Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1936)
- Date
- 1936-02-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 4. «. 1936 Zionismus unterbrochen zu sein schien, so war doch bald der Wiederanschhiß an diese Oedankenwelt geglückt. Das fand seinen sichtbaren Ausdruck in der Beteiligung der Zionisten Deutschlands an dem Luzerner Zionisten-Kongreß im Sommer 1035. Redner gedenkt dann der Bedeutung der „Jüdischen Rundschau" für die Weiterbildung und Durchsetzung zionistischer Ideologie und geht dann auf die Organisationsprobleme über. Unser« Organisation Der entscheidende Träger aller zionistischen Arbeit ist die Zionistische Organisation. Sie war zunächst emstlich gefährdet. Ganze Ortsgruppen zerfielen dadurch, daß die aktiven Mitarbeiter nach Erez Israel gingen; ihrer Vorsitzenden wurden fast alle Ortsgruppen auf diese Weise beraubt. Auf der anderen Seite strömten neue Anhänger hinzu, für deren Erziehung und Organisierung zunächst die bewährten Kräfte fehlten. Aber es gelang dank der hingebungsvollen Arbeit zentraler und örtlicher Kräfte bald, die Organisation zu konsolidieren. In allen Ortsgruppen erstanden neue Leitungen an Stelle der fortgefallenen, und ein Netz von Gruppenverbänden schuf allenthalben ein Rückgrat für die örtliche Arbeit; wo ehrenamtliche Arbeit nicht zu haben war oder der Ergänzung bedurfte, wurden hauptberufliche zionistische Beamte eingesetzt. So erwies sich die Organisation als der Fülle ihrer Aufgaben gewachsen. Der Redner spricht von der organisatorischen Schwierigkeit, die sich aus der Uebersiedlung vieler Zionisten nach Erez Israel ergibt, und erklärt dann, noch von ^eirtem anderen Organisationsproblem sprechen zu wollen. Die zionistische Arbeit in ihrer hier nur kurz angedeuteten Fülle und Vielfältigkeit, Schwere und Intensität läßt sich nur bei äußerster Disziplin aller Zionisten erfüllen. Wir dürfen feststellen, daß die überwiesende Mehrheit der Zionisten sich dessen in diesen Jahren mehr denn je bewußt gewesen ist. Demgemäß sind die Fälle, in denen die Frage der zionistischen Geschlossenheit zum Problem geworden ist. seltene Ausnahmefälle. Im wesentlichen sind die Gefahren, die in dieser Beziehung bestanden, bereits beseitigt. Wir haben festlegen müssen und festgelegt, daß Revisionisten und revisionistische Gruppen unserer Organisafion nicht anfehören dürfen; der Revisionismus, der kurze Zeit hinurch in Deutschland an Boden zu gewinnen schien, ist bedeutungslos geworden. Wir haben, nachdem der Reichsverband jüdischer Frontsoldaten eine scharfe und grundsätzliche Gegnerschaft gegen den Zionismus bekundet und betätigt hatte, bestimmen müssen, daß Mitglieder der Zionistischen Organisation dem Frontbund nicht gleichzeitig angehören dürfen; die Folge dieses Beschlusses war, daß eine ganz geringe Anzahl von organisierten Zionisten unsere Organisation verließ, der Großteil derjenigen Zionisten aber, die dem Frontbund angehört hatten, aus ihm ausschied — eine Maßnahme übrigens, die das Verhältnis zwischen uns und dem Frontbund im Ergebnis eher verbessert als verschlechtert hat. Gemeinde - Arbeit In einem Punkte aber besteht noch ein organisatorisches Problem, das sich als mangelnde zionistische Disziplin und demgemäß mangelnde zionistische Geschlossenheit auswirken kann, und dessen Lösung wir deshalb von diesem Delegiertentag fordern. Es handelt sich hierbei um die Form, in der Zionisten sich auf dem Gebiet der Gemein dcarbeit betätigen. Ich möchte das kurz darstellen, obgleich es sich hierbei um Fragen handelt, die auf den ersten Blick nur örtliche Bedeutung zu haben scheinen. In Wahrheit sind diese Fragen aus mehr als einem Grunde prinzipiell und wichtig — ganz abgesehen davon, daß es sich um Berliner Gemeindefragen handelt, die bei der Rolle, die der Berliner Gemeinde im jüdischen Leben zugefallen ist, kaum noch als örtliche Fragen anzusprechen sind. Frühere Delegiertentage waren sich bereits darüber klar geworden, daß grundsätzlich Zionisten an der Gemeindcarbeit nur in ihrer Eigenschaft als Zionisten und demgemäß unter einer eindeutig zionistischen Gruppenbezeichnung teilnehmen sollten. Man hatte aber Ausnahmen von diesem Grundsatz zugelassen, und so konnten in wichtigen Orten die Zionisten weiterhin unter den Namen „Jüdische Volkspartei" oder unter ähnlichen Bezeichnungen Gcmeindewahlkämpfe führen und Gemeindearbeit leisten. Noch auf dem Frankfurter Delegiertentag von 1032 w urde dieser Fragenkomplex erörtert. Man ließ es damals organisatorisch bei dem bisherigen Zustand; aber mit Rücksicht auf Tendenzen, die dahin verstanden werden konnten, daß diese Oeineindcnrheitsgruppcn das Recht zur selbständigen Führungsarbeit für sich in Anspruch nehmen, faßte der Perminen/ausschuß des Frankfurter Dciegiertentages einen Beschluß, der wie folgt lautet: „Der Permanenzausschuß stellt fest, daß die Führung der gemeindepolitischen Arbeit des deutschen Zionismus ausschließlich Sache des Geschäftsführenden Ausschusses der ZVfD. ist." Aus Anlaß dieses Beschlusses fand nach dem Dclegiertentag eine Aussprache zwischen dem Geschäftsführenden Ausschuß und dem Berliner Vorstand der Jüdischen Volkspartei statt, in der Uebereinstimmung darüber bestand, daß der Beschluft auch der Jüdischen Volksnartei gegenüber Geltung hat. Wenige Monate später zeigte es sich, daß die Jüdische Volkspartei entgegen den von ihr abgegebenen Erklärungen in einer wichtigen Frage nicht bereit war, sich der Disziplin der ZVfD. zu beugen. Fs bildete sich neben der Jüdischen Volkspartei eine „Zionistische Fraktion", und diese wurde statt der „Jüdischen Volksnartei" die Vertretung der Zionistischen Organisation in der Berliner Gemeinde. In einer Sitzung vom 2. Juli 1133 bestätigte der Landesvorstand die vom Geschäftsführenden Ausschuß gefaßten Beschlüsse und nahm weiterhin folgende Resolution an: ..Die geernwärtifje Situation des deutschen Judentums fordert die Zusammenfa«««ng aller xirmiMisrhen Kräfte auch auf dem Gebiet der Gemeindepolitik. Deshalb ist es notwendig, daß die zionistische Omcindearhei» aii^rhließlirti drr Autorität der ZVfD. und ihrer Gemrindekomamürm unterstellt wird. Die. Anerkennung dieser Postutate ist die unerläßlich« Voraus«-'nin» für die verantwortliche Vertretung der ZVfD. in der Gemeinde* heit." Die in diesem Beschluß des Landesvorstandes ausgesprochene Forderung ist bisher nicht voll verwirklicht worden. Es gibt in der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands auch heute noch neben einer zionistischen Fraktion, die sich voll der Autorität der ZVfD. unterstellt, eine Oruppe, die einen farblosen Namen trägt, und der neben einer großen Anzahl organisierter Zionisten auch Menschen angehören, welche nicht Mitglieder der ZVfD. sind. Dieser Zustand lähmt die Schlagkraft der Zionistischen Organisation auf einem wichtigen Gebiet. Wenn sich vor lahren vielleicht über die Frage streiten ließ, unter welchem Namen Zionisten im Gemeindeleben auftreten, so ist heute kein Zweifel mehr möglich: Nur zionistische Gruppen, ausschließlich aus Menschen bestehend, die der zionistischen Disziplin gehorchen, können heute die Aufgabe erfüllen, die uns Zionisten im Gemeindeleben gestellt ist. Deshalb haben wir die Hoffnung, daß mit dem übrigen Delegiertentag auch die zionistischen Mitglieder der Jüdischen Volkspartei, von denen wir einige als Delegierte unter uns sehen, sich der Einsicht nicht verschließen werden, daß hier eine grundlegende Aenderung eintreten muß. Wir werden dem Delegiertentag eine Vorlage unterbreiten, in der gefordert wird, daß Mitglieder der ZVfD. nur in rein zionistischen Gruppen an der Genieindearbeit teilnehmen dürfen, und daß andererseits Personen, die nicht in der ZVfD. organisiert sind, diesen Gruppen nicht angehören dürfen. Für Berlin würde die Annahme dieser Vorlage die Wirkung haben, daß an Stelle der beiden bisher bestehenden Fraktionen eine neue einheitliche zionistische Fraktion treten müßte. Beziehungen zur jüdischen Umwelt Die jüdisch-politische Linie, die wir während dieser Jahre eingehalten haben, ist nicht immer voll verstanden worden. Es kann nicht überraschen, daß nicht nur zwischen uns und dem nichtzionistischen Teil der Juden Deutschlands, sondern auch in unseren eigenen Kreisen Meinungsverschiedenheiten darüber entstanden, wie unsere Beziehungen zu der jüdischen Umwelt unter den veränderten Verhältnissen gestaltet werden sollen. Das Problem hat zwei voneinander sehr verschiedene Seiten, die in gewisser Weise im Widerspruch miteinander stehen. Auf der einen Seite hat die neue Situation die Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nichtzionisten insbesondere auf dem Gebiet des Palästina-Aufbaus intensiviert und vertieft; auf der anderen Seite hat der verstärkte Anspruch auf Beeinflussung der gesamtjüdischen Arbeit, den wir Zionisten erheben müssen, gleichzeitig in einem gewissen jüdisch-politischen Sinn den Gegensatz zwischen Zionisten und Nichtzionisten akzentuiert. Das äußere und innere Verhältnis zahlreicher Nichtzionisten zu Palästina hat sich in erfreulichem Maße geändert. In diesen Jahren sind nicht wenige, die früher ausgesprochene Antizionisten waren, selbst nach Palästina gefahren, um sich mit eigenen Augen von der Entwicklung und den Entwicklungsaussichten des jüdischen Palästina zu überzeugen. Wir können manche warme, herzliche und positive Aeußerung verzeichnen, die von dem tiefen Eindruck unseres Landes auf diese Menschen Zeugnis ablegt. Dazu kommen die mannigfachen persönlichen Beziehungen zu Angehörigen und Freunden, die nach Palästina gingen oder streben, vor allem aber die wachsende Erkenntnis von der einzigartigen Bedeutung Palästinas als Einwanderungsland. Das Ergebnis kam unmittelbar dem Kercn Hajessod zugute, dessen Organisation von einem immer größeren Kreis auch nichtzionistischer Juden als eigene Organisation empfunden wurde. Diese Entwicklung gipfelte in der Erklärung der Reichsvertretung vom 22. September 1935, durch die die Reichsvertretung als solche dem. Keren Hajessod beitrat, die jüdischen Gemeinden und Verbände nachdrücklichst aufforderte, ihrem Beispiel zu folgen, und sich bereit erklärte, die organisatorische Verbindung der Körperschaften der Juden in Deutschland mit dem Aufbauwerk" in Palästina herzustellen. Die Erklärung — der sich die großen jüdischen Organisationen, die jüdischen Gemeinden und die Gemeindeverbände ausdrücklich anschlössen — bedeutete auch pro- Prammatisch eine weitgehende Anerkennung der zionistischen orderungen, und es darf besonders hervorgehoben werden, daß diese Anerkennung nicht unter irgendeinem Druck oder als Ergebnis heftiger Kämpfe erfolgte. Sondern die Entwicklung, die seit 1933 eingetreten ist, war im Herbst 1935 so weit gediehen, daß die Gesamtheit der jüdischen Organisationen und Institutionen Deutschlands ihre gemeinsamen jüdischen Anschauungen in diesem Programm niederlegen konnte: in Programmsätzen, die die Bedeutung des jüdischen S c h u 1 w c r k s für die Entwicklung unserer jungen Menschen betonen, mit Rücksicht auf die Auswanderungsfähigkeit die Hinführung der Jugend zu handarbeitenden Berufen und das Erlernen der hebräischen Sprache fordern und in der Feststellung münden: „Dem gesteigerten Auswandcrungsrxxliirfnis ist mit einer großzügigen Planung zu ent sprechen, die vor allem P a 1 ä s t i*n a, aber auch alle anderen in Frage kommenden Länder einbezieht und besonders der Jugend gilt..." Auch in der Arbeit selbst hat sich aus der Entwicklung heraus vielfach eine enge und verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Teilen des Judentums in Deutschland gebildet, die wir von Anbeginn an aufrichtig begrüßt haben. Das gilt von der Arbeit auf dem Gebiet des jüdischen Schulwesens, von der Auswanderungsvorbereitung durch Berufsausbildung und Berufsumschichtung und von vielen anderen Gebieten; von der neuerlichen engen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Auswanderung selbst habe ich schon gesprochen. Dieser positiven Gestaltung des Verhältnisses zwischen Nichtzionisten und Zionisten stand, wie schon erwähnt, die Akzentuierung eines gewissen jüdisch-politischen Gegensatzes gegenüber, über die wir uns im gegenwärtigen Augenblick ebenso klar werden und ebenso freimütig aussprechen wollen wie über die mannigfache verständnisvolle Zusammenarbeit. Daß wir in immer zunehmendem Maße einen verstärkten zionistischen Einfluß auf die gesamte jüdische Arbeit fordern mußten, versteht sich von selbst, wenn man sich die Faktoren vergegenwärtigt, die ständig in dieser Richtung wirkten: die wachsende Bedeutung unserer spezifischen Arbeitsgebiete und unserer Arbeit für das Judentum In Deutsehland in seiner Gesamtheit; den sich ständig steigernden Einfluß unserer Ideologie auf die Gedankenwelt auch der Nichtzionisten; das Wachstum und Erstarken unserer Organisation. Zionistischer Führungsanspruch Wir begnügten uns zunächst damit, sachlich und ambitionslos in allen jüdischen Instanzen auf eine Gestaltung der Arbeit hinzuwirken, die unseren Forderungen Rechnung trug. Allein nach einer Anfangsperiode, in der dem Verdringen des zionistischen Einflusses nur wenige Schwierigkeiten entgegengesetzt wurden, regten sich Kräfte, die es für möglich und zeitgemäß hielten, dem zionistischen Einfluß formale Machtpositionen entgegenzuhalten. Nun wurde es notwendig, den zionistischen Anspruch auf entscheidende Beeinflussung des gesamten jüdischen Lebens in Deutschland ausdrücklich zu erheben. Dies geschah in der SCHALTERSTUNDEN der Annahmestelle in unserem Verlagshause MEINEKESTRASSE 10 Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr am Freitag jetzt wieder 9-16 Uhr JÜDISCHE RUNDSCHAU Arbeitstagung der ZVfD. am 5. Mai 1935, die den Gedanken in den Vordergrund rückte, daß dem Zionismus die sachliche Führung auf allen Lebensgebieten gebührt, auf denen die zionistische initiative den Juden Deutschlands neue Wege zu konstruktivem Aufbau und systematischer Hilfsarbeit gewiesen hat. Um diesen Anspruch auf sachliche Führung zu realisieren, forderten wir schon damals eine personelle und organisatorische Umgestaltung def zen« tralen und örtlichen Instanzen derjudenheit Deutschlands, die den Zionisten den ihnen zustehenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Arbeit in Deutschland verschafft und sichert. Wir dürfen es als Anerkennung der Berechtigung dieser Forderung auffassen, wenn die schon erwähnte Tagung der Reichsvertretung vom September 1935 es für erforderlich erklärte, daß Reichsvertretung, Landesverbände und Gemeinden unverzüglich die organisatorischen und personellen Maßnahmen treffen, die erforderlich sind, um eine kraftvolle und konsequente Durchführung des damals gleichzeitig beschlossenen Arbeitsprogramms durch alle jüdischen Instanzen sicherzustellen. Der zic.iistischc Kampf tun Zubilligung des entscheidenden zionistischen Einflusses trat nun in eine neue Phase, in der wir gegenwärtig stehen: Wir erheben die Forderung, daß die Zionistische Organisation in allen zentralen und örtlichen Körperschaften, die den Gesamtplan der jüdischen Arbeit bestimmen, die Führung hat. Manche unter uns sind der Ansicht, daß der zionistische Führungsanspruch früher und umfassender härte erhoben werden sollen, als es geschehen ist. W i r glauben, daß es eine natürliche und berechtigte Entwicklung bedeutete, wenn wir im Jahre 1933 den Kampf für unsere sachlichen Forderungen in den Vordergrund stellten und andererseits heute zu der Forderung nach zionistischer Führung gelangt sind. 1933 hätte man den zionistischen Führungsanspruch in erster Reihe aus dem Zusammenbruch der nichtzionistischen Anschauungen herleiten müssen, es fehlte damals noch zu einem guten Teil die Bewährung der zionistischen Auffassung in der praktischen Arbeit. Damals waren trotz allen Stimniungsumschwungs in der Judenheit, trotz aller Empfänglichkeit für unsere Anschauungen, im jüdischen Bezirk unsere entscheidenden Forderungen noch streitig und bedurften noch erst der Durchsetzung: vor allem die Forderung, daß die Auswanderung den zentralen Faktor des gesamtjiiJischen Programms bilden müsse, aber auch die Forderung, daß jüdische Schulen (nicht bloß Schulen für Juden) mit einheitlich gestalteten Lehrplänen und Lehrmethoden geschaffen werden müssen, und die allgemeine Forderung, daß wir kulturell uns im Jüdischen verankern müssen. Und es ist deshalb weder als Zufall noch gar als Zaudertaktik zu erklären, wenn jetzt und erst jetzt der Anspruch auf Führung in den Vordergrund tritt: jetzt, nachdem die zentralen Forderungen sich zu einem großen Teil durchgesetzt haben, und nachdem namentlich die Haltung der ganzen Judenheit Deutschlands in der Auswanderungsfrage zeigt, wie sehr sich unser Programm nicht bloß in der Theorie, sondern auch in der Praxis als berechtigt erwiesen hat. Inner jüdische Gegner Gerade in der letzten Zeit haben zuweilen nichtzionistische Kreise, die sich an einen zionistischen Einfluß noch nicht gewöhnen können oder wollen, ihre Abneigung gegen unseren Anspruch auf Führung in eine etwas überraschende Form gekleidet; sie haben uns erwidert, dann würden sie vorziehen, uns die Geschäfte ganz zu übergeben, und uns die volle Verantwortung übernehmen zu lassen. Ich will nicht untersuchen, inwieweit solche Meinungsäußerungen bis zum letzten ernst gemeint sind. Wir jedenfalls wollen diese Auffassung sehr ernst nehmen, und wir antworten: Wenn sich wirklich die Lage dahin zuspitzen sollte, daß wir den unseres Erachtens unerläßlichen Einfluß auf die gesamtjüdischen Angelegenheiten nur durch die vollständige Uebemahme der Geschäfte ausüben könnten, — wenn es wirklich dazu kommen sollte, dann würden wir vor der Uebemahme der vollen Verantwortung nicht zurückschrecken. Wir haben aber die Ueberzeugung, daß solche Meinungsäußerungen lediglich den Ressentiments einzelner Persönlichkeiten entspringen. Die überwiegende Mehrheit der Juden teilt zweifellos unsere Ueberzeugung, daß die jüdische Lage ein Zusammenwirken aller jüdischen Faktoren und die entscheidende Beeinflussung des gesamtjüdischen Tuns durch den Zionismus erfordert. Wir lauben, daß diejenigen unverantwortlich handeln würden, ie ernstlich die Frage so stellen, als ob nur entweder jüdische Gemeinschaftsarbeit oder zionistische Führung möglich wäre. Schließlich haben wir selbst ja lange genug sogar als kleine Minderheit im jüdischen Leben Deutschlands mitgearbeitet; und jetzt — in der heucn Situation — haben wir oft und deutlich erklärt, daß es auch jetzt für uns nur um ein sachliches Ziel geht: darum, die gcsnmtjüdische Arbeit sachlich unter unsere Führung, unter führenden zionistischen Einfluß zu stellen. Und wir wissen die überwältigende Mehrheit der Juden hinter uns, wenn wir uns bemühen, alle produktiven jüdischen Kräfte zur bestmöglichen Wirksamkeit unter entscheidendem zionistischem Einfluß zusammenzufassen. (Starker Beifall.) Diese Gedankengänge haben uns bei allen Verhandlungen geleitet, die um das Fifty-Fifty-Problem um die Frage des zionistischen Einflusses, geführt worden sind. Ich will diesen Bericht nicht mit einer Darstellung belasten, die zeigt, wie weit wir mit der I>urchsetzung unserer Forderungen bisher gelangt sind, und wie die noch im Gange befindlichen Aktionen im einzelnen stehen. In der letzten Zeit haben wir unsere Bemühungen auf die Frage einer Umwandlung der zentralen jüdischen Institution, der Reichsvertretung, konzentriert. Hier zielen unsere Verhandlungen sowohl auf eine Verstärkung des Präsidial-Ausschusses um mehrere zionistische Mitglieder, als auch auf eine Neuordnung der Geschäftsführung hin. Unsere Forderungen haben innerhalb des Präsidial-Ausschusses Zustimmung gefunden, während die Stellungnahme der Instanzen, die für eine Mitwirkung bei dieser Neuregelung in Frage kommen, noch nicht geklärt ist. Zionistische Bewährung Ich bin am Ende meines Berichts. Es bleibt noch die schicksalsschwere Frage nach der zionistischen Bewährung in dem Zeitabschnitt, auf den wir zurückblicken. Ich glaube, wir dürfen sagen, daß die Zionisten sich den großen Anforderungen, die Zeit und Umstände an sie gestellt haben, gewachsen gezeigt haben; daß sie sich befriedigend geschlagen und gut gehalten haben. Was ich aber nicht bloß glaube, sondern weiß, ist dies: der Zionismus hat steh voll bewährt, die Richtigkeit und Gültigkeit der zionistischen Idee hat sich uneingeschränkt erwiesen. (Beifall.) Und so außerordentlich unsere Lage auch ist (von außen und von innen gesehen), so durchströmt uns doch das beglückende Bewußtsein, daß wir uns nicht isoliert zu fühlen brauchen. Unter dem Einfluß der zionistischen Idee sind die luden Deutschlands in dieser Zeit dazu gelangt, sich als Teil des jüdischen Volks zu fühlen: und in dem neuen Bewußtsein dieses Zusammengehörens haben sie die Köpfe, die sich gesenkt hatten, wieder erhoben. Wir Zionisten Deutschlands aber fühlen uns — jenseits von allen Sondergeschehnissen und Sonderaufgaben — eingebettet und eingegliedert in die zionistische Entwicklung von Jahrzehnten und in die zionistische Bewegung der Welt (Langanhaltender Beifall.)