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Jüdische Rundschau · 1936-01-21 · Heft 6 (21.1.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 6 (21.1.1936)
Date
1936-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 6, 21.1 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Zionistische Selbstkritik Zur Lage in Palästina Von Oskar Wolfsberg, Jerusalem IMe nachfolgenden Ausführungen eines prominenten früheren Mitgliedes der ZVfl). und des Misruchi, das jetzt in Palästina lebt, erhallen durch den bevorstehenden Delegier t e n t a g ein erhöhtes Interesse. Red. I. Die Deutung unseres Zeitgeschehens wurde in der „Jüdischen Rundschau" oft versucht; auch ich beteilige mich an diesen Bemühungen. Sie sind durchaus noch nicht abgeschlossen: das Geschehen, das ja keinen Ruhepunkt kennt, weiter schreitet und damit neues Material bringt, verlangt vertiefte Prüfung und Sinngebung, und es gibt nicht wenige im Publikum, denen alles neu ist in der jüdischen Welt, der sie bisher kaum Beachtung schenkten. Aber neben dieser grollen Aufgabe erhebt sich eine andere, geboren aus einer neuen Not: die Unzulänglichkeit unserer Leistung jn dieser Schicksalsstunde, die Mängel unseres Daseins, vor allem, soweit sie unentschuldbar sind, verpflichten uns zur Kritik. Diese Kritik wendet sich nicht gegen bestimmte Instanzen und gegen einen bestimmten Sektor unseres Volkes. Sie ist überhaupt nicht nach außen gewendet; sie ist — und darin soll der sittliche Gesichtspunkt sich melden — Selbstkritik und schließt den Autor ein. Sie wendet sich nicht an „c u c h", sondern an „u n s". Freilich soll das keine zarte Schonung bedeuten. Wenn heute vielfach davon gesprochen wird, daß die Scheidewand zwischen Zionisten und Nichtzionisten gefallen sei, so kann ich dieser Auffassung in dieser Allgemeinheit nicht zustimmen; verringert hat sich vielfach der Abstand, und zusammengeschmiedet hat uns die dira necessitas. Wir freuen uns, daß unser Ringen und Mühen sich für viele fruchtbar erweist. Aber unsere Sonderaufgabe ist noch nicht zu Ende, und der Weg des Zionismus — kein kleinlicher, engstirniger und von Parteihaß bestimmter — muß mit aller theoretischen und praktischen Entschlossenheit weitergegangen werden. Wohl aber gebe ich zu, daß wir Zionisten dieselbe Strenge als . iaßstab an unser Tun anlegen müssen wie an Gesinnung und Werk anderer Juden. Mit einem Wort: die Haltung der Judenheit gegenüber ihrem Schicksal — verhängnisvollerweise glaubt sie, daß mir ein Teil, und kein übermäßig großer, sich in tragischer Verwicklung befinde — kann einen ernsten Zeitgenossen mit schwerster Sorge erfüllen. Es fehlt beides: die tiefe Besorgnis und der heroische Wille zu retten. Es ist, als ob der Lebenswille selbst bei uns gelitten hätte. Denn auch beim besten Willen, das in den letzten 2>'2 Jahren von jüdischer Seite Geschehene wohlwollend zu werten — und es ist manches Wertvolle und Bedeutsame geschehen —, kann ich nicht zu dem Ergebnis kommen, daß es irgendwie dem a d ä (] u a t oder kommensurabel gegenübergestellt werden kann, was zusammengebrochen ist, geschweige denn als Fundament und beachtlicher Beginn für einen großen Bau der Zukunft gelten kann. E i n e Einschränkung ist dabei freilich am Platze, und das mildert die Strenge des Tadels: der Aufbau Erez Israels und sein Fortschritt ist schwer zu ermessen. Hier erweisen sich — das haben wir zu wiederholten Malen gesehen — auch aktuell unbedeutende Beiträge und Funktionen potentiell als reich, und nicht selten offenbart sich plötzlich der große Wert und die zeugende Kraft einer zunächst unbedeutenden Leistung. Dieser Sachverhalt aber ist nur ein Beweis für die Richtigkeit der zionistischen Konzeption und für Palästinas überragende Bedeutung im Dasein unseres Volkes in Gegenwart und Zukunft. Der Vorwurf, daß wir nicht genügend tun, wird dadurch nicht entkräftet. Ich möchte meine Auffassung belegen. 1. Das jüdische Wander ungsproblem, besonders das Problem der jüdischen Emigration aus Deutschland, ist erst vor kurzem zielbewußt von jüdischer Seite in die Hand genommen worden. Sicherlich ist manches auch vorher geschehen. Aber in der ersten entscheidenden Stunde, im April 1933, war kein zielbewußter jüdischer Wille zur Stelle, um namens der Gesamtheit des jüdischen Volkes die gerade anhebende Welle der Wanderung planmäßig zu lenken. Wäre damals durch die Initiative einzelner Männer höchster Autorität, und solche gab es nur im Kreis der zionistischen Führer, oder durch schnellen Zusammenschluß der bedeutendsten jüdischen Körperschaften, geführt von den Leitern unserer Organisation bzw. der Jewish Agcncy, in Genf ein wcitschauendcs Programm der Wanderung, Ucberpflanzung und Ansicdlung unter Vortritt Palästinas und Berücksichtigung anderer Länder vorgetragen worden, so wäre manches anders gekommen. Wir hätten die Alijah nach Erez Israel einer strengeren Selektion unterwerfen können, wir hätten Tausenden die Leiden der Zwischensiedlung (Frankreich!) erspart und manche Kapitalien ökonomischer arbeiten lassen können. Jüdisches Mitleid und tätige Hilfe haben das Unglück begleitet und gemildert. Besonders in England und Amerika, aber auch anderswo, sind beträchtliche Summen aufgebracht worden. Bei der Gegenreclimmg will ich nicht verweilen, bei der Summe der Gescheiterten oder doch nicht genügend Gesicherten. Aber können die Landsmannschaften allen Ernstes sagen, daß sie nichts ungetan gelassen haben? Können etwa die französischen Juden ruhigen Gewissens sagen, daß sie sich voll tiefer Verantwortung den ihnen auterlegten Pflichten hingegeben haben? Auch der Teil des palästinensischen Jischuw, der gefestigt und zum Teil recht wohlhabend ist, ist nicht bis an die Grenze des .Möglichen und Notwendigen gegangen. Ich scheue mich nicht zu sagen, daß, solange nicht wirksame Maßnahmen ergriffen werden und nationale und verwandte Instanzen auf der einen und Private, die wirtschaftlich gesund sind, auf der anderen Seite alles tun, um die materiellen Nöte zu lindern (durch Einflußnahme auf wirtschaftliche Organisationen zwecks Berücksichtigung derer bei der Arbeitszuteilung, die auf Erwerb dringend angewiesen sind, durch Verhinderung der Anhäufung von besoldeten Acmtern in ein und derselben Hand oder der über das notwendige Maß hinausgehenden Berufstätigkeit eines Ehepaares, durch Begünstigung der wirtschaftlich Schwachen und Bescheidenen und nicht gerade der Starken), solange dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Es kommt alles auf einen Ausgleich und eine Entspannung der Gegensätze an, nicht aber, wie es manchmal scheint, auf eine Erneuerung des Kontrastes. Wenn einst Abenteurer, Desperados, Entgleiste in ferne Länder gingen, so ist es begreiflich, daß dabei keine sozial- oder nationalcthischc Aufgabe im Mittelpunkt stand. Aber unser Werk betrifft das Volk in seiner Gesamtheit, und da ist nicht der Erfolg einzelner, sondern das Gedeihen der Allgemeinheit das Ziel. 2. Wir haben nicht in genügendem Maße die Massen geweckt und erzogen in diesen letzten Jahren. Ich will nicht ungerecht sein. Es haben in den betroffenen Ländern unsere akt ven Gesinnungsgenossen eine beachtliche, ja zuweilen erstaunliche Arbeit geleistet. Auch angesichts historischer Wandlungen, wie wir sie erlebt haben, füllt uns der Erfolg nicht in den Schoß. Aber es hätte diesmal eine Metamorphose des ganzen Volkes statthaben müssen. In Ost- und Mitteleuropa ist das zionistische Tun eine Notstandsarbeit; Eine Kundgebung der BZV. Am 16. Januar veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung im Bachsaal eine große Kundgebung aus Anlaß der neuen Einw anderungsbeschränkung in Palästina und der geplanten Einsetzung des Legislative Council Dr. Franz Meyer erinnerte daran, daß sich die Situation Palästinas gegenüber 1933 gewandelt habe und nicht mehr so unproblematisch sei wie damals. Aber gerade in der Bewährung bei Belastungsproben zeige sich erst die Kraft der zionistischen Idee. So wie im Jahre 1929 muß auch heute die Antwort lauten: die Arbeit wird fortgesetzt. Notwendig sei, daß die jüdischen Massen sich voll und ganz in den Dienst der jüdischen Sache stellten. Ebenso sei es die Aufgabe der zur Willensbildung berufenen jüdischen Instanzen, sich zu einer Einheit zusammenzuschließen, um das Palästinawerk erfolgreich fortführen zu können. Ebenso forderte Dr. Georg Josephsthal daß die Massen die Exekutive in ihrem Kampf nicht allein lassen, sondern ihr volle Unterstützung verleihen. Alles komme im übrigen für uns darauf an, in Palästina Arbeitsplätze zu schaffen. Wir werden so viele Zertifikate erhalten, wie wir Arbeitsplätze zu schaffen in der Lage sind. Und niemand könne bestreiten, daß die jüdische Einwanderung dem Lande, und insbesondere den Arabern, wirtschaftlichen Nutzen gebracht habe. Aber wenn man uns den Aktionsradius einengt, können wir nicht unsere friedliche Arbeit fortsetzen und vollenden. Die jetzige Richtung der Politik der Mandatarmacht wird keinem Partner gerecht. Auf die Frage des Legislative Council eingehend, bemerkte der Redner, daß es sich für uns um eine Erweiterung des Jischuw handelt und daß wir nicht auf Grund des derzeitigen Zahlenverhältnisses eine Festlegung im Gesetzgebenden Rat zugeben könnten. Dieser Kampf um die Selbständigkeit des jüdischen Volkes, das gewiß die Zusammenarbeit mit England wünsche, werde zu einem guten Ende geführt werden, wenn alle Kräfte sich vereinigten. Die Atempause aber, die wir im Augenblick haben, müssen wir zur Vertiefung unserer Weltanschauung und zur Erweiterung unserer zionistischen Bildimg nutzen. Als letzter Redner gab (oft von stürmischem Beifall unterbrochen) mit temperamentvollen Worten Dr. Michael Traub ein eindrucksvolles Bild von der jüdischen Leistung in Palästina und ihrer Bedeutung für den arabischen Sektor. Wir Juden sind in Palästina nicht die Nehmenden, sondern die Gebenden. Wir haben die Araber nicht des Bodens „beraubt", sondern sie haben dafür 12 Millionen Pfund von uns erhalten. Die Juden haben in Palästina einen großen Absatzmarkt geschaffen, durch den die Araber als Lieieranten profitieren. Der Wert des arabischen Bodens ist von 1 Million auf 50 Millionen Pfund gestiegen. Industrie und Handel beginnen bei den Arabern jetzt einen bemerkenswerten Aufschwung zu nehmen. Lohn und Lebensstandard der arabischen Arbeiter haben sich erhöht; während ein arabischer Arbeiter früher 2—3 Piaster verdiente, erhält er jetzt 10—15 Piaster pro Tag. Der jüdische Jischuw bringt über 50 >>o der Steuern des Landes auf, ohne auch nur in entferntem Maße einen proportionalen Nutzen davon zu haben; denn mit jüdischem Geld finanziert die Regierung das arabische Schulwesen, Sanitätswesen usw. Vor dem Kriege wanderten zahlreiche Araber nach den USA. und anderen Ländern aus; seit 1931 besteht eine wachsende Zuwanderung. Auch die arabische Binnenwanderung habe die deutliche Tendenz nach den jüdischen Zentren. Keine Kolonisation der Weltgeschichte ist mit so friedlichen Mitteln vollbracht worden wie die unsere in Palästina. Die Arbeit und Kultur, die wir dorthin gebracht haben, dokumentieren unser Recht auf das Land. — In scharten Worten wandte sich Dr. Traub gegen den Legislative Council-Plan, der die Juden in Palästina zu einer Minderheit stempeln wolle. Aber neben unserer ablehnenden Antwort müssen wir uns selbst gegenüber die positive Antwort geben: Verdoppelung unserer Kräfte und Anstrengungen für Palästina, Stärkung unseres Willens und Glaube an unser Recht! , Zum Schluß forderte Dr. Franz Meyer nochmals die Anwesenden auf, sich in die zionistische Front einzureihen. Mit der Hatikwa fand die Kundgebung ihren Abschluß. Kundgebung englischer Juden London, 19. Januar. (JTA.) Die am 19. Januar in London unter dem Vorsitz von Lord M eich et t abgehaltene Delegiertenkonferenz der englischen Judenheit gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung der Juden Englands gegen den Plan der Regierung, in Palästina einen Legislative Council einzusetzen. I Jeher X4) Delegierte der führenden Körperschaften eles englischen Judentums nahmen an der Tagung feil. Unter ihnen befanden sich Vertreter der britischen Sektion tler Jewish Agencv, des Board of Deputies als der offiziellen Gcsatntrepräscntanz des englischen Judentums, der Zionist Föderation for Great Britain and Ircland und der verschiedenen inncrzicmisli^chen Gruppen und Institutionen. Nach Ansprachen von Lord M e 1 c h e t t, Nevüle L a s k i, dem Vorsitzenden des Board of Deputies, J. K. Goldbloom und anderen Rednern, hat die Konferenz einstimmig eine Resolution angenommen, die durch den Vorsitzenden des Board ot Deputies, Neville Laski, begründet und von Rcv. J. K. Goldbloom unterstützt wurde. In der Resolution wird die tiefe Beunruhigung des englischen Judentums über das Regierungsprojekt der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina zum Ausdruck gebracht. Nach ausführlicher Darlegung der bereits ans anderen gleichartigen Kundgebungen bekannten Argumente gelangt die Konferenz zu dem Schluß, daß die Schaffung eines Legislative Council unter den jetzigen Verhältnissen verfrüht und nur geeignet wäre, die Verwirklichung der Hauptaufgabe des Mandates, der Begünstigung des Entstehens des Jüdischen Nationalheims zu stören. Aehnliche Kundgebungen werden aus allen Teilen der Welt, darunter auch Südafrika, Nord- und Südamerika und aus allen europäischen Ländern dauernd gemeldet. die Alijah hat — in manchem Sinn: leider — den Vorrang vor der Hachscharah erhalten. Angesichts dieser Situation wäre es zionistisch von größter Bedeutung, wo irgend möglich der Hachscharah wieder ihren Platz, zu sichern. Wie die Dinge heute liegen, müßte der Primat der Hachscharah in Westeuropa und Amerika gesichert werden. Dort könnte, wie in Deutschland vor etwa zwöif Jahren, aus Gesinnung und Ueberzeugung ein Teil der Jugend zur Chaluziuth gelangen. Das ist natürlich nur ein Teil dessen, was in den Ländern, die weder vom Sturm noch von der Erkenntnis erfaßt sind, zu geschehen hat. Aber der siegreiche Vorstoß des Gedankens der Chaluziuth ist doch wohl der stärkste Beweis für die Kraft der zionistischen Idee. Man darf ohne Uebertreibung sagen, daß das kulturelle Bemühen eines der entscheidenden Instrumente zur Bewältigung unserer nationalen Aufgabe ist. In den letzten Schicksalsja-hren fühlte mancher instinktiv, wieviel in den Schätzen unserer Kultur — und dieses Wort in seinem geschichtlichen Umfang genommen — geborgen sei. Viel wurde auch von der Hinwendung zu ihnen gesprochen — und manches auch getan. In Erez Israel gibt es — besonders in der Jugend — eine gefestigte hebräische Sprache, eine jedenfalls sprachlich gesicherte Basis unserer geistigen Eigenart. Es gibt darüber hinaus eine über weife Kreise verbreitete gute Kenntnis der prophetischen Bücher und der Hagiographen der Bibel, in schon engeren Kreisen kommt dazu gutes Wissen vom Pentateuch, und langsam verengt sich der Bezirk, und es bleiben noch Kenner des Talmud, der mittelalterlichen Kommentatoren und Dezisoren übrig. Größer ist wiederum die Gruppe derer, die die hebräische schöne Literatur kennen. Keiner wird mit dem Erreichten zufrieden sein, aber doch ist hier eine Basis geschaffen. In der Diaspora sind die Juden Deutschlands heute die Gruppe, bei der sich auch kulturell die stärkste Wandlung vollzogen hat. Bezüglich des Studiums des Hebräischen und des Versuchs, sich die jüdische Geisteswclt zueigen zu machen, ist es schwer zu beurteilen, was erreicht worden ist. Ich möchte vermuten, daß die Emigration, die anderen Ländern als Palästina zustrebt, sich im allgemeinen — nicht immer! — von einer nationalkulturellen Bejahung abwendet und somit oft als Verlust gebucht werden muß. In Deutschland selbst liegt es wesentlich anders. Dort hat Bedürfnis und Erkenntnis eine wirklich neue Situation geschaffen. Nicht gering ist die Zahl derer, die verstanden haben, welchen jüdischen Irrtum unsere Vergangenheit, die Zeit der Assimilation, darstellt. Bei anderen ist das Gefühl einer plötzlich entstandenen Lücke: der Ausschluß aus einer Welt, an der man teilnahm, die stärkste Reaktion gewesen. Daß das Leben der Seele die Leere fürchtet (horror vacui) und deshalb an die Stelle einer früheren Fülle eine andere setzt, das ist seine normalste Gesetzmäßigkeit, und die Art der Ergänzung, des „Ersatzes", ist höchst folgerichtig. Ungeachtet der Anerkennung des Gewollten und Erreichten darf die Frage gestellt werden, ob die Ergebnisse einigermaßen befriedigend sind. Skepsis ist berechtigt gegenüber der Zahl der von Erkenntnis und Bedürfnis ergriffenen Menschen. Gerade wir in der Ferne sehen mehr die positiven Erscheinungen: wir lesen von der Fülle der Veranstaltungen, der Bemühungen auf allen kulturellen Gebieten, wir begegnen neuen Namen unter den Autoren, Rednern und Befürwortern der Verlebcndigung des Judentums, seiner Werte und unter den Lobrednern seiner Verjüngung. Mancher lebt in unserer Erinnerung als ein heftiger Gegner unseres Wollens in der jüngsten Vergangenheit. Aber wir vergessen oft, wie viele grollend, schweigend beiseite stehen und am alten Weg festhalten. Auch die Ergebnisse aller Bestrebungen, die sich auf ein reiches Judentum des Lebens und Geistes erstrecken, nehmen wir nur selten prüfend unter die Lupe. Entspricht dem Aufwand und der Rührigkeit ein Erfolg von beachtlichem Ausmaß? Haben die vielen Kurse im Hebräischen ein großes Ergebnis gebracht, kann man von einer sichtbaren H e b r a i s i e r u n g sprechen? Ist das Wissen um unsere Vergangenheit und unser Wesen wirklich Iris in entscheidende "liefen gelangt? Ist eine nennenswerte Zahl .Menschen auf dem Wege zu den literarischen Quellen und den seelischen Wurzeln unserer Nation? Eine kritische Betrachtung und skeptische Beurteilung bedeutet durchaus noch keine Geringschätzung des Geleisteten. Es gibt viele Bedingungen, die einen größeren Frfolg vereiteln: technische und psychologische. Aber es geht uns ja auch weniger um Anklage als um Erkenntnis der Lage. Die üren/en des Erreichbaren sind ziemlich eng gezogen, Eine Sprache, die so lange aus dem Bereiche des Lebens ausgeschlossen war, ist spröder als andere: ihr Dasein in der Zuriickgczogcniieit hat dir sozusagen Keuschheit verliehen, und so erschließt sie sich nur zögernd und unwillig und nur wenigen, jenen nämlich, die ihr in Ergebenheit nahen und um sie ringen, d. h. ihre Geschichte und ihre geheimsten Schwingungen ergründen wollen. So gibt es keinen anderen Weg als den ernstesten Studiums der weitschichtigen geistigen Welt. Dieser Prozeß kann keine schnellen Ergebnisse von Bedeutung bringen. Die mangelnden Resultate in Deutschland sind also zwangsläufig. Wer sich dem Hebräischen in voller Bereitschaft zuwendet und bereit ist, alle Zugänge zu benutzen, wird nicht nur hebräisch verstehen, sprechen und schreiben, sondern Heimat im Judentum finden. Wenn vGr gegenüber der Lage in Deutschland auf dem Gebiete der hebräischen Kultur den Hinweis auf die naturgegebenen Schwierigkeiten für nötig hielten, im übrigen aber von einer erfreulichen Aufwärtsbewegung sprechen dürfen, so, fürchte ich, wird für die übrigen Länder, in denen die Assimilation beherrschend war und ist, ein kritischer Blick recht Bedenkliches feststellen. Natürlich gibt es eine hebräische Bewegung auch in England und Amerika, besonders in New York und wohl auch in einigen anderen Städten. Aber ich bezweifle, daß diese in Umfang und Gehalt bescheidenen Versuche in letzter Zeit nennenswerte Fortschritte gemacht haben. Und das ist das entscheidende Problem, das zur Diskussion steht: ebenso wie das große Geschehen in Mitteleuropa für die allgemeine jüdische Politik und Geschichtsauffassung eine Entscheidung im Sinne einer nationaljiidischcn, zionistischen Haltung auch dort, wo noch alles beim Alten geblieben ist, bewirken müßte, so ist im Kulturellen der Siegeslauf des Hebräischen und der durch den Gedanken des Autochthonen bestimmten jüdischen Kultur die gebotene Konsequenz auch dort, wo die Teilnahme an der nationalen Kultur des Wirtsvolkes noch nicht unterbunden ist. Die Konstatierung, daß wir dahin nicht gelangt sind, ist eines der schmerzlichsten Fakfa unserer an Enttäuschungen und Versagern wahrlich nicht armen Gegenwart. Vielleicht ist es auch auf diesem Gebiete noch nicht zu spät. Freilich muß hier aller Wille und alle Energie der Instanzen aufgeboten werden, denen die Fürsorge für das jüdische Schicksal in unserer Zeit in besonderem Maße obliegt. Die Renaissancebcwegung unseres Volkes kann sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Es gibt keine Wiedergeburt des Volkes ohne die Erneuerung des Geisfes,

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