Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653932--28162-2689632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nr. 9, 31.1.1936 JOD»SCHE RUNDSCHAU Seite 5 Das „europäische Morgen" Debatte zwischen Alfred Döblin und Ludwig Marcuse Sind die luden ein Volk? Wie wir der in Rotterdam erscheinenden jü.lisdien Zeitung' „Der Ruf" entnehmen, hat kürzlich eine interessante Debatte über die Juden frage zwischen zwei aus Deutschland stammenden Schriftstellern, Ludwig Maren s c und A 1 - tred Döblin, stattgefunden, die für uns Juden in Deutschland insofern interessant ist, als sie uns zeigt, daß draußen noch immer ähnliche Diskussionen geführt werden, wie wir sie von früher her in Deutschland kennen. Ludwig Marcuse hat, dem genannten Bericht zufolge, in der altbekannten Weise die Existenz eines jüdischen Volkes „westlich der Weichsel" geleugnet und sich gegen jeden jüdischen Nationalismus ausgesprochen. Das Leitbild der Juden bestehe nicht aus „Erinnerungen an das Vorgestern", sondern aus „der Sehnsucht nach dem europäischen Morgen". Döblins Eehlcr bestehe darin, daß er nach dem „Woher" stritt nach dem „Wohin" frage. Marcuse meint, daß eine Lösung der Judenfrage durch Mischehe n erfolgen müsse. Dies zu verneinen sei „Eigensinn und Hochmut" der Juden. Alfred Döblin hat auf diese Angriffe anscheinend (wie nach der erwähnten Zeitung zu schließen ist) recht scharf erwidert. Er meint, daß dem Juden Marcuse, der eben ein Buch über Ignatius von Loyola veröffentlicht habe, wohl keine Zeit geblichen sei, sich ernsthaft mit der Judenfrage zu befassen. Es handelt sich heute tatsächlich um die Frage „W o Ii i n", aber nicht in dem unverbindlichen Sinne, auf den Marcuses Antwort des „europäischen Morgen" erfolgt, sondern in einem ganz buchstäblichen und leiblichen Sinne, nämlich in der Form der Notwendigkeit, für auswandernde Juden einen Lebensraum zu finden. Döblin stellt an Marcuse die Frage, wie er sich eigentlich das „europäische Morgen" vorstellt und w a n n es eintreten werde. Das Rezept der Mischehe sei schon darum falsch, weil auch die Juden in der Vergangenheit ebenso wie die meisten anderen Völker rassische Mischungen eingegangen seien, ohne daß darum die Judenfrage zu bestehen aufgehört hat. Es müsse aber auch die Frage „Woher", die Marcuse verwirft, ernsthaft gestellt werden, denn das Wissen um die V erg a n g e n h e i t und aas sinnvolle Anknüpfen an sie müsse keineswegs den Blick in die Zukunft verschleiern, Interessanterweise trete bei den Juden, die ihr „Woher" zeitweise gern vergessen, diese Frage immer dann neu ins Bewußtsein, wenn auch das „Wohin" erschreckend aktuell wird. Der Bericht der genannten Zeitung gibt die Schlußgedanken Döblins in folgenden Worten wieder: „Niemand braucht unserem Ganzen oder unserem Teil westlich der Weichsel einzureden, daß wir ein Volk sind. Wir sind es bald mehr und bald minder und unser Leitbild bleibt: nicht zu hassen und zu schelten, sondern uns aufbauend zu bewähren." zu sagen, daß in Gottes Na,neu auch die Not Lehrmeister sein mag und ein Weg zum Zionismus ist, wenn sie es wirklich ist. Zionismus muß aber letztlich, auch wenn er in der Not geboren ist, ein r e s s e n t i m e n t f r e i c s ü e f ü h 1 von Menschen sein, die sieh von der vori;;. .e-.ati m nur dadurch unterscheiden, daß jene die Wahrheit von morgen verwalteten, und wir heute die Wahrheit der Gegenwart, die nunmehr offensichtlich ist, wissen und verbreiten. Losgelöst von den Spannungen der Umwelt müßte die Entscheidung immer noch eine zionistische sein. Wiederum gilt es in unseren Reihen das Problem der jüdischen Persönlichkeit zu erkennen und zu verstehen, Hechaluz in Deutschlaad Auch die Problematik des Hechaluz in Deutschland ist damit zum Ausdruck gebracht. Die Kritik, die ihm kürzlich zuteil wurde, die Behauptung, daß ein großer Teil seiner Menschen zu einer wirklichen chalu/isehen Lebensauffassung nicht gelaugt sei, ist in dieser Verallgemeinerung, besonders soweit es sich um Menschen bündischer Vergangenheit handelt, falsch. Aber sicherlich handelt es sich um einen ernsten kritischen Gedanken, der freilich weniger den Zionismus angeht als jene Juden aus Deutschland, die meinen, daß der Zionismus Auswandertingsmöglichkeiten zu bieten habe, während er als erziehende Kraft nicht akzeptiert zu werden brauche. Gelernter Zionismus Nur Menschen zionistischer Sicherheit werden die Befähigung und den kritischen Blick haben; weiterhin immun zu sein, gegen die Bemühung, die messianische Sehnsucht de* Volkes pseudomessianisch zu mißbrauchen. Diese Sicherheit ist nur zu vermitteln durch ein durchdachtes System ständiger gründlicher Schulung, um die sich heute die Gruppen der ZVfP. bemühen. Zugleich durch eine gediegene zionistische Propaganda, die einen schweren Zionismus lehrt. Diese Propaganda darf zur Erziehung gerechnet werden (was in diesem Aufsatz geschehen ist). Auch die höhere Anforderung an eine umfangreiche, tiefer in die Quellen gehende Tarbutharbeit, wie sie etwa Dr. Oskar Wolfsberg zu erheben pflegte, wird nicht zu erfüllen sein, wenn nicht vorerst die alte nationale und politische Schulung auf der Höhe bleibt, auf der sie in unserem Kreise stand. Nur sie befähigt uns zum Heispiel zu den grundlegend wichtigen Fragen der zionistischen Gegenwart mit fundierter politischer Meinung Stellung zu nehmen. „Jüdisches Volk — was hast du getan?" Wii sollen zum Beispiel unsere Rechte aus dem Palästinamandat kennen, sollen auf eine Rechtslage verweisen, etwa in dei Auseinandersetzung mit der Mandatarmacht. Aber wir müssen auch wissen, wie wichtig in der Politik die Spanne zwischen einer Rechtslage auf dem Papier und einer Forderung ist, die, um legitim zu sein, einer wirklichen Kraft im Lande entsprechen muß. Deshalb kämpfen wir nicht nur um die richtige Interpretation des Mandates, sondern proklamieren als unsere politische Weisheit den Kampf um das judische Volk als dem eigentlichen Faktor des judischen Aufbaus, den Kampf um Keren Hajessod und Keren Kajemeth, den Kampf um Menschen, um Aufbau mit unseren Händen in diesen Tagen, um daraus eine neue politische Lage und eine neue Rechtslage zu schaffen. Keine „Neuzionisten" — neue Zionisten In dieser Zusammenfassung von Vergangenheit und Gegenwart — und die Vergangenheit ist Gegenwart — sind Gedankengänge zum Ausdruck gebracht, die man genau so gut als zionistisch schlechthin bezeichnen kann, wie sie als spezifische Eigentümlichkeiten gerade des Zionismus in Deutschland beschrieben wurden. Man kann uns nichts Besseres sagen, als daß das alles schlechthin /.ioeidisch sei. Wir sind auch nicht kritiklos genug, um nicht zu wissen, wie weit ein organisationstüchtiger Apparat, der sich bemüht, Bewegung und nicht Betrieb zu sein und Menschen zu bilden, zu jeder Zeit, sicher heute mehr als früher, unter der Divergenz von Erreichtem und Erstrebtem leidet. Im Jahre 1010 wünschte sich Blumenfeld in einem Aufsatz, in der „Jüdischen Rundschau", daß es „noch einmal" gelingen möge, Zionisten zu erziehen, die wissen, wo die Quelle ihrer Begeisterung liegt. Heute aber müssen wir noch selbstkritischer sein und zeitgemäß die Betonung ändern: Dieser De.egienentag muß sich wünschen, daß es gelingen möge, eine Generation solcher Zionisten noch einmal! zu erziehen. Der Misrachi zum Delegiertentag Wir erhalten folgende Erklärung: „Der 25. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung Misrachi Veranlassung, vor Wege und Ziele seiner Arbeit für Deutschland gibt dem der jüdischen Ocffentlichkcit kundzutun. Die Misrachi-Bewegttng in Deutschland, geeint in der „Unabhängigen Misrachi - Landesorganisation Deutschlands", erstrebt die Verwirklichung des zionistischen Programms im Sinne der Tliora und der Ueber- Iieferung. In enger Gemeinschaft mit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland führt der Misrachi den Kamp! um die politischen Rechte des jüdischen Volkes in Erez Israel. Mit Besorgnis verfolgt er den Plan der Errichtung eines Legislative Council sowie die drohende Einwanderungsbcschränkting, wodurch die Juden Deutschlands besonders betroffen würden. Gemeinsam mit allen Zionisten erkennt der Misrachi die Bedeutung der nationalen Fonds, Keren Hajessod und Keren Kajemcth, an und arbeitet für sie mit allen Kräften. In gleicher Weise arbeitet er für den seiner Hachscharah- und Tarbutharbeit dienenden Keren Thora Waawoda. Sind wir einig in den politischen Forderungen der zionistischen Bewegung, die sich sowohl an die Kräfte außerhalb des jüdischen Volkes wie an die Gesamtheit des deutschen Judentums richten, so muß der Misrachi, solange es ihm nicht gelungen ist, die Mehrheit der Zionisten für sein national-religiöses Programm zu gewinnen, in allen religiösen und kulturellen Fragen sich seine eigene Stellungnahme vorbehalten. Ein entscheidender Teil dieser Arbeit spielt sich in den Gemeinden ab. Neben der Bewältigung sozialer und wirtschaftlicher Aufgaben dürfen die Gemeinden nach wie vor ihre Pflichten, die sie als Brennpunkte des jüdisch-religiösen Lebens haben, nicht vernachlässigen. Solche Pflichten sind vor allem Sorge für den Gottesdienst, die Verbreitung der Thora besonders unter der Jugend und die würdige Aufrechterhaltung aller religiösen Institute irn Sinne des Religionsgesetzes. Die Sorge für die Erziehung der jüdischen Jugend legt es uns auf, die Forderung nach einem intensiven Ausbau des jüdischen Schul Werkes zu erheben. Die judische Schule wird unserer Ansicht nach erst dann eine wahre jüdisch-nationale Schule sein, wenn sie es sich nicht genug sein läßt mit der Erlernung der hebräischen Sprache und der Schaffung einer Verbindung mit dem jüdischen Volk, seiner Geschichte und seinem Lande. Eine volle Gewähr für den größtmöglichen Erfolg erzieherischer Arbeit wird sie nur bieten, wenn der Geist der Schule bestimmt ist durch das jüdische Gesetz, und wenn die Schüler mit dem jüdischen Schrifttum in seiner ganzen Weite vertraut gemacht und von dem Geist der jüdischen Tradition erfüllt werden. Da die bestehenden Schulen großenteils diesen Anforderungen nicht entsprechen, müssen wir, um unserer Jugend das religiös-nationale Gedankengut unverfälscht zu vermitteln, die Errichtung solcher Schulen im ausreichenden Maße fordern. Wir begrüßen den Weg der jüdischen Jugend, der sie zurückführt zu den Quellen des Judentums. Solange jedoch der Weg nicht zu Ende gegangen ist und seine Krönung erfahren hat durch eine restlose Ausrichtung nach den Forderungen des jüdischen Religionsgesetzes, sind wir gezwungen, in allen Erziehungsfragen unseren eigenen Weg im Sinne der Thora zu gehen. Wir sehen es deshalb als auch unsere Autgabe an, misrach istische Hachscharah zen- Betr. Altersversorgung Wir weisen darauf hin, daß Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung Ihrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge für Leibrentenversicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute unverbindlich in Anspruch. Familienschutz E.V. Beratungsstelle für Altersversorgung Berlin W8, Taubenstraße 35 ernruf: A2 Flora 4417, 4418 tren zu unterhalten, in denen sich unsere Jugend, den anderen Chalu/im in chaluzischem (iei.ste ebenbürtig, zur Verwirklichung des Programms „Tliora wa Awoda - erzieht. Wir glauben, daß dies die glucklichste Form ist, der gesamten jüdischen Jugend die Schönheit und Gcschlo.-'-eniieit wahren jüdischen Lebens zu /eigen, so daß sie am Ii ihierseits diese Lebcnslorm für sich als verbindlich anerkenne!: wird. Unsere Liebe und i reue gilt unseren Brüdern und Schwestern in Erez Israel, insbesondere unseie; arbeitenden Jugend, dt" im Sinne von I hora wa Awoda -ich mit ihrer Hände Arbeit ein neues Lehen nach den a ten Idealen miserer Väter aufbauen will. Sie in ihrem «ehwere.i Kam de in jeder Weise um' besonders durch stet'- Vci st •.; '.uns', ihrer Reihen zu schützen, i»t unsere vonh ing'.i -liste Aufgabe. Daneben gilt es, nicht nur unter den noch abseits der nationalen Bewegung stehenden jiulen m Deut-rhlaud das Interesse für die ge<amt-/.io:r»ti.sche Liee /n ein,. i. Kein, sondern auch die vielen tausenden besonders der unter der Wucht der geschichtlichen Ereignisse /u /i< .nisten gewordenen Juden für die rcligi ö - n a t i o u a I c I d e e zu gewinnen, wie sie in ihrer Reinheit vom Misrachi vertreten wird. Ein Judentum, das mit der Besinnung auf seine nationale Grundlage sich seiner religiösen Aufgabe bewußt wird und sein Leben von seiner religiösen Bestimmung her gestalten will, wird aus der Not des Augenblicks die Kräfte schöpfen können zu einem Neuaufbau seiner nationalen und kulturellen Lleimat. Landeszentrale der Unabhängigen Misrachi- Landesor^-anisation Deutschlands Dr. G r ü n h c r g, Dr. S u I z h e r g e r, Dr. Lehmann. Hanhalah des Bachad. Rudi 11 e r z, | a c o b S z o h e 1. Hanhalah Zeire Misrachi. Engen Michaelis, Raffi Möller. Jüdische Gottesdienste Sur König Georg V. London, 28. Januar. (J FA.) Wahrend, der Beisetzuugsfeierlichkeifen für den König G e o r g V. wurden in allen Synagogen Englands Gottesdienste abgehallen, bei denen ein vom Oberrabbiner des Britischen " Reiches Dr. J. II. Hertz zu diesem Anlaß verfaßte- < icbel gesprm heu wurde. Oberrabbiner Dr. Hertz leitete den Goitcsdicn-t, der um 3.30 Uhr in der Londoner Großen Synagoge stattfand. Besondere < icdenLgottcsdicuste winden außerdem um (> t :hr abends in allen Londoner Synagogen abgehalten. Vor dem Nachmittagsgottesdienst in der Großen Synagoge veranstaltete der Rat der United Synagoyue im Ihnes! Sehiit-Gedaclitnissaai der Groben Synagoge 5fSe 1" r a n e i \ e r s a m m I u n g. j er u salem,'2S. Januar. (JTA.) l »bwohi der Lag der Beisetzung Königs Georg V. nicht als ihti/i al i Traucrtag in Palästina proklamiert worden war, winde er d >eh \ou der gesamten palästinensischen Judenheit im Gedenken an den verstorbenen König begangen. Die Schulen und Aemter im ganzen Lande blieben geschlossen. Die I laugen Wehlen auf Halbmast. In den Fabriken und sonstigen Arbeitsstätten wurde eine Trauerpause von zwei Minuten eingeschaltet, während der jegliche Arbeit ruhte. In sanitii'-heu -uag-e eu des Landes fanden T r a u e r g o 11 e s d i e n s j e stall. An der Klagemauer wurden besondere Gebete für König Georg V. gesprochen. Dem Gottesdienst in der Großen Synagoge von Tei- Awiw wohnten Dr. W e i z m a n n, Bürgermeister Di/engoff und andere Persönlichkeiten bei. Oberrabbiner Cd siel hielt die Predigt. Fr entbot gleichzeitig dem neuen Konig die Huldigung der Juden Palästinas und sprach die Hoffnung aus, daß unter der Herrschaft Eduards VIII. der Aufbau des Jüdischen Natiotialheims zu Filde geführt werden würde. Die K ö n i g i n - M u 11 e r von England übermittelte der Exekutive der Jewish Agcncy ihren Dank für ihre Beikidskundgebung. H e^FÜ WiML Anzug aus reinwollenem schwerem Fresko Cheviot, modern u. gut verarbeitet. Sport-Anzug 2teilig, aus reinwollenem Chevio", der besondere Anerkennunggefunden hat. Ulster-Paletot aus reinwollenem Marengo - Cheviol, mit dem man sich wirklich überall sehen lassen kann. Siipon aus reinwollenem, imprägniertem Ga bardine, ganz auf Kunstseide gefü - fert. Dem guten Sitz ein Sonderlob JMtt nur HERRENKLEIDER-FABRIK r SpiäeimMff-ß In MOABIT: Bekleidungshaus G.m.b.H., OLDENBURGER STRASSE 48, Eckhaus Turmstraße i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.