern wird uns suchen, wird von uns aus diesem dumpfen Land herausgezogen werden, so wie Mose seine Brüder aus Mizrajim herausgezogen hat. Fahr übers Meer mit mir, Francisco! Es gibt kein unbekannte« Land. Ueberau ist uns Land verheißen solange die heilige Erde in PaUistina noch nicht wieder bewohnbar ist." Francisco stand auf und verließ das Zimmer. Er ging an die Arbeit, Gebete murmelnd. Er sali alle die vielen Wanderzüge der Juden vor sich — als Vorbild und Aneiferung für sich selbst. Warum haben seine Eltern die Taufe genommen, warum haben sie ihn dem fremden Glauben überliefert, warum sind sie nicht gewandert wie die andern Juden? Sie haben die Taufe genommen, sie haben ihn selbst taufen lassen, sie sind geblieben, wo sie waren, um zu bleiben, was sie waren! Dies war ein Gebot der Eltern für ihn, dies war ihre Ueberlieferung an ihn. Er mußte ausharren, kämpfen, dulden. Er konnte nicht arbeiten.; Es riß ihn von seinem Schreibtisch weg. Er machte sich fertig, um das Haus zu verlassen. Die Geschäfte zogen ihn an. Er ging in das Bankhaus. Seine Angestellten kamen mit vielen Anliegen, denn der Chef war in der letzten Zeit selten zu sehen. Aber es hielt ihn nicht lange bei den Geschäften. Wieder riß es ihn fort. Er ging in das Amtsgebäude neben dem Schloß, wo die hohe Kommission für die öffentliche Sicherheit ihren Sitz hatte. Ohne genau zu wissen, was er wollte, ging er hinein. Nur ein steinernes Gefühl gegen das Unrecht saß in ihm und hämmerte. Der Vorsitzende der Kommission empfing ihn. Es war ein noch jüngerer Mann, ein Günstling des Hofes, ein Liebling der Königin. Er war ganz in Schwarz gekleidet, von dem sein gepflegtes wachsbleiches Gesicht, von einem dünnen, dunklen Bart umrahmt, sanft abstach. Ein auf männliche Schönheit und Würde bedachter Beamter. Er fragte Überaus liebenswürdig nach den Wünschen Franeiscos, auch nach seinem Wohlergehen, sogar, ob er mit dem Gang der Geschäfte zufrieden sei. Mendez nahm diese Fragen entgegen, als ob sie gar nicht an ihn gerichtet sein könnten. Er, der sonst in allem, was er fühlte, dachte, sagte, tat, die Ruhe selbst zu sein pflegte, war nun übervoll von Unruhe. In hartem Ton, ohne auch nur ein Wort zu akzentuieren, gab er Antwort: er werde seine Geschäfte und sein persönliches Wohlbefinden opfern, um den Wünschen Nachdruck zu verleihen, die ihn hierher geführt hätten. Er stehe, fuhr er fort, am Bande seiner Existenz und vor einem Abgrund, in den er hineinzuspringen gedenke, wenn man ihm nicht sein Recht gebe. Der andere rieb die Hände, senkte den Kopf und fragte mit niedergeschlagenen Augen: „Was ist Euch widerfahren, Don Mendez? Der Ueberfall auf Euer Haus wird »eine Sühne finden. Die Untersuchung ist, wie Ihr wißt, im Gang." Francisco durchschnitt mit dem rechten Arm die Luft, wie mit einer Klinge, die einen Hieb pariert: „Ich will, daß mein Freund und Mitarbeiter Sebastiano d'Almadova und meine andern Leute, die unschuldig in Haft sitzen, freigelassen werden." Der Beamte beeilte sich zu erwidern: „Das kann in Bälde geschehen." Mendez erhob sich: „Das muß in Bälde geschehen, Herr Rat. In Bälde? Nein, heute, morgen oder übermorgen. Oder ich schließe mein Geschäft, ich ziehe mein Geld und mein Interesse an all eurem Handel und Wandel zurück. Wie ich schon sagte: ich springe aus meiner Existenz ins Nichts, in den Abgrund. Wenn ihr Opfer fordert, so nehmt mich hin und nicht bloß die, welche in meinem Dienst stehen." (Fortsetzung folgt)