Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1936)
- Date
- 1936-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 8, 28.1.1936 Blick in Zeitschriften Ausscheiden von Juden aus öffentlichen Aemtern In der „Deutschen Justiz" wird ein Runderlaß des Reichs¬ und Preußischen Ministers des Innern vom 21. Dezember 1935 veröffentlicht, der Richtlinien für das Ausscheiden von Juden aus öffentlichen Aemtern gibt. In dem Erlaß heißt es: 1. Nach § 4 Abs. 1 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. 11. 1935 (RGBl. I S. 1333) kann ein iude (§ 5 dieser Verordnung) ein öffentliches Amt nicht beleiden. Die Verordnung ist am 14. 11. 1935 verkündet und damit am 15. 11. 1935 in Kraft getreten. Jüdische Träger eines öffentlichen Amtes sind somit am 15. 11. 1935 kraft Gesetzes aus ihren Aemtern ausgeschieden, abgesehen von den Beamten, für die § 4 Abs. 2 Satz 1 der genannten Verordnung eine Sonderregelung trifft. 2. Für den Fall, daß entsprechende Anweisungen bisher noch nicht ergangen sein sollten, ersuche ich, umgehend Bestimmung zu treffen, daß jüdische Träger eines öffentlichen Amtes ihre Tätigkeit sofort einstellen. 3. Träger eines öffentlichen Amtes im Sinne dieser Bestimmung sind außer den Beamten, für die eine Sonderregelung getroffen ist, die Personen, die dazu bestellt sind, obrigkeitliche oder hoheitliche Aufgaben zu erfüllen, wie z. B. Schiedsmänner, Fleischbeschauer, Stempelverteiler. 4. Bestehen Zweifel darüber, ob es sich um ein öffentliches Amt im Sinne dieser Bestimmung handelt, so ist unverzüglich die Entscheidung der vorgesetzten Dienstbehörde einzuholen. Kein Aussteueranspruch für Mischehe Fine Staatsangehörige deutschen Blutes, die im August 1031 einen Voiljuik'ii geheiratet hatte, klagte gegen ihren Vater auf Gewährung einer Aussteller. Das Landgericht versagte ihr hierfür das Anncnrei ht. Die Beschwerde gegen diesen Beschluß wurde vom K a m m e r g e r i c h t zurückgewiesen, weil in einem solchen Falle kein Anspruch auf Aussteuer bestehe. Auf nochmalige Vorstellung der Klägerin verblieb das Kammergericht in einem in der „juristischen Wochenschrift" vom 25. Januar veröffentlichten Bescheide vom 11. November 1035 hei dasein Frgchnissc. Juden als Mieter. Man schreibt uns aus Leipzig: In einem Prozeß auf Aufhebung des Mietverhättnisses eines arischen H a u * w i r t s gegen ein jüdisches Ehepaar war von seiten der Beklagten, die beim Amtsgericht und auf Berufung auch beim Landgericht zur Räumung verurteilt wurden, geltend gemacht worden, daß es ihnen unter den heutigen Verhältnissen besonders schwer falle, eine Wohnung zu finden. Das Landgericht Leipzig — 16 S 130 35 — hat eine nahezu viermonatige Räumungsfrist bewilligt und zur Begründung im Urteil angeführt: „Da nicht zu verkennen ist, daß den Beklagten wegen ihrer Rassenzugehörigkeit bei der Beschaffung einer ihren Einkommcnsverhältnisscn entsprechenden anderen Wohnung sich besondere Schwierigkeiten entgegenstellen können, andererseits ein Mietzinsrückstand nicht mehr besteht, ist der Beklagten zu 1) (der eigentlichen Mieterin) eine bis zum 31. März 1936 für angemessen erachtete Räumungsfrist gemäß § 5a Abs. 1 MSchO. bewilligt worden, jedoch zur Sicherung der berechtigten Belange des Klägers nur unter den aus dem Urteilsanspruch ersichtlichen Voraussetzungen." Diese Voraussetzungen waren, daß die Räumungsfrist in Wegfall komme, wenn die Beklagte die Dezembermiete nicht spätestens bis zum 20. Dezember 1935 und für die Monate Januar bis März 1936 die Miete nicht jeweils bis zum 3. des in Betracht kommenden Monats an den Kläger entrichten würde. Katholischer Antisemitismus. In der letzten Zeit konnte man in der führenden österreichischen katholischen Zeitschrift „Schönere Zukunft" mehrfach antijfidtsche Aeußerungen finden. In der Nummer vom 19. Januar findet sich ein bemerkenswerter Beitrag von Edmund L o r m (Prag) unter dem Titel „Und immer wieder die Judenfrage". Der Verfasser verweist auf die antisemitischen Aeußerungen in der letzten Zeit in Frankreich und Ungarn und gibt Ziffern für die starke Besetzung mancher Berufe mit Juden an. Er fährt dann fort: „Angesichts dieser laut genug sprechenden Ziffern wird es verständlich, wenn die katholische bodenständige Mehrheit in Ungarn sich gegen die Herrschaft der volksfremden Minderheit auflehnt. Es handelt sich hier wie wo anders nicht darum, die natürlichen Lebensrechte der jüdischen Minderheit zu verkürzen oder gar zu beseitigen; solches widerspräche dem christlichen Naturrecht . . . Aber es gehört selber zur Herstellung eines naturrechtlich gültigen ordo, die angemaßten Rechte des Gastvolkes zu verneinen und ihm die Grenzen wirtschaftlicher und kultureller Expansion zuzuweisen, die setner geringeren Kopfzahl entsprechen. Das muß auch jeder rechtlich denkende Jude einsehen. Je eher die Juden selbst — das gilt namentlich für Oesterreich — die Positionen freiwillig räumen, in denen sie sich zu Unrecht festgesetzt haben, um so mehr wird auch der Volkskampf gegen sie an Schärfe verlieren. Der antijüdische Affekt, den wir beut bei fast allen großen Nationen feststellen, ist nur eine Folge des Unrechts, das das orientalische Gastvolk an seinen Wirten begangen hat. An ihm ist es, Sühne zu leisten, durch Wiedergutmachung und Rückzug die Mauern des Hasses abzubauen." Konkretes und abstraktes Denken. In der Zeitschrift des Nationalsozialistischen Deutschen Aerztebundes „Ziel und Weg" (Heft 1) schreibt Heinrich C h a n t r a i n e einen Aufsatz unter dem Titel „Naturwissenschaft und Raumsichtigkeif, in dem er über die rassischen Unterschiede im Sehen spricht. Er führt dabei u. a. aus: „Das nordische Sehen ist eine treue und hingebende Beobachtung der Dinge, oder, schlichter ausgedrückt, eine vollständige Tatbestandsaufnahme. Der nordische Mensch umfaßt das Nächste und Fernste, das Größte und Kleinste mit gleicher Liebe ... Er wird allen Dingen gerecht, indem er allen Dingen ein Eigenleben und einen Eigenwert zuerkennt. Diese höchste Wertschätzung' der Anschmrung dürfte gewissen curopafremden Rassen fehlen. Der vorderasiatische Mensch beispielsweise verachtet die sinnliche Anschauung. Wie er in seiner Morallehre Leib und Geist auseinanderreißt und sie ewig miteinander verfeindet, ... so ist ihm die sinnliche Anschauung das Wertlose und Klage eines jüdischen Musikers Vor dem Arbeitsgericht Bremen wurde, wie die „Frankf. Ztg." vom 23. Jan. berichtet, die Klage eines jüdischen Musikers gegen einen Kapellmeister verhandelt, der ihn im vorigen Jahre engagiert hatte. Vorausgegangen war bereits eine andere Klage des Musikers vor dem Arbeitsgericht München. Der Kläger war im vergangenen August von dem Kapellmeister für eine Kaffcehauskapclle nach München verpflichtet worden. Nach Abschluß der tclephonisch geführten Verhandlungen hatte er dem Kapellmeister mitgeteilt, daß er Jude sei, worauf jener zurückdrahtete: „Trotzdem engagiert." Die Gäste des Münchener Kaffeehauses wandten sich aber gegen das Auftreten de« Künstlers, und darauf entließ ihn der Kapellmeister fristlos. Das Münchener Arbeitsgericht sprach ihm auf seine Klage das Gehalt bis zum nächsten Kündigungstermin zu. Inzwischen hatte sich die Fachzeitschrift der Musiker mit dem Entlassenen beschäftigt, sein Bild veröffentlicht und in der Begriff das einzig Wertvolle . . . Wenn ein Jude, def stark vorderasiatisch bestimmt ist, etwa Physik treibt, dann beobachtet er nicht; er ist kein Experimentator. Im sinnlich Beobachtbaren ist ihm das Geistige zu spärlich enthalten. Erst nachdem der nordische experimentelle Physiker in seinen Beobachtungen und Messungen den Gast genügend angereichert hat, kann e r als Theoretiker daran gehen, den „reinen Geist" herauszudestillieren . . . Durch den vorderasiatischen Menschen wird die Natur aus der Naturwissenschaft hinauskomplimentiert . . ." Ein jOdischer Filmkünstler. In der französischen Filmzeitschrift „Cinemonde" findet sich ein eingehender Aufsatz über den amerikanischen Filmschauspieler Paul Muni, der aus einem bescheidenen ostjüdischen Hause in Galizien stammt und schon früh als Kind mit seinen Eltern nach New York kam, wo er im Ghetto aufwuchs. Sein Vater betätigte sich dort als Schauspieler in einem der vielen jiddischen Theater. Muni begann mit zwölf Jahren gleichfalls seine Laufbahn als Schauspieler am jiddischen Theater, die weder glücklieh noch lukrativ war. Er hatte, wie jeder Schauspieler dort, mehrere Rollen gleichzeitig zu spielen. Zum ersten Maie trat er 1926 in einer New Yorker Revue vor der amerikanische« Öffentlichkeit auf, und zwar mit Erfolg, ohne daß er jedoch befriedigt gewesen wäre. Er bereitete sich vielmehr darauf vor, wieder zum jiddischen Theater zurückzukehren. Da erhielt er ein verlockendes Angebot aus Hollywood, dem er nicht widerstehen konnte. Seine wunderbare Kunst, die Rolle — gleich welcher Art — jederzeit zu wechseln und trotzdem meisterhaft zu spielen, begeisterte sämtliche Filmdirektoren. Fr selbst jedoch war wiederum unbefriedigt und entschloß sich erneut, zu seinem Ghetto-Theater zurückzukehren. Nach kurzer Zeit wurde ihm eine neue Rolle angeboten, die Rolle des „Scarface" (AI Capone). Dieser Film wurde nicht nur in Amerika, sondern in der ganzen Welt ein unbeschreiblicher Erfolg. Seine Filme wurden populär; man kennt sie: „Ich bin ein entflohener Kettenstriifling", „Dr. Socratc", „Schwarze Furie" und viele andere mehr. Die Zeitschrift schildert die Sorgfalt, mit der Muni seine Filme vorbereitet und die eingehenden Studien, die er für jede Rolle treibt. Sie schildert auch sohl Privatleben, in dem er außerordentlich einfach ist, obwohl er einer der reichsten Männer Hollywoods ist, da er zu den bestbezahlten Schauspielern der Welt gehöre. „Ich könnte mit 25 Dollars die Woche leben und vollkommen glücklich sein", erklärte Paul Muni. Fr liebt schöne Bücher, schöne Gemälde und scheine Musik. Und er ist schließlich auch im geheimen ein großer Wohltäter für seine armen jüdischen Kollegen. einem Aufsatz gegen ihn Stellung genommen. In dem Glauben, der Kapellmeister habe den Aufsatz veranlaßt und das ihm beim Engagement überlassene Bild der Zeitschrift zur Verfügung gestellt, klagte der Musiker in Bremen auf Auszahlung eines Jahresgehalts von 5400 RM. Er erklärte, ihm sei durch jenen Aufsatz jede Möglichkeit eines Unterkommens auch im Auslande genommen worden. Das Bremer Arbeitsgericht wies die Klage jedoch a b, da der Kapellmeister angab, daß er den Artikel weder geschrieben noch veranlaßt habe und daß auch das Bild nicht von ihm stamme. Die Große Strafkammer des Landgerichts München f ver« urteilte einen 21jährigen Angeklagten, der nach eigenem Geständnis seine intimen Beziehungen zu einer 38jährigen jüdischen Hausgenossin auch nach Erlaß des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes fortgesetzt hatte, unter Zubilligung mildernder Umstände zu sieben Monaten Gefängnis abzüglich der Untersuchungshaft. Die Gott verachtet Von Oskar Baum Leiser Grünstein setzte den Lintiüssen dieser großen fremdartigen Stadt den ganzen Widerstand seiner Seele entgegen. Er war elf Jahre alt und verstand sehr wohl, daß seine Mutter und die vier kleinen Geschwister schon auf ihn zählen konnten, um so mehr als vom Vater aus dem Felde seit Monaten keine Nachricht mehr gekommen war und also auch da«- kric::-t mir ihnen seine Liebe und seinen Beistand vielleicht nicht mehr zurückgeben wurde. I r wußte, daß in diesen endlosen gewaltigen Straßen Spott und Verachtung der Bücke, Miemm, Reden aller Vorbeigehenden zu ihm gehörten wie seine Kleidung und Sprache, und dal) ihr Anderssein ganz so wie die großen Häuser und nob'en Kamladen etwas war, das ihm nicht gefallen durfte. Warum wohl die drei Burschen mit ihrem sonderbaren Gelächter so dicht hinter ihm gingen? Vielleicht war es ein Zufall, wenn sie auch immer genau seine Gangart einhielten, ob er nun eilte oder zögerte. Fr wurde sich nicht weiter beunruhigen. Er trug ein Papiersäckchen mit einem Kilo Grieß, ein zweites mit einem Kilo Zucker und über der Schulter hing an einem Band die Einkaufstasche mit einem halben Laib Brot und ein paar Eiern. Der Weg bis hinaus hinter den Friedhof, wo die Mutter mit ihnen jetzt wohnte, war noch weit. So lange wurden die Burschen in seinem Rücken gewiß nicht die Geduld haben, ihn zu verfolgen, um an seiner Angst ihren Spaß zu haben. Er versank wieder in seine Gedanken: Wie kann es sein, daß Menschen ohne Frömmigkeit so gut sind? Es schien ihm ein fast unerschöpflicher Lebensvorrat, was er da von den Damen in dem schönen großen Haus zugeteilt bekommen hatte, so als hätte er ein Anrecht darauf. Es war freilich ein größeres Glück für sie, daß sie es geben konnten als für ihn, daß er es nehmen durfte aber wenn sie nicht fromm waren, wußten sie das ja nicht. Er hatte ganz gut gesehen, daß keine einzige von ihnen eine Tour trug. Sie hatten alle ihre eigenen Haare. Sie wußten vielleicht gar nichts mehr von den nciligen Geboten und benahmen sich, als wären sie keine Juden. Warum also gaben sie? Hatte vielleicht Gott in ihrem unwissenden Sünderherzen um ihrer frommen und gerechten Vorfahren willen Wohltun und Erbarmen ohne sein Wort wie Blüten ohne Wurzel erstehen lassen, um sie noch nicht verstoßen und verdammen zu müssen? Leiser kam jetzt in die stillen Straßen der äußeren Vorstadt, die noch nicht völlig ausgebaut waren. Zuweilen gab es noch Felder und Wiesen. Hier wurde es schon recht menschenleer. Die Verfolger hinter ihm unterhielten sich jetzt lauter. Es klang seltsam, wenn sie in ihrer Sprache, die er nicht verstand, den jiddischen Tonfall verzerrt nachahmten. Es hatte sich noch einer zu ihnen gesellt; es waren jetzt vier. Leiser suchte sich krampfhaft zu beherrschen und ganz unauffällig seinen Schritt zu beschleunigen. Er durfte sie ja durch Eile nicht reizen. Vor dem Laden eines Kaufmanns, der eben aus der Tür trat, hielt er an, um sie vorbeizulassen, aber sie blieben gleichfalls stehen und lachten nur. Der Kaufmann bückte mürrisch die leere Straße hinab, er erwartete wohl jemanden und ging wieder in den Laden rurßclc. Da verlor Leiser die Besinnung und lief, lief. Er hörte, dafl die hinter ihm liefen, daß sie immer näher kamen. Einer schlug im Lauf mit einem Stock gegen den Boden, gegen Steine. Leiser sprangen Funken vor den Augen; der Atem ging aus, die Kehle brannte, es war, als schrumpfte alles in seinem Mund zusammen. Jetzt würde er hinstürzen, er wußte es genau, es war nicht mehr aufzuhalten. Die Eier! Wie sollte er nur verhüten, daß sie zu Brei würden? ... Nachher, als ein vorbeifahrender Radler Hilfe herbeiholte, wurde festgestellt, daß die Verletzung des Knaben ausschließlich von seinem Sturz herrührte. Sein Kopf war auf einen spitzen Stein aufgefallen. Die Burschen, die ihn verfolgt hatten, waren, wohl über den Anblick des blutüberströmt daliegenden ohnmächtigen Jungen erschrocken, davongelaufen, hatten auch die Lebensmittel nicht berührt, die er in den verkrampften Händen hielt. Leiser fühlte ganz genau, daß er im Himmel war. Anfangs beunruhigte ihn noch der Gedanke, wo denn seine Säckchen und die Einkaufstasche hingekommen Waren und was die Mutter anfangen würde, wenn er mit den Sachen nicht heimkam, aber es gab hier so viele andere Sorgen und verwirrende Bilder, daß er es bald vergaß. Ja, ohne Sorgen war das Leben im Himmel nicht. Es war sehr merkwürdig. Leiser hatte es sich ganz anders vorgestellt. Von I.eviathan keine Rede! Es war wohl alles um ihn weich und warm und lange schien es, als flöge er ungeheuer hoch und schnell durch die Luft. Er fühlte sich frei und leicht. Aber dann fand er sich plötzlich unter den gleichen Menschen, die er auf Erden gekannt hatte. Sic benahmen sich nur sonderbar. Jeder war das völlige Gegenteil von dem, was er auf Erden gewesen war, und was er dort getan hatte, das geschah ihm. Da ging der alte Menachem Goklast mit den stacheligen Brauen über den Schielaugen im fetten Gesicht, der Kaufmann aus ihrer Gasse in Podgorce, und bettelte die Weiber, die in endloser Reihe hinter seinem Ladenpult standen, ihm nur noch einmal a bißl Kornkaffee, Zucker oder Mehl zu borgen. Die Kinder schrieen zuhause. Aber die Weiber sahen ganz so stumm und reglos an ihm vorbei, wie er es bei solchen Gelegenheiten immer getan hatte. Der Melamed saß unter den Schülern im Glieder, die hagere Gestalt auf der niedern Bank zusammengedrückt und die Kinder an der Tafel vorn kamen zankend und klopften mit ihren Stäbchen seine langen dünnen Finger, wenn er weniger laut als die anderen nachsang. Leiser sah sich plötzlich dicht hinter den vier Gassenjungen, die angstvoll nach ihm zurückschielten, nicht wissend, ob sie es wagen durften, sich durch die Flucht zu retten; in den Händen und am Rücken behüteten sie besorgt Säckchen mit Mehl, Zucker und Eiern, während er lachend, wie im Spiel, unter höhnischen Spaßen seinen Stock immer wieder sausend durch die Luft schwang. Aber es machte ihm kein Vergnügen. Nein, gar nicht! Er fühlte genau die Qualen der Angst, die die Jungen vor ihm litten, die seinen waren noch zu frisch in seiner Erinnerung — und zugleich fühlte er die Verachtung, die sie gegen ihn empfanden, wie er sie gegen seine Verfolger empfunden hatte. Da sah er wenige Schritte weit auf der Straße, wie ein riesiger Hund, mit dem einst ein Bauer ihn und den Vater vom Hof gehetzt hatte, den Bauern anfiel, sich in seinen Schenkel verbiß. — Leiser schrie auf. Ein stechender Schmerz im Hinterkopf. Mühsam brachte er die fest verklammerten Lider auseinander ... Ein freundlicher Mann beugte sich über sein Gesicht. Ein helles weißes Zimmer war um ihn und lauter weiß gekleidete Herren standen um sein Bett. „Gleich wird's vorüber sein", sagte der Arzt Als Leiser so weit hergestellt war, daß man ihn ordentlich ausfragen konnte und er das Spital bald verlassen sollte, erfuhr man erst seinen Namen und seine Adresse. Es war bei ihm nichts vorgefunden worden als eine Anweisung des Hilfskomitees auf Lebensmittel für die fünfköpfige Familie mit abgestempeltem Datum. Man wollte nun seine Mutter verständigen, aber man suchte sie vergebens. Sie war wohl inzwischen mit den anderen Kindern weiter hinaus aufs flache Land in eines der größeren Barackenlager für Flüchtlinge befördert worden. Der Sekundärarzt nahm besonderen Anteil an dem Knaben, dessen Vertrauen er zu erwerben gewußt hatte. Die schüchternen, oft recht ungewöhnlichen, gar nicht kindlichen Fragen und Reden hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Dem Knaben beschäftigte am meisten die Frage, ob die Menschen, die Böses tun, nicht unter Gottes Verachtung so sehr leiden, sei es in dieser oder jener Welt, daß sie weit mehr zu bedauert» seien als die, denen Böses getan wird: „Ich glaube, sie fühlen schon etwas davon, während sie Böses tun", sagte der Knabe geheimnisvoll. „Darum sind sie dabei wohl immer so wild und unmäßig laut und lustig." Er ineinte, daß sie das Wissen von dem, was weiter reiche als ihr Auge und ihre Faust, in sich übertönen müssen. Wohl sei es ein schweres Schicksal, unschuldig zu leiden, aber ein schwereres, schuldig zu werden. Und das Vergnügen, andere leiden zu machen — was könnte das schon für ein Vergnügen sein? — in eine Zukunft unabsehbar lang als Sünde zu tragen. Tränen brachen bei diesen Worten aus den Augen des Kindes. Vergeblich suchte der Arzt, ihn von solchen Gedanken abzuwenden, ihm zu erklären, daß es derbe Seelen genug gebe, die nichts von Schuld in ihrem bösen Tun erkennen. Leiser wollte es nicht glauben. Und nicht nur wenn er davon sprach, beschäftigte ihn derlei. Oft fand ihn der Arzt mit tränenüberströmten Wangen. Es entwickelte sich eine richtige Freundschaft zwischen dem noch hingen Arzt und dem Knaben. Er brachte ihm einen Malkasten, Bücher, lehrte ihn Brettspiele. Leiser war dankbar und folgsam, aber die schwermütigen Bilder und Gedanken wichen nicht von ihm und lagen wie ein Schatten über all seinem Tun. Der Arzt beschloß, die zarte Seele des Kindes, an der das Leid der Welt wie eine Krankheit fraß und die die gefährlichen Fragen des Glaubens wundstachen, nicht den erbarmungslosen Zufällen des Fliichtlingselends wieder zu überantworten. Er wartete nicht das Ergebnis der Nachforschungen nach Leisers Angehörigen ah, die ihren schwerfälligen bürokratischen Weg gingen. Er orachte ihn in einer befreundeten Familie unter und sorgte auch weiterhin für seine Erziehung. Er sah in dem blassen klugen Knabengesicht mit dem uralten Leid in den fragenden Augen eines der Schicksale der Weisen und Propheten des geprüften Volkes, die schon von kindauf ihre Berufung gezeichnet hatte. Und er hatte sich nicht getäuscht. In dieser kleinen wahren Geschichte, die mir aufzeichnenswert erschien, Ist nur der Name des Knaben verändert, weil er wie sein Kriegs- und Traumcrlebnis im geistigen Ringen der Jugend Er« Israel« eine nicht geringe Rolle spielen.