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Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' ' HB,- - ■ jrv - t—*■ - Nr, 9 31.1.1936 JtJDISCHf RUNDSCHAU Seife 3 Der Zionist und die jüdische Umwelt Was will die Jugend? — Oeifentliehe Institutionen, aber keinePotemkinschen Dörfer! — Die erlösende Kraft und die Utopie Wir haben in der letzten Zeit mehrfach die Frage aufgeworfen, ob im Judentum Deutschlands überhaupt noch die alten P a r t c i g e g c n s ä t z e bestehen, ob insbesondere die großen jüdischen Organisationen, die ihre Gründung einer ganz anderen Zeit a's der heutigen verdanken, ihrem ideologischen Oehalt nach unverändert geblieben sind und einander daher als mehr oder weniger unversöhnliche Gegner gegenüberstehen, obwohl viele ihrer Mitglieder gelernt haben, ihre Lage als Juden neu zu durchdenken und daraus Konsequenzen für ihr Leben zu ziehen, oder ob die Verhältnisse im jüdischen Leben wirklich in Fluß gekommen sind und man daher auch auf die Organisationen nicht mehr das altgewohnte Schema anwenden kann. Wenn man die Reden, die in jüdischen Versammlungen und Gemeindestuben geführt werden, hört und die Aufsätze liest, die in der jüdischen Presse erscheinen, wird man allerdings der Ansicht beipflichten müssen, daß das Schwergewicht des Organisationsmechanisnius außerordentlich groß ist, und daß trotz der Wandlung in der Gesinnung weiter jüdischer Kreise der Charakter mancher Organisationen sich auch bis heute noch nicht grundlegend gewandelt hat. Diese Erkenntnis gilt es in einem Augenblick wachzurufen, in dem wir selbst Heerschau über d i e organisatorische Leistung des Zionismus in Deutschland halten. Die Erkenntnis mag unerfreulich sein, aber in einer Wirklichkeit, in der es um Entscheidungen von großer Tragweite für die Zukunft der Juden Deutschlands geht, kann man an den Realitäten nicht vorbeigehen, auch wenn sie einem nicht in allen Einzelheiten zusagen. Allerdings können und dürfen wir uns mit dieser Konstatü rung nicht begnügen. Wir müssen vielmehr fragen, was die Zionistische Organisation selbst in dem Kräftespiel bedeutet, das durch das Vorhandensein der verschiedenen jüdischen Organisationen zustande kommt. Dies aber ist, die Frage nach der inneren Kraft, die sie einzusetzen vermag. Das äußere Svmltol für die Situation der zionistischen Bewegung im Judentum Deutschlands ist das gewaltige Anschwellen der Zahl organisierter Zionisten gegenüber der Zeit vor drei Jahren. Wir fragen, welchen Wert diese zahlenmäßige Vermehrung hat. Was bedeutet es, wenn heute vie'e Tausende von Juden die M i t g 1 i e d s k a rt e der Zionistischen Organisation besitzen? Zunächst sicherlich eines: diese Menschen haben den ehrlichen Willen, am Aufbau Palästinas aktiv teilzunehmen; die meisten von ihnen streben eine Uebcrsiedlung nach Palästina an, alle sind bereit, soweit dies möglich ist, auch von hier aus für Erez Israel zu wirken. Und dennoch entsteht die Frage: Worin unterscheiden sich die Zionisten von ihrer jüdischen Umwelt, die das zionistische Bekenntnis nicht oder noch nicht akzeptiert hat? Ist das Kriterium eines Zionisten allein seine organisatorische Zugehörigkeit oder gibt es etwas darüher hinaus, was ihn erst zum Träger des nationalen Willens macht? — Wir glauben, diese Frage insoweit verneinen zu müssen, als wir die tatsächlichen Verhältnisse 1. dachten. Zwischen Zionisten und Nichtzionistcn im Judentum Deutschlands — und wohl auch weit darüber hinaus — besteht in sehr vielen Fällen keine grundlegende Differenz auf dem Gebiete ihres jüdischen Lebens. Auf beiden Seiten gibt es jüdisch gebildete und unwissende, sich um jüdische Kulturwerte mühende und nicht mühende, aktive und inaktive Elemente. Insbesondere kann man auch nicht sagen, daß jeder Zionist — oder auch ihre Mehrzahl — eine besonders enge Verbindung zum kulturellen Judentum besitzt. Die Repräsentanten der zionistischen Bewegung sind vielmehr — genau so wie bei anderen jüdischen Gruppen — teilweise Kreise, deren Judentum zentral um den Begriff der Gesinnung kreist. Wohl gibt es eine zahlenmäßig starke Beteiligung gerade der Zionisten an der hebräischen Spracharbeit, aber man muß beachten, daß das Motiv, das hierzu führt, in erster Linie ein praktisches ist, weil die Auswanderungswilligen sich Vorkenntnisse für das 1 eben in Palästina erwerben wollen. Dieser Zustand wird von manchen Zionisten und besonders von jeder neu heranwachsenden zionistischen Generation als ein Manko empfunden. Die zionistische Jugend hat das Gefühl, daß die Zugehörigkeit zum Zionismus mehr bedeuten muß als der Besitz einer Mitgliedskarte mit gewissen Rechten, die sich daran knüpfen; sie glaubt, daß das tägliche Leben des Zionisten, mag es in Palästina oder in der Gallith sein, von seinem Bekenntnis geformt und in allen Teilen von lebendigem, nationalem Judentum durchdrungen sein sollte. Die Jugend hat das Gefühl, daß Zionist sein bedeutet, den „echten Ring" zu besitzen, die große Zauberformel, mit der sich die Tore zum Judesein öffnen, durch die lebensvolles Judentum von uns realisiert werden kann. Und sie unternimmt es immer wieder, dies auszuführen, sie wagt es zu sagen, daß sie selbst die Verwirklichung, die Neugeburt eines jüdischen Menschen vollziehen könne. Wenn hierbei jede junge zionistische Generation eine gewisse Kritik an der Haltung der Aelteren übt — und diese Dynamik ist eigentlich schon seit den ersten Tagen des Zionismus zu beobachten, als die Herzlianer als Jugend gegenüber den Chowewc Zion auftraten, ja schon vorher, als die „Bilu" und die „Bne Mosche" die erste j'ugendliche Opposition in der tastend beginnenden zionistischen Bewegung Rußlands darstellten —, so ist sie damit subjektiv gewiß im Recht. Ob sie wirklich, wenn sie selbst älter geworden sein wird und in der zionistischen Galutharbeit steht, ein neues Bild des zionistischen Menschen repräsentieren wird, sei dahingestellt. Aber eines muß sie wissen: Der Zionismus als ganzer, in allen seinen Generationsschichten fühlt sich als Träger dieses ,,echten" Ringes, weil er das Geheimnis darum weiß, was die Judenfrage ist und wie man sie lösen kann — und dieses Bewußtsein ist es, was ihn trotz allem von der nichtzionistischen jüdischen Umwelt im tiefsten unterscheidet. Mag auch der eine oder andere Repräsentant des Zionismus an diesem oder jenem Orte nicht unseren Ansprüchen genügen, mögen auch viele Zionisten nicht die Kraft besitzen, die wir als Gesamtheit von ihnen verlangen, die zionistische Bewegung als solche tritt mit jugendlichen Forderungen an die jüdische Öffentlichkeit und an den einzelnen Juden heran, sie will durch ihren Schwung ihn mitreißen, diese Forderungen zu akzeptieren. Bedenken wir doch etwa, was es bedeutet, wenn in Zeiten der Stabilität die Parole der Auswanderung, der Neueinwurzelung in dem so fernen Lande der Vergangenheit, vom Zionismus ausgegeben wird! Erinnern wir uns, mit welcher Vehemenz diese Forderung von den Juden Deutschlands bis vor kurzem bekämpft wurde, nicht etwa weil ihnen Palästina unsympathisch war oder aus geistigen Gründen, sondern in erster Linie, weil sie aus ihrer Ruhe nicht aufgestört werden wollten! Diesen Sachverhalt gilt es, der heutigen zionistischen Generation, der älteren wie auch besonders der jüngeren, die erst kurze Zeit mit unserer Bewegung verbunden sind, ins Gedächtnis zu rufen. Nur so nämlich kann vermieden werden, daß wir an unsere Bewegung Forderungen stellen, die sie ihrem ganzen Wesen nach nicht erfüllen kann, wie wir auf der anderen Seite so erst in die Lage versetzt werden, d i e Gefahr e n einzuschätzen und abzuw ehren, die auf dem Wege der zionistischen Arbeit liegen. In diesem Zusammenhange müssen wir uns besonders eindringlich gegen eine Uebcrschätzung der öffentlichen Institutionen im Zionismus und im jüdischen Leben überhaupt wenden. Es ist klar und in der menschlichen Psychologie zutiefst begründet, dal! man nur allzu gern die Verantwortung für die Gestaltung des Lebens von sich abschiebt und sie den Einrichtungen zuweist, die einen mehr anonymen Charakter tragen. Besonders groß ist diese Gefahr naturgemäß für eine nationale Bewegung, die von dem Gedanken der Volksgemeinschaft ausgeht und dieser Gemeinschaft große Aufgaben zuweist, die auch tief in das Leben des Einzelnen eingreifen. Hier könnte es eintreten, daß wir uns selbst etwas vormachen, daß wir glauben, wenn eine statistisch erfaßbare Einrichtung getroffen ist, sei bereits die Sache selbst, der sie zu dienen hat, erledigt; wir machen im jüdischen und im zionistischen Leben nur allzu oft Ansätze, die dann unausgeführt bleiben, wir schaffen unter großem Aufwand Einrichtungen, deren Wirkung auf das Volk selbst oft zweifelhaft bleibt. Hiervon müssen wir uns Rechenschaft geben, wollen wir nicht in den Bezirk der „Potemkinschen Dörfer" reisen und uns an Dingen berauschen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Der Zionismus hat immer für diese Gefahr ein feines Ohr gehabt; besonders diejenigen, die sich mit den Fragen der zionistischen Propaganda beschäftigten, haben zu unterscheiden gewußt zwischen einer Propaganda der tönenden Worte, die sich an der Zahl der Menschen berauscht, die ihnen zuhören, und einer wirklichen pädagogischen Einwirkung auf die Menschen, die geeignet ist, einen Wandel der Gesinnung herbeizuführen und Gefühle im menschlichen Herzen zu wecken. Natürlich soll damit nicht gesagt sein, daß die Schaffung der erforderlichen öffentlichen Einrichtungen im jüdischen Leben und ihre Durchsetzung mit nationalem Geiste nicht unsere Aufgabe sei. Gerade Palästina ist hierfür ein Gegenbeispiel, da sich der Aufbau des Landes Tag für Tag in der Neuschaffung von Institutionen aller Art vollzieht. Aber eines ist dafür erforderlich, um sie wirksam werden zu lassen und ihnen einen Sinn für den Fortschritt des Aufbaus eines normalen Volkes zu geben: Das ist die menschliche Kraft, die in ihnen pulsieren muß. Auch Palästina ist nicht von der Gefahr frei, daß leere Hüllen entstehen, Pctcmkinsche Dörfer, in denen das Leben selbst nicht da ist. Die große Macht, die von manchen zeni den Einrichtungen des Jischmv ausgeht, ist ja die Kraft des menschlichen Herzens, die in ihnen zum Ausdruck kommt. Welch ein Feld menschlicher Eigenart, ja Eigen- LEIDEN UND WIRKEN Unsere Meister lehrten: Jene, die bedrückt werden und nicht bedrücken, die ihre Schmfihung anhören'und sie nicht erwidern, die aus Liebe wirken und der Leiden froh sind, - von diesen sagt das Schriftwort: „Die Ihn lieben, sind wie die Sonne ausfahrt in ihrer Helden wehr" (Richter 5, 31). b. Sabbat SS b (Ucbcrseizi von /V. Ar. Qlaizei) brötelei ist dieses Palästina! Wie viel E r I ö s u n g s s e h n - Süchte haben sich in ihm vereinigt und haben Werke geschaffen, die fiir den Aufbau des Volkes von unvergänglichem Werte sind. Soziales Pathos, religiöser Erneuerungswille, Ringen mit den mannigfaltigsten Aufgaben, die dem Menschen gesetzt sind, haben in Palästina und damit in der zionistischen Bewegung ihren Platz und Ausdruck gefunden. Das war und ist ja das stärkste innerjüdisch differenzierende Moment des Zionismus, daß er eine erlösende Kraft ist, die nicht nach auß;n wirkt, sondern mitten in das Volk hinein! Er erkannte, daß alle Note des Juden, alle seine Sorgen und seine Hoffnungen auf dem BmIch des Volkstums zu lösen sind, n u r auf dem Boden des Volkstums, und so führte er die Menschen in ihrem Ringen in dieses jüdische Volk hinein: er führte sie ins Volk zurück, wenn sie draußen versucht halten, zu wirken und sich durchzusetzen. Während tausend Kratte am jü,liehen Volke nagen, um den Einzelnen aus dem Volke herauszuführen, erschließt der Zionismus dem Juden, jedem in seiner Art, den Ort, wo er nicht nur physisch den festen Hoden linden kann, sondern \\<, er sein Lehen nach den Oesct/cn, die in ihm scib.-t lieg.-,i, zu gestalten vermag. So will der Zionismus nicht eine ah-traMe Menschheit mit irgendwelchen Ideen beglücken ... mog>'n ve auch den Worten der Propheten entstammen --, sondern er will die Kraft menschlicher Ukvn i m j ü d i .s c ii e n II e z i r k erproben und ihnen den Weg zur Verwirklichung bahnen. Er war von allem Anfang an eine Bewegung nicht nur der nüchternen Realität — wie er es heute allzu sehr zu sein scheint —, sondern ebenso sehr der Illusion und der Utopie. Mit Unrecht galten in den „realpolitisch" dud.cnden jüdischen Kreisen die Zionisten einst als phantastische Schwärmer. Aber mit Recht fordern wir von uns selbst auch heute, daß etwas von diesem utopischen Charakter des Zionismus in jedem von uns lebendig bleibt. Denn verkennen wir eines nicht: Der konkrete Weg nach Ercz Israel ist nicht der Weg der Emigration, und wer glaubt, daß diese allein genüge, der wird sich läuschen. Wer in Ercz Israel glücklich leben will, wird dies noch auf sehr lange Zeit hinaus in der Regel nur dann können, wenn ihm die Z u k u n 11 s h o f f n u n g eines geschlossenen nationalen Lebens den lag erleuchtet. Die Zukunft muß in sehr vielen Augenblicken vor dem geistigen Auge dessen stehen, der einen schweren Werktag zu bewältigen hat, von dem wir nicht wissen, ob er in seiner Alltäglichkeit immer ohne weiteres sinnvoll erscheint. Und so groß auch der Aufhau Palästinas uns heute schon erscheint, so stolz, wir über seinen Fortschritt sind ..... die Kraft zur Fortführung dieses Werkes in schweren Zeiten, die uns gewiß noch bevorstehen, kann nur der haben, der von dem Bild eines erneuerte n V o I k e s b e f I ü g e 11 wird. Wer der ersten Schwierigkeit gegenüber kleinmütig wird, wer nach der Zahl der Zertifikate sein zionistisches Interesse bemißt, ist auch heute noch kein Träger unserer Bewegung. Darum glauben wir, daß die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation gewiß e i n Schritt ist, ein wichtiger, der von jedem zu fordern ist, der an dein Aufbau Palastinas und eines erneuerten Volkes teilnehmen will, daß aber die Verwurzelung in der nationalen Bewegung des jüdischen Volkes, die der Zionismus darstellt, dennoch m e h r ist als ein formaler Akt; Sie ist das Einbezogcnseirc des Menschen mit allen seinen Hoffnungen und seinen Nöten in eine sich formende nationale Gemeinschaft, die einem in seinen Grundlinien gewiß erkennbaren, in seinen Einzelheiten aber erst aus der Gestaltungsfähigkeit seiner Träger sich ergebenden Ideal zustrebt, das Tag für Tag Opferbereitschaft und Einsafzfähigkeit verlangt. K. L, I 7 1 Die Tagesordnung Sonntag, den 2. Februar 1936, 15.30 Uhr: Eröffnung des Dclegicrtcntages, Wahl des Präsidiums und der Kornmissionen. Anschließend: Referat des Vorsitzenden der ZVfD., Dr. Siegfried Moses: „Aufgabe, Leistung- und Bewährung der zionistischen Bewegung in Deutschland". Anschließend nachmittags und abends: Generaldebatte. Montag, den 3. Februar 1936, 9 Uhr: Kommissionssitzungen. 1S.30 Uhr: Referat S. Tschertok: „Die zionistische Bewegung als Trägerin jüdischer Kulturarbeit". Referat Hans Gärtner: „Der Aufbau der jüdischen Schule". Anschließend Debatte. 23.30 Uhr: Referat Kurt Blume nf cid, Jerusalem: „Zionismus — Palästina — Judenfragc. Ein Situationsbericht". Dienstag, den 4. Februar 1936, 9.15 Uhr vormittags! Referat Dr. Georg Landauer, Jerusalem, Leiter des Büros für die Ansiedhing deutscher Juden: „Ergebnisse und Perspektiven der Alijah aus Deutschland in Erez Israel". Referat Dr. Michael Traub: „Funktion und Bedeutung des nationalen Kapitals für den Palastina- Aufbau". Anschließend Debatte. 15 Uhr: Konimissionssitzungen. 19 Uhr: Schlußsitzung des Plenums. Berichte der Vorsitzenden der Kommissionen. Beschlußfassung über die Resolutionen. Wahlen der leitenden Körperschaften und Ausschüsse. das große Fachgeschäft für Teppiche,Möbelstoffe Gardinen (f I

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