Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1936)
- Date
- 1936-01-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 9, 31. I. 1936 entstandene Gesamtbezeichnung „Psalmen" nicht beibehalten. pPrcisungen" dagegen ist für alle 150 Lieder tragbar und verbindlich. Darüber und über manches Weitere erstattet er zu diesem Band ungewöhnlicher Weise in einer Beilage Rechenschaft, wobei er auch auf wissenschaftliche Detailfragen ausführlieh eingeht. Uns gehen die allgemeinen Angaben an: daß Buber sich unbedingt an den massoretischen Text gehalten hat; daß die Bibel als Ein Buch gelesen und also «n ihrer gewaltigen Synoptik mit allen Entsprechungen innerhalb ihrer einzelnen Abschnitte, aber auch mit dem Eigenrecht manchen Wortes gerade in diesem Buch übersetzt werden muß; daß hier die rhythmisch straffere und strenger (als in den sogenannten prosaischen Teilen der Bibel) gebaute Verszeile eine relative Geschlossenheit, nicht metrische Entsprechung, sondern die rhythmische Struktur und Bewegung des Liedes anstrebt.... Dies alles im Kleinen zu beurteilen, bleibt Sache der Fachleute, die einem solchen Werk gewachsen sind; sie sind wohl spärlich gesät. Dem Laien bleibt der Genuß des Ganzen, ein vielfach erlesener, ein nicht an einem Abend zu erlesender, aber, je tiefer, je offener man sich hineinfühlt, auch erlösender Genuß. Dieses aus dem Hebräischen übertragene, es vertretende, einprägsame und zuweilen mit eigenartig herzhaften, aus vergessenen Winkeln der Sprache geschöpften Worten und Wendungen so ganz gesättigte Deutsch hat eine neue, durch mannigfache Prismen brechende, leuchtende Schönheit, und manchmal im Buch der Preisungen hat man den Eindruck, als wäre sie noch klarer, ja, leichter geworden seit den ersten Büchern dieser Verdeutschung. Wahrscheinlich weil der neue Stil uns mittlerweile gefangen genommen hat, nicht Buber, sondern uns klarer und empfänglicher gemacht und dem Urbild nähergebracht hat. Leo Hirsch Volkstum und Religion „Die geistige Basis der nationalen Einheit" Heber das Verhältnis von Religion und Volkstum im j ii d isch c n N :>. tionalis m u s ist in letzter Zeit immer häutiger gesprochen worden. Die rein formale Trennung, die zu Beginn des Zionkmiis vor 10 Jahren vorgenommen wurde, konnte, je weiter die Verwirklichung fortschritt und Fragen des wirklichen Lehens in den Vordergrund traten, nicht mehr befriedigen. Wir erinnern an die Antrittsrede des ersten Rektors der Ihiiveisi'.it Jerusalem, Dr. Hugo Bergmann, die diesem 'I hem.i gew Ulmet war (kur/lich in der „Jüdischen Rundschau" vrndfentlicht). Interessant ist, daß diese Probleme, die von uns in Deutschland als aktuell empfunden werden, innerhalb der zionistischen Welt außerhalb Deutschlands ebenfalls diskutiert werden. In dieser Richtung scheint uns ein Artikel charakteristisch, den Dr. Simon B e r n s t e i n in dem Organ der a m e r i k a n i - s c h e n Z i o n i s t e n „The New Palestine" (New York) unter der Ueberschrift ,,1) i e g e i s t i g e Basis d er nationalen Einheit" veröffentlicht. Dr. Bernstein tritt hier in einer ausführlichen Darstellung für die These ein. dal! die jüdische Religion die ein/ige Kraft ist, die imstande ist, die nationale Einheit des Judentums herzustellen. Es sei ein tragischer Irrtum gewesen, daß ck-r jüdische Nationalismus die säkularistischen Ideale des 10. Jahrhunderts sich zu eigen gemacht hat. Zwei große Warner sind im letzten Jahrhundert erstanden, in W'esteuropa Samuel David Luzzatto und in Osteuropa Perez. S m o I c n s k i n. Beide haben ihren jüdischen Nationalbegriff auf die religiösen Ideen des Judentums gegründet. Dr. Bernstein meint sogar auch Herzl als Zeugen für seine Anschauung heranziehen zu können, was uns aber ein Irrtum zu sein scheint. I» neue Bewertung der geistigen Güter des Judentums im jüdischen Nationalismus sei aber auch aus politischen Gründen eine Notwendigkeit. In der Präambel zum Palästina-Mandat, der Magna Charta unserer nationalen Bewegung, ist die Rede von der „historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina". Diese historische Verbundenheit haben die Völker, die das Mandat gegeben und bestätigt haben, in der Bibel und in der jüdischen Religion gesehen. Eine Neuorientierung in beztig auf diese Werte könne daher, so schließt Bernstein seinen Aufsatz, nicht nur zu der Wiederentdeckung der eigentlichen geistigen Grundlagen unseres nationalen Seins führen, sondern auch ein besseres Verständnis zwischen den ihr Nationalheim aufbauenden Juden und den Nationen der Welt hersfeilen. Die Fortsetzung der Artikelserie über Südamerika von Arthur Kuppln mußte wegen Raummangel zurückgestellt werden. Gespräch von Zum Problem unserer Geschichte Von Dr. Max Nußbaum, Berlin I. Man muß bei allen Gesprächen, die Völker miteinander führen, zwischen „Begegnungen" und „Treffen" unterscheiden. Nicht jedes Gespräch der Völker ist eine Begegnung im positiven Sinne des Wortes. Es kommt vor, daß der Verlaul der Geschichte zwei Völker miteinander in Berührung bringt, ohne daß dadurch eine neue synthetische Kultur entstellt. Manchmal will der eine Partner das Gespräch überhaupt nicht eröffnen, weil er den zweiten Partner und seine Welt völlig ablehnt. Beispiel: Das palästinensische Judentum und das Griechentum. Oder die beiden Partner verkörpern so entgegengesetzte Pole menschlichen Daseins, daß sie sich nichts zu sagen haben: Das gewaltlose Judentum und Rom. Oder das Gespräch ist nicht produktiv, weil keiner der Partner auch nur die kleinste Retuschierung seines Wesens vornehmen will. Beispiel: Judentum und Christentum im Mittelalter. II. Aber selbst die echten „Begegnungen" der Völker miteinander weisen keinen einheitlichen Charakter auf. Eine Begegnung kann so vor sich gehen, daß durch sie eine KuTtursynthcsc großen Formats entsteht, wobei aber der eine Partner völlig in dem zweiten aufgeht. Und es gibt eine zweite Art von Begegnung: Das Gespräch wird geführt von Volk zu Volk. Jedes „nationale Ich" assimiliert sich — im Dativ —- diejenigen Eigenschaften seines Gesprächspartners, die sich in seinen Rahmen am besten einfügen. Auch hier entsteht etwas Neues. Aber niemand geht unter. Beide Partner bleiben Sieger. Die jüdische Geschichte ist reich an Beispielen, sowohl für die eine als auch für die andere Art der Begegnung. III. Ein Beispiel für die erste Art des Gesprächs: Die Begegnung zwischen Judentum und Griechentum in Alexandrien. Der geschichtliche Vorgang ist bekannt. Das Resultat heißt: Hellenismus. Philo, sein größter Vortreter, versuchte eine Synthese von Griechentum und Judentum herbeizuführen. Das Eigenartige seiner Synthese war, daß der räumliche Standort seiner Beurteilung jenseits der jüdischen Mauern war. Philo war seinem Wesen nach ein Grieche. Von der Höhe der griechischen Philosophie aus leuchtete' er in das jüdische Tal hinab und holte sich nach verschiedenen methodischen Versuchen der Umdeutung, Sublimierung und Abstraktion solche Schätze herauf, die auch in seiner reinen griechischen Atmosphäre den Glanz nicht einbüßten. Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Volk, das leben will, Gespräche mit Völkern nicht führen darf. IV. Die jüdische Geschichte kann auch ein Beispiel entgegengesetzten Charakters aufweisen: Dasselbe Gespräch mit derselben Kultur, nur im Mittelalter, und von einem anderen Mann geführt: von Maimonides. Auch er steht tief in der griechischen Philosophie. Auch er ist ein Schüler griechischer Philosophen. Nur sein Standort war von dem Philos grundverschieden : Er befand sich innerhalb der jüdischen Mauern. Maimonides brauchte das Judentum nicht salonfähig zu machen. Für ihn verkörperte das Judentum das höchste Vernunftssystem und alles Geniale, und Erhabene der griechischen Philosophie fand er im Judentum verankert. V. In diese Reihe nationaler Gespräche gehört auch die Begegnung des Judentunis mit dem Deutschtum. Hier zeigt sich allerdings etwas Eigentümliches: Innerhalb des Gesprächs des jüdischen mit dem deutschen Volk sind beide Arten von Begegnungen enthalten. Die verschiedenen Generationen haben das Gespräch auch verschieden geführt. Wenn man historisch genau sein will, kann man dieses Gespräch mit gewissen Einschränkungen schon mit Mendelssohn anfangen lassen. Mendelssohn wollte ein Volk zu Volk konfessionaiisiertes Judentum auf deutschem Boden erhalten: Eine neue, synthetische, aus zwei Hemisphären sich zusammensetzende deutsch-jüdische Welt, wie sie in letzter Prägnanz und Klarheit von den späteren Generationen gefordert wurde, schwebte ihm noch nicht vor. Auch fehlte in dieser Zeit noch der gegenseitige geistige Austausch. Eine Generation nach ihm — seine Kinder und seine Schüler — hat auch schon für diese dialogische Ouvertüre nichts mehr übrig gehabt und ging daher rasch und entschlossen zum anderen Pole über. Ein Gespräch, wie wir es hier gezeichnet haben, führte im letzten Sinne dieses Wortes Abraham Geiger. Die Geigcrsche Generation, die man gewöhnlich als sehr assimilatorisch bezeichnet, war trotz allem jüdischer, als wir es heute meinen, und als die Repräsentanten dieser Bewegung es selber glaubten. Diese Generation strebte mit Bewußtsein eine Assimilation an das deutsche Volk an. Aber in ihrem Wesen steckte sie noch tief in dem Gedankengut der jüdischen Tradition, von der sie sich auch später — zumindest im Unterbewußtsein — nicht loslösen konnte. Ausschließlich und allein deswegen gibt es auch ein positives Resultat ihres Gespräches mit dem Deutschtum: Die Wissenschaft des Judentums im 19. Jahrhundert. Man kann gewiß über diese „Wissenschaft des Judentums" verschiedener Meinung sein, aber daß sie einen Gewinn darstellt, kann zweifellos bejaht werden. Nun kam eine neue Generation. Und das Gespräch, das sie führte, zeigt bei näherem Hinsehen sofort sein „Philonisches" Profil. Diese Generation — und sie reicht bis in unsere Tage hinein — wurzelt nicht mehr im Judentum. Sic war schon selbstverständlich in die neue Welt hineingeboren. Das Judentum war Gabe. Die deutsche Welt war Aufgabe. Hier ist ein Gespräch zustande gekommen, das auch ein eigenartiges Resultat gehabt hat. Eine Literatur, geschrieben von Menschen, die als Juden geboren waren, aber mit dem Judentum nichts zu tun hatten, in deutscher Sprache, aber ohne die Säfte deutschen Nährbodens. Das Gespräch zwischen den Juden und dem deutschen Volk hat jetzt sein Ende gefunden. Dies bedeutet nicht, daß dieses Gespräch zwischen uns und Westeuropa jetzt aufhört. Nur die Ebene hat sich verschoben. Das „nationale Ich" des jüdischen Volkes wird bald vom altneuen Boden seiner Heimstätte aus in seiner Geschlossenheit und Totalität mit allen Völkern der Welt ein neues Gespräch beginnen. Aber dieses Gespräch wird eine echte Begegnung von „Volk" zu „Volk" sein. „Das musikalische Juden-ABC" Die Monatsschrift „Die Musik" vom Januar 1936 erwähnt in ihrer Rubrik „Unsere Meinung" ein im Hans Brückner Verlag, München, erschienenes Buch „Das musikalische Juden-ABC". Die Zeitschrift betont, dal! sie stets für das eingetreten sei, was in diesem Buche angestrebt werde, sie wendet sich jedoch gegen die „großzügigen" Aufstellungen, die nicht zuverlässig seien. Hierzu heißt es u. a.: ..... Heute stehen amtliche Stellen in genügender Zahl mit Auskünften zur Verfügung. Es ist d.ihcr um o weniger zu entschuldigen, daß ehrenwerte deuisehc Menselicn, au ilnrn Ab,i.immune; nie ein Zweifel aufgetaucht ist, diffamieu werden. Celier schwierige tb.nriälle würde ge\vit> niemand ein Wert veilieieu. Wie man jedoch Hugo R i e m a n n, den Begründer der Weligel;ung der deutschen Mudkwisseusehali, zu den Juden reennen kann oder auch den Wiener Musik-gelehrten Roben Haas. das überrascht dnji|H-lt, wenn man Paul II c k k e r als Arier aulgeführt finde!, wo in die-ern Falle seihst bei den an Rasst i'r.i^en l.'niniere^ierU n niemand dee, Volljudcri übersehen konnte! Da werden sich die Immigranten (zu denen Bekker gehört) freuen. Dem Leiter der Schutzpolizeikapclle in Danzig, Ernst St icberitz, sieht man sein Ariertum auf weite Entfernung an. Mav Bruch (der Komponist der U'kannten ..Kol N'idro"-Weise •— A. '1- ..Jüd. Rdseh.") ist Linest -,)< emwan Ko ier Arier festm st eilt. Und Dr. Max Steinit z e r, der Leipziger Musik«-!» ilMi-ller, hat die Legende seiner jüdischen Abstammung auch, wiilcr'cg». Ahne Sandel», die Frau des Komponisten Füek-Stcgrr. gilt uns ebenfalls als arUeh. Es überravht auch, den Tanzer. Harald Kreutzberg in der Judcnlisle zu finden. Bei Erich Kleiber, dessen \aaie ja bekannt genug ist, führt man die Sehreibweise Klaiber ein. ebenso bei Oscar Straus das ,ß', das den ariM'hrn Mu>ikcrlinicn voi behalten ist." umi wenn das (iefühl, mit dem er die Taufe vornahm, im Himmel Lrhörunn würde linden können, so war dos ehrist liehe Leben des Kindes und ihrer Mutter sichergestellt. Denn der Fromme taufte in dem Kinde nochmals seine Schülerin Grucin. Er sagte ihr dies auch, aber sie nntw ortete ihm mit einem hebräischen Satz, der von der I hn erlefzi i< hktit des überkommenen jüdischen Wesens handelte, (licistot.horo wehrte, ohne den Sinn zu begreifen, mit erhobenen Händen ab. Fr wohnte während seines Aufenthaltes in Lissabon hei seinen Ordensbrüdern, aber täglich kam er, nach Erledigung der \ oreeschriebenen frommen L'ebungen, ins Haus Mendez. Seine Anwesenheit sollte zu einem erschreckenden Zwischenfall Anlaß geben, der die damalige Situation der Maranncn grell beleuchtete und überdies mit Dunrtcs Reise und Mission in Zusammenhang stund. Diiarte war, wie er versichert hatte, ohne Sizilien und Neapel z.u berühren, direkt nach Horn gefahren, wo er ohne Säumen mit den die Politik des Vatikans bestimmenden Kardinälen in Beziehung trat und sieh vor ihnen als geheimen Sendling der Marannen auswies. So sehr er auch vorerst im Hintergrund z.u bleiben bemüht war, wurde seine Ankunft und ihr Zweck schon nach wenigen Tagen zu einem öffentlichen Geheimnis, das -- Geheimnisse haften sehon damals geheimnisvoll schnelle Beine — rasch auch am Hof zu Lissabon bekannt wurde. Der König und seine Ratgeber waren empört über Duartes Unbotmaßigkeit und Verrat. Zwar hatte er, wie er sogar in einem besonderen Handsehreiben, wissen ließ, vertrauenswürdige Männer seiner Begleitung nach Neapel und Sizilien entsandt. Aber daß er selbst in Rom war, dort zu bleiben gedachte und in einer Richtung tätig war, die weder seinem Auftrag noch dem Willen des Königs entsprach, wurde ihm von diesem sehr verargt, noch mehr aber von der spanischen Partei am Hof, die ihrerseits von ihren Spitzeln erfahren mußte, daß er bereits die ersten Sehritte gegen die Einführung der Inquisition unternommen habe. Niemandem in ganz. Portugal war es unbekannt, daß das Haus Mendez die Zentrale für die Bekämpfung der Inquisition war. Und so lag es denn nahe, daß sich der Zorn der Enttäuschten und in ihren römischen Bestrebungen Bedrohten gegen dieses Haus richtete. Es entsprach der Sitte des Landes und der Zeit, die Gefühle gegen den politischen Gegner auf dem Wege über die Straße an ihn heranzutragen. Man hatte dazu seine ergebenen Leute, die selbst hinwiederum ihre ergebenen Leute hatten. Diese letzteren gehörten dem Kreis der Müßiggänger, Abenteurer oder schlechtweg der Verbrecher an. Sie hatten, um einen Rachefeldz.ug einzuleiten, ein stummes, aber um so unheimlicher wirkendes Mittel: die Zusammenrottung. Wenn es dunkel z.u werden begann, erschienen vor dem Haus Mendez zwei oder drei Leute, nach einer Weile wieder soviele und so fort, bis ein kleiner Menschenhaufe beisammen war, dessen einz.elne Gesichter die scheinbare Harmlosigkeit und Zufälligkeit ihres Verweilens Lügen straften. Oh, sie taten ja nichts als das, was sie auch sonst und was auch viele andere taten: sie gingen müßig und lungerten herum, gaben über Vorübergehende ihre Meinungen zum Besten oder bettelten sie mit mehr oder weniger Nachdruck an. Wer konnte behaupten oder gar beweisen, daß sie eine organisierte Bande waren mit einem bestimmten Auftrag und sogar mit einem Führer, der sie besoldete, ohne zu sagen, in wessen Auftrag und mit wessen Gel« er es tat? Diesen Bravi nun fiel es auf, daß seit einigen Tagen ein ortsfremder geistlicher Bruder regelmäßiger Gast des Hauses Mendez war .Sie meldeten die immerhin auffällige Tatsache ihren Auftraggebern, und denen schien es ohne weiteres einleuchtend, daß es sich dabei um einen Mandatar aus Rom handeln müsse, um eine Art von Gegengesandten zu der Mission Duartes. Auf diese Weise kam der fromme Bruder C'hristophoro in den Geruch, ein gefährlicher Intrigant zu sein. Gegen das Haus Mendez und seine Bewohner etwas Direktes und Augenfälliges zu unternehmen, war der Band« verboten. Sie sollte nur drohen und das Haus unter Beobachtung halten. Man hatte es auf die Einschüchterung Franeiseos abgesehen. Ihm, dem großen und einflußreichen Bankier, ans Leben und an sein Eigentum z.u gehen, wagten auch die mächtigsten Mitglieder der spanischen Partei nicht. Denn er hatte Zutritt zum König und genoß, aus staatswirtschnflichen Gründen, dessen besonderen Schutz. Anders aber verhielt es sich mit diesem verdächtigen Priester. Gegen ihn etwas Handgreifliches zu unternehmen, war eine wirksame Demonstration sowohl gegen den in Sachen der Inquisition zögernden Vatikan als auch gegen Francisco Mendez und seine Machtstellung. Bruder Christophoro hörte eines Abends beim Verlassen des Hauses furchtbare Verwünschungen und Flüche, wie Judenpfaffe, Teufclsknecht, Höllenhund oder: Der Teufel wird dich bei lebendigem Leib verzehren, Verachtung aller Frommen über dich und ähnliches. Der Priester war betroffen von diesen Zurufen und wandte sich den Burschen zu, von denen sie kamen. Er wollte dem Zorn, den er niehtsahnend erregt hatte, auf den Grund gehen und tut einige Schritte, um der Bande näher zu kommen. Ein paar Steine flogen gegen ihn, trafen ihn aber nicht. Er hob beschwörend die Arme, er wollte etwas sagen, aber vor Erregung versagte sieh ihm die Sprache. Noch stand er mit erhobenen Armen, da stürzte einer aus der Bande auf ihn zu und stieß ihm einen Dolch in die Brust. Im selben Augenblick war auch sehon der ganze Schwann verschwunden, wie von einem Sturm weggeweht. Die Straße war menschenleer. Christophoro lag in seinem Blut. Zufällig kam einer von den Minjan-Männern des Weges und alarmierte das Haus. Man trug den Verw undeten hinein, Rabbi Isaak bemühte sieh um ihn, Gmein und Francisco standen bleich vor Sehrecken dabei. Es stellte sieh heraus, daß die Wunde nicht gefährlich wa,r. Nur der große und plötzliche Blutverlust hatte den alten Mann sehr geschwächt. Aber lächelnd bat er, sieh um ihn nicht, zu ängstigen. Er blieb in der Nacht in der Obhut und Pflege Rabbi Isaaks. Auch Graeia weigerte sich, ihn z.u verlassen. Aber schon bald nach Mitternacht sank er in einen tiefen Erschöpfungssehlaf, ohne daß Fieber eingetreten wäre. Nun ging auch Gracia in das Schlafzimmer. Sie fand dort ihren Mann aufgeregt im Zimmer auf- und abgehend. Sie legte ihre Arme um ihn und küßte ihn: „Francisco, was bedeutet das?" Er nötigte sie ins Bett, ohne selbst Anstalten z.u machen, sich niederzulegen. Sie lag. Er ging umher. Sie wartete geduldig, bis er anfing zu reden. „Das war Bruch des Waffenstillstands. Schon seit Wochen läßt man Gesindel mein Haus umschleichen. Die Auftraggeber sind mir bekannt. Aber ich lasse mich so leicht nicht einschüchtern. Wir Juden sind Schlimmeres gewöhnt. Dieser schlimme Streich gegen Christophoro — ihn hat e,s getroffen, uns allen hat es gegolten — beweist mir, welche Stimmung gegen uns herrseht. Er beweist aber auch, daß Diiarte in Rom gute Aufnahme gefunden hat. Dein Lehrer muß es büßen." Francisco hätte noch weiter gesprochen, aber hinter einem Vorhang, der die in einer Nische stehende Wiege verdeckte, begann der Säugling zu weinen. Die Stimme Franciseos hatte ihn aufgeweckt. Graeia erhob sich, um ihn zu beschwichtigen. Dann setzte sie sich aufs Bett und dachte nach. Inzwischen hatte sie mehr von den energischen Abwehrpllinen ihres Mannes und seiner Freunde erfahren, als ihr lieb war. Sie konnte also die Lage überschauen. Der Druck, der auf ihr lag, war so schwer, daß sie nur zu flüstern vermochte. (Fortsetzung folgt)