Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1936)
- Date
- 1936-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653934--28206-2689678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 11. 7.11. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Der XXV. Delegiertentag: der ZVfD* Trotz aller Unzufriedenheit, die im Laufe der Tagung manchen Teilnehmer befallen haben mag, wird wohl nach Abschluß des Dciegiertentages Jas Gefühl der Befriedigung allgemein sein. In der Schiulisitzung zeigte sich schon an den Konimissionsberichten und an der Fülle der Antrage, wieviel Arbeit in diesen wenigen Tagen geleistet worden ist. Aber wichtiger als Resolutionen ist die Stirn in u n g, das Gefühl der Verbundenheit, der Arbeitswille, die von der Tagung erzeugt weiden. Das Zusammenströmen so vieler, durch eine Idee und Aufgabe verbundener Menschen ist seelisch und praktisch eine Förderung, und sogar das Warten wird zu einer „schöpferischen Pause", weil die Menschen in Kontakt kommen und in ihrem Gemcinschaftserlebnis gestärkt werden. Sicherlich bleibt eine solche Tagung immer hinter maximalen Anforderungen zurück, die von diesem oder jenem an sie gestellt werden. Man muß bedenken, daß in 2i/2 Tagen ein Stoff zu bewältigen ist, der eigentlich die Gesamtheit unseres Lebens hier und in Erez Israel umfassen müßte. Wir haben aus Kreisen der Jugend Kritik gehört, weil die konkreten Fragen des Lebens in Palästina, die die Jugend vor allem interessieren, nicht ausreichend behandelt worden sind. In d^-r Palästina-Debatte konnte außer den beiden Referaten von Blumcnfeld und Landauer, die jedes in seiner Art die Palästina-Probleme anschaulich und sachkundig darstellten, eine Besprechung von Detailfragen nicht stattfinden. Es ist aber zu hoffen, daß im Rahmen des Hechaluz viele nach Berlin gekommene Jugendliche reichlichere Gelegenheit zur Erörterung von Berufs- und Auswanderungsfragen sowie von praktischer Palästina-Arbeit hatten. In ihrer Stellungnahme zu den politischen Palästina-Fragen hat sich der Delegiertentag mehr Zurückhaltung auferlegt als sonst bei zionistischen Tagungen üblich ist; die feine Analyse, die Kurt Blumenfeld gab, erwies die Schwierigkeit der Materie; aber es wurde kein Zweifel gelassen, daß auch die Zionisten Deutschlands sich in die gemeinsame Front einreihen, wenn es gilt, die politischen Voraussetzungen für die Fortsetzung des Werkes in Palästina zu sichern. In einer Frage haben die Zionisten Deutschlands ein besonders brennendes Interesse: die Einwanderung nach Palästina ist für große Massen der Juden Deutschlands eine unabweisbare Lebensnotwendigkeit, und jeder Versuch, Erschwerungen der Einwanderung zu schaffen, muß natürlich gerade hier größte Bestürzung hervorrufen. Darum hat der Delegiertentag, ohne übertriebene und pathetische Formulierung, aber mit tiefem Ernst und tiefer Besorgnis die Exekutive aufgefordert, der Mandatarmacht diese Befürchtungen und Bedenken der Juden Deutschlands mit allem Nachdruck darzulegen. Dabei sind sich die Zionisten Deutschlands bewußt, daß — soweit die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit Palästinas in Frage kommt — es Sache der Juden selbst ist, durch konstruktive wirtschaftliche Arbeit diese Aufnahmefähigkeit zu vergrößern. Dies erfordert den Einsatz jüdischer Mittel und Kräfte. Darum hat der Delegiertentag die Bemühungen der englisch-jüdischen Delegation in Amerika, einen Fonds zur Unterstützung der Auswanderung, Berufsausbildung und Ansiedlung von Juden insbesondere in Palästina zu schaffen, dankbar begrüßt. Der Vorsitzende der ZVfD. hat in seinem Referat unter Billigung des Delegiertentages eine Reihe von Forderungen bezüglich dieser Aktion formuliert, die gewiß Verständnis und Resonanz finden werden. In der Resolution des Delegiertentages heißt es, daß die Arbeit in Palästina unter Führung der Jewish Agency erfolgen soll; es wäre unverständlich, wenn hier eine neue Verantwortlichkeit geschaffen würde, nachdem die Jewish Agency seit 1929 die umfassende, alle Teile des palästina-interessierten Judentums in sich schließende Körperschaft darstellt. Aber der Delegiertentag hat auch daran erinnert, daß es noch brachliegende Mittel des jüdischen Volkes gibt, die in dieser Zeit der Not eingesetzt werden müßten. Das in Millionen gehende Vermögen der ICA war nach dem Willen seines Stifters, Baron Hirsch, für die Ansiedlung von Juden bestimmt. Jedermann wird es verstehen, wenn die Juden in Deutschland in dieser Sache ihre Stimme erheben und eine Verwertung der ICA-Gelder zugunsten der einzigen heute praktischen Kolonisation, nämlich für die Palästina-Arbeit, fordern. In einer Versammlung der Hitachduth Olej Germania in Jerusalem im Dezember hat Dr. Weizern a n n in einer überaus konzilianten Form diese Forderung gestellt Die Einwanderer aus Deutschland und die noch in Deutschland befindlichen Auswanderungsbedürftigen sollen, auch durch die aus Deutschland in die ICA entsandten Delegierten, die Verwalter der Erbschaft des Baron Hirsch über die jüdische öffentliche Meinung nicht in Zweifel lassen. Die Kulturdebatte ist nicht abgeschlossen worden. In den Referaten kam der Wille der zionistischen Bewegung zu einer verantwortlichen Gestaltung des jüdisch-kulturellen Lebens zum Ausdruck. Die Debatte hat aber das Thema nicht wesentlich weitergeführt, geschweige denn erschöpft Ein Versuch, das Problem tiefer zu erfassen, wurde nur von Ernst Bauer gemacht, der schon deshalb gehört werden muß, weil er über die geistige Situation eines besonders wichtigen Teiles unserer Jugend Aufschluß gab. Gegenüber manchen vorschnellen Formulierungen hat Bauer die positive n Seiten unserer eigenartigen KuHurmischung, die wir für wertvoll halten und die wir auch in Erez Israel mit vollem Bewußtsein als Basis unseres jüdischen kulturellen Dr. Siegfried Moses, Vorsitzender dt-r ZVi'D. Foto; Archiv Neuaufbaus einsetzen, hervorgehoben, und man kann nur bedauern, daß infolge des unglücklichen Zeitpunktes seiner Rede seine Bemerkungen über die Mängel der zionistischen Propaganda nicht stärkere Resonanz gefunden haben. Wenn der Zionismus die Herzen der deutschen Juden noch nicht überall gewonnen hat, so muß das nicht nur an deren Unzugänglichkeit liegen, sondern es kann teilweise auch darauf beruhen, daß er nicht immer das richtige Wort findet. Was hätte einen Delegiertentag im Grunde mehr zu beschäftigen als dieses, leider nur von dem einen Redner angerührte Problem? In bezug auf die inner jüdischen Fragen in Deutschland hat der Delegiertentag die Erklärung des Die Montagnachmittag-Sitzung, die der Erörterung der kulturellen Fragen galt, wurde von Dr. Egon Rosenberg eröffnet, der zunächst S. T s c h e r t o k das Wort zu seinem Referat „D i e zionistische Bewegung als Trägerin jüdischer Kulturarbeit in Deutschland" erteilte. Referat S. Tschertok Der Redner betonte, daß der Begriff der jüdischen Kultur stets Gegenstand der zionistischen Auseinandersetzung gewesen ist, und daß es die Aufgabe des Delegiertentages sei, einen Weg zur Anwendung der zionistischen Erkenntnisse in unserem Leben zu zeigen. Die jüdische Kulturarbeit sei durch zwei Prozesse in unserem Leben bestimmt: Durch den Umformungsprozeß aller Lebensbedingungen des jüdischen Volkes in der üolah. und durcli den Prozeß der Rückkehr in Palästina. Faktoren jüdischer Kulturarbeit Der Umformungsprozeß zieht sich durch die Jahrhunderte unserer Geschichte. Hinter uns liegen vor allem hundert Jahre der Säkularisation, die die früher allgemein im jüdischen Leben gültigen Normen von Religion, Sprache und Beziehung zum Nebcnmenschen und zur Gemeinschaft weitgehend aufgelöst haben. Die heutige organisierte, sehr stark politisch orientierte Orthodoxie sei kein Ersatz für jene Kraft, die einst die kulturelle Einheit des Judentums garantierte. Ferner ist ein fortschreitender Prozeß festzustellen, der von der lockeren Berührung mit der Kultur der Wirtsvölker bis zur Eingliederung in diese Kulturen geht und damit die Tatsache der Entjudung geschaffen hat. Es sei charakteristisch, daß etwa noch die Katastrophe der polnischen Judenheit zur Zeit Chmelnitzkis imstande gewesen sei, unter den Juden seelische Kollektivreaktionen wie Mcssianismus und Chassidismus zu erwecken, während die moderne säkularisierte Judenheit etwa nach den Ereignissen der ersten Nachkriegsjahre nicht mehr die Kraft zu einer Antwort auf die umwälzenden Ereignisse gefunden hat. Auch die Reaktion der westeuropäischen Judenheit auf die geistige und soziale Ausgliederung in unserer Zeit läßt diese Unfähigkeit erkennen. Drei Jahre nach dem umwälzenden Geschehen müssen wir feststellen, daß hei den Juden in Deutschland noch kein klarer Kulturwille entstanden ist. Zwar ist dieser Zeitraum noch nicht ausreichend für die Bildung neuer Ansatzpunkte kultureller Entwicklung. Aber die Besinnung auf das Judentum hätte sich doch in einem Bezirk manifestieren müssen. Die kulturelle Eigenwelt ist uns von außen aufgezwungen worden, die deutsche Judenheit hatte nicht den Willen, sie selbst kulturell zu formen. Ihre einzige Initiative war der Kulturbund, der jedoch ursprünglich sozialen Erwägungen entsprang und nichtjüdische Kulturwerte durch Juden an die jüdische Gesellschaft vermitteln wollte. Auf dem Gebiet der Schule ging die Initiative nicht von der Judenheit aus, und hebräisch wird von vielen lediglich als eine notwendige Ausrüstung für Palästina angesehen. Der Zwang des Veränderungs-Prozesses hat die jüdische Kulturarbeit geschaffen. Welche Funktion weist ihr der nichtzionistische Teil der Juden zu? Er hat eine passive Einstellung zum kulturellen Problern, die so weit geht, daß es kaum eine tiefgehende kulturpolitische Auseinandersetzung gibt. Innerhalb unseres eingeengten Lebens aber ergibt ach die Notwendigkeit, diesem Leben in der Juden- Geschäftsführenden Ausschusses der ZVfD. vom 10. Januar gebilligt. Damit hat der neue O.A. eine klare Richtlinie. Als wichtigstes Ergebnis ist ein innerzionistisches zu verzeichnen: In der Frage der Berliner Gemeinde wurde eine Uebereinstimmung erzielt, und es wird in Hinkunft nur eine einheitliche zionistische Fraktion geben. Hierdurch ist ein Zustand beseitigt, der zur Vergeudung zionistischer Kräfte geführt bat, und der Weg zu positiver Arbeit freigemacht. Die Fraktion des Jüdischen Volksbundes (früher Volkspartei) hat in der Gemeindearbeit eine reiche Erfahrung gesammelt, und in früheren Jahren war bereits ein harmonisches Zusammenarbeiten mit der ZVfD. erreicht worden, bis durch gewisse Zwischenfälle die Spaltung und Entfremdung eintrat. Jet/t werden diese erfahrenen Kräfte geeint voll eingesetzt werden können, um den legitimen zionistischen Einfluß zu erringen. Die neue Leitung der ZVfD., in die einige jüngere Kräfte neu eintreten, sieht wieder unter dem Vorsitz von Dr. Siegfried Moses. Man darf wohl ohne Uebertrcibung sagen, dal! Dr. Moses die einheitliche Gefolgschaft' des "gesamten Delogiertentngcs gefunden bat. Durch die kluge und überlegene Art seiner Leitung der Tagung hat er die ihm entgegengebrachte allgemeine Sympathie noch vermehrt; sein besonderes Verdienst war die schnelle Beilegung des Zwischenfalls mit dem Misrachi, der einzigen kleinen Klippe dieser Tagung, und man muß Dr. Moses /u-limmen, wenn er sagte, daß es Lei uns weniger auf solche „Zwischenfälle" ankommt, als auf den Geist, in welchem sie beigelegt werden. Trotz der Explosion der Leidenschaften bewährt sich die brüderliche Gemeinschaft der Bewegung. Eine Fülle von konkreter Arbeit wallet auf die nun zurückkehrenden Zionisten in ihren Gruppen. Das Zustandekommen und der günstige Verlauf des Delegiertentages sind ein gewaltiges Aktivum für die zionistische Arbeit. Wir sind überzeugt, da» alle Teilnehmer mit gestärkten Kräften an ihren Arbeitsplatz gehen. Die Tagung bat auch in nichtzionistisc!u:n Kreisen großes Interesse geweckt, und der Appell, den die neue Leitung der ZVfD. vom Delegiertentag an die Juden Deutschlands ergehen ließ, darf nicht ungehört verhallen. * Es folgt der Rest des (in voriger Nummer begonnenen) Verhandlungsberichtes. gasse" einen Sinn zu geben. Das neue Ghetto ist dadurch gekennzeichnet, daß es seine Vergangenheit noch nicht kennt. Es weiß nicht, woher es die seelische Kraft zur inneren Ueberwiiuhing der Erschütterung nehmen soll. Es wird also darauf ankommen, in der jüdischen Kulturarbeit die rückwärtigen Verbindungen im Bewußtsein der Juden herzustellen, ihnen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch ein neues Zugehöngkeitsgeliihl. Unser Leben im Ghetto darf nicht ein Leben ohne 'lloifnung sein. Es muß innerhalb unserer spezifischen Lebensbedingungen ein neues Freiheit s i d e a 1 entstellen. Dieses Ideal ist die Rückkehr der Judenheit nach Palästina und die Erfüllung ihr« Lebens mit dieser neuen geschichtlichen Tatsache der Wiedergeburt. Nur dieses Ideal kann den Orientierungspunkt unserer Arbeit binden. Der zweite Prozeß ist die Rückkehr nach Pa List in a. Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß im Judentum eine eigene aufbauende schöpferische, gesellschaftliche Kraft liegt. Von der Möglichkeit ihrer Mobilisierung" hängen die Erfolge des Zionismus ab. Da das Schicksal unseres Werkes in Palästina in der Golah von den Kräften, die hier zum Einsat/ zusammengefaßt werden konnten, entschieden wird, ist die Ucherwindung der inneren Hindernisse im Judentum der eigentliche Beginn der zionistischen Verwirklichung. Schule, Kulturarbeit, Propaganda das ist das Erzichungswerk des ZkuiiMiius am ju>ii>chcn Volk, ohne dessen Verwirklichung der Zionismus eine Utopie bleibt. Das I reiheitsideal der Gallith ist bestimmend für das ganze Leben der Judenheit. Unser Kulturprogramm ist daher nicht allein ein Programm kultureller Maßnahmen für die zionistische Organisation allein. Im Bewußtsein unserer geschichtlichen Aufgabe erheben wir den Anspruch, das kulturelle Leben der Juden schlechthin zu gestalten. Es ist keine aridere Kraft im Judentum da, die ein anderes Programm besitze und dem Zionismus die Führung streitig machen könnte. — Das kulturelle Arbeitsprogramm muß von Opportunismus frei bleiben; das „Fifty-f ifty" darf unter keinen Umständen Eingang in die jüdische Kulturarbeit finden. Dieses Arbeitsprogramm erstreckt sich auf die Gebiete: Jugend, Sprache und Gesellschaft. — Das Arbeitsprogramm Die geistige und seelische Haltung der Jugend ist von maßgebender Bedeutung für die Verwirklichung unserer kulturpolitischen Ziele. Die Jugend war stets die Trägerin des Ideals der Heimkehr zum Judentum. Sie vermag eine enge Beziehung zur jüdischen Geschichte und zur hebräischen Sprache herzustellen. Die Schwierigkeiten in der kulturellen Formung der Jugend in unserer Zeit sind außerordentlich gewachsen, weil diese Jugend unter einzigartigen Bedingungen aufwächst. Ihr ist die materielle Existenzbasis en(zogen und ebenso die höhere Schulbildung; sie muß sich auf unbekanntes Leben der Auswanderung vorbereiten, anf neue Bedingungen, die sie hier kaum erfassen kann. Für diese Jugend gewinnt die Schule eine ungeheure Bedeutung. Gegen das organisierte Judentum in Deutschland muß der Zionismus die Anklage erheben, daß es von sich aus nichts Entscheidendes getan hat, um durch die Schule der jungen Generation ein Leben als Juden zu ermöglichen. Wir können nicht zugeben, daß auch' nur einem Teil der jüdischen Jugend eine judische Schule vorenthalten bleibt, deren Ziel. Die Kulturdebatte