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Jüdische Rundschau · 1936-01-24 · Heft 7 (24.1.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 7 (24.1.1936)
Date
1936-01-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 7, 24. \. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Europa in Kleinasien Heise-Eindrücke aus der Türkei Von Alfred Bonne, Jerusalem Wer aus den Ländern des südöstlichen Orients nach der neuen Türkei kommt, wird von den erstaunlichen wirtschaftlichen und sozialen Neubildungen mindestens ebenso wie von den neuen politischen Formen dieses Landes beeindruckt sein. Man mag über das, was sich in der Türkei nach dem Kriege abgespielt hat, leidlich informiert sein, man wird doch überrascht von der Wirklichkeit, die sich dem Besucher des Landes nicht nur in der Hauptstadt und im Gespräch mit Rcgicrungsbeamten, Akademikern und Kaufleuten, sondern weit in der Provinz dauernd aufdrängt. Das Gefühl einer unerhörten politischen Leistung, einer außergewöhnlichen K r a F t a n s t r e n g u n g, die von ebenso außergewöhnlichem Erfolg begleitet wurde, verläßt vor allern den nicht, der die po'itischen Orient-Probleme an der Entwicklung der arabischen Nachfolgcländer der Türkei zu beurteilen gewohnt ist. Und er ist geneigt, mitunter den Türken recht zu geben, die ihm voller Stolz erklären: Die Grenze Euro p a s sei nicht mehr wie ehedem der Bosporus, sondern gehe entlang der türkischen Grenze gegen die südlichen Nachbarstaaten. In dieser Uebertrcibung steckt zweifellos ein wahrer Kern. Wie sehr sie in vieler Hinsicht aber noch eine U ebertreib ung ist, lehrt eine Fahrt durch a natolisch e Dörfer, die sich in der Primitivität ihrer Wirtschaftsmethoden und der überaus niedrigen Lebenshaltung ihrer Bewohner kaum von arabischen Dörfern unterscheiden. Auch die Bemühungen der Regierung, die auf die Hebung des Bauernstandes, eine Verbesserung der Absatzbedingungen, der Betriebsmethoden und ähnliches gerichtet sind, werden noch auf lange hinaus an den außerordentlich großen Entfernungen, der Weitläufigkeit des Landes ein nur schwer überwindbares Hindernis finden. Reisen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen erfordern selbst dort, wo die im allgemeinen gut .ur '...........«ml beauemen Bahnen verkehren, kaum weniger als zwei Tage. Manche Gebiete sind überhaupt noch nicht ans Bahnnetz. angeschlossen und werden daher noch lange in dem bisherigen Zustand verharren. All dies zusammen gilt aber nicht viel gegenüber dem entschlossenen Reformwillen, der die Regierung beseelt und sie in einen! von Ausländern häufig als forciert empfundenen Tempo veranlaßt, ein kühnes Eisenbahnbauprogramm über Tauscnde von Kilometern in wenigen Jahren zur Durchführung zu bringen und eine für ein Agrarland unerhörte Industrialisierung einzuleiten. Während des Besuches des Verfassers sind z. B. nicht weniger als z w e i große, für die wirtschaftliche und strategische Erschließung des Landes hochwertige Bahnlinien eröffnet worden. Die eine Bahn verbindet Zentral-Anatolien direkt mit dem großen Kohlenbecken bei Zongtildak am Schwarzen Meer und ermöglicht dadurch zum erstenmal auch eine billige Versorgung Zentralanatoliens mit Kohlen, an denen aus klimatischen Gründen gerade dieser Landesteil großen Bedarf hat. Eine zweite neue Linie ermöglicht eine direkte Verbindung der Hauptstadt mit Diarbckr im Südosten des Landes und den in der Nähe liegenden Kupfergruben, die nun ebenfalls unter günstigen Bedingungen ausgebeutet werden können. Eine Verlängerung dieser Bahn wird in absehbarer Zeit auch den wichtigen Platz Erzerum im Osten mit dem west- und zentral-anatoüschen Eisenbahnnetz verbinden, so da!) es dann möglich sein wird, die Produkte der verschiedenen Landesteile leicht auszutauschen, und diese entfernt von Istanbul und Ankara liegenden Provinzen in einen engeren Kontakt mit den Zentralstellen zu bringen. Auch die schon genannte Industrialisierung vollzieht sich in erstaunlichem Ausmaß. In der letzten Novembejwoche allein wurde vom Ministerpräsidenten Ismet Inönö der Grundstock zu einer Reihe von Fabrikunternehmungcn gelegt, deren Gesamtinvestierungswert sich auf nicht weniger als 25 Millionen T. Pfd. ( 50 Millionen Mark) beläuft. Vor kurzer Zeit ist in Kayserie erst eine große Spinnerei und W c b e r e i eröffnet worden, deren Maschine n von Rußland geliefert worden sind. Die Fabrik ist auf eine Gesamtbeschäftigung von 4500 Arbeitern (in drei Schichten) eingerichtet und stellt damit wohl das größte Industrieunternehmen im Vorderen Orient dar. Wenn man die wirtschaftlichen Methoden der neuen Unternehmungen, die sich im Einklang mit den wirtschaftspolitischen Grundsätzen des neuen Regimes überwiegend im Besitz des Staates befinden, näher prüft, so wird man nicht selten auf Mängel stoßen. Mängel, die sieh einmal aus den Schwierigkeiten ergeben, die mit jedem industriellen Neuaufbau in einem Lande verknüpft sind, in dem an sich keine besonders günstigen Vorbedingungen zur Entwicklung einer Industrie gegeben sind; hinzu kommt das Fehlen geschulter industrieller Arbeiter, von Ingenieuren und alter industrieller Tradition. Trotzdem darf diese Entwicklung nicht ausschließlich danach beurteilt werden, ob und wie schnell es gelingt, die neuen Betriebe rentabel zu machen. Zu den wichtigsten Prinzipien der neuen Türkei gehört ja die Erringung der vollkommenen Unabhängigkeit auch auf wirtschaftlichem Gebiete. Da heute die wirtschaftliche Expansion der europäischen Mächte und das Eindringen ihrer Waren in die Türkei vor dem Kriege im wesentlichen als eine imperialistische Ausbeutung betrachtet wird, bedeutet die Beseitigung dieses Zustandcs die Erfüllung eines der grundlegenden Programmpunktc des neuen Regimes. In dieser Richtung bewegen sich auch die Argumente der türkischen Staatswirtschaftler, wenn man sie auf die exorbitante Höhe der türkischen Zollsätze hinweist, die für manche Waren 100 bis 200 «« erreichen und damit zweifellos eine schwere Verteuerung der Importe bewirken. Da die Türkei nach wie vor im wesentlichen ein Agrarland ist, das seine Bevölkerung nicht nur ernährt, sondern darüber hinaus einen großen Ucbcrschuß landwirtschaftlicher Produkte zum Export übrig hat, werden : .var die Lebensmittelpreise durch die Zollpolitik nicht betroffen; dagegen wird bewußt und in empfindlichster Weise, wenn auch abgestuft nach bestimmten aktuellen Erfordernissen, der gesamte Fertigwarenimport berührt, der in absehbarer Zeit eben durch die vom Staate geleitete industrielle Produktion ersetzt werden soll. Wer die Schwierigkeiten kennt, mit denen die auf privater Initiative beruhenden industriellen Unternehmungen in den Mandatsstaaten P a I ä s t i n a und Syrien fast immer zu kämpfen haben, wenn sie eine Zollerhöhung durchsetzen wollen, wird von dieser statistischen Regulierung der Zollvcrhältnisse für die wichtigsten Wirtschaftszweige recht beeindruckt. Kultur und Erziehung Von einer heute noch kaum absehbaren Bedeutung ist die Initiative der türkischen Regierung auf dem Gebiete des Bild ungs wesens. Zwar wurde schon in den ersten Jahren der jungen Republik der gründlichen Reform und Ausweitung der Unterrichtsmöglichkeiten größte Aufmerksamkeit geschenkt. Die Volks- und Mittelschulen, die im Laufe der letzten Jahre gebaut worden sind, fallen vor allem in den großen Städten dem Beschauer durch ihre großzügige Anlage und ihre oft musterhafte Inneneinrichtung auf. Von ebenso großer Tragweite für die Entwicklung des türkischen Erzichungswcsens dürfte wohl der neue Hochschulatifbau in den letzten beiden Jahren werden. Die türkische Regierung hat 1933 und 1934 mit kühnem Entschluß von der einmaligen Gelegenheit Gebrauch gemacht, sich eine größere Anzahl der damals in Deutschland freiwerdenden Hochschullehrer und wissenschaftlichen Kräfte zu sichern. Die wichtigsten akademischen Lehrstätten in der Türkei, die Universität in Istanbul und die Landwirtschaftliche Hochschule in Ankara, sind heute mit einer großen Anzahl von Kräften aus Deutschland besetzt. An der erstgenannten großzügig ausgestatteten Anstalt sind vor allem auch zahlreiche nichta tische Wissenschaftler aus Deutschland tätig. Ferner ist in diesem Jahre der Beginn zum Aufbau einer zweiten Universität in Ankara auf den Namen des Staatspräsidenten Atatürk gemacht worden und auch dort werden Lehrkräfte aus Deutschland in ansehnlicher Zahl tätig sein. Im allgemeinen sind die deutschen Hochschullehrer nicht verpflichtet, in türkischer Sprache vorzutragen, obwohl eine rasche Erlernung der Sprache von den türkischen Behörden gern gesehen wird. Die Kenntnis der deutschen Sprache ist allerdings vor allem auch durch die Neigung der türkischen Jugend, ihre Studienjahre in Deutschland zu verbringen, so verbreitet, daß es nicht für alle des üblichen Dolmetscher-Dozenten bedarf, um den Inhalt der Vorträge zu verstehen. Der Verfasser, der während seines Aufenthaltes in Istanbul eingeladen wurde, in der Universität über G e - g e n w a r t s p r o b 1 e m e Palästinas einen Vortrag zu halten, fand unter den Zuhörern eine Reihe von Türken, die ohne Schwierigkeit dem deutschen Vortrag folgen konnten und absolut der deutschen Sprache mächtig waren. Im Hinblick auf die politisch-sozialen Kräfte, die heute mit so ungewöhnlicher Dynamik zur Entfaltung kommen, erscheint die neue Türkei als ein Land, dessen Entwicklung unter den übrigen Ländern des Neuen Orients stärkste Beachtung verdient. Die enge Anlehnung an Rußland, die sicli keineswegs auf nachbarliche Beziehungen beschränkt, sondern weit darüber hinausgehend eine ideologisch und materiell unterbaute Freundschaft mit der Sowjetrepublik bedeutet, gibt dieser Entwicklung besonderes Gewicht, speziell im Hinblick auf die Orientintcrcssen der westlichen Großmächte. Nicht ohne Grund ist das Haus der russischen Botschaft im Gesandtschaftsviertel von Ankara eines der größten Gebäude des Viertels. Die Lage der Juden Besonderes Interesse erweckt naturgemäß für den Besucher aus Palästina die Lage der türkischen Juden. Nach dem Gesetz sind die Juden in der Türkei gleichberechtigt; es gibt auch keine Berufsbeschränkungen. Die nationale Doktrin geht in der Türkei ja darauf hinaus, die Juden ihrer nationalen Eigenart möglichst zu entkleiden und sie zu Türken zu machen. Schon in der Schule setzen diese Bemühungen ein. Auch in den wenigen j ü - d i s c h e n Schulen ist die berühmte Rede des Gazi an die Schuljugend in türkischer Sprache an den Wänden zu sehen, und der Unterricht in den Schulen selbst ist mit ganz wenigen Ausnahmen kaum von dem in türkischen Schulen unterschieden. Für einen Teil der Juden in der Türkei ist die Möglichkeit einer vollkommenen Assimilation an das T ü r k e n t u m nicht von der Hand zu weisen. Tatsächlich sind auch manche der maßgebenden türkischen Beamten- und Notabelnfamilien jüdischen Ursprungs. Die in dieser Richtung geb.enden Tendenzen werden aber wohl für absehbare Zeit durchkreuzt von den Problemen, die die soziale und wirtschaftliche Lage der türkischen Juden aufwirft. Die Mehrheit der in den vier Städten Istanbul, Smyrna, Brussa und Ankara lebenden Juden ist im Handel tätig. Von den anderen ist eine größere Zahl, vor allem in den kleineren Gemeinden, noch als Handwerker tätig, während ein zahlenmäßig nicht allzu geringer Teil sich ein sehr kümmerliches Brot mit Hausieren und ähnlichem verdient. Da die Juden in den Städten, in denen sie in größerer Zahl wohnen, kaum für den Türkisierungsprozeß in Frage kommen — sie sind zum Teil nicht einmal türkische Staatsangehörige und sprechen auch heute noch Spaniolisch oder Französisch mindestens als zweite Sprache —, trifft sie die gleiche Abneigung, die seit dem Befreiungskriege gegen die anderen nationalen Minoritäten in der Türkei gerichtet ist und sich beim Verkehr mit den unteren Behörden nicht sehen in einer Benachteiligung gegenüber den türkischen Kauflcutcn äußert. Dazu kommt, daß an sich die LclicnsmögHchkeiten, die der Handel früher in der alten Gesch.iftsmctropolc Konstantinopel und in dem einst auch als Importhafen bedeutenden Smyrna geboten hat, durch die etatistischc Wirtschaftspolitik und die große steuerliche Belastung der neuen Türkei sehr eingeschränkt worden sind. In jedem Außenhandelszweig sind die Umsatzmcngcn durch Kontingente genau vorgeschrieben, so daß der freien Initiative kein großer Spielraum gegeben ist. Aus diesen und anderen Gründen hat die Auswanderung aus den großen Gemeinden der Türkei, insbesondere aus Istanbul und Smyrna, erhebliche Ziffern erreicht. Aus Istanbul, das heute nur noch 45 000 Juden zählt, sollen 15 000 ausgewandert sein. In Smyrna beträgt die jüdische Bevölkerung nur noch. 5—^000 Seelen, Brussa dürfte heute kaum mehr als Ankara — ca. 1200 Juden — zählen. Vor allein haben die wohlhabenderen Kreise ihr Domizil verlegt, vorwiegend nach Paris und London, aber auch nach Amerika und Palästina, und die Lage in den Gemeinden selbst ist dadurch keineswegs besser geworden. Nur in Ankara scheint im Zusammenhang mit der Baukonjunktur, die in der Hauptstadt seit Jahren herrscht, auch eine günstige Situation der lokalen jüdischen Bevölkerung gegeben zu sein. In den anderen Städten dagegen ist, insbesondere seit den Vorgängen in Thrazien, eine starke Aus Wanderungsneigung zu konstatieren. Sie wird nur dadurch praktisch weitgehend gedrosselt, daß die Devisenbestimmungen in der Türkei die Ausfuhr von Kapital sehr erschweren und der unbemittelte Auswanderer keine Einreisegenehmigung nach Palästina erhält. Das kulturelle Lehen der türkischen Juden ist kaum verschieden von demjenigen, das der Besucher in anderen orientalischen Ländern mit Ausnahme Palästinas vorfindet. In der Türkei ist es eher noch geringer, da die türkischen Behörden irgendeine Bctonunc; jüdisch-kultureller und -sozialer Bestrebungen nicht gerne sehen. Aber auch ohne diese Hemmung wäre die kultureile Arbeit und das geistige Leben in den türkischen Gemeinden kaum auf einem höheren Stand. Die geistige Erstarrung, die das gesamte orientalische Judentum seit der Neuzeit auszeichnet, ist auch für das geistige Leben der jüdischen Gemeinden in der Türkei charakteristisch. Die schöne Synagoge, die wohlhabende Juden in Ankara vor dem Kriege haben errichten lassen, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Auch das stimmungsvolle Bild, das die Judengassen Smyrnas und die alten verträumten Svnagogen dieser Stadt, in der die Person Sabbatai Zwis einmal noch die Glaubenskraft des orientalischen Judentums zu einer gewaltigen Bewegung emporflackertc, dem Besucher bieten, kann die melancholischen, ja düsteren Farben, die dieser Ausschnitt aus der jüdischen Gegenwart trägt, nicht beleben. Sind sie für den Unbeteiligten ein Reiz mehr in dem vielfarbigen und kontrastreichen Bikl, das die moderne Türkei zeigt, so gleitet hier vor dem jüdischen Auge eines der denkwürdigsten Kapitel jüdischer Geschichte vorüber, eine der ewigen Wiederholungen jüdischen Galuthschicksals. Vi >— i Jüdisches aus der Türkei Links: Juriengasse im Ghetto in Smyrna. Mitte: Alte Synagoge in Smyrna. Rethts: Die Synagoge rn Ankara Fotos: A. Bonne, Jerusalem

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