Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1936)
- Date
- 1936-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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f '» v< f p ■X •% Seife 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 7, 24.1. 1936 schweren Situation stählen sollen, diejenigen Menschen, die sich immer als Volksjuden gefühlt haben, in der Führung gleichberechtigt beteiligt sein müssen, ist eine Forderung, deren Mäßigung und Berechtigung gewiß kein objektiv Denkender abstreiten kann. In persönlicher Beziehung wurde der Gedanke des Fifty-Fifty- Prinzips, wie er in der Jewish Agency vorgebildet ist, auch auf die Verhältnisse in den jüdischen Gremien Deutschlands angewandt; ein geistiger Kampf aber wird über diese formelle Mandatsverteilung hinaus um die volle Durchsetzung der Idee jüdischer Volkserneuerung auf allen Gebieten unseres Lebens gefuhrt werden müssen. Interessant ist das Echo, das die Erklärung der ZVfD. in nichtzionistischen Kreisen gefunden hat. Aus einer AeuBerung des Organs des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten kann man — wenn wir nicht irren — ein gewisses Verständnis für die Position des Zionismus herauslesen, wenn auch, wie begreiflich, in erster Linie die Ansprüche des RJF. hervorgehoben werden. Wenn dabei von einer stärkeren Beteiligung der „Frontgeneration" die Rede ist, so ist dies eine natürliche Forderung, die sich in allen Ländern und Oremien aus der Tatsache ergibt, daß die Frontgeneration von einst heute im führenden Mannesalter ist. Ja die Zionisten wünschen auch eine Heranziehung der Nach- Frontgeneration, deren Probleme besonders brennend sind. Daß der RJF. von uns nicht lediglich als Repräsentant der Frontgeneration betrachtet wird, liegt daran, daß er im Gegensatz zu jüdischen Frontbünden in anderen Ländern sich auf eine bestimmte politische (vor allem antizionistischc) Ideologie festgelegt hat. Einmal muß unseres Erachtens der Moment kommen, wo eine derartige Organisation in Deutschland wieder die Zusammenfassung aller Frontkämpfer und die Hüterin von deren spezifischen Belangen werden kann, und in diesem Falle würde der Zionismus als solcher gewiß keinen Grund zur Gegenwehr haben. Da auch der RJF. in jüngster Zeit ein Interesse für Palästina kundgibt und sein Vorsitzender sich der Deklaration der Reiehsvertretung vom 22. September angeschlossen hat, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch auf diesem Teilgebiet des innerjüdischen Lebens die Verhältnisse besser geordnet werden können als bisher. Daß wir den Zionismus, die eigentliche, alles umfassende Volksbewegung, als inkommensurabel mit allen anderen jüdischen Gruppen oder Teilgebieten betrachten, versteht sich dabei von selbst. Wie jede Volksbewegung erhebt auch der Zionismus Anspruch auf die Mitarbeit jedes Volksangehörigen. Heute legen wir uns in der Auseinandersetzung mit anderen jüdischen Strömungen eine große Zurückhaltung auf. Es erfordert manchmal Selbstbeherrschung, keine Satire zu schreiben über gewisse Aeußerungen und Publikationen der nichtzionistischen Seite, wie hier auf Vergeßlichkeit der Leser spekuliert wird, wie z. B. oft in einem Atem oder auf demselben Blatt zionistische Errungenschaften als eigene in Anspruch genommen und zugleich einer leisen Schadenfreude über Schwierigkeiten Palästinas verblümt Ausdruck gegeben wird, oder wie so getan wird, als ob ganz neue adaptierte Grundsätze aus einem alten Arsenal stammten. Dies alles ist bemerkenswert als Zeichen der U n Sicherheit, in der ein großer Teil der nichtzionistischen Juden hin- und herschwankt- Der Zionismus muß diesen Zustand dazu benützen, um mit seiner Botschaft bis in die Herzen all der s o r g e ii h e 1 a d e n c n Juden v o r z u s t o ß e n, aber zugleich muß der Dclegierteutag auch der Tatsache Beachtung schenken, daß wir Zionisten selbst durch viele neue Probleme überrascht sind und noch nicht in allen Fällen eine konsequente Haltung dazu gewonnen haben. Vor allem ist auch heute noch im zionistischen Lager häufig einmal als di> kennzeichnet Antizionisn n mus durch c Zertifikate zu die Lntsi' eine Unklarheit da, die von Dr. Weizmann; Alternative „Rettung oder Erlösung'' gewurde. Diese L'nklarheit führt da/u, daß es jetzt für möglich halten, den Zionisnen I linwei widerlegen! leidung einer s auf diese oder jene Anzahl So an den Tag gebunden kann Jahrtausende alten Idee nicht sein. WKKSO Einwanderer im Jahr sind gewiß) eine fast phantastisch hohe Ziffer, aber noch kein entscheidendes Argununt für den Zionismus, und schließlich sollten auch 20 01)0 oder 30000 Einwanderer im Jahre erheblich sein, denn schwerlich wird man in einem der riesigen Lander Südamerikas so viel Juden unterbringen. Zionismus aber ist keine Opportunitätssache, sondern ein Wille, gerichtet auf Erhaltung und Erneuerung des jüdischen Volkes und des Judentums. In den Stunden der Besinnung — und als solche darf und muß man wohl eine zionistische Tagung betrachten — sollten wir uns die echten Quellen des zionistischen Wollens bewußt machen. Dies würde gewiß auch das gesamte Judentum Deutschlands aufhorchen lassen. Die drei Hauptgegenstände, denen der Delegicrtcnfag gewidmet ist, geben dazu reichlich Gelegenheit Die Stellung des Zionismus im Judentum Deutschlands, das Problem der jüdischen Kulturarbeit und die zionistische ischer Brief Antijüdische Aeußerungen Von unserem Berichterstatter Kr. Rom, 18. Januar Wir hatten unlängst an dieser Stelle auf eine Anzahl antisemitischer Aeußerungen in der italienischen Presse hingewiesen, in denen das Judentum antiitalienischer und kriegshetzerischer Tendenzen beschuldigt wurde. Der „Marc' Aurelio", ein in ganz Italien verbreitetes Witzblatt, setzt seine antisemitische Kampagne fort. Unter der Ucberschrift „Zionisten, freimaurerische Demokratie und Bolschewismus gegen Italien" bringt es in seiner Ausgabe vom 18. Januar einen Leitartikel, worin die Behauptung aufgestellt wird, daß sich heute zusammen mit der Freimaurerei und dem Marxismus die ,,ganze semitische Welt gegen Italien" verbünde, l">em begegne man in Oenf auf Schritt und Tritt und die ganze Feindseligkeit gegen Italien in der Welt sei überhaupt nur so und nicht anders zu erklären. Dieser Kampf habe „plutokratische und religiöse" Beweggründe. Plutokratische, insofern die zwar riskanten, aber doch sehr lukrativen Kriegslieferungen nach Abcssinicn in Frage kommen, religiöse im Hinblick auf den Kampf Regen die katholische Kirche. Wir haben hier schon erwähnt, daß ein eigentlicher Antisemitismus in Italien nicht existiert und auch von den maßgebenden Regierungskreisen in keiner Weise gewünscht oder gefördert wird. Die wirklich bedeutenden und seriösen Zeitungen einschließlich der Regiemngsorgane halten sich von dieser Kampagne fem, die jedoch in den letzten Wochen an Intensität und Umfang zugenommen hat Auch die Meldungen aus Palästina, die von den italienischer Zeitungen früher objektiv, zuweilen sogar mit Zeichen ausgesprochener Sympathie für den Zionismus und sein Aufbauwerk veröffentlicht wurden, zeigen neuerdings eine weniger freundliche Tendenz. Ziemliches Aufsehen erregte hier eine Meldung der „Tribuna" aus Haifa, wonach die Spannung zwischen Juden und Arabern aufs höchste gestiegen sei, weil die englische Mandatsregierung für das laufende Jahr die Einwanderung von 100000 (!) Juden aus Deutschland favorisiere. Außerdem seien die Araber der englischen Herrschaft sowie der Ausbeutung durch die Juden überdrüssig, und es wäre nicht verwunderlich, wenn es demnächst zu neuen Ausschreitungen käme. Der „Piccolo", ein römisches Mittagsblatt, berichtet in großer Aufmachung über „jüdische Provokationen in Bethlehem". Es handelt sich um die Wiedergabe einer United-Press-Meldung, wonach es in Bethlehem angeblich durch das Verhalten jugendlicher Zionisten vor der Geburtskirrhe zu Unruhen gekommen sei. Bei diesen und ähnlichen Meldungen, die heute durch die italienische Presse verbreitet werden, kommt es weniger auf ihren Inhalt an, dessen Unrichtigkeit oder Uebertreibung oft auf den ersten Blick erkennbar ist, als darauf, in welcher Form und mit welcher Tendenz sie veröffentlicht werden. Die Einwanderung: nach U. S. A. Von unserem New Yorker Korrespondenten h. m. Washington, 7. Januar Insgesamt sind 3503 Juden aus Deutschland als Immigranten in der Zeit vom 1. Januar 1933 bis 1. Juli 1935 nach den Vereinigten Staaten gekommen, wie aus einem Bericht hervorgeht, den das Arbcrtsministcrium der Vereinigten Staaten veröffentlicht hat. Die Statistik zeigt, daß die Oesamt zahl von jüdischen Einwanderern aus allen Ländern, die während der gleichen Zeit nach den U.S.A. kamen, 10059 betrug. Die Ziffern des Arbeitsministeriums zeigen, daß, obgleich die jährliche Einwandcrenpiote für Deutschland 25 957 beträgt, die tatsächliche Zahl der Eingewanderten niemals diese Ziffer erreicht hat. Im Jahre 1933 wurde die Quote nur zu •1,8 »io ausgenutzt. Im Jahre 1931 war das Verhältnis 15,6 o/o; aber in den ersten sechs Monaten des Jahres 1935 hat es sich auf 17,9 o/o gesteigert. Die folgende Statistik zeigt die Verteilung der Einwanderer aus Deutschland und die der jüdischen Einwanderer aus anderen Ländern sowie die Kategorie, unter der ihnen die Erlaubnis zur Einwanderung nach den U.S.A. erteilt wurde: Für die sonstigen Uebcrsee-Länder liegen die Zahlenangaben zumeist nur für die erste Hälfte des Jahres 1935 vor, man kann danach schätzen,»daß die Oesamtzahl für 1935 nicht die Zahl von 12 000 übersteigen dürfte. Daraus ergibt sich, daß von insgesamt 171 000 jüdischen Auswanderern nach Uebersee 136 000 (79,6 »/o) nach Palästina gingen, 35 000 (24,6 0 o) nach allen sonstigen Einwanderung», iänclern. 1933 1934 Jan, — Juni 1935 Einwanderer aas Deutschland 2568 5582 2155 Davon: Deutschs 1964 3195 1465 Juden 53S 2310 658 Andere Rassen 69 77 32 Deutsche Einwanderer aua allen Ländern 2923 4774 2344 Davon: Männer 740 1260 595 Frauen 1311 2050 966 Kinder (bis ai Jahre) 872 1464 783 Jüdische Einwanderer aus allen Ländern 2658 5264 2136 Davon: Männer 889 1743 717 Frauen 902 1790 708 Kinder (bia 31 Jahre) 867 1731 711 Aui Deutschland gebürtige Einwanderer 2512 5642 2252 Davon: Deutsche 2055 3431 1569 Juden 434 2170 654 Andere Rassen 23 41 29 Zulassung auf Grund des Einwanderung»- jjesetzes von 1924 Deutsche Einwanderer 2923 4774 2344 Davon: Auf die Quote entfallende Ausländer 1792 3578 1967 Frauen von USA-Bürgern 433 429 111 Kinder von USA-Bürgern 166 248 80 Ehemänner von USA-Bürgern 138 97 29 Andere Kategorien 394 422 157 Jüdische Einwanderer 2658 5264 2136 Davon: Auf die Quote entfallende Ausländer 1554 4143 1656 Frauen von USA-Bilrpem 339 377 154 Kinder von USA-Bürgern 211 266 126 Ehemänner von USA-Bürgern 223 105 27 Andere Kategorien 331 373 173 Im Zusammenhang mit dieser Statistik dürften noch folgende Ziffern über die gesamte jüdische Einwanderung aus Europa (also nicht nur aus Deutschland) nach allen außereuropäischen Ländern aufschlußreich sein: 1933 1934 1935 Einwanderung nach Palästina 32 000 42 500 61 500 nach allen übrigen Uebersee-Lündern (Kanada, USA., Südamerika, Südafrika) knapp 10 000 13 000 12 000 Samuel-Delegation in New York New York, 22. Januar. (JTA.) An Bord der „Majestic" sind Sir Herbert Samuel, Lord B e a r s t e d und Simon Marks in New York eingetroffen. Sie wurden von einer außerordentlich großen Zahl von Pressevertretern empfangen, die sie über den Zweck ihrer Reise und ihre Vorschläge, insbesondere im Hinblick auf finanzielle Transaktionen, befragten. Sir Herbert Samuel erklärte, die Abordnung habe keine „speziellen Vorschläge" mitgebracht, sondern wolle verschiedene Pläne erörtern, durch die denjenigen Juden geholfen werden könnte, die genötigt sind, aus Existenzgrünüen Deutschland zu verlassen. Die Delegation wurde im Hafen von dem Ehrenpräsidenten des Joint Distribution Committee, Felix M. Warbürg, und von dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, begrüßt. Die Völkerbundsberatungen über das Auswandererproblem Genf, 22. Januar. (JTA.1» Eine Abordnung der, jüdischen Hilfsorganisationen, die von Dr. Gold mann geführt wurde und der außerdem der Sekretär des Board of Deputies of British Jews, A. O. Brotman, sowie Professor Norman B e n t w i c h angehörten, hatte Gelegenheit, dem Berichterstatter für das Auswandererproblem, dem Vertreter von Ecuador im Völkerbundsrat, Zal« dumbide, die Forderungen der jüdischen Hilfsorganisationen in bezug auf die Neuregelung der Auswandererhilfe mündlich auseinanderzusetzen. Die Abordnung hatte auch Unterredungen mit einer Anzahl anderer Mitglieder des Völkerbundsrates. Entsprechend den Vorschlägen des Rapporteurs Zaldumbide hat der Völkerbundsrat Mittwoch abends eine Kommission zur Ausarbeitung von Entschließungen betreffend die Neuregelung der Auswandererfürsorge eingesetzt. Die Kommission hat ihre vertraulichen Beratungen sofort aufgenommen. Der Vertreter Frankreichs, Massigli, hat angekündigt, daß er in einem späteren Zeitpunkt einige Bemerkungen zu dem Auswandererproblem machen werde. Der Vertreter Rumäniens, Minister C. Antoniade, legte dem Völkerbundsrat den Berieht der Ständigen Mandatskommission über ihre vom 17. Oktober bis zum 2. November v. J. abgehaltene XXVIII. ordentliche Tagung vor. Der Berichterstatter empfahl dem Völkerbundsrat, durch eine Juristenkommission eine Rundfrage bei den interessierten Mandatarmächten über den von. Japan eingenommenen Standpunkt der wirtschaftlichen Gleichberechtigung der dem Völkerbund nicht angehörenden Staaten in den Mandatsgebieten zu veranstalten. Der Völkerbundsrat nahm den Bericht ohne Debatte an und behielt sich damit das Recht vor, die Frage der wirtschaftlichen Gleichberechtigung in den Mandatsgebieten an einem späteren Zeitpunkt zu überprüfen. Nansen-Pässe auch für Saar-Flüchtlinge. Das Internationale Nansen-Amt in Genf teilt mit, daß 14 Staaten, darunter Frankreich, England, Italien, Dänemark, Polen und die Schweiz, sich bereit erklärt haben, in Zukunft die Ausstellung von Nansen-Pässen auch für Saar- Flüchtlinge vorzunehmen. Die Regierungen Oesterreichs, Estlands, Ungarns und der Türkei haben wissen lassen, daß sie es aus verschiedenen Gründen für unnötig erachten, selbst derartige Pässe auszustellen, daß sie aber solche von anderen Regierungen ausgestellte Pässe anerkennen würden. Problematik in Palästina — jedes dieser Themen läßt sich in richtiger Sicht nur behandeln, wenn die nährenden Kräfte in den Tiefen der Volksbewegung erschlossen werden. Wir werden noch Gelegenheit haben, einen kurzen Rundblick auf die Situation zu werfen, die der Delegiertentag auf jedem dieser drei Hauptgebiete vorfindet. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Weltsch, Berlin - Charlottenburg 9 (aaeh verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anzeigenleiter o. verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Finn, Berlin-Tempelhof. Gültig: Anzeigen-Preisliste 4 vorn 15. Oktober 1935. Verlag and Anzcigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.-A. Dez. 38 737. — Druck: Siegfried Scholcm, Mn.-Schönebert;. noenturl ttechoufir msiui Q&L£RLA4JBTMM WARUt BLÖlNH^l.JANUAR BERLIN C2 SPAA/DAUäRSTRASSE * KÜNiGSTRASS£