Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1936)
- Date
- 1936-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr/7 ' Jahrgang 41 Preis 25 Rpt, JUDISCHE RUNDSCHAU Scfarlf MoltaBf,Verlag n. Aazalgenverwalttrogi BerllnWU, Melneltan tr. 10 Furaroi: Sammel-Nr. 11 Bismarck 3181/82, 7165^70, 7240M2. - BezuEspr«8 einschl. rWellgeld je Moiui KM 2,-, j« Vmrwlj.hr KM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 539. — Postscheck - Konten der Vertrieb» - Abteilung: Berlin 71573 (für CroS - Berlin), Berlin 17392 (Kir das übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon Bezahlter Beitigtigebuhren. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag- BERLIN vsnn mts dwd FREITAG, 24. JANUAR 1936 CÄltlgi Anxelgenprafollate Nr, 4. Die 12 gespaltene mm - TLviU 20 Rpf, för J*'amilieniiacKrichten 15 Hpf. Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen odmr Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit»- anzeigen nur bei Vorauszahlung auf Postscheck . Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr, Freitag 9 — 16 Uhr. Armahme«chlu& Kir die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für dia Freitag - Aua« gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für FamiiienanzeIgen am Tag vor Erscheinen 12*Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jadische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina. (Baseler Programm) König Georg V. Mit dem ganzen englischen Volk und den Völkern der britischen Dominien sind auch die englischen Juden durch das Ableben von König Georg in tiefe Trauer versetzt worden. Der dahingeschiedene König, der in 25 beispiellos schweren Jahren sein Reich regiert und in schweren Krisensituationen sich immer wieder als der Treuhänder des Volkes erwiesen hat, war nicht nur eine große politische und historische Figur, sondern hatte auch menschliche Züge, die ihn besonders populär machten. Mit einer strengen christlichen Frömmigkeit vereinte er eine große Menschlichkeit und Toleranz. Es wird hervorgehoben, daß er noch bis in die letzten Tage seines Lebens täglich in der Bibel gelesen hat. Es ist bezeichnend, daß nicht nur in England der Schmerz um den Verlust allgemein ist, sondern daß auch aus allen anderen Ländern Worte aufrichtiger Sympathie und tiefen Mitgefühls nach England gerichtet werden. Auch die Juden heit der Welt nimmt an dieser allgemeinen Trauer Anteil. Eine besondere Bedeutung hat König Georg auch für die jüdische ü e s c Ii i c h t e durch das in seine Regierungszeit fallende Ereignis der B a 1 f o u r - D e k 1 a r a t i o n und der englischen Schutzherrschaft über Palästina. Unter König Georg V. hat die englische Regierung es auf sich genommen, „die Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina zu erleichtern", um damit, wie es damals mehrere führende englische Staatsmänner ausdrückten, einem Jahrhunderte alten Unrecht ein Ende zu machen. Englands König ist der vom Völkerbund beauftragte Mandatar, in dessen Namen die Verwaltung Palästinas geführt wird. Der König selbst hatte für diese große geschichtliche Rolle, die ihm zugefallen ist, sympathisches Verständnis. Die Judenschaft Palästinas, die, obwohl formell nicht dem britischen Reiche angehörend, doch seinem Zepter unterstand, betrauert tief den Heimgang dieses Monarchen. Und mit der palästinensischen Judenheit wissen die Juden aller Länder sich eins im Gefühl der Dankbarkeit für das, was die englische Nation, deren Repräsentant der König ist, für die Juden getan hat. Wenn in der Arbeit des Alltags oft um sachliche Fragen gerungen werden muß und aktuelle Auseinandersetzungen das Feld beherrschen, gibt ein ergreifendes Ereignis wie dieses Gelegenheit, auch diese Gefühle der Sympathie v. I Dankbarkeit zum Ausdruck zu Illingen. Die Verehrung der Judenheit des britischen Reiches für König Georg V. kam besonders anläßlich der Feier seines 25jährigen R e g i e r u n g s j u b i i ä u in s im Mai 1935 zum Ausdruck. Auf eine Ergebeuheitsadressc, die der Board of Deputies und die Anglo-Jewish Association an den König richteten, antwortete dieser mit einem durch den Innenminister Sir John Gilmour übermittelten Telegramm, in dem die Gefühle der Zuneigung der jüdischen Bevölkerung gewürdigt und dem Vertrauen auf ihre fernere ergebene Treue gegenüber dem Thron in herzlichen Worten Ausdruck gegeben wurde. Als große Jubiläums-Aktion der englischen Judenheit wurde damals die Pflanzung eines K ö u i g - G e o r g - Waldes zwischen Nahalal und Nazareth in Palästina beschlossen. König Georg, mit dessen ausdrücklicher Genehmigung diese Aktion eingeleitet wurde, spendete für den Wald einen „Lebensbaum" aus dem Schloßpark von Windsor, der im Dezember durch den High Commissioner Sir Arthur Wauchope in Anwesenheit Weizmanns, Ussischkins u. a. feierlich gepflanzt wurde. Dem König sollte ein Gedenkbuch mit den Namen alier derjenigen, die sich an den Sammlungen für den Wald beteiligt haben, überreicht werden. Dies wird nun nicht mehr möglich sein. Trauerkundgebungen Ueber die j üdi s c Ii e n T r a u erku u d gehungert anläßlich des Ablebens des Königs liegen nachstellende Meldungen vor: Der Ehrenpräsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, Nahum S o k o I o w, feiert in einer Erklärung das Andenken des verstorbenen Königs als eines „Cyrus unserer Zei t", dem das jüdische Volk zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet sei. Die Gerechtigkeit, die er den Juden Großbritanniens und den Juden der ganzen Welt durch den Aufbau des Jüdischen Natiouallieims in Palästina angedeihen ließ, werde für immer mit seinem liebevoll verehrten Namen verbunden bleiben. im Namen der jüdischen Gemeinden des britischen Weltreichs hat Oberrabbiner Dr. J. H. Hertz an die Königin- Witwe Mary ein Telegramm gerichtet, das dem Beileid der Judenheit des Reiches und ihrer tiefen Trauer über den Tod des Königs Ausdruck gibt. Der Dank der Königin-Witwe an die englische Judenheit wurde dem Oberrabbiner unmittelbar nach dem Empfang seines Beileidstelegrammes übermittelt. Die Exekutive der Jewish Agency in L o n don und die Zionistische Exekutive haben au die Königin ein Beileidstelegramm gerichtet, in welchem der Königin namens der Jewish Agency und der Zionisten der ganzen Welt „tiefstes respektvolles Mitgefühl'' ausgesprochen wird. In Genf hat im Namen der Jewish Agency for Palestiue der Vertreter der Agenev beim Völkerbund Dr. Goldman n dem englischen Außenminister Eden das Beileid ausgedrückt. Der Präsident der Jewish Agency for Palestiue und der Zionistischen Organisation, Dr. W eizm a n n, hat an das Privatsekretariat des Königs aus Jerusalem Beileidstelegramme zur Uebermittlung an die Königin und an die königliche Familie gerichtet. Ferner telegraphierte er eine Beileidskundgebung an den Minister für die Kolonien zwecks Weiterleitung an die britische Regierung. Die Hauptbüros der Zionistischen Organisation in London und Jerusalem haben eine sehr große Zahl telegi aphischer Kundgebungen von zionistischen Körperschaften aus allen Teilen der Welt erhalten, in denen die tiefe Trauer des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht und erklärt wird, daß der Name König Georgs für ewige Zeit in die Geschichte Israels als der Name des Herrschers eingehen wird, unter dem die Balfour-Dcklaration verkündet worden ist. Der Vorsitzende des Board of Deputies of British Jews, Neville L a s k i, sowie der Vorsitzende der Anglo-Jewish Association, Leonard G. M o n t e f i o r e, widmeten dem König wanne Nachrufe. Alle Synagogenvereine Englands bereiten große Trauerfeierlichkeiten vor. Die aus den Dominions und aus Palästina eintreffenden Nachrichten sprechen von der tiefen Erschütterung der dort lebenden jüdischen Gemeinschaften über den Tod König Georgs V. Aus Palästina wird gemeldet: Auf allen öffentlichen Gebäuden der Palästina-Verwaltung, der Stadtverwaltungen und der jüdischen Körperschaften wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Ebenso haben die Konsulate Halbmast geflaggt. Das Jewish-Agcncy-Haus und zahlreiche andere jüdische Gebäude flaggten halbmast die zionistische Fahne neben dem Union Jack. Die Palästina-Exekutive der Jewish Agenev, der Waad Leumi, die Direktorien des Keren Kajemeth und des Keren Hajcssod, das palästinensische Oberrabbinat, die Agudath jisrael und andere jüdische Verbände und Institutionen haben dem High Gomm'ssioner Sir Arthur Wauchope Trauerkundgebungen anläßlich des Todes des Königs übermittelt. Die jüdischen Zeitungen knüpfen an die Nachricht vom Tode des Königs eingehende Betrachtungen über die hervorragende Rolle, die ihm in der Geschichte des Jüdischen Nationalheims zukommt. In den Synagogen finden Trauergottesdienste statt, bei denen von den Rabbinen die Bedeutung des verstorbenen Königs gewürdigt wird. Alle Vergnügungsstätten Palästinas blieben am Abend des Todestages geschlossen. Die Zionistische Vereinigung für D c u t s c h- I a n d und das P a 1 ä s t i n a -Amt der J e w i s h A g e n c y in Berlin haben an die diplomatische Vertretung der englischen Regierung in Berlin ein Beileidsschreiben gesandt. Die gesamte jüdische Presse Polens gibt den Gefühlen der jüdischen Massen des Ostens für den verstorbenen König von England in feierlichen Nachrufen und umfassenden Aufsätzen Ausdruck. Die zionistische Föderation Skandinaviens widmet dem Andenken des verstorbenen Königs 10 Bäume im König- Gcorg-Jubiläumswald in Palästina. Unmittelbar vor dem Ableben des Königs wurden, wie berichtet wird, in allen Synagogen des '.> .ti-.,:hen Empire Gebete gesprochen. Die „Times" vom 20. Januar teilt mit, daß das Zionistische Zentrallmro in London von jüdischen Gemeinden in allen Teilen der Welt Anfragen über das Befinden des Königs erhalten hat. Auch bei der K I a g e in a u e r in Jerusalem wurden Gebete für den König gesprochen. Bei der Konferenz der englischen Juden am vorigen Sonntat,', über die wir bereits berichtet haben, hielt Lord .Welch e 11 eine Rede, in der er die Besorgnisse der Judenheit um das Befinden des Königs äußerte und die Gefühle der britischen Juden für ihren König in bewegten Worten zum Ausdruck brachte. König Eduard VIII. dankt Die Zionistische Organisation hat von König Eduard VIII. eine Antwort auf die Heileidskundgebungen anläßlich des Todes König Georgs V. erhalten. Der König spricht seinen aufrichtigen Dank für die Teilnahme aus. Die jüdischen Institutionen Palästinas haben an den neuen König Eduard VIII. anläßlich seiner Thronbesteigung und an den High Commissioncr telegraphische Loyalitätskundgebungeti gerichtet. Eine Reminiszenz Dr. Weizmanns Dr. Weizmann ist der einzige Zionistenführer, der von König Georg empfangen worden ist und mit ihm eine Unterhaltung über Zionismus hatte. Das war vor der Abreise der von Dr. Weizmann geführten „Zionist Commission" nach Palästina im Februar 1918. In einem Interview mit dem Palcor-Vertretcr in Jerusalem gab Weizmann, wie aus Jerusalem gedrahtet wird, einige Erinnerungen an diese historische Audienz wieder. Lord Baltour arrangierte die Audienz, die im Buckingham Palace stattfand und 45 Minuten dauerte. Während der ganzen Audienz zeigte Seine Majestät tiefes Interesse für die Ziele des Zionismus und erklärte u. a.: „Es steht in der Bibel geschrieben, daß die Juden noch einmal in das Land Israel zurückkehren werden, und ich bin glücklich, daß mein Land zu diesem Ziel beiträgt. Ich werde die Entwicklung der jüdischen Bestrebungen in Palästina mit dem größten Interesse verfolgen." Der König stellte auch viele Fragen über die jüdische Weltlage, insbesondere in Rußland. Dr. Weizmann erklärte, daß der Tod des Königs das jüdische Volk um einen treuen Freund beraubt, und sein Andenken wird — wie das an König Cyrus von Persien, der die Rückkehr der Juden nach Palästina ermöglichte, — stets in der jüdischen Geschichte erhalten bleiben. Tag: der Besinnung In dem modernen jüdischen Nationalismus ist sich das jüdische Volk, nachdem unter dem Drucke einer neuen Zeit alte Fesseln und Formen zusammengebrochen waren und eine Zeitlang eine völlige Auflösung zu drohen schien, seiner selbst bewußt geworden. Und wenn dieses Erwachen zwangsläufig in der zionistischen Bewegung mündete, so war dies nur ein Aufnehmen der im jüdischen Volksleben stets vorhandenen Kräfte in einer der neuen Zeit entsprechenden Form. Aus dieser Entwicklung ergeben sich die zwei Aspekte des Zionismus, die unlöslich miteinander verbunden, dennoch in der praktischen Arbeit da und dort in Konflikt miteinander gerieten. Als V o 1 k s b e w e g u n g, legitimer Repräsentant der aus der Volksseele entstandenen und um innere Befreiung und Gestaltung ringenden Kräfte, hat der Zionismus sich alles angelegen sein lassen, was die Substanz des Volkes in biologischer, sozialer und kultureller Hinsicht betrifft; daher entstanden auf dem Boden des Zionismus die Bestrebungen für körperliche ebenso wie geistige Regeneration, für wirtschaftliche Selbsthilfe und Berufsumschichtting, der ganze Komplex der „Gegen wartsarbeit". Zugleich aber ist der Zionismus die auf den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina gerichtete Bewegung mit all ihren politischen und praktischen Erfordernissen. Es war kein Zufall, daß das Nebeneinander dieser beiden Ströme (im „Kongreßzionismus" deutlich zum erstenmal auf dem V. Kongreß l()(ll) zu Reibungen führte, dann aber zu einer naturgegebenen höheren Einheit wurde. Kein jüdisches Volk ohne den Zionsgedanken, und kein Zion ohne ein gesundes jüdisches Volk. Wieviel an produktiver Vo 1 k s - arbeit noch zu leisten ist, das wissen gewiß gerade die verantwortungsbewußten Zionisten in ihren stillen Stunden mit bedrückender Deutlichkeit. Der Zionismus hat sich zwar 1897 ein formuliertes Progamm geschaffen, aber als Ganzes ist er eine lebend i g e, sich stets fortentwickelnde Bewegung, die alles eher kennt als Dogmen und Buchstaben-Glauben. Im Wandel der Zeiten und im Zusammenstoß mit immer neuen geistigen und politischen Kräften der Umwelt hat auch der Zionismus immer neu sein Denken und seine Haltung zu überprüfen. Diesen Sinn sollten die großen zionistischen Tagungen haben. Leider haben die Zionistenkongresse, erdrückt von einer Last praktischer Arbeit, diese Funktion verloren. Es ist wohl keine Unbescheidenheif, wenn wir sagen, daß die zionistischen Tagungen der einzelnen Landesverbände, die nicht so unmittelbar von den Tagesfragen Palästinas' bedrängt sind, diese geistige Rolle wieder aufnehmen müssen. Hier kann in freier Rückschau und Umschau, in furchtloser Erkenntnis der Wirklichkeit und in geistig verantwortlicher Auseinandersetzung mit den neuen Entwicklungen und Realitäten, eine Weiterbildung des zionistischen Denkens sich vollziehen. Wenn überdies noch eine Tagung nach so Inhalts- und erfahrungsreichen Jahren zusammentritt wie jetzt der Delegiertentag der ZVfl)., dann kann ihre Arbeit in prinzipieller und in praktischer Hinsicht reiche Früchte tragen. Der Delegiertcntag wird sicherlich nicht auf einen leichten Erfolg zurückblicken, sondern mit der gesteigerten Verantwortung auch die vielfache Problematik des jüdischen Lebens sehen. Der Zionismus ist anfangs als eine Oppositionsgruppe ins jüdische Leben eingetreten, die die alten Formen des offiziellen Judentums und dessen bürgerlich geprägte Lebensanschauung ablehnte. Die zionistische Kritik war aber nicht negativ und unproduktiv, sie war voll von fruchtbaren Gedanken und Forderungen, und allmählich sind immer mehr Elemente des zionistischen Programms in dieser oder jener Form auch in den Bereich des offiziellen Judentums eingesickert. Dieser Prozeß hat sich in Deutschland in den letzten drei Jahren beschleunigt. Wenn nun die Leitung der ZVfl). in ihrer dem Delegiertentag unterbreiteten Programm-Erklärung den Anspruch auf zionistische Führung im deutschen Judentum erhebt, d. h., das vom Zionismus so stark umgeformte offizielle Judentum nunmehr zu wirklich lebendigem Volkstum machen will, so handelt es sich dabei in letzter Linie nicht um die persönliche Machtergreifung, sondern um eine Durchdringung der gesamten jüdischen Tätigkeit mit jenem Geist der Volksnähe und Volksverbundenheit, die durch die nationale Bewegung und nur durch sie verkörpert werden kann. Daß bei der fortschreitenden Volk werdung und bei den umfassenden organisatorischen und erzieherischen Tätigkeiten, die den Charakter des Volkes für die Bewältigung einer physisch und moralisch gleich