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Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9, 31.1. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Martin Bubers Psalmen-Verdeutschung Der XIV. Band der „Schrift« Das Buch der Preisungen. Verdeutscht von Martin B u b e r. (Die Schrift. Zu verdeutschen unternommen von Martin «gCI"ci"sam mit Franz Rosenzweig. Schriftwerke, XIV.) Schocken-Verlag, Berlin. Je wuchtiger und tiefer politische und wirtschaftliche Oeschehnisse in unser reales Dasein einschneiden, desto wichtiger haben wir, das ist unser einziger moralischer Ausweg, die scheinbar nicht realen, die geistigen Ereignisse aufzunehmen und zu verantworten, die uns angehen. Bubers Bibel-Uebertragung ist ein solches Ereignis, vielleicht das wesentlichste in diesen Jahren. Man bedenke die Situation: diese Verdeutschung der Bibel, des Erst- und Letztgültigen, das das Judentum der Welt zu geben hatte, erscheint, während sich die denkbar schärfste Trennung von Deutschtum und Judentum vollzieht. Und doch dürfte nur ein kleinmütiger, kurzsichtiger Betrachter den Mut aufbringen, solches Erscheinen als Tragik, als Groteske oder Donquichoterie zu bezeichnen, als wenn etwa die Bibel, gleichviel in welcher Form und Sprachgestalt, ein Werbemittel für irgendwelche politische oder kulturpolitische Zwecke abgeben konnte. Man muß Bubers Arbeit in tieferen Zusammenhängen sehen: als ein Dokument äußerster Kulturleistung in diesem jüdischen, deutsclijüdischcn Bezirk, als das tiefstgreifende Manifest zur jüdischen Selbstbesinnung; das hier in deutscher Sprache um des Jüdischen willen erscheinen muH, so wie Spinozas Ethik geometrisch darzustellen war, um die Nichterrechenbarkeit aller letzten Ethik zu erweisen, so, wie Nietzsche Philosoph, und welch ein Philosoph, sein mußte, um das philosophische Denken überhaupt in Frage zu stellen. Bubers Bibel bildet also, in ihrer Weise und soweit wir heute urteilen dürfen, einen Abschluß des deutschen Bibelwesens, und das eben herausgekommene Buch der Psalmen ist auch in solchem Betracht ein Höhepunkt. Um das recht zu würdigen, vergegenwärtige man sich die Bedeutung der Psalmen in der öeistesgeschichte der Welt. Sie haben über den religiösen, ethischen, moralischen Einfluß der Bibel weit hinaus die Gemüter ergriffen, das Bewußtsein beeindruckt, die europäischen Sprachen gestalten helfen. Wie die ergreifendste Aeußerung Jesu, am Kreuz, ein Psalmvers ist, so stammen fortan unzählige der menschlichsten Worterschütterungen von Luther bis zur Gegenwart ureigcntlieh aus dieser Sprach- und Gefühlswelt. „Die Psalmen des Alten Testaments sind die Grundlage unserer gesamten europäischen Lyrik", beginnt S. Singer sein Werk über die religiöse Lyrik des Mittelalters, das er mit Fug „Das Nachleben der Psalmen" betitelt. Im germanischen Sprachgebiet darf bereits viele Jahrhunderte vor Luther die erste Psalmcn-Uebersetzung angesetzt werden. Im Briefwechsel des Hieronymus mit den gotischen Priestern Sunja und Frithila glaubt man einen Plan festzustellen, den Psalter ins Gotische zu übertragen, und altsächsische und altalemannischc Psalmen-Fragmente aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts sind vorhanden. Von der Fülle und dem Wert solcher Dokumente macht man sich einen Begriff, wenn man das große Werk von Hans Vollmer, Jülicher und Lüdtke „Die Psalmenverde ti tschung von den ersten Anfängen bis Luther" (Akad. Verlagsges. Athenaion, Potsdam) mit seinen umfangreichen tabellarischen Uebersichten liest, worin einige Bußpsalmen in 75 verschiedenen Uebersetzungen nebeneinandergestellt sind, und zwar, um nur einige zu nennen, die Notkers von St. Gallen und die Heinrichs von Mügeln, die Trebnitzer schlesische und die Trierer rheinfrärikische, eine westfälische aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und Gecrt Grootes niederländische, eine Greifswalder niederdeutsche und die Huithemsche niederländische aus Brüssel, mehrere kölnische und mittelhochdeutsche, angelsächsische, dänische, bayrische und altjiddischc. „Wohl die meisten Leser werden mit uns staunen'', schließen die Herausgeber, „wie breit der Strom jüdisch-deutscher Psalmenübersetzung dahertlicßt". Danehen werden auch in Luthers Ucbcrtragung unmittelbare jüdische Einflüsse festgestellt, durch die lateinisch' Psalmenversion des aus dem Judentum stammenden Augustiners Felix Pratensis, aber auch, wie M. Freier nachgewiesen hat, durch Lt'thers unmittelbare Benutzimg jüdischer Interpreten. In Luther mündet, so gesehen, alle deutsche Bemühung um den Psalter, dessen größte Wirkung, im Rückblick von heute ur,. von der neuen deutschen Sprachbildung her betrachtet durch Luther erst eigentlich begann. Von Luthers Bibel hat der Psalter offenbar die weiteste, jedenfalls ganz unabsehbare weltliche Wirkung getan, und noch jetzt herrscht er ganz unumschränkt. Man hat sich in berufenen Kreisen, waren sie nun wissenschaftlich oder jüdisch bestimmt, bei aller Exaktheit im Nachweis von Ligenwilligkeiten, Fehlem und Germanismen bei Luther vergeblich bemüht, gegen seine Sprachgewalt aufzukommen; die neuerlichen Ucbersctzungen, vornehmlich bei Kautzsch-Bcrtholet und die Sachs'sche bei Zunz, sind gewiß vortrefflich, aber sie kommen neben Luther nicht auf. Erst Buber kommt wieder mit urtümlicher Sprachgcwalt nicht bloß dem Urtext näher als alle andern, sondern auch dem Ohr und dem inneren Ohr, dem Sinn-Ohr des Lesers. (Der gar zu bequeme Einwand, seine Sprachgcwalt vergewaltige die Sprache, fällt von ihm ab wie von jedem Sprachschöpfer und Snrachbildncr, und wer etwa erwartet, antike Monumentalität im Zeiiungs- und Konfckiionsdetrtsch wiederfinden zu können, ist kein Argument wert.) Anstatt das zu erörtern, wollen wir einige typische Verse aus dem 69. Psalm bei Luther und bei Bubcr vergleichen. (Wir zitieren Luther nach einer von der Deutschen evangelischen Kirchenkonferenz genehmigten und durchgesehenen Ausgabe von 1901.) Luther: 1. Ein Psalm Davids von den Rosen, vorzusingen. 2. Gott, hilf mir; denn das Wrisser gehet mir bis an die Seele. 3. Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist; ich bin im tiefen Wasser, und die Flut will mich ersäufen. 4. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser; das Gesicht vergehet, mir, daß ich so lange muß harren au! meinen Gott. 5. Die mich ohne Ursache hassen, deren ist mehr, denn ich Haare auf dem Haupt habe. Die mir unbillig Feind sind, und mich verderben, sind mächtig. Ich muß bezahlen, das ich nicht geraubt habe. 6. Gott, du weißt meine Thorheit, und meine Schulden sind dir nicht verborgen. 7. Laß nicht zu Schanden werden an mir, die dein hauen, Herr, HErr Zebaoth! Laß nicht schamrot werden an mir, die dich suchen, Co'i Israels! 8. Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande. Ruber: (1.) Des Chfirmei-trr*. nach „Lilien", von Dawid. (2.) Befreit mich, Co«, denn da-, Wasser kommt an die Seele. (3.) Ich sinke in das »trudelnde Moor und ist kein Stanr], ich komme in die Tiefen des Wassers, der Schwall spült mich hinweg. (4.) Ich habe mich muri gerufen, meine Kehle ist er.' flammt, meine Augen zehre:,, sich auf, wie ich harre auf meinen (Jon. (5.) Mehr wurden als Haare auf meinem Hrjupt, die etundlos mich hassen, Mf n^f wurden, die mich aufreiben wollen, die aus I.U£ mich befeinden. Wo ich nie Ii* raubte, da soll i< h erst a' ten. (6.) Du, Gutt, ein kennst meine Torheit. meine Verschuldungen sind elir nicht verhohlen. (7.) Laß Iv.-lümt nimmer werden in mir die auf dich hoffen, mein Herr,!)'• l'nischarter. laß zu Schimpfe nimmer werden in nur die eüili suchen, Gott Jißraels! (8.) Denn deinetwegen trage ich Hohn, hüllt Beschimpfung mein Antlitz ein. Nun vergleiche man. Vers 1, der Tifulus, ist im Urtext der rätselhafteste, es ist Luther und seinen Korrektoren nicht feiungen, ihn aufzuhellen, das im Hebräischen nicht vorommende „ein Psalm" kann das Rätsel nicht lösen helfen, wonach der „vorzusingende" Psalm „von den Rosen'1 handeln müßte, was nicht der fall ist; bei Buber stellt HSW1? nicht mehr als Verb: „vorzusingen", sondern als Substantiv und Herkunftsstatt Zweckbezeichnung: „des Chormeisters"; statt „von den Rosen", also statt einer unzutreffenden Inhaltsangabe, steht, wie es einer Ueberschrift wohl zukommt, der literarische Hinweis: „nach .Lilien'", womit das Rätsel zwar nicht gelöst ist, das ist nicht mehr möglich oder noch nicht möglich, aber der Reiz zu fragen erlischt oder ist doch nicht stärker mehr als bei der Lektüre einer Anmerkung, die eine uns zur Zeit nicht zugängliche Quelle angibt. Beim zweiten Vers hat Buber die hebräische Wortstellung beibehalten, Luther nicht; „befreie mich" ist stärker und präziser als „hilf mir", bei Luther „gehet" das Wasser — „mir" ist von Luther hinzugedichtet —, bei Buber „kommt" es an die Seele, was text- und wortsinngemäß ist, trotzdem Luthers Ausdruck heimisch geworden ist. Im dritten Vers kennzeichnet der Unterschied nicht bloß die größere Treue Bubers zur Kraft und Plastizität des Bildes, sondern auch den Ausgang und Ort des Erlebens: Luther stellt es als Zustand, Buber als Handlung hin („sinke in das" — „versinke in tiefem"), Luther vom Element her („kein Grund"), Buber vom Erlebenden her Ckcin Stand"), was bd Luther ein Sein („ich bin im"), ist bei Buber ein Werden („ich komme in"), und was bei Luther erst droht („die Flut will"), geschieht bei Buber schon („der Schwall spült"). Vergleicht man das alles mit der Uebersetzung des so ziemlich besten und verbreiterten früheren Interpreten, Michael Sachs (hei Zunz), so findet man ein Mittelding: wo es nur angeht, klebt Sachs an Luther, sonst wird er leicht nüchtern. Der erste Vers heißt bei Sachs: „Dem Sangmeister auf Schoschaiiim", nach dem guten Prinzip, lieber nicht erst zu verdeutschen, was man nicht auch verdeutlichen kann; im zweiten heißt es: „und die Flirt strömt über mich hinweg", im dritten „verschmachten meine Augen", der achte: ^Denn um dich ertrug ich Hohn, deckte Schmach mein Angesicht". Wer den Psalm nur in Luthers Fassung kennt, wird diese, wie es ja allgemein und selbst in jüdischen Kreisen bislang der Fall war, für unüberbietbar halten. Sie hat Höhepunkte wie: „mache dich zu meiner Seele und erlöse sie; erlöse mich um meiner Feinde willen", „Die Schmach bricht mir mein Herz und kränket mich", „ich eifere mich schier zu Tode um dein Haus". Wie sieht das bei Buber aus? „Nahe meiner Seele, löse sie aus, tun meiner Feinde willen gilt mich ab", „Der Hohn hat gebrochen mein Herz, versehrt bin ich worden", „der Eifer um dein Hans hat mich gefressen". Aber es kommt ja auf den ü<-schm:ick unel am wenigsten auf ein (iesihmaeksurteil an. Bei Luther häufen sich nicht bloß die Wendungen, die ticmeingiit geworden sind, sondern auch neben von vornherein dunklen solche, die unverstandlich geworden sind, wenn nicht mißlungen. Luthers „ich weine und faste bitterlich" wird bei Bubcr: „weinte: ich in der Kasteiung die Seele mir aus", Luthers „ich aber bete, I lErr, zu dir zur angenehmen Zeit" heißt bei Buber: „Ich aber, mein Gebet ist zu dir, DU, um eine Stunde der ün.ide", und „erhöre mich mit deiner treuen Hülfe" wird: „antworte mir mit der Treue deiner Freiheit I'1 Oder, Psalm 137, bei Luther: „Vergesr-e ich dein, Jerusalem: so werde meiner Rechten vergessen. Meine Zunge mur.se an meinem Ciaumt-n kleben, wo ich deiner nicht gedenke, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein. HErr, gedenke der Kinder Edoms am Tage Jerusalems, die da sagen: Rein an, rein ab, bis auf ihren Beaten"; bei Buber: „Vergesse ich, icru-aleui, dein, meine Rechte vergesse den Griff, meine Zunge hafte am Gaurn: gedenke ich dein nicht mehr, erhebe ich Jerusalem nicht ubers Haupt meiner Freude. Den Eclnin.v-ajhncn gedenke, DU, den Tag von Jerusalem, die gesprochen haben: Legt bloß, legt bloß bis auf den Grund in ihr!" — Dies alles spricht allein deutlich genug, und es bleibt nur zu sagen, daß der Vergleich mit der Luther-l'cbcrsetzung nicht zur Erhärtung des wissenschaftlichen Wertes der Buber-Bibel gemeint ist, denn ein nicht geringer Teil von Bubers Voraussetzungen zur Verdeutschung und Verdeutlichung des Urtextes ist auch längst Gemeinbesitz der modernen Wissenschaft und gerade tlcr evangelischen, wenn Sie sie auch nicht auf Luther anwenden könnte, ohne den Charakter seines üesamtweiks zu verändern. Aber auch bei Buber hat man es mit dem Gesamtcharakter zu tun, daher noch, wie hier an wenigen Beispielen deutlich wurde, die Unterschiedlichkeit im Sinn, in der Richtung, im Gniudton, auch wo die Wortfiguren fast gleich erscheinen. Der Vergleich kann also in der Hauptsache nicht die Richtigkeit im Einzelnen, sondern die Wesensgenta ßheit und Geschlossenheit der Totalität betreffen, die auch im Einzelnen schon kenntlich wird, und wenn überhaupt Verallgemeinerungen am Platze wären, so könnte man etwa die Luthersche Bibel als das monumentale Beispiel einer statischen, epischen Sprachwelt, die Bubersche als einer dvnamisclien, dramatisch-lyrischen ansehen, bei Luther ist Granit gemeißelt, bei Buber I ava im Fluß, bei Luther Gabt, bei Buber Aufgabe, bei Luther Bericht, bei Buber Aufruf, bei Luther hat sich die Bibel deutsch konstituiert, bei Buber revolutioniert sie alle deutschsprachige Bibclvorstellung von Grund auf. Die Revolution beginnt beim Rsalmenbuch bereits irn Titel: „Preisungen"'; denn nur 57 der Lieder werden als „1-salm", mismor, d, i. Gesang mit instrumentaler Begleitung, bezeichnet. Also kann Bubcr die in morg-enländhchcn Kirchen Die Abenteuer der Gracia Mendez Roman von HERMANN SINSHEIMER Zur Einführung Gracia Mendez, deren Familie auch den Namen N a n i (Fürst) führte, ist in ihrem innersten Wesen und eigentlichsten Schicksal ein Kind eier Austreibung der Juden aus Spanien, die im Jahre 1403 ge-ohiih. Sie selb,!, eine geborene Benvcniste, kam im Jahre 1510 in der purlugieoUchcn Hafenstadt Porto zur Welt. Ihr Vater war ein reicher Marainic, äulierlich also ein Christ, dem es gut ging, nachdem er mit seiner Familie aus Spanien geflohen war, in Portugal aber, um nicht wiederum fliehen zu müssen, mit den Seinen die Taufe genommen hatte. Ihre Mutter starb, als sie noch ein Kind war. und lie3 sie mit einer um fünf Jahre jüngeren Schwester nameru Kcuia miüvk. Giaeia war etwa sechzehn Jahre alt, als auch der Vaier starb. Haid darauf heiratete sie den um etwa »wanztf Jahre älteren Frum i»eo Mendez, lien wahrhaft frommen und jüdisch geahmten Chef des, gleichnamigen Bankhauses zu Lissabon, das bereits auch eine blühende Filiale in Antwerpen unter der Leitung von Picjjo Mendez, dem jüngeren Bruder Franciscos, unterhielt. Diese Daten aus dem frühen beben Gracias sind nicht durchwegs geschichtlich beglaubigt. Aber sie stimmen in jenem andern und höheren Sinn, der sich aus dem spateren, geschichtlich erhellten Leben der Gracia psychologisch ergibt. Wichtiger als die Verläßlichkeit dieser und anderer biographischen Einzelheiten ist Grunas Heranreifen zu einer großen und großartigen jüdischen Figur, wodurch eben sie sich als Produkt und Kind der spanisehen Austreibung bewährt. Sie hätte zuerst in Lissabon, später in Antwerpen, noch später in Venedig und Ferra« bleiben Winnen, wenn in ihr nicht: der elementare Trieb wach und wirksam gewesen wäre, nicht nur ganz zum Judentum zurückzukehren, sondern auch allen leidenden, allen heimatlos gewordenen oder noch werdenden luden eine Helferin zu s« in. Dieses Ziel erreichte, diese Mission Übernahm sie cm ganz in Konstan Unopcl. ihrem letzten unel endgültigen Wohnsitz, von dem aus ihre schenkenden Hände und helfenden Gedanken sieh in Freiheit entfalten konnten, um nicht nur die materielle Not der Juden lu lindern, sondern auch die ideelle des Judentums zu verringern. Was sie in Italien und in der Türkei gelitten, gewirkt und geleistet bat aU organisutionsfreudige Herrin des Handels, der Wohltätigkeit und des Mäzenatentums, ist von gcsi hiebt! eher lic deutung. Ihr Schüler und Helfer bei alledem war ihr Neffe und spätere Schwiegersohn Joäo M i q u c Mendcz-Nasi, der nachmalige „Herzog ron Naioi". Da» Leben dieser beiden verlangt m einer Zeit, wo das Judentum, wie damals wieder einmal aufgeschreckt worden und also erwacht ist, nach einer Darstellung, die das Beispielhaft e und V o r b i 1 d 1 i c h e ins Licht ruckt. Was sich da von innen nach außen und von auiien na. h innen begibt, irn Bild vor allem der Gracia Mendez sowie im Hild jener Zeit, und des jüdischen Schicksals, «lav mit mir» alle so mächtig an, daß es nicht ohne Felm und Ciegcnruf bleiben kann. * In dem Roman ..Die Abenteuer der Gracia Mendez" ist Gratias Tugend, ihre Ehe und überhaupt ihr Leben in Portugal - - in Porto und Lissabon — dargestellt. Von dieser Erzahliün; gelangt hier etwas mehr als das letzte Drittel zum Abdruck. Was voiaus«eht, ist bereits oben gesagt, so daü nur noch übt ig bleibt, einige Figuren kurz einzuführen, Chsnnah war Gracias Erzieherin, die der Vater, der dann auf einer I landrlsfahrt nach Indien plötzlieh gestorben ist, nach dem Tod der Mutter ins Haus genommen ha!. Ihr. der buckligen Channah, die einst selb.-.! ab Kind ihrer Litern beraubt und zwang*- getauft worden Ut, verdankt Gracia die Frwei kling und Erziehung zum Judentum. Chantiah hat um die Seele des. Kindes mit dem milden und menschlichen Bruder C h r i s t o f o r o. der sie hat für das wahre Christentum gewinnen wellen, cifolgt rieh get ungen. Rabbi Isaak, mit seinem ilK-rsxshen Namen Sebastiane d'Almadova, ist, wie so viele Juden der damaligen Zeit, zugleich Schrittgelehrter, Arzt und Kaufmann. Als Junge ist er mit seinen Eltern nach Safed ausgewandert, aber nach d-irrn Tod wieder zurückgekehrt. Er leitet auch den Gottesdienst, den Fiam ist-> Mendez mit „Minjanmaniiem" heimlich in seinem Haus abhält. Gracia hat den Rabbi in der ersten wirren Zeit ihrer Ehe für ihrm Frnd gehalten, so wie sie auch als Kind zuerst rh.inn.ili gch*8t bat, um angeblich so der toten Mutter die Treue zu halten. I.) u a r t e dal P a z, ein ehemaliger niarminUeher Offizier der portugiesischen Armee, der irn Kampf mit den lieilicin »ich ausgezeichnet und dalnd ein Auge veiioren hat, wiikt, obwohl vom Koni" mit einer anderen Mission behaut, nun als lleauftugter der Marannen und insbeson ttv de- Franci-co Mtm lez in Rom, um die Finiiibruiig der In<|uiMtiun in Portugal zu veih.nten. F.i ist ein Kiese und eine al>enteucrliche Natur. Bevor er nach Renn gciebt ist, hat sich Reyna, die jüngere hübsche und spielerische Schwester Gracias, mit einer verschwarmten Müdchenlicbc an ihn gebangt und wurde dafür von ihrem Schwager aufs Land verwiesen, wohin sie Channah begleitet hat. Jolo Mendez, der naibmalige S, hwlrgersohn Grarias, und sein Bruder Salomo Mendez sind die Söhne eines älteren verstorbenen Bruders des. Francisco Mendel, deren Mutter in zweite» Ehe einen Christen geheiratet hat. Jofto ist ein frühreifer, sich für alles interessierender Junge gewesen. Auch er hat auf Weisung des vorsichtigen Francisco mit seinem Bruder Lissabon verlassen müssen. weil er zu tief in die t .1 heim:..sse (irr r«m: - iien Mission des Duat'e da/. p»z in Kim hat Sindlingen wollen, Jo.'to hat sieh schon, als er noch ein halbes Kiml war, als „Knappe" Gracia» gefühlt und betätigt. Die folgende Erzählung »e:z» cm mit der Geburt des Tochterchens von Graria und Francisco Mendez, 1 Das Kind war da, Duarfe duz Paz abgereist. Wie sehr es auch scheinen map, daß das eine mit dem anderen nichts zu tun habe, beides zusammen hatte bestimmenden Einfluß auf das Leben irn Hause Mendez. Um von dem Kind zu sprechen: es bekam, um die arme verbannte Reyna zu trösten und stolz zu machen (ach, wie bitterliche Briefe schrieb sie an Schwester und Schwager!) ihren Xanien. Es war ein gesundes Kind, da» durch die regelmäßige Abwechslung im Trinken, Schlafen und Schreien seine Lebenskraft bewies. Die Enttäuschung darüber, daß der mit aller Selbstverständlichkeit erwartete männliche Sproß sich nicht eingestellt hatte, war von Gracia rasch überwunden. Denn sie sah diesem ersten noch viele Kinder folgen, und diu Lieb* zu Francisco und das frauliche Verlangen nach ihm flammte gerade deshalb in dir auf, weil sie von ihm nun Kind auf Kind empfangen wollte. Francisco selbst aber konnte ein© gewisse Melancholie nicht überwinden, er sah nicht mehr Kinder als dieses eine, leider weibliche, es fehlte ihm da* Gesicht und die Zuversicht für die folgenden. Er sah ermattet aus, als ob er selbst das Madehen geboren hatte. Gracia dagegen verließ das Wochenbett wie einen Jungbrunnen, wie komisch es auch sein mag, dieses Wort angesichts ihrer «lugend zu gebrauchen. Aber ihr stämmiges und kindlichos Wesen war durch die Zeit der Schwangerschaft und den Akt der Geburt in eine Junu-Frnidiclü.eit verwandelt worden, und frauliche Schönheit und Blüte ließen sich auf ihr nieder. Ihre körperliche Giöße und Kraft lösten sich in bildliche und fast sinnbildliche Reize auf. Sie ging wie eine Prinzessin einher, wie eine Begnadete, di« auch künftiger Gnadenfülle sicher war. Das Kind, ihr anvertraut, nahm sie als Versprechung. Den Mann, ihr ergeben, nahm sie nicht anders. Ein Frühling war über »ie gekommen, sie erlebte die glücklichste, beruhende« Zeit ihres Lebens. Reyna mußt* getauft werden. Niemand anders durfte diese fremde Zeremonie vollziehen als der vertraute Brurter Christophoro. den Herr Mendez durch den Segler „Grtci* Menden" holen lieü. Der schöne priest*»!ich« Mann kam,

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