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Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 9, 31.1.1936 Hingabe an das Volk Himmel Lrez L .eis, unlcr dem die meßten von ihnen spielen, wenn auch in vergangenen Tagen oder Stimmungen. Diese Stoffaufieilung ist bezeichnend: auch dieser Dichter vermag noch ebensowenig wie Bia'.ik das neue Leben Palästinas zu gestalten — es sei denn in der scharfen Ironie früherer Novellen wie etwa?inn nyai (..Der Sandhügcl") —, aber die Vergangenheit der gali/ischen Heimat wird er nicht müde, immer wieder zu schildern, sanft zu ironisieren und — zu verklären. Die „einfache Geschichte" greift dem Lehrer eigentümlich ans Herz und rührt ihn sehr auf: wir möchten diesen beiden guten jungen Leuten l'/minc und Hirschcl so gerne helfen, aber ihre merkwürdige Lähmung ergreift auch uns; die schwere und (ruhe Luft von Schibusch. die selbst seine Atrierikawanderer wieder /uruck/ieht und in ihren Bereich zwingt, nimmt uns jede Tatkraft, wir beginnen zu träumen, reiben uns die Augen und fragen: Wo sind wir denn? In Schibusch? oder -- in S e I d w y I a? III. -c tMcrhaicc yu erzählen, wurde eine müßige \ i hatiiüuitnsrüu wenn Mo nit Ii' auf einem wirk-!i;:n \ on;üi!>eru;je. /.'im beweise, wie tief im alc:i-i I,riechen jedejener Leb:. In wurzelt, auf «elclu- «noben alt-n Wr.'kr eee.in! dnd. Die Zalil solcher 1 aliein mal.a;;; aiaa s'tu treten sie in neuem <•<:■ wände wiener in die Kr^rhemuner und zwingen aUdami llii": iried Killer in ..Romeo und fulia au: dem Dorie", Anfang). Ja, auch Kellers „Leute von Seldwyla" sind „Batlonim", halbe oder ganze Nichtstuer; und auch dort brechen Herzen, weil die l 'eberin■ierun::en der I amilien übermächtig sind. Auch ihre Ciesehichten werden m einer leicht archaischen Sprache erzählt, und auch Keller lieht, wie Agnon (freilich auch Horner) die aii.-fuhiiicbe Schilderung von Festgeingen und Volksfeiern; auch bei ihm wird viel und ausführlich gegessen und, allerdings, uivh mehr getrunken; auch er liebt die „Meli/oth-, die lertig geprägten Sprachstiicke, nur dall er sie sich selten aus der Bibel, meist aus < ioethe holt; er zitiert Um manchmal ohne Uuellciiangabe, gleichsam kanonisch. So entspricht das .,litiTarhiMori.-.che Motiv in Kellers Dichtung detii „Lernen" bei Agnon: die Lektüre Shakespeares wird Sur Pankra/ de» Sehinoller. Ute ( locthes für den (irünen Heinrich /um umwandelnden Erlebnis; .ähnliches freilich geschieht Thoma-. Buddenbrook ihirch Schopenliaucr> Philosophie. Keller und Agnon sind durchaus bürgerliche Dichter; sie wurzeln in der I Yberiieferung ihres Volkes und verklären einen realer, hiMoiiM-b-gceilM-liaftlieben Zustand, der sich in Zeit und Kaum genau bcMimmen läßt, mit — mehr oder minder kritischer -- Liebe. Auch Keller suilu-bdich schreibt Legenden, und jeder einzelnen stellt er innen „Pas-mk", einen Satz der Bibel oder der frommen Schriftsteller voraus, der die Pointe zusammengefaltet enthäit und dem sie dann in der Erzählung listig oder geradezu entlockt wird, ganz wie das schon mit dem Wort „Mausen" bei „Spiegel, dem Katzehen", geschehen ist. Diese Umkehruug ib. s üblichen Verfahren, der Fabel eine „Moral" anzuhängen, entspricht genau der Formulierung Bialiks in „llalacha und Aggada": „Man findet ja Menschen, die ein Geschehnis sehen und sogleich sieh einer llalacha erinnern", warum sollte nicht auch das Gegenteil möglich sein: „Sie sahen eine llalacha an und erinnerten sielt einer Geschichte"? Also hätte Dein Kellerleser, lieber Calvary, ganz recht mit seinem Ausruf „Das ist Agnon!"? Doch nicht so ganz. IV. ..vo icaiel.cn euten Mann wir unser nennen. Die Oiu-ile -'.eines Wertes springt im Volke, l'tid v,aer is, dankt jeder dieser Oiieile". I' oc :>r:ed Ki Her im ..Peuo£ zur Sehi'lerfeier in Bern 1859."! Oerade die scheinbar äußerste Nahe, die der „Sieben Legenden" zu Agnons aggadlschen Erzählungen, wird uns die wesentlichen l'uterschiede aufweisen, die, bei aller Vergleich!.arked des „Stellenwertes", zwischen dem Deutsch- Schweizer und dein Juden bestehen. 11 a r r v Mayn bat ri -.einer Anabse der Sieben Legenden sehr fein an den Begriff der „Koutrafaktureti" erinnert: so nennt man du. kirchlichen t 'mbiegungen w eltlicher (iedichte ins (lei-tliclio, von Volk»!irdcrn zu Chorälen usw. Keller macht, wie er in; „Vorwort" selber betont, diese Umwandlung wie ii r rie;.e.; n ,b e; er stöiit zu dem wirkliehen oder möglichen — u eitle hen Kern vor, aus dein einst die Legende ,T\vac!tMT ist und biegt >ie w ieih-r in ihn zurück. Daher spr, .Sun und /dleii:; »ci:;e Hünnscisgeister mit eher gallischer aK germanische! Ironie, nicht unähnlich den sündhaften I heobe en Rabelais oder den rehellisehen Engeln des Analole t ranee. Freilich: nicht nur der Schiller Ludwig Feuerbachs, dem dcs-eu 1 leidelb ■■! au a' Vortr.u'e 'än Leben hing unvergeßlich bin. Isen, noch th-r S huier di r jc-chiwah. der sie nie zu lieben aufhören wir.!, Ivdtern s:c!i des Mittels der Ironie, um seine Gewalten im! rvu I ei>e:i-welt epi-ch zu objektivieren. Der 1'mcrsclm-il i-\ mir der, daii Kellers Ironie, die auch ihre eigene Posjmi! it ganz im I lintcrgruml hat, in den vorderen Schichten aber noch durchaus von der kämpferischen Schärfe des Aufklärers lebt, der sich ftir die eigene t iegenwart aktiv verantwörtlich fuhit und sich daher nicht scheut, das Faule oder Verlegern rueksiclitsluzu zerstören, um dem Gesunden und Wahrhaftigen den Weg freizumachen; Agnons Ironie aber ist, wenn die Par:ii|o\ie gewagt werden darf, gläubige Ironie, ironische L i n f a 11, und wo Kritik, da nur ganz von innen her: ein leichtes Siehabheben von seinen Menschen, um sie gewisser unter den Arm fassen und wieder zu ihrem Volke leiten zu können, das sie im Grunde niemals verlassen hah"ii. So auf den weltanschaulichen Gegensatz aufmerksam geworden, der säen in der verschiedenartigen Behandhing ähnlicher Motive ausdruckt, fallt uns nun auch ein rein künstlerischer auf: Keller sieht besser, Agnon bort besser. Unvergleichlich ist es, wie Keller dureil einen Vergleich eine Szene malt -- Agnon wollte gewiß nie Maler werden! —, wie er einen Menschen greifbar, eine Landschaft sichtbar macht: all das wird bei Agnon mit nackten Worten eben nur benannt. Aber den Tonfall der Agnonsehen Menschen vergessen wir nie, ihre halben, abgebrochenen Sätze haften uns Besser im Ohr als die manchmal allzu wohlgesetzte, wenn auch stets wahrhalt gcsinnung-volle Beredsamkeit der Kelierschen I leiden. Sollte hier, vor allem Bestimmenden der personlichen Anlage, jener seit Bisher oft formulierte Unterschied walten zwischen dem griechisch-germanischen Augenmenschen, dessen Gott, wie der des Grünen Heinrich, „von Weltlichkeit strahlt", und dem jüdischen Lmpfänger, Uebcrüeferer, Künder der hörbaren Lehre des unsichtbaren Schöpfers und Offenbarers? Du, lieber Calvary, bist ja, bei oder wegen aller tiefen Sicherheit Deines Lernens, Lehrens und Wirkens im Judentum, recht milttraiiisch gegen jede verendgültigende Formulierung seines „Wesens" oder „Geistes". Von Herzen der Deine Ernst Simon. Aus Arlosoroffs Jugendbriefen Aus einem dem Andenken des 1933 ermordeten Chaim Arlosoroff gewidmeten Buch, das in den nächsten Tagen im Verlag den Hechalu: in Berlin erscheint und eine der begabtesten und anziehendsten zionistischen Gestalten der letzten Epoche wieder aufleben läßt, stellen uns die Herausgeber einige Briefe Arlosoroffs zur Verfügung, die neben zahlreichen Aufsätzen, Heden und anderen Arbeiten des Verstorbenen in dem Buch enthalten sein werden. Wir haben aus den Briefen einige charakteristische Stellen ausgewählt, die das Wesen des Hijährigen Jünglings beleuchten. (Red.) Aus einem Brief an einen Freund vom 1. Dezember 1915. Trotzdem ich mich bemüht und versucht habe, in die Philosophie der Völker einzudringen, habe ich nie mein nationales Bewußtsein verloren. Ohne Pathos! — Nur etwas ist noch hinzugekommen, seit wir uns vor einigen Jahren getrennt haben: In demselben Mali, in dem ich in das geistige und kulturelle Leben der Juden, in die Anschauungen des Judentums und den Volkscharakter Israels eingedrungen bin, hat sich die Liebe zur Sache in mir verstärkt. Ich möchte vermeiden, daß meine Worte pathetisch klingen, aber — ich liebe all die gebeugten und verdurstenden Juden des Ostens und die aufrechten und irrenden Juden des Westens, ich liebe ihre Mentalität — alles an ihnen, auch ihre Fehler, und ich leide gemeinsam mit ihnen. Du kannst Dir selbst denken, daß diese meine Anschauungen nicht ohne Wirkung auf meine literarische Tätigkeit geblieben sind (sofern Von einer solchen überhaupt schon die Rede sein kann). In all meinen Gedichten und Erzählungen geht der jüdische Stoff Hand in Hand mit jüdischer Anschauung und Empfindung (vielleicht unbewußt). Was habe ich in der letzten Zeit geschrieben? Ein wenig Lyrik, einige Sonette (über Herzl), Epigramme über jüdische Themen, Uebersetztmgen — zum Beispiel des „Messias" von Frischmann —, sogar einige epische Arbeiten, wie „Das gefangene Judäa", „Berenike" und, anderes mehr. Augenblicklich schreibe ich einen Artikel „Gibt es überhaupt eine jüdische Nation?" Oberflächlich betrachtet, scheint dieses Thema sehr einfach zu sein, aber es ist schwer genug, die Existenz der jüdischen Nation, ihres organischen Lebens, rein objektiv und ohne Zugeständnisse an das Gefühlsmäßige darzustellen. Fast die gleiche blau-weiße Färbung wie meine Schriften hat auch meine Lektüre. Selbstverständlich: Jüdische Geschichte, Religionsphilosoplüe, Literatur. Ich lese unter anderem auch den „Hamatmid" von Bialik, in deutscher Sprache etwas Spinoza, aber mit Maß und Ziel, dann etwas Häckcl, Matatjahu Acher und ein wenig Achad Haam ... An denselben Berlin, 3. Januar 1916 ... Ich arbeite jetzt ziemlich viel, für die Schule — nichts, nur für mich selbst. Peßach 1917 werde ich meine Reifeprüfung machen —- insch' allah! Erst dann wird die richtige, zielbewußte Arbeit für das jüdische Volk beginnen. Das ist mein Ideal und der Höhepunkt meiner Freude. Ich habe die Absicht, Medizin zu studieren, um einen Beruf zu ergreifen und dann nach Palästina gehen zu können. Die meisten meiner älteren Bekannten halten mich für wahnsinnig, aber glaube mir — es ist ein Trost: Die Jugend — sogar hier in Berlin — gehört zu uns. Es ist eine wahre Freude zu sehen, welch große Fortsehritte die Bewegung macht. Aber es ist auch notwendig, daß die Sache in Gang kommt. Die Juden wollen leben! Und sie werden auch leben! ... Man sagt immer — insbesondere in der „Sturm- und Drangperiode" —, daß die Assimilanten, da sie welke Blätter oder verdorrte Zweige seien, ruhig von uns abfallen könnten, ohne daß dem Judentum daraus eine Gefahr erwächst. Auch LHi glaubst, dies sei ein Prozeß der Gesundung. Meiner .Meinung nach rnuli man sich jedoch bemühen, auch dem extremsten Assimilanten den Abfall unmöglich zu machen und ihn der jüdischen Gemeinschaft zu erhalten, sei es auch nur nach außen hin, weil erstens die Assimilanten nicht immer die Schlimmsten unseres Volkes sind und weil zweitens durch ihren Abfall all die Werte verloren _gehen würden, die ihre Nachkommen der judischen Gesamtheit übermitteln könnten. ... Selbstverständlich habe ich die nötige Dosis Philosophie verschlungen, die einem den Kopf verdreht und — besonders in unserem Alter — zu einer eklektischen Weltanschauung führt. Plato, Aristoteles. Hume, Locke, Kant. Häckcl, Ostwald, Müller-Lier, Petzold — alle habe ich „durchgeackert". So habe ich „Perlen aus dem Meere der Philosophie" gefischt und das mir nicht Geistesverwandte einfach beiseite gelassen. Und es ist gut so. Jetzt beschäftige ich mich — wie gesagt —- nur mit jüdischen Dingen. Ob ich gut daran tue, weiß ich nicht. Zum x-teu Male lese ich den großen Graetz. und bin schon zum zweiten Mal bei Mendelssohn angelangt. Zur Ergänzimg lese ich das Buch „Jizchak Lewinsohn und seine Epoche". Außerdem arbeite ich an dem Werk von Philippsohn „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes". Und schließlich beschäftige ich mich mit allem, was in dieser Zeit über die Judenfrage, das Problem der Juden in Polen usw. erschienen ist. Wahrscheinlich tust Du dasselbe?! ... Nur sieben Jahre später ist der junge A. schon Mitglied des Zionistischen Aktions-Comitßs. Als solcher nahm er an einer Sitzung in London teil; über diesen Londoner Aufenthalt berichtet der Brief vom 7. November 1923 an seine spätere Frau Sima, dem wir folgenden Abschnitt entnehmen: Außer der Sitzung des Aktions-Comites waren es zwei Dinge, die diesmal in London auf mich den stärksten Eindruck machten. Das erste war das Denkmal Benjamin Disraelis, Lord Bc.ic ,;i,: dd. Zwischen dem Parlamentsgebäude und der Westminster-Abtei, auf diesem schmalen Streifen englischer Erde, auf dem sich Jahrhunderte der großen englischen Geschichte zusammenballen, steht er — der große Jude, der Mann des starken Willens, der seinen Mitbürgern, die ihn als Fremden nicht anerkennen wollten, unentwegt zurief: „Ich werde Euch schon noch gewinnen I" Und er hat sie gewonnen und sogar regiert •— dieser Jude mit dem trotzigen und energischen angelsächsischen Gesicht, der allein durch seine ungeheure Willenskraft Ministerpräsident Großbritanniens wurde; der immer Jude und Künstler blieb, und dessen ganzes Leben und ganze Entwicklung organisch aus der Pflege der geheiligten Ueberlieferungen und Rechte, aus einem tiefen Verständnis für alles Werdende und Bestehende herauswuchs. Benjamin Disraeli war bekanntlich ein konservativer Staatsmann, und dennoch steht er heute hocherhaben auf seinem Sockel zwischen Westminstcr-Abtei und Parlament. Der zweite große Eindruck war: das Denkmal Washingtons auf dem Trafalgar-Square, das schon vor langer Zeit errichtet wurde. Begreifst Du, wieviel staatsmännische Größe die Tatsache beweist, daß heute, noch keine 150 Jahre nach den amerikanischen Befreiungskriegen, dem Feldherrn der Aufständischen, der die englische Krone beraubte und den kostbarsten Edelstein aus ihr herausbrach, ein Platz neben den großen Nationalhelden eingeräumt wird, nur fünfzig Schritte von Nelson entfernt, dessen große Säule mitten auf dem Trafalgar-Square steht? Dieser Platz, wurde ihm zugebilligt, weil die politische Vernunft es für ratsam hält, weil die Ueberwindung der politischen Leidenschaft es gestattet, weil der Ehrgeiz vor der kühlen Erwägung des Möglichen zurücktritt, weil Geschichte und Leben von den Engländern für stärker gehalten werden als Ehrgeiz, und Doktrin. Welch eine Nation! Zwanzig Jahre nach der Eroberung der südafrikanischen Buren-Republik ist festzustellen, daß ein Sohn dieses Burenvolkes, General Smuts, einer der Lenker des englischen Imperiums ist! So groß ist die innere bezwingende Kraft dieses gewaltigen Staatengebildes! Jedesmal, wenn ich England sehe, packt mich der Neid. Mag sein, daß ich es gerade deshalb so liebe, weil wir grundverschieden von ihm sind, leichtsinnig in der Politik, bar jeder Widerstandskraft und unbesonnene Hitzköpfe. Nach dem Züricher Kongreß von 1929 (Gründung der erweiterten Agency) ging A. nach London, um eine Denkschrift in zionistischen Angelegenheiten auszuarbeiten. Aus dieser Zeit stammt der Brie! vom 18. August 1929 an seine Frau: ... Heute ist Sonntag. Die Bibliothek ist geschlossen, und ich bin einsam und traurig. Ich bin gerade jetzt vom Hyde-Park zurückgekommen und muß wieder einmal gestehen, daß mich diese Einrichtung, die man mit Recht ein „Nationalheiligtum" der Engländer nennen kann, mit Bewunderung erfüllt. Ich stand dort unter freiem Himmel und hörte einem Gesangchor zu. Es war in der Abenddämmerung, und die Luft war feucht. Ich betrachtete die ernsten, fast feierlichen Gesichter der bunten Masse, die sich zu gemeinsamem Gesang versammelt hatte — Frauen in mittlerem Alter, fromme Männer und junge Leute, die erst vor kurzem aus der Provinz nach London gekommen sind und hier im Hyde-Park die ihnen abhanden gekommene Atmosphäre des Heimatdorfes wiedergefunden haben, Schuljungen, Menschen aus dem besseren und einfachen Mittelstand. Sie tragen runde Hüte und in der Hand Regenschirme, und sie singen und singen. Fünfzig Yard davon entfernt, auf einem Podium, über dem ein Schild mit der Aufschrift „Weltlich-Nationale Gesellschaft" hängt, steht ein etwa vierzigjähriger Mann mit rötlichem Gesicht, kleinem Schnurrbart, einem Monokel, von vornehmen und gepflegtem Aeußeren — und hält eine ketzerische Rede. Und um ihn herum stehen eine Menge Zuhörer, ungefähr 200 Männer und Frauen, die aufmerksam seinen Worten folgen. Sie pfeifen nicht, unterbrechen und stören ihn nicht, obgleich sich unter ihnen sicherlich auch Fromme befinden, die sonst Psalmen zu singen pflegen. — Fünfzig Schritt weiter steht wieder eine Gruppe, die den Ausführungen eines anderen Redners lauscht. Ich zweifle nicht daran, daß hier ein gut Teil nationaler Eigentümlichkeit zum Ausdruck kommt, im Gesang ebenso wie im Zuhören, in der Diskussion nicht weniger als im Schweigen. ... Wenn ich darüber nachdenke, was sich in Zürich ereignete, so scheint mir, daß es im Verlauf der ganzen Kongreß- und Agencytage keine interessanteren Stunden gab als den Abend, an dem M a r s h a 11 als Gast zum Zionistischen Aktions-Comite kam, um an unsere Herzen zu appellieren und uns davon zu überzeugen, daß man in die Satzungen der Agency einen Punkt über die religiösen Angelegenheiten aufnehmen, das heißt, vom Agency-Budget einen bestimmten Betrag für die Bedürfnisse der jüdischen Religion abzweigen müsse. Er sprach als erster, seine Worte waren von Wärme und Begeisterung getragen, aber ziemlich primitiv in der Form und — Verzeihung! — reichlich derb im Ton. Seine Rede wurde ins Deutsche übersetzt — und von wem? — von Berthold Feiwel! Es war wirklich eine Molieresche Szene und so, als ob man z. B, Anatole France beauftragt hätte, eine der Reden des General Booths wiederzugeben. Als er seine Rede beendet hatte, erhob sich Weizmann und unterstützte mit einigen schlichten Worten seinen Antrag. Dann folgte die Diskussion: Sacher, der sehr gescheit und sarkastisch, mit einem Unterton von Zynismus sprach, sagte: „Ich bin areligiös, vielleicht sogar antireligiös. Gleichwohl denke ich, daß man religiöse Bedürfnisse nicht mit einem Budget befriedigen soll. Aber wenn es Menschen gibt, die behaupten, religiös zu sein, und darauf bestehen, so soll man ihnen das Budget bewilligen, das sie fordern." Dann folgten wie ein Peitschenhieb nach dem anderen: Grünbaum — über die persönliche Freiheit und die Satzungen, ich — über die Meinungsfreiheit und „Wie, die Menschen Erez Israels, leben nicht in einem nationalen Museum" und dann B. L. usw. Zum Schluß wurde außer dem Artikel über die Unterstützung der religiösen Angelegenheiten noch ein Zusatzartikel über Gedankenfreiheit angenommen. Der ganze Abend war wie eine Sitzung des englischen Parlaments im 17. Jahrhundert, bei der die Abgeordneten des Unterhauses für die persönliche Gedankenfreiheit gegen die geistlichen und weltlichen Lords, gegen die Bischöfe und Großgrundbesitzer kämpften. Ich bin überzeugt, daß keiner, der an dieser Sitzung teilgenommen hat, sie allzu rasch vergessen wird ... fflmtag-, den 3. Te&uM, e^scUeini: JUiUJRL!H Informationen für Palistlna*Auswand«r<»' 180 S. Großformat Preis RM 1.35 Mit einer fünffarbigen Palästinakarte (40 X 60 cm) l/<5tf% Heuet, IftUaU. Herausgegeben vom Palästina-Amt Berlin Zu beziehen durch alle einschlägigen Buchhandlungen oder durch die ZVfD, Berlin W15, Meinekestraße 10 Postscheckkonto: Berlin 8091 (Porto: I n I o n d 40 Rpf., Ausland 65 Rpf.)

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