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Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 9, 31.1. 1936 Heimstätte in Palästina, die Erfüllung des Baseler Programms, umfassende politische, organisatorische und propagandistische Arbeit, so stellte die Volkserzichung menschliche und kulturelle Anforderungen ersten Ranges. Die Zionisten wußten vor fünfzig Jahren (als Achad Haam seine ersten Aufsätze schrieb) und wissen es bis heute, daß mit dem Volk, wie es durch Oolus und Entfremdung geworden war, das Ziel nicht zu erreichen ist. Daher das immerwährende Streben, auf das Volk und seine Erziehung einzuwirken. Schaffung des neuen Typus Jude, — zur Erreichung dieses Zieles bedarf es intensiver Einwirkung auf Denken, Fühlen und Lebensbedingungen. Daher das zionistische Streben, in den jüdischen Körperschaften, die das Gemeinschaftsleben bestimmen und zum Teil repräsentieren, maßgebenden Einfluß zu gewinnen und eine in positivem und modernem Sinne, nicht aus verstaubten Reminiszenzen und Gewohnheiten bestehende, jüdische Gefühls- und Bildungssphäre zu schaffen. Wie wichtig diese Postulate sind, dürfte in Deutschland heute niemand mehr bestreiten. Dennoch sehen wir, daß da und dort, an diesem oder jenem Ort und in dieser oder jener Gemeinde, Elemente, die für den Niedergang des jüdischen Bewußtseins, für die Geringschätzung der jüdischen Werte und das allmähliche l ockern aller jüdischen Bindungen verantwortlich waren, ihre Positionen aufrecht erhalten. Es ist eine unbegreifliche Anomalie. Der Delegiertentag wird sich mit den Forderungen des Zionismus innerhalb der jüdischen Gremien und Vertretungskörpern Deutschlands beschäftigen. Wir haben schon vor einer Woche an dieser Stelle dargelegt, welche Ansprüche die Zionisten erheben. Der Delegiertentag wird auch nach innen die Grundsätze festlegen, nach denen Zionisten innerhalb der jüdischen Gemeinden zu handeln haben. Eine selbstverständliche Voraussetzung ist dabei, daß die Zionisten in ihrer Gemeindearbeit der Führung durch die ZV'fD. bzw. durch die hierfür vom Delegiertentag zu wählenden Instanzen unterstellen. Es ist zu hoffen, daß es dem Delegienentag gelingen wird, in dieser w ichtigen Frage auch dort eine Regelung durchzuführen, wo bisher innerhalb des zionistischen Logers Unstimmigkeiten bestanden. Dann wird der zionistische Standpunkt in den Gemeinden um so eindrucksvoller zur Wirkung kommen können. Die Gemeinden, die aus Religionsgcrneinden heute dem tatsächlichen Umfang ihrer Aufgaben nach zu wirklichen Volksgemein-, den geworden sind, tragen die Verantwortung für die Gestaltung des jüdischen Lebens und für die hierfür notwendigen Institutionen. Sie haben selbstverständlich neben der sozialen Wohlfahrt an der Berufsumschichtung und an der Auswanderungsregelung teilzunehmen, vor allem aber die jüdische Kulturarbeit, Schulen und Erziehung zu tragen. In der Kulturarbeit tritt an ihre Seite als eine wichtige staatlich anerkannte Institution der Reichsverband der Kulturbünde mit seinen Unterabteilungen. Es ist nichts natürlicher, als daß der Delegiertentag dem Thema der Kultur- und Erziehungsarbeit einen wesentlichen Teil seiner Beratungen widmet. Die Zionisten haben eine eigene Vorstellung von jüdischer Kulturarbeit und Erziehung. Sie halten es für eine unerläßliche Notwendigkeit, daß der junge Jude, auch der in Europa lebende, die Geschichte seines Volkes und die hebräische Sprache kennt, daß er über Wesen und Aufbau der jüdischen Gemeinschaft, über die Lebensverhältnisse der Juden in der Gegenwart in den verschiedenen Ländern, über die Entstehung des Jüdischen Nationalheims in Palästina, über die ganze Fülle der mit den hier schlagwortartig angedeuteten Gegenständen verbundenen Tatsachen Bescheid weiß. Diese Kenntnisse müssen der Jugend in der Schule, den Aeltcren in den Institutionen der Erwachsenen- Bildung, in Vorträgen und Kulturbünden vermittelt werden, und zwar nicht als trockene Gelehrsamkeit, sondern als ein lebendiges Wissen, das dem Lin/elnen das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer lebendigen Gemeinschaft gibt. Die Zionisten reden sich nicht ein, daß es eine „jüdische Kultur" in dem Sinne gibt, wie eine englische, polnische oder deutsche; die Polemik, die gegen eine derartige angebliche Meinung gerichtet wird, stößt ins Leere. Die Zionisten wissen auch — und gerade mit ihrem neuerwachten Gefühl für Geschichte wissen sie es besonders genau —, daß historische Prozesse nicht rückgängig zu machen sind und daß wir westeuropäische Juden, durch die Schule des europäischen Denkens hindurchgegangen, von den erworbenen Kulturgütern, die unser Wesen mitgeprägt haben, nichts aufgeben können. Die Pflege der großen Werte der Weltk ultu r wird ein selbstverständlicher Bestandteil jeder Kulturarbeit unter Juden sein. Aber im innerjüdischen Kampf gerade hier im Westen brauchen diese Dinge weniger betont zu werden, weil sie unbestritten sind, Ein 15 Millionen-Dollar-Fonds geplant Erklärungen auf einer amerikanisch-jüdischen Tagung — Ansprachen von Felix M. Warburg und Sir Herbert Samuel — Palästina als Einwanderungsland New York, 27. Januar. Anläßlich der am 26. Januar in St. Louis (Missouri) abgehaltenen Tagung des Rates der jüdischen Verbände und Wohlfahrtsfonds wurde bekanntgegeben, daß über die Pläne für die Auswanderung von Juden aus Deutschland volle Ucbereinstimmung zwischen der aus Sir Herbert Samuel, Lord Bearsted und Simon Marks bestehenden Abordnung und den Führern der amerikanischen judenheit erzielt worden sei. Diese Mitteilung wurde von Felix M. Warburg und dem Führer der englisch-jüdischen Delegation, Sir Herbert Samuel, gemeinsam nach dem Abschluß der ersten Beratungen zwischen den jüdischen Führern gemacht. Die Abordnung wird ihre Verhandlungen mit den Führern der amerikanischen Judenheit iii New York fortsetzen. In seiner Ansprache an den Rat der jüdischen Verbände und Wohlfahrtsfonds erklärte Felix M. Warbnrg es sei Aufgabe der englischen und amerikanischen Juden, den größten Teil der Verantwortung für die Verpflanzung von Juden aus Deutschland zu übernehmen. Von den .Auswanderern soll eine möglichst große Zahl in Palästina untergebracht werden. Warburg betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, die Anstrengungen für das American Jewish Joint Distribution Comm i11ee und für den United Palestine Appeal zu verstärken. Andererseits forderte Felix M. Warburg die Zionisten auf, mit den Arabern und Christen in Palästina eine Zusammenarbeit anzustreben. Sir Herbert Samuel hielt eine Ansprache, in der er die Rolle hervorhob, die Palästina bei der Lösung der durch die Lage in Deutschland bedingten Probleme spielt. Endgültige Pläne für die Auswanderung von Juden aus Deutschland, so erklärte er, würden demnächst bekanntgegeben werden. Zu Ihrer Durchführung sei ein Fonds von 15 Millionen Dollar für die Zelt von vier Jahren erforderlich, um pro Jahr 8000 Juden aus Deutschland nach Palastina und 7000 in andere Lander zu bringen. Von diesem Fonds sollen 10 Millionen in Amerika und 5 Millionen in England und Europa aufgebracht werden. In einem solchen Arbeitsprogramm sei auch die Berufsvorbereitung für Landwirtschaft und Industrie mitenthalten, sowie Leihgelder an Einzelpersonen. In erster Linie müßte die Auswanderung von Kindern und Jugendlichen gefördert werden. Voraussichtlich würden detaillierte Plane bei der am 2. Februar In Washington stattfindenden Palästlna- Reichskonferenz vorgelegt werden. Sir Herbert Samuel erklärte, daß in den letzten 15 Jahren 250 000 Juden nach Palästina gekommen sind, was die Aufnahmefähigkeit des Landes auch für einen großen Teil der Auswanderer aus Deutschland beweise. — Die Mittel würden den Auswanderern als Darlehen zur Verfügung gestellt werden und eventuell in einen allgemeinen Aus Wanderungsfonds zurückfließen. Sir Herbert Samuel erklärte weiter, er glaube, daß die britische Regierung dem Plan einer Auswanderung nicht nur nach Palästina, sondern auch nach anderen Gebieten des British Empire sympathisch gegenüberstehen werde. Der Rat faßte eine Resolution, in der die amerikanischen Juden verpflichtet werden, möglichst große Mittel für die Finanzierung der Auswanderung von Juden aus Deutschland aufzubringen. In der Resolution heißt es weiter, daß Amerika bereit sein muß, eine große Zahl von Emigranten und Kindern in Heimen aufzunehmen. Joint für die Aktion New York, 2t). Januar. (JTA.) Bei einem vom American Jewish Joint Distribution C o m ni i 11 c e in der großen Nevv-Yorker Synagoge Lmann-El veranstalteten Emptang für Sir Herbert S a m u e I, Viscount Bearsted und Simon Marks wurde am 29. Januar feierlich der Anschluß des Joint Distribution Committce an die von Sir Herbert und seinen Mitarbeitern eingeleitete Aktion für eine geregelte Auswanderung von Juden aus Deutschland proklamiert. Den Vorsitz führte James R o s e n w a 1 d. In der angenommenen Resolution wird u. a. den Erwartungen bezüglich der künftigen Auswandererfürsorge des Völkerbundes Ausdruck gegeben. Es heißt dann weiter: Den Vorschlägen unserer Kollegen aus England, die die Auswanderung von 20 000 bis 25 000 Juden jährlich aus Deutschland während der nächsten Jahre ins Auge fassen, stehen wir mit Sympathie gegenüber. Wir sagen unsere Mitarbeit bei den Bemühungen zu, aus allen erfaßbaren Quellen in der Welt rechtzeitig 15 Millionen Dollar für diesen Zweck aufzubringen. dagegen müssen wir um die unentbehrliche jüdische Seite des Erziehungs- und Kulturwesens unablässig mit denen ringen, die teils aus Ueberzeugung, teils aus Bequemlichkeit diese Arbeit nach irgendeiner alten Schablone der bürgerlich-liberalen Aera fortführen möchten. Zur Zeit der großen Bahnbrecher der Haskalah gab es im jüdischen Volk einen produktiven Kampf um die Erweiterung des Horizontes gegen mittelalterliche Enge; heute gilt es, nach einem Zeitalter geistiger Wurzellosigkeit die ganze Fülle kulturellen Lebens in einem wachen und schöpferischen jüdischen Bewußtsein zu verankern. Auf die im- Kultur- und Schulwesen bestehenden Probleme, die in der „Jüdischen Rundschau" wiederholt ausführlich behandelt wurden, brauchen wir nicht einzugehen. Es sei nur noch an eines erinnert, an die einer neuen jüdischen Lebensauffassung entsprechende Forderung der Erziehung zur körperlichen Arbeit und Arbeitsgesinnung. Daß der Delegiertentag das Kulturproblem eingehend behandelt, entspricht einer fühlbaren Notwendigkeit. Und schließlich muß die Zusammenkunft der deutschen Zionisten sich verantwortlich mit der Situation in Palästina und im Zionismus beschäftigen. Wir werden das Privileg haben, alte Freunde aus Palästina zu begrüßen und von ihnen Referate zu hören. Kurt Blumenfeld, der langjährige Vorsitzende, der die Gestalt der ZVfD. mitgeformt hat, wird über die Lage im Zionismus referieren; Georg Landauer, der Leiter der Abteilung für Ansiedlung deutscher Juden in Palästina, wird eingehend über die Situation der aus Deutschland Eingewanderten berichten. Es war immer eine Eigenart der Delegiertentage der ZVfD., daß sie die Palästinafragen nach ihrer tatsächlichen ebenso wie nach ihrer grundsätzlichen Seite freimütig erörtert haben. Viele Mitglieder der ZVfD. sind jetzt selbst in Palästina; die ZVfD. hat am Vorabend der Tagung den nach Palästina Uebergcsiedelten und deren Organisation, der Hitachduth Ole Germania, ihren Gruß entboten. Es gibt in Palästina ein spezifisches Aufgabenfeld der ZVfD. und der HOG., nämlich die Einordnung der aus Deutschland kommenden Juden in das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben des Jischuw. Die Palästina-Wanderung der letzten Jahre ist die größte Wanderung, die deutsche Juden seit dem Mittelalter durchgemacht haben. Niemand unterschätzt die Schwierigkeiten, die sich daraus für die Gesamtheit und für jeden Einzelnen ergeben, die Anforderungen, die an die menschlichen Kräfte, an die Anpassungsfähigkeit, an den guten Willen und an die Ideentreue des Einzelnen dauernd gestellt sind. Geistige Führung und praktische Hilfe sind hier ein Gebot der Stunde. Aber über diese Spezialsorge hinaus hat die ZVfD. die Pflicht, sich über die Vorgänge in Palästina und über die Haltung der Zionistischen Organisation Rechenschaft zu geben. Die Größe des Erreichten steht fest; die Leistung ist einzigartig in unserer Geschichte. Aber auch die sich zeigenden Schwierigkeiten wirtschaftlicher, politischer und kultureller Art müssen mit klarer Festigkeit erkannt werden; Uebelstände und Unzulänglichkeiten des palästinensischen Lebens wurden stets im Zionismus mit rückhaltloser Kritik und ohne Schönfärberei besprochen, weil nur so der Weg zu einer Aenderung des Aenderungsbedürftigen gefunden werden kann. Auf den Tagungen der ZVfD. haben wir uns immer bemüht, uns freizuhalten von Dogmatik und Schablone, uns auch nicht durch die Meinung der sogenannten „jüdischen Gasse" irre machen zu lassen, sondern die großen Zusammenhänge zu erkennen, den Zionismus als eine Sache des wirklichen Lebens zu sehen, die mit den Realitäten des Lebens fertig zu werden hat. Aus dieser Grundeinstellung heraus haben die Zionisten Deutschlands lange die Beziehung des Jüdischen. Nationalhcims zur arabischen Welt und zu den Arabern Palästinas als ein brennendes und ungelöstes Problem empfunden und die zionistischen Führer ermutigt, in diesen Fraget] neue Wege zu gehen. Ebenso haben die Zionisten Deutschlands sich nicht auf diese oder jene Wirtschaftstheorien festgelegt, sondern aus der Wirklichkeit heraus zu erkennen versucht, was dem Aufbau des Landes und des Volkes dient. Dabei hat uns das Ccwußtsein geleitet, daß der Zionismus nicht eine Konjunktursache ist, sondern dem ewigen Trieb der Erhaltung und Erneuerung des jüdischen Volkes und seines schöpferischen Geistes dient. Möge der Delegiertentag den Zionismus in Deutschland in seiner Arbeit befruchten und ein gewaltiges Stück vorwärtsbringen, ziun Segen und Nutzen des ganzen jüdischen Volkes! Hauptschrifi leiten Dr. Robert Wsluch, Berlin - Chsrlottenburg 9« (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Steilvertreter: Kurt Loew enstein, Berlin W 15. Anzeinenleiter u. verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Bcrlin-Tetnpclhof. Gültig: Anzeigen-Preisliste 4 vom 15. Oktober 1935. Verlag und Anleigenrerwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.-A. Dez. 38 737. — Druck: Siegfried Scholem, Bln.-Scliöncberg. 8?SEau3E is im DER ERLAUBTEM WARE* . BEßJMJL2Z* JAAtUAR . BERLIN C2 - SPANDAUER STRASSE . KXJNIGSTRASSE

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