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Jüdische Rundschau · 1936-01-31 · Heft 9 (31.1.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 9 (31.1.1936)
Date
1936-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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/ 9 / Jahrgang 41 Frei« 25 RpL JUDISCHE RUNDSCHAU StfarlftUltang.Varlag n. Anzelganvarwaltungi B»rllnWlS,M«lntik»str. 10 Farnrul: Sammel-Nr. 11 Bismarck J18I/82, 7165/70, 7240M2. - Beiugaprei« einacbL B«M«ll|ttld je Monat RM 2,-, i< Vierteljahr RM 5,75, Hai AbholunR RM 1,88 bzw. RM 5,39. "— Postscheck - Konten der Vertriebs - Abteilung: Berlin "HS 73 (für Gros - Berlin». Berlin 17392 (für das flbriee Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Banrtigagebührcn. — Erscheint f adan DitDitag nnd Freitag. BERLIN vsnn Dntp »t FREITAG, 31. JANUAR 1936 Gttltlgt Aazeigenproisliate Nr. 4. Die 12 geipalirnr mm-Zeile 20 Rpf, fOt Familiennschrtchten IS Rpi. Aufnahme von Anzeicen sn heitimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheitaanreigen nur bei Vorauszahlung aul Postscheck Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9_I8 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. AnnahmeschluS für die Dienstag - Ausgabe Montsg 10 Uhr, für die Freitag. Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Fatnilienanreigen am las vor t'rscheioen 12 Uhr) Der Zionismus erstrebt rar das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina. (Baseler Programm) Zum XXV« Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Den Delegierten zum Gruß Drei Hauptprobleme Die Zionisten im Judentum Deutschlands — Die Kulturarbeit — Palästina Der Weg, den der Zionismus in Deutschland seit der Gründung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland bis zu deren XXV. Delegiertentag, der am 2. Februar in Berlin eröffnet wird, zurückgelegt hat, kennzeichnet eine lange und große Entwicklung. Von einem kleinen Häuflein, das gegen den Widerstand des offiziellen Judentums und anscheinend auch im Widerspruch zu allen fest gegründeten Tatsachen des Lebens an der Idee festhielt, die den von ihr ergriffenen Mensehen Beglückung, innere Befreiung, Lebenssinn und Aufgabe in einem war. ist der Zionismus zu einer jüdischen Massenbewegung geworden, in der sich der Gesundungswille des jüdischen Volkes verkörpert und die zugleich für jeden einzelnen Juden eine reale Lebenschance geworden ist. Ging es anfangs um umstrittene Theorien, so stehen wir heute in praktischer Arbeit und praktischen Entscheidungen. Der da und dort noch immer an unser Ohr klingende Streit, ob „die Juden ein Volk seien", mutet wie eine Erinnerung aus längst vergangener Ferne an. Dies mag damit zusSmmenhängen, daß sich auch der Allgcmeinbegriff „Volk", worunter man in der liberalen Aera zuweilen die Staats- und Sprachgemeinschaft ohne Rücksicht auf Abstammung und auf tiefere, ursprungbedingte Bindungen verstehen zu dürfen glaubte, in der zweiten Epoche des Nationalismus, die auf den liberalen Nationalismus folgte, gewandelt hat; zugleich aber ist durch die von vielen als aufgezwungen empfundene, bei vielen aber auch einem innersten Bedürfnis entsprechende Hinwendung zum Judentum eine tiefere Erkenntnis der Judenfrage zum Durchbruch gekommen, die schließlich auch die wirklichen Zusammenhänge erfassen mußte. Wenn manche Juden befürchteten, eine Beschäftigung der Juden mit der Judenfrage würde eine Entfremdung zur nichtjüdischen Umwelt herbeiführen und die Gegensätze verstärken, so war das eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Die Umwandlung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse bewirkte objektiv eine Verschärfung der Judenfrage, und solange die Juden als erkennbare Gruppe überhaupt vorhanden waren, gab es Anhaltspunkte für den in verschiedenen Formen auftretenden Antisemitismus. Die von manchen gehegte Hoffnung aber, die Juden (nicht etwa vereinzelte jüdische Individuen) würden durch Assimilation verschwinden, erwies schnell ihre Unmöglichkeit. Daran anknüpfend, strebte der Zionismus danach, eine Neuordnung des jüdischen Lebens und zugleich eine ehrenvolle und sinnvolle Neuordnung der Beziehungen zwischen den Juden und ihrer nichtjüdischen Umgebung anzubahnen. Er ging darauf aus, durch eine, wenigstens einen Teil des Volkes umfassende, radikale Lösung die Reibungsflächen im Zusammenleben zwischen Juden und Umwelt zu verkleinern. Es wäre müßig, in diesem Moment Betrachtungen darüber anzustellen, warum in jenem ersten Stadium die Bemühungcnn des Zionismus nicht verwirklicht werden konnten; die Entwicklung ging unerbittlich weiter, es kam, was der Zionismus abwenden wollte, lind als die Lage sich scharf zu- spitzte, hatten die Zionisten vor den anderen Juden nicht etwa das voraus, daß ihre Wünsche nun erfüllt wären, sondern nur dieses, daß sie, die immer vom Vorhandensein eines objektiven Judenproblems gewußt und sorgenvoll dessen Verschärfung mit offenen Augen gesehen hatten, nicht ganz so überrascht waren wie jene Juden, die hier nur das Walten eines für sie unglücklichen „Zufalls" zu sehen glaubten. Die Delegiertentage der ZVfD. haben stets einer groß angelegten offenherzigen Erörterung der Judenfrage gedient und haben so das jüdische Denken von Etappe zu Etappe weitergeführt. Zugleich mit diesem Denken ging aber der Wille zur Tat. Die aktive Teilnahme an dem großen zionistischen Aufbauwerk, das in der Zukunft der Kern einer jüdischen Nationalheimat und einer Erneuerung schöpferischen Judentums sein sollte, war stets die verantwortlich empfundene Aufgabe Manchem unserer Freunde im Reiche mag es ein wenig merkwürdig vorgekommen sein, daß wir in einer Zeit, in der allenthalben herkömmliche Formen des organisatorischen Lebens neuen Erfordernissen sich anpassen, entsprechend dem Statut der ZVfD. einen ordentlichen Delegiertentag, den fünfuudzwanzigsten in der Reihe, einberufen haben. Wäre nicht auch diesmal eine Arbeitstagung, für die ja bestimmte Formen auch schon Tradition geworden sind, ausreichend gewesen? Wir glauben, dali diese Frage verneint werden muß. Abgesehen davon, daß einmal eine Gelegenheit gegeben werden muß, die großen Fragen des Zionismus in aller Gründlichkeit zu erörtern, erscheint es unumgänglich notwendig, daß die zionistische Bewegung in Deutschland, quantitativ so sehr verstärkt, nun auch die Verantwortung auf sich nimmt, die Richtlinien der künftigen Arbeit und die Wahl der neuen Leitung aus eigener Entscheidung zu bestimmen. Erst eine Bewegung, die diese Verantwortung zu tragen bereit ist, beweist ihre politische Reife. Fast itK) ordentliche Delegierte, eine nicht sehr viel geringere Zahl von Ersatz*!.,«gierten werden an der Tagung teilnehmen. Wir heißen alle unsere Freunde und Mitarbeiter, von woher immer sie abgeordnet sind, von Herzen willkommen. Unsere Tagungen waren immer ein zionistisches Gemeinschaftserlebnis; und wenn wir zum XXV. Delegiertentage schreiten, so wird auch in schwerer Zeit eine festlich erhöhte Stimmung uns alle erfüllen. Denn mag der Stand unserer Arbeit, in Deutschland wie in Erez Jisrael, so manche Sorgen uns aufdrängen, mag die gegenwärtige Entwicklung die Anspannung aller Energien erheischen, tun ernsthafte Schwierigkeiten zu verhindern: letztlich dürfen wir stolz darauf sein, daß wir, die Zionisten, inmitten einer Welt der Not und des Niederbruchs, der Hoffnungslosigkeit und des Egoismus eine groeß Bewegung geschaffen haben, die durch Klarheit ihres Willens, Disziplin ihrer Haltung und Stärke ihrer Leistung den Weg ins Freie zu bahnen vermag. Der Zionismus ist heute in der Judenheit Deutschlands die einzige echte Bewegung; sie wird sich durchsetzen, so wahr immer Echtheit, Ehr'Vhkeit und schöpferischer Wille über Konvention, Selbsttäuschung und Ruhebcdurfnis den Sieg davongetragen haben. Wir begrüßen alle Delegierter, als Zionisten, alle, ohne linterschied. Dieser Delegiertentag soll zeigen, daß es keine „alten" und keine „neuen" Zionisten mehr gibt, sondern daß — unbeschadet der größeren Erfahrung, die unsere langjährigen (iesininnig<genn»en naturgemäß aus/ckhnet — alle unsere Mitarbeiter gleichstellen in der Reinheit ihrer Uebcr/eugung und ihrer Arbeitsbereitschaft für unsere Sache. So gewiß ein Jeder eine Zeit der Entwicklung braucht, bis iiiin der Zionismus zur innersten Wirklichkeit des Geistes und de-, Herzens geworden ist, s(l gewiß können verjährte Verdienste allein bei uns nicht gelten; es gilt nur die ununterhruchene Bewährung und der standige Einsatz. In dieser Erkenntnis sollen Alle sich zusammenfinden. Die Delegierten kommen aus ihren Wohnorten, in denen sie Jahre hindurch unermüdlich und in hingebungsvoller Arbeit die zionistische Position teils neu begründet, teils stark entwickelt haben. Der Delegiertentag muß über die Erörterung der lokalen Arbeitstagen hinaus die höheren Gesichtspunkte der zionistischen Bewegung klar hervortreten lassen und bestimmte zentrale Probleme mit angemessener Ausführlichkeit behandeln. Das geltende Wahlsvstem hat leider in vielen Ortsgruppen, besonders den großstädtischen, nicht erlaubt, allen aktiven Mitarbeitern, die es verdienen würden, ein Mandat zu geben. Wir werden uns besonders freuen, wenn auch diese Freunde, sei es als Ersatzdelegierte, sei es als Gäste, an der Tagung teilnehmen werden. In dem Geiste der Verbundenheit mit allen aktiven Zionisten soll der Delegiertentag arbeiten. Er hat ein großes Programm zu bewältigen, und die Mahnung Her/ls an den I. Kongreß, er möge als ein weiser Herr seiner Debatten wirtschaften, gilt auch für ihn. Wir vertrauen darauf, daß er dieser Mahnung folgen wird, und hoffen, daß ein neuer Impuls für uns alle von ihm ausgehe. Benno Cohn der ZVfD. und damit auch ein Beratungsstoff ihrer Tagungen. Wäre dieser unbeirrte Eifer für die Idee nicht gewesen, dann gäbe es auch nicht das, was man in nichtzionistischen Kreisen heute zuweilen als „materielle Chance" im Gegensatz zur Idee freundlichst anzuerkennen beliebt. Während die deutsche Welt, in deren Mitte wir leben, den dritten Jahrestag ihrer neuen Aera feierlich begeht, versammeln sich die Zionisten zum erstenmal in dieser Aera zu ihrem Delegiertentag, der in Rechnung zu stellen haben wird, in welcher Weise die Situation und Struktur der Juden in Deutschland sich in diesem schicksalsvollen Zeitraum gewandelt haben, und der demgemäß zu bestimmen hat, welche Funktion dem Zionismus in dieser neuen Lage zufällt. So eng ist heute die Verbindung des gesamten jüdischen Lebens mit seinem zionistischen Sektor, daß eine solche Tagung ihren ehemaligen Parteicharakter verliert und zu einem jüdischen Ereignis schlechthin wird. Denn die Entwicklung der Dinge und die fast zwangsläufige Ucbcrnahme vieler einst bekämpfter zionistischer Programmpunkte durch die jüdische Gesamtheit haben dazu geführt, daß der Zionismus heute einen gewaltigen Anteil an dem gesamten jüdischen Leben zu tragen hat und sich für das Ganze des jüdischen Volkes verantwortlich fühlen muß. Demgemäß wendet sich der Delegiertentag an die jüdische Ocffentlichkeit, an alle präsumtiven Mitarbeiter an der Volkssache, und es ergeht an sie der Ruf, i n d e n zionistischen Reihen mitzuarbeiten an der Volkssache. Die Zionisten haben, wie jede organisierte Gruppe, ihre eigenen Angelegenheiten und Schwierigkeiten zu behandeln, aber sie übersehen niemals, daß sie die Bewegung der Wiedergeburt des ganzen Volkes tragen. In diesem Sinn, aus dem Gefühl brüderlicher Solidarität, hat der Zionismus in diesen Jahren, und nicht zuletzt durch den Mund der „Jüdischen Rundschau", an die Juden Deutschlands appelliert. Er wurde zu dem Tragpfeiler, an der tausende seelisch Gebrochene sich aufrichten und wieder einen positiven Lebenssinn finden konnten. Üebcr den Notwendigkeiten organisatorischer Art kann und darf auch der Delegiertentag keinen Augenblick diese zionistische Mission vergessen. Nach außen hin, unserer Umwelt gegenüber, mußte die vom Zionismus eingenommene Haltung in dieser Periode unwillkürlich zur Richtlinie f ü r das gesamte Judentum Deutschlands werden. So ist denn auch das nach der Aiisglicdening der Juden aus dem deutschen Leben von uns formulierte Programm, das wir in Vier Punkten zusammenfaßten, in mehr oder weniger präziser form von den anderen Juden übernommen worden. Diese vier Punkte, in denen auf Grund der in der heutigen Siaatsform gegebenen Verhältnisse die jüdischen P o > t u I a f e zusammengefaßt werden, sind: die Wahrung der jüdischen Ehre, die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Existenz, die Schaffung einer jüdischen Gefühlsu n d B i 1 d u n g s - S p h .;i r c durch eigene kulturelle und erziehliche Arbeit, die geregelte A ti s w a n rl e r u n g und deren Vorbereitung durch Berufsumschicbtung. Zu diesem Programm tritt dann nach der inner jüdischen Seite hin die Forderung einer aktiven Beteiligung am Aufbauwerk in Palästina. Das von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland am 21. September angenommene Programm entspricht ungefähr dieser unserer Zielsetzung, und demgemäß konnten unsere Vertreter führend in den jüdischen Gremien mitarbeiten. Ein Viertelhundert, — dieses Silberjubiläum der Delegiertentagc der ZVfD., findet den Zionismus in Deutschland wohl gereift, aber nicht gealtert. Die Bewegung, die an ihrem Anfang eine Bewegung der Jugend war, und die es heute durch den Zuwachs neuer Kräfte wieder im buchstäblichen Sinne geworden ist, ist heute erfüllt von Energie und jugendlichem Elan wie nur je. Sie vermag die Tugenden der Jugend und der Reife zu vereinen: das Feuer der Begeisterung mit verantwortungsvoller Besonnenheit, pionierhafte Hingabe mit illusionsfreiem Realitätsblick. Das jüdische Volk aus seiner als unwürdig und unerträglich empfundenen Lage, aus seiner erstarrten und dumpfen Lebensatmosphäre herauszuführen zu einer schöpferischen Erneuerung, das war das Ziel des Zionismus. Erforderte die Schaffung der jüdischen i

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