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Jüdische Rundschau · 1936-02-04 · Heft 10 (4.2.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 10 (4.2.1936)
Date
1936-02-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10, 4. II. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Die Generaldebatte Das Referat von Dr. Moses wurde mit starkem Beifall aufgenommen. Nachdem der Vorsitzende noch eine Reihe von schriftlichen und telegraphischen Begrüßungen verlesen hatte, wurde die Generaldebatte eröffnet. Als erster sprach Rabb. Dr. Hoffmann, Frankfurt a. M. Er wies darauf hin, daß das jüdische Volk ein Volk eigener Prägung sei, und daß der Zionismus daher dem Wesen des Volkes entsprechend eine reMigiös-nationale Bewegung sein müsse. Es genüge nicht, hebräisch zu lernen, man müsse auch die klassische hebräische Literatur kennen und diese sei religiöser Art. Der jüdische Lebensstil sei von religiöser Tradition nicht zu trennen. In der Genieindepolitik müßten hieraus in Zukunft die Konsequenzen gezogen werden. Die „Jüd. Rundschau", die der Redner hoch zu schätzen weiß, habe in ihrer Berichterstattung oft die Geltendmachung religiöser Postulate übergangen. Dr. Hoffmann bemängelte das Fehlen einer konkreten Beziehung zu den religiösen Formen in vielen Hachscharahzentren. Dr. Hans Friedenthal, Berlin, übte an der Arbeit der leitenden Körperschaften der ZVfD. Kritik. Die Mitglieder der Organisation konnten die Linie der Arbeit sehr oft nicht verstehen, weil sie im Zickzack verlief. Unsere Haltung gegenüber unseren innerjüdischen Partnern in den zentralen Körperschaften war schwach. Die Organisationsleiter seien unverändert antizionistisch, obwohl sich die Gesinnung der Juden in Deutschland verändert hat. Dr. Friedenthal forderte die Eroberung der Gemeinden und lehnte eine Minoritätsstellung für den Zionismus in den zentralen jüdischen Gremien ab. Die ZVfD. müsse die Macht der zionistischen Organisation auf diesem Gebiete stärker in die Erscheinung treten lassen. Der Zwiespalt in der Berliner Gemeindearbeit müsse unnachgiebig bekämpft werden. Die Zionistische Organisation selbst und ihr Apparat, besonders auch das Palästina-Amt müßten stets vom lebendigen Strom der Bewegung getragen sein. Dr. Georg Josephsthal, Berlin, wies auf die Notwendigkeit hin, daß wir uns in unserer Arbeit an den Bedingungen Palästinas orientieren. Der Delcgicrtentag müsse Palästina nahe sein. Das Erziehungsprogramm für unsere Menschen, die nach Palästina gehen, müsse einen höheren Rang haben als alle anderen zionistischen Arbeitsgebiete, da sich darin das Ethos des Zionismus zeige. In der Arbeit in den jüdischen zentralen Institutionen dürfte nicht der Schwerpunkt unserer Golaharbeit liegen. Die letzte Verwirklichung, die Chaluziuth, müsse als wirklich erreichtes Erziehungsziel vorhanden sein. Nur so könnten auch aus anderen jüdischen Lagern Menschen angezogen werden. Auch durch den zionistischen Apparat müsse der Geist der Menschlichkeit gehen, und man müsse verstehen, den Wert der einzelnen Teile der Bewegung richtig einzuschätzen. Die Chaluzbcwegung muß sich von allen Kreisen des Zionismus getragen fühlen. Dr. Hans Klee, Berlin, betonte die Leistungen der zionistischen Fonds, des Makkabi und der Jugendalijah. Er polemisierte gegen den Satz, daß der Zionismus in Deutschland eine besondere Nuance in der zionistischen Gesamtbewegung darzustellen habe. Er kritisierte das selbständige Auftreten der HOG. bei den Wahlen in Tel-Awiw. Voraussetzung unserer Einwurzelung im Volke sei die Anerkennung der jüd. Tradition, mit rtier daher auch die Chaluzim vertraut sein müßten. Dr. Klee •WiKidte sich sodann gegen die Haltung der zion. Organisation *in der Frage der Reichsvertretung, da hierdurch lebensunfähige nichtzionistische Organisationen künstlich erhalten worden seien. Er forderte demgegenüber die Heranziehung der Gemeinden an die Arbeit der Reichsvertretung. Diese Frage habe die Durchsetzung der zionistischen Disziplin in der Berliner Gemeindearbeit bisher noch verhindert. Dennoch wünsche er in der Gemeindearbeit eine Einigung, die aber ohne Sieger und Besiegte erfolgen müsse. Dr. Georg Lubinski bekämpfte die Auffassung des Vorredners betreffend die Reichsvertretung. Es wäre untragbar, wenn die Reichsvertretung durch Gemeindelegationen, die auf Grund längst überholter Wahlen zusammengesetzt werden müßten, gebildet win de. Wir müßten immer daran denken, daß es gelte, im innerjiidischen Lehen Menschen zu erobern, und daher seien Pressionen nicht möglich. Den Juden in Deutschland müsse der Wert des Trostes und der Aufrichtung klargemacht werden, die der Zionismus enthält. Dr. Lubinski wies sodann auf die Lage in der Chaluzbcwegung hin, die wegen der ungenügenden Zahl der zur Verfügung stehenden Zertifikate ein vordringliches Problem darstelle. Anschließend wurden die Kommissionen gewählt, und zwar neben einem Wahlprüfungsausschuß folgende Kommissionen: Permanenz-Ausschuß, Kommission für Finanzen, für zionistische Arbeit, für Tarbutharbeit, für Schule, für Hachscharah, für Palästina-Amt, für Keren Hajessod, für Kcren Kajemeth, für Statuten, für Gemeindearbeit, für Jugendalijah, für Wirtschaft und soziale Fragen. Hierauf trat eine Pause in den Verhandlungen ein. Die Abendsitzung In der Sonntagabend-Sitzung wurde die Generaldebatte unter Leitung von Dr. Siegfried Moses zu Ende geführt. Als erster Redner wies Kurt Loewensfein, Berlin, darauf hin, daß die bisherigen Gegenstände der Diskussion, Reichsvertretung und Gemeinde, nicht die zentralen zionistischen Arbeitsgebiete sind. Sie seien gewiß notwendige Arbeitsgebiete, aber die zionistische Haltung in ihnen müßte als eine Funktion unserer Gesamteinstellung betrachtet werden. Wenn unsere Haltung in den jüdischen Institutionen zum Teil als unklar empfunden wurde, so deshalb, weil unsere geistige Position nicht völlig geklärt war. Der Redner wies in diesem Zusammenhange auf die neuartige Stellung der Juden innerhalb des Staates und ihre Anerkennung als „völkische Minorität" hin, für die wir in dieser Form nicht vorbereitet waren. Wir konnten daher im Praktischen kaum anders als die übrigen Teile des Judentums in Deutschland reagieren und kamen mehrfach in die Lage, daß das Gesetz des Handelns uns von außen vorgeschrieben wurde. Der Redner schloß mit der Forderung einer Konzentration der zionistischen Kräfte auf die zentralen zionistischen Arbeitsgebiete und betonte, daß auf den Randgebieten eine Kooperation mit anderen jüdischen Kreisen notwendig sei, soweit diese ehrliche Partner sind. Rechtsanwalt Philipp Kozower, Berlin, übte Kritik an der Haltung der zionistischen Instanzen. Er forderte, daß das I lachscharahwerk religiös fundiert sein solle, und bemäkelte, daß man in den Gemeinden lieber mit den Liberalen als mit dem Volksbund kooperiere. Er verlangte die Durchführung des Fifty-Fifty-Grundsatzes in der Reichsvertretung. Die Spaltung in der Gemeindepolitik sei eine reine Personalfrage. Dr. Michael Traub, Berlin, betonte, daß wir selbst die Unzulänglichkeit unserer Mittel am stärksten fühlen, und daß es uns nicht gelungen sei, die jüdischen Institutionen zu zionisieren. Er wandte sich gegen Ausführungen, die von seifen des Volksbundes gemacht worden waren, und hob hervor, daß der Volksbund nicht das jüdische Volk repräsentiere. Die Kritiker müßten begreifen, daß auf uns allen eine gemeinsame Verantwortung ruhe. Eine Verständigung mit ihnen sei notwendig, aber nur im Rahmen der Zionistischen Organisation. Is) Eisner, Berlin, stellte den Standpunkt der jung misrachistischen Bewegung dar, die ein Produkt der Eigenart des Zionismus in Deutschland sei. Er betonte, daß es Momente gäbe, in denen man religiöse Forderungen nicht stellen dürfe, ohne mißverstanden zu werden. Der Hechaluz müsse sich ernsthaft um die Bewältigung der religiösen Probleme bemühen. Dr. Hans Pomeranz, Frankfurt a. M., wies darauf hin, daß das Judentum Deutschlands sich uns mit einer Art von positiver Ideologie widersetzt. Wir kämpfen gegen eine soziologisch begründete Gegnerschaft. Diese Erkenntnis sei kein Defaitismus, aber man müsse sie mit aller Klarheit haben. Dennoch haben wir einiges erreicht. Es komme allerdings in den innerjüdischen Machtverhältnissen doch auf Zahlen in der personellen Zusammensetzung an, obwohl man unsere innerjiidischen Partner nicht aus ihrer Verantwortung herauslassen solle. Dr. Pomeranz schloß mit einem Hinweis auf die Bedeutung des Hechaluz für unsere Arbeit. Adolf Michaelis, Berlin, vermißte Kritik an der Erziehung unserer Menschen zur Schaffung einer neuen gesellschaftlichen Aufhaugesinnung. Die Einführung einer Disziplinklausel sei eine Selbstverständlichkeit. Wir müssen immer wieder sagen, daß der Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage sei. Dr. Ernst Marcus betonte die programmatische Einigkeit der Hauptgruppen des Delegiertentages. Es komme heute darauf an zu sagen, was die Zukunft von uns fordert. Das Referat des Vorsitzenden sei hierfür von größter Bedeutung gewesen. Dr. Joachim Prinz, Berlin, wies auf das Mißverhältnis zwischen der Diskussion und dem wirklichen Geschehen im jüdischen Leben hin. Er schilderte die Not des jüdischen Volkes im Osten und das politische Judenproblem, das sich auch dort in seiner ganzen Größe zeige. Die Diskussion entziehe sich der Wirklichkeit. Besonders deprimierend sei die Erstarrung der Fronten im jüdischen Leben und auch innerhalb des zionistischen Kreises. Man vergesse, daß der Zionismus auch heute keine fertige Sache sei. Unsere Schuld sei es, daß man ihn in die Begriffe Alijah und Zertifikat eingeordnet habe. Die Arbeit in der Reichsvertretung und in den anderen Institutionen dürfe nicht überschätzt werden, da die wirklichen zionistischen Aufgaben anderswo lägen. Daß es für ausgelernte Chaluzim keine Zertifikate gibt, ist furchtbar. Aber man müsse Menschen auch angesichts der scheinbaren Aussichtslosigkeit einer Sache für die Idee gewinnen und müsse die utopische Kraft des Zionismus erhalten. Hugo Wolfermann, Berlin, beschäftigte sich mit der Kulturfrage und den Inhalten der zionistischen Kulturarbeit. Auch in der Gallith müsse echtes zionistisches Leben geschaffen werden. Dr. Franz Meyer, Berlin, wies gegenüber den Kritikern darauf hin, daß wir unsere Arbeit in begrenzter Zeit durchführen müssen. Die Entwicklung des polnischen Judentums, der Pro/eß der Ausgliederung in Deutschland und die Entwicklung der Lage in Palästina seien die Maßstäbe, an denen wir diese Arbeit zu messen haben. Große Aufgaben standen vor uns, die wir bewältigen mußten, wenn ein Chaos verhindert werden sollte. In der Frage der Gcmeindcarbeit müsse der Delegiertentag reinen Tisch machen. Die Leitung der zionistischen Arbeit braucht heute echtes Vertrauen, auch wenn die Ergebnisse der Arbeit nicht immer nach außen hin deutlich sichtbar sind. Zwischen der Zionistischen Organisation und der Chalu/bewegung weide es niemals eine Trennung geben. Das Schlußwort zur Generaldebatte hielt Kurt Blumenfeld. Er beschäftigte sich zunächst mit einigen Rednern, die religiöse Fragen in der Aussprache angeschnitten hatten. Blumenfeld betonte, daß eine Erneuerung der ReMgiosität nicht durch Beschlüsse möglich sei. Man solle auf diesem Gebiete dem Zionismus nicht seine ursprünglichen Grundlagen nehmen. Das jüdische Volk war niemals nur die Gemeinschaft der Orthodoxen. Nichts Schlimmeres gäbe es als illegitime Hilfstruppen der Religion. - Blumenfeld behandelte sodann die Haltung der I I i t a c h d u t h <) 1 e j < i e r m a n i a bei den Tel-Awiwer Stadtratswahleii, die in der Diskussion von Dr. Hans Klee angegriffen worden war. Die IIOO. verfolge keine Sonderbestrebungen, sondern ihr Kampf gelte unter voller Billigung aller maßgebenden Gruppen des Jischuw der Eingliederung der neuen Olim aus Deutschland in das zionistische Aufbauwerk. In der HOG. sind die besten der aus Deutschland gekommenen Zionisten organisiert, denen man keine separatistischen Tendenzen unterstellen kann; sie werde sich durch eine winzige Oppositionsgruppe nicht stören lassen. Die Sitzung wurde hierauf auf Montag Nachmittag vertagt, Die Montagnachmittags - Sitzung In der Montagnachnüttags-Sitzung erstattete zunächst S. Tschertok sein Referat über „Die zionistische Bewegung als Trägerin der Kulturarbeit in Deutschland". Tschertok gab eine Analyse der kulturellen Situation des Judentums in Deutschland und führte aus, in welcher Weise unter zionistischer Führung die kulturelle Umgestaltung des Galuthjudentums erfolgen werde. Als zweiter Referent hielt Hans Gärtner einen Vortrag über die jüdische Schule. Nach dem Referat von Tschertok ereignete sich ein kleiner Zwischenfall. Rabbiner Dr. Hoff mann gab eine Erklärung ab, in der er gegen veischiedene Aeußerungen Kurt Blumenfelds in der Debatte vom Sonntag in einer scharfen Form protestierte. Als der Vorsitzende, Dr. Neubörger, der Meinung Ausdruck gab, daß die Rede Dr. Hoffmanns über den Rahmen einer persönlichen Erklärung hinausgegangen sei, verließen die Delegierten des Misrachi den Saal. In einem späteren Zeitpunkt der Sitzung gab Blumenfeld die Erklärung ab, daß es ihm ferngelegen habe, in seiner Rede die von ihm hoch geschätzte Persönlichkeit Rabbiner Hoffmanns antasten zu wollen, daß er vielmehr nur die Absicht gehabt habe, gegen verschiedene seiner Anschauungen zu polemisieren, insbesondere im Zusammenhang mit anderen Reden, die den Versuch gemacht hatten, die religiösen Postulate zu einem Politiktun für andere Zwecke zu machen. Der Vorsitzende Dr. Moses gab der Freude Ausdruck, daß es gelungen sei, diesen kleinen Zwischenfall in brüderlichem Geiste beizulegen. Er erklärte, daß der deutsche Zionismus stets auf die engste Zusammenarbeit mit dem Misrachi großen Wert gelegt hat, und daß insbesondere auch die zionistische Arbeit von Rabbiner Hoffmann vom gesamten deutschen Zionismus hoch eingeschätzt werde. Daß auch Kurt Blumenfeld dieser Meinung sei, ergebe sich schon daraus, daß seine Rede keine Spitze gegen Rabbiner Iloffmann haben sollte. Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIMER 1. Foriietsung „Wohin soll das alles führen, Francisco? Wir sind nicht Christen und werden es nie sein. Um uns herum aber ist nichts als Christentum, nicht bloß frommes, sondern auch eiferndes. Es will das Judentum ausrotten, als ob es dio Pest wäre. Kannst du, kann irgendeine Macht dagegen ankämpfen?" Francisco setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand. Seine Stimme klang rauh, als er antwortete: „Ja, eine Macht kann es: der Heilige Stuhl. In Rom gönnt man den Juden ihren Glauben und ihr Leben." Gracia schüttelte den Kopf: „Den Juden, vielleicht. Aber nicht uns Scheinchristen. Und jene haben den guten Schein des Rechts auf ihrer Seite. Denn in uns sitzt die Lüge. Hat nicht, wenn du beim Vatikan Erfolg hast, die Lüge Erfolg?" Francisco stand auf und sah, wie zur BildsBule geworden, mit starren Augen auf seine Frau herab: „Der Fluch der Lüge komme über die, aus deren Mund wir ihn empfangen haben. Wer hat sie geheißen, mich zu taufen, mich und meine Eltern, da sie genau wußten, daß sie etwas Untaufbares tauften? Nicht nur wir Getauften haben gelogen und lügen weiter, sondern auch, und noch mehr als wir, die Täufer. Hat das jüdische Volk, als es noch Macht hatte, je einen Menschen gezwungen, seinen Glauben anzunehmen?" Gracia mußte Iflcheln: „Hütten deine Eltern dieses Land verlassen, und der Versuchung der Taufe widerstanden, so hätte niemand sie taufen können. Aber ihr, wir, alle Juden, die noch hier sind, waren zu klein, um das auferlegte Opfer zu bringen." Francisco saß wieder neben seiner Frau und lohnte sich leicht an sie. Sie fühlte, wie ihn eine Schwache übermannte. Als er jetzt auch nur noch im Flüsterton sprach, versuchte er die» zuerst zu begründen: „Liebste Frau, wir wollen ganz leise sprechen wegen des Kleinen, das dort in der Wiege liegt. Wovon anderm reden wir als von seinem Schicksal, als von seinem Leben und von seiner Zukunft? Ihm bleibt, dem Glücklichen, von dieser schweren Zeit zu wissen erspart. Es liegt in jüdischen Kissen und Polstern und fühlt noch nicht die Steine und die Stacheln, die darunter verborgen sind. Aber wir, Gracia, du Junge?" Gracia tat den Arm um ihn, wie wenn ihr jüdisches Fleisch und Blut ihm die gleiche Wohltat erweisen könnte, die das Kind genoß: „Das Kind, Mann, das Kind! Vordem hast du manchmal gesagt: das Land, das Land oder das Haus, das Haus. Und fester als fest, stellten sieh deine Füßo auf den Boden des Landes und des Hauses und bestätigten und befestigten ihn als unsere Heimat. Nun aber, Mann, wohnen wir beide in dem Kind wie in einer neuen Heimat unseres Wesens, wie Bruder und Schwester sind wir in ihm, wie eine Einheit, die wir doch zwei sind, und gibt es da nicht ein Anderes, das uns erlosen könnte?" Gracia halte diese Worte vor sich hingesprochen, fast wie den Text eines Liedes, und als sie geendet hatte, war im Schweigen beider noch etwas Gefügtes, etwas Bildliches da und wirkte. Langsam, einem Erwachenden gleich, legte Francisco seine Arme um ihren Hals, hing an ihr, war ein Teil von ihr: „So jung, schickst du deine Träume so fern hin, lösest du dich von dem, was uns bindet." In Gracia erstarkte das Mannliche, Festbcstimmte ihres Wesens. Sie sagte kurz und knapp, fast hart: „Man müßte auswandern." Franciscos Arme sanken von ihrem Hals und hielten ihren Leib, hielten sich an ihrem Leib. „Wer wandert aus? Du, ich, das Kind. Der und jener noch, Freunde und Diener. Aber sind wir nicht Tausende hier, die zusammengehören? Nicht bloß im Judentum, an das wir alle wie e i n Geist glauben, sondern auch im Kampf gegen die Feinde des Judentums, den wir nur zusammen führen können. Wer sich von diesem Kamp! absondert, verrät er nicht die anderen? Gracia blieb bei ihrer Art: „Muß ich dir sagen, daß wir draußen den Kampf für die Hiergebliebenen fortsetzen können? Und sogar erfolgreicher als hier!" Franciscos Kopf lag in ihrem Schoß. Nun blickte sie starr auf ihn, aber er sah ihren Blick nicht: „Ja, gewiß, kämpfen hier und dort. Aber hier ist um mich mehr als das, was ich bin. Den Himmel kenne ich hier und den Baum und die Sterne. Die Früchte des Bodens, den Lauf des Flusses, das Meer draußen mit seinen immer Bleichen, immer anderen Wellen. Dio Sprache, die Brauche, die sonderliehe Wahrheit und Falschheit der Menschen. Den Handel, die Wissenschaft. Das alles zurücklassen?'' Er hob seinen Kopf, erhob sieh ganz., stand vor Gracia, ballte die Fäuste und keuchte: „Lasse ich denn mit alledem nicht mich selbst zurück? Das Beste von mir, das Lebendigster'1 Auch Grac ia stand auf und legte ihm ihre Handflüchen aus geslreckten Armen auf die Brust: „Dies alles ohne die Wahrheit deines Glaubens, ohne das eine klare Bekenntnis zu dem Göll, in dem du lebst, ist nichts, ist Schein, ist Lüge. Ja, auch dies Lüge!" Ihre Arme sanken von ihm ab, er begann wieder einen Marsch durch das Zimmer. Gracia legte sieh ins Bett und folgte ihm mit den Blicken. Das Gespräch setzte sich noch lange fort. Es verschärft© sich bis zu dem eindeutigen Gegensatz, man müsse auswandern — man müsse im Land bleiben. Der tiefere Gegensatz, der sich darin aussprach, war der zwischen dem jungen suchenden Lehen Gracias und dem gebundenen, an Erfolgen reichen Franciscos. Aber die Liebe der beiden stand darüber. Und als dann zum zweitenmal das Kind aufweinte, da die Stunde gekommen war, wo es trinken wollte, da holte es Francisco aus der Nische und trug es der Frau zu. Ihre Stirn entwölkte sich, ihre Augen wurden hell. Als das Kind an ihr zu trinken begann, schien sie mit der Milch auch einen Strom von Heiterkeit und Glück aus sieh hinüberfließen zu lassen in den saugenden Atem der Kleinen. Francisco saß daneben und hatte Teil daran. Er fühlte die Mauern um sich fester weiden und die Nahe des Himmels. Und sein väterliches Gefühl umfaßte die beiden jungen weiblichen Wesen, Mutter und Kind. II Am nächsten Morgen war alles nicht so schlimm. Christophoro stand schon, Arm in Ann mit Rabbi Isaak, vor seinem Ruhebett, als Gracia eintrat. „Ein unbegabter Mörder", sagte er. „Statt mkh zu meucheln, bringt er mir einen Bienenstich bei." Er ließ sich von Gracia umarmen, er küßte ihre Stirne. Dann bestand er darauf, ins Haus seines Ordens gebracht zu werden, da er das Haus Mendez entlaste» und dort sieh seiner Andacht hingeben wolle. Ein Wagen brachte ihn hin, Isaak begleitete ihn. Am folgenden Tag kam dieser vom Krankenbesuch bei dem Priester mit völlig guten Nachrichten zurück. Zwei Tage später meldete er, Bruder Christophoro sei in aller Stille abgereist. Es sei Befehl seines Oberen

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