Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 5, 17.1.1936 Beine Pflicht hinein zu sagen hatte. Nur wenn es sich so verhält, kann der heutige Mensch, wohl Umkehr übend, aber keine Wirklichkeit verleugnend, den Zugang zur biblischen Offenbarung finden. Und ich jedenfalls glaube, daß es eich so verhält. Wir erfahren zuweilen ein Kleines, das gleicher Art mit dem Großen ist und dadurch uns den Zugang zu ihm eröffnen kann. Es wird erlebt, daß man unversehens ein Wissen in sich merkt, das eben noch fehlte und auf dessen Entstehung nichts einen hinzuleiten vermag. Die Erklärung mit dem berühmten Unterbewußtsein, dem verbreiteten Aberlauben entstammend, die Heins Seele mache alles selbst, esagt im Grunde nichts anderes als: was du eben als dir zugekommen erführst, das war schon immerzu in dir da, dort nämlich, wo es alles gibt und man von nichts weiß. Dergleichen ist Not bau, nützlich zu psychologischer Orientierung, aber zusammenbrechend, wenn ich mich wirklich darauf zu stellen suche. Nein, was mir widerfahren ist, war eben die Anderheit, das Angefaßtwerden durch das Andere. Rechtschaffner hat es Nietzsche ausgesprochen: „Man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt." Ich meine aber, es komme gerade darauf an, nehmend zu wissen, daß einer gibt. Wer nimmt, was ihm gegeben wird, und das Geben des Gebers nicht erfährt, empfängt nicht, und die Gabe verkehrt sich in Raub. Erfahren wir das Geben aber, dann erfahren wir, daß Offenbarung ist Und wir betreten den Weg, auf dem sich uns unser Leben und das" Leben der Welt als Zeichensprache kundtun wird, den Zugangsweg. Auf ihm werden wir dem Großen, das gleicher Art wie unser Kleines ist, begegnen. Schöpfung Von der Wahrnehmung der Offenbarung aus werden Schöpfung und Erlösung wahrnehmbar. Ich beginne zu erkennen, daß ich, wenn ich nach meinem Ursprung und nach meinem Ziel frage, nach einem andern als ich und nach einem andern als die Welt fraqe; aber eben so beginne ich den Ursprung und das Ziel der Welt zu erkennen. Was kann uns damit, gemeint sein, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat? Gewiß das eine nicht, daß er sie in sechs Welialtern erschaffen habe und daß „Sch.-I'en" hier im Grunde gar nichts anderes als Werden bedeute, wie es die zurechtlegen, die den Zugang zur Bibel durch ihre Harmonisierung mit den jeweiligen Ansichten der Naturwissenschaften hersteilen wollen. Aber auch die mystische Auslegung kann uns nicht frommen, wonach die Sehöpfuugsnkte keine Schöpiungsakte, sondern Emanationen bedeuten; es entspricht dem Wesen der M\stik, daß sie dem Glauben widerstrebt, Got! habe um unsertwillen die Knechtsgestalt der handelnden Person angenommen, aber wenn der Bibel die handelnde Person Gottes entrissen wird, ist sie nichtig und die unsrhauungsgehorenen Begriffe eines heraklilisrhen oder piatonischen .Systems den in solch einer Auslegung auftretenden homunkulushaften Prinzipien der Emanation weitaus vorzuziehn. Was also kann uns gemeint sein? An Wortspur eines Ereignisses ist hier, da es keinen Zeugen hatte, nicht, zu denken. Ist somit jedem, der die biblische Schöpfungsgeschichte nicht als reines „Wort Gottes" zu glauben vermag, der Zugang zu ihr versperrt? Der Spruch der traditionellen jüdischen Exegese, die Tora rede die Sprache der Menschenkinder, birgt einen tieferen Ernst, als man gewöhnlich annimmt; er darf dahin verstanden werden, daß das Unsagbare nur so, wie es hier in der Sprache der Menschenkinder gesagt wird, gesagt werden kann. Die biblische Schopfungsgeschichte ist ein rechtmäßiges Stummeln. Der Mensch stammelt, wenn er, was er an Weltall kennt, in eine zeitliche Folge von Geheißen und „Arbeiten" einer göttlichen Werkstatt reiht, aber dieses Stammeln allein konnte der Aufgabe gerecht werden, das Geheimnis auszusprechen, wie Zeit der Ewigkeit entspringt und Welt von dem kommt, der nicht Welt ist, wogegen jeder Versuch „wissenschaftlicher" Kosmogonie, begrifflich anzudeuten, wie alles entstanden sei, hoffnungslos fehlschlagen muß. Wenn nun der Zugang zur Wirklichkeit der Offenbarung dem heutigen Menschen sich in der Tatsache öffnet, daß unser Lel>en Angesprochenwerden ist, wo öffnet sich der Zugang zur Wirklichkeit der Schöpfung? Der hehräisdic Spradigeist Eine hochinteressante Analyse der Sprache ßialiks gibt Dr. Mcnaehem Erich K 11 b a n s k v in einem kleinen Heft, das soeben im Verlag Kedem (Berlin) erschienen ist und von jedem Freund der hebräischen Sprache studiert werden sollte. Kiibaiisk), gestützt auf ein erleuchtendes Zitat aus Franz Rosen/weip, zeigt anschaulich die Eigenart der hebräischen Dichtimg, die in unserer Zeit bvMjnders Hialik repräsentiert. Für den hebräischen Dichter ist die Sprache als Sprache der Bibel so unmittelbar in seinem Bewußtsein lebendig-, daß er die Wirklichkeit in diese Sprachwclt einordnet (während es sonst umgekehrt zu geschehen pflegt), Kübansky demonstriert dies an einem der bekanntesten Gedichte Bialiks ,.Birkat Am" („Segen des Volkes"), das mit ,,Tcchesakna" beginnt und mit der bekannten Melodie gerade/u als eine jüdische Nationalhymne angesprochen werden kann. Dieses Gedicht wird nun Vers für Vers unter dem Gesichtspunkt untersucht, welche biblischen Wendungen darin anklingen, und es werden dann die ein/elnen Parallelst eilen aus der Bibel und anschließend daran, was besonders dankenswert ist, aus der mittelalterlichen hebräischen Dichtung angefügt. Es bleibt dem einzelnen Leser überlassen, diese Arbeit noch fortzuführen, indem er die einzelnen Bibelstcllen auf den Sinn untersucht, den die betreffende Wendung; oder der betreffende Ausspruch dort hat, und sich daraus rekonstruiert, weiche Gefühlstmtertöne, die ein naiver und ungebildeter Leser gar nicht merkt, in dem Gedicht Bialiks für den Kenoer mitschwingen. Wer dieses Büchlein aufmerksam durcharbeitet, wird nicht nur einen hohen geistigen Genuß haben, sondern auch tief in das Wesen des hebräischen Sprachgcistes eingedrungen sein. Es ist besonders erfreulich, daO in einer Zeit, wo so viele Hebräischlerncndc sich nur mit den Vokabeln des sogenannten ,,Kellner- Hebräisch" begnügen, ein solches, jedem einzelnen leicht zugängliches Büchlein erscheint. Es gehört zu dem empfehlenswertesten, was in der letzten Zeit an Hilfsmitteln des Hebräisch-Unterrichts erschienen ist. W. Die A. Z. Idelsohn-Chor-Gruppe in Johannesburg (Südafrika) lädt Musiker zur Anteilnahme an einer Konkurrenz für die Komposition folgender Werke ein: Der Gassennoiker, von M. L. Halpcrin. — Der Tot ten tanz, von D. Einhorn. — A Toite Roiz, von Yohoiosh, gedruckt in der Anthologie von M. Bassin (2. Teil). Ein Preis von £ 25 wird für die beste Komposition gegeben werden, außerdem ist ein zweiter Preis von £ 15, und ein dritter Preis von £ 10 ausgesetzt. Näheres teilt mit: A. Z. I. Competition, P. O. Box 5119, Johannesburg, TVL., South Africa. Auf Einladung der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wird der Dozent am Judaistischen Institut in Warschau, Dr. Abraham Weis, an der Lehranstalt Gastvorlesungen über den Talmud und verwandte Gebiete halten. Er ist vom eigenen Leben aus nicht so unmittelbar zu finden wie jener, — der deshalb unmittelbar zu finden ist, weil, wie wir sahn, jeder gelebte Augenblick die Mitte selber sein kann. Aber er ist zu finden: weil jeder Mensch sich als einzeln und einzig weiß. Ware es möglich, daß einer von seiner Person solcherweise ein psychophysisches Inventar aufnähme, daß er sie in eine Summe von Eigenschaften auflöste; wäre es weiter möglich, daß er jede dieser Eigenschaften und ihr Zusammentreten entstehungsgeschichtlich zurückverfolgte bis auf die primitivsten Lebewesen; gelange so eine lückenlose genetische Analyse dieses Individuums, seine Ableitung und Zui üeklührung, dann wiire die Person, dieses Einmalige, Unvergleichbare, Einzige, Angesicht, dessengleichen nie gewesen ist, nie gehörte Stimme, nie gesehne Gebärde, dieser beseelte Leib unberührt übrig, ganz, unabgeleitet, unableitbar, ganz da und nicht anders als da. Am Ende seiner vergebliehen Mühe sich noch einmal zur Frage nach dem Woher aufraffend, fände dieser Mensch in der letzten Besinnung sich vor als Geschöpf. Mit jeder Geburt tritt, weil er einzig ist, der erste Mensch in die Welt. Lebensmäßig, kindhaft, jeder n*ch dem Ursprung seiner selbst tastend, erfahren wir, daß Ursprung, daß Schöpfung ist. Erlösung Und zum Dritten, Letzten und Schwersten: was kann uns damit geraeint sein, in der „Späte der Tage" solle sich an der Welt eine so vollkommene L ö s u n g und Erlösung vollziehen, daß es davon heißt, Himmel und Erde würden neugeschaffen werden? Wieder darf die Bolschaft weder verjenseitigt werden: von dieser unsrer Welt, von ihrer Läutrung zum „Königreich", von der Vollendung der Schöpfung ist die Rede, nicht von ihrer Aufhebung um einer andern Welt willen; noch aber verendlicht: nicht einer gerechteren Ordnung, sondern der „Gerechtigkeit", nicht einer verträglicheren Menschheil, sondern dem „Frieden" gilt die Verheißung. Auch hier ist es ein rechtmäßiges Stammeln, was wir hören; der von dem Wort ergriffene Künder kann nur des Menschen Wort sprechen: als der nur fassen kann, wovon und woher er erlöst werden soll, nicht, wozu und wohin. Aber der heulige Mensch? Muß ihm dies nicht das Fremdeste sein, was er da hört, gerade weil es seiner abgründigen Sehnsucht am nächsten ist? Auf Aenderung sinnt er, aber Wandlung kennt er nicht; er hofft, daß es, wenn schon nicht morgen, so doch übermorgen besser wird, tdier er kann sich nichts dabei denken, daß die Wahrheit kommen soll; er ist mit Entwieklungen und Durchsetzungen vertraut, aber er begreift weder, daß eine Macht ihn und die Welt vom Widerspruch erlösen will, noch daß von ihm selber gefordert wird, dieses Willens halber und auf ihn zu mit seinem ganzen Wesen die „Umkehr" zu tun. Wie mitteln wir zwischen diesem Menschen und der biblischen Botschaft? Wo ist hier die Brücke? Dies ist das Schwerste von allein. Der gelebte Augenblick führte unmittelbar zum Wissen um die Offenbarung, die Besinnung auf die Geburt mittelbar zum Wissen um die Schöpfung; aber die Essenz der Erlösung wird im persönlichen Leben jeder von uns wohl erst an dessen Endo zu kosten bekommen. Und doch gibt es auch hier einen Zugang, einen dunklen und stillen, auf den sich nicht anders zeigen läßt, als indem man seinen Hörern zumutet, sich an ihre dunkelsten und stillsten Stunden zu erinnern. Ich meine die Stunden am untersten Grunde, da einer über der zitternden Falltür liegt, die sich im allernächsten Augenblick auftun krinn, es ist ganz sonderbar, daß sie sich noch nicht aufgetan hat, in das Verderben, in den Wahnsinn, in den vollstreckenden „Selbstmord": nun aber rührt dich etwas an wie eine Hand, reicht sich dir hin, will ergriffen werden, — ach und es gehört ein so ungeheurer Mut dazu, sie zu ergreifen und sich von ihr heraufziehen zu lassen aus der Finsternis! Erlösung geschieht. Erfahren wir recht, was sich uns da zu erfahren gab: daß unser Erlöser lebt, der uns erlösen will, aber durch unsere Annahme seiner Erlösung in der Umkehr unseres Wesens. Zugang, sage ich. All dies ist noch nicht das Stehen in der biblischen Wirklichkeit. Aber es ist der Zugang zu ihr und der Anbeginn. Neue Märchen für jüdische Kinder Mirjam Singer: Benni fliegt ins Gelobte Land. Ein Buch für jüdische Kinder. Mit vielen Bildern von Franz Reisz. K. Löwit-Veriag, Wien-Jerusalem. Mirjam Singer ist den jüdischen Kindern keine Unbekannte. Schon 'vor 15 Jahren, damals noch in Europa im jüdischen Krei •. bekannt unter dem Namen Irma Singer, hat sie die ersten jüdischen Märchen verfaßt, die hervorgegangen sind aus der Praxis des unmittelbaren Erzählens im Verkehr mit jüdischen Kindern. Nun ist die Verfasserin eine echte Palästinenserin geworden, in jenem Teil des Landes wohnhaft, wo der Geist der Erneuerung am stärksten lebendig ist, und ihre eigenen Kinder sind Bürger von Degania. Auch von dort aus spricht Mirjam Singer zur jüdischen Jugend der Diaspora. In diesem neuen Märchenbuch verknüpft sieh das Jüdische mit dem Allgemein-Menschlichen, mit dein Märchenhaften auf natürliche und selbstverständliche Weise. Ihr Held „Benni" wird von einem zusammenlegbaren Wunderflugzeug, das ihm sein Onkel von der Südsee-Insel geschickt hat, im Sturm nach einem fernen Land getragen, und als er dort am Strand erwacht und Kinder ihn umringen und hebräisch ansprechen, erkennt er, daß er in Erez Israel ist, wovon er schon so viel gehört hatte. Und nun schließt er Freundschaft und lernt in Flügen und Ausflügen das Land kennen, Stück für Stück, und die kleinen Leser mit ihm. (Nur der — sicher nicht von der Verfasserin verschuldete — Fehler „Emek Jisrael" statt „Jesrecl" hätte nicht sein sollen.) Natürlich bleibt Benni zum Schluß da, mitsamt den nachgekommenen Eltern. Aber das Buch ist nicht etwa bloße Beschreibung; es wird viel erzählt, und was gibt es da alles für Paliistina-Märchen (der Anthologie von Zwi Wilnai entnommen)! Eine reiche Sagen- und Märchenwelt in all ihrer Buntheit breitet sich vor dem entzückten Leser aus, und die Elemente des palästinensischen Lebens sind zwanglos hineingearbeitet. Wenn man an manche palästinensisch gefärbten Kinderbücher denkt, die einen Zug ins Verkrampfte und gewaltsam Heroische haben, dann empfindet man den echten menschlichen und kindhaften Ton hei Mirjam Singer besonders sympathisch und angenehm. Wir würden wünschen, daß viele jüdische Kinder sich mit Benni das Gelobte Land zeigen lassen. I. Ende 1935 wurde in England und Amerika mit Ausstellungen und Festartikeln ein Bibel- Jubiläum gefeiert: es ist jetzt 400 Jahre her, seitdem die Bibel zum erstenmal englisch gedruckt wurde. In der Ausstellung der New Yorker Stadtbibliothek waren u. a. Bibeln zu sehen, die ins Ladino, Persische, Arabische, Griechische, Türkische übersetzt und sämtlich in hebräischen Lettern gedruckt sind. Es wurde festgestellt, daß die Bibel bisher in 1021 Sprachen und Dialekte übersetzt ist Der erste hebräische Druck erfolgte 1447, der erste lateinische 1450, der erste jiddische — der dreißigste Druck, nach <kn Sprachen gerechnet, — 1540. Bialiks Geschichtsauffassung Von S. U c k o (Naweh Shaanan) Wir kennen aus vielen Gedichten Bialiks den Dichter ah Mahner und Aufrufenden zur jüdischen Renaissance. Seine Gescbichtsphilosophie erst erweist, auf welchem Grunde seine Gläubigkeit an eine Renaissance aufgebaut war. Der russischjüdische Philosoph Gerschensohn hatte in einem (im „Haarez" veröffentlichten) Gespräche als den Weg des Judentums den Weg passiven Leidens hingestellt Gegenüber dieser Geschichtsauffassung, die, aufgebaut auf den jesaianischen Kapiteln vom leidenden Knecht Gottes, monumentalen Ausdruck auch etwa im Werke Hermann Cohens gefunden hat, entwirft Bialik ein Geschichtsbild großen Ausmaßes, das gleichsam auch eine religiöse Begründung des zionistischen Werkes darstellen kann. Zionismus bedeutet aktive Gestaltung des jüdischen Weges, und in der Seele des jüdischen Frommen bedeutet dieser Aktivismus manchmal einen nicht geringen Widerspruch zu der Demut des üeführtwerdens. Bialiks Deutung der jüdischen Geschichte löst diesen Widerspruch und erhebt sich über ihn. Freilich nennt Bialik seine Deutung nicht „religiös", er spricht von einem „Mythos", also einer zwingenden Gewalt, die die jüdische Historie bestimmt und in die unser Tun eingebettet ist. Der Zionismus unserer Tage, das Bestreben zur Konzentration des jüdischen Volkes ist nur wieder ein Ausdruck eines Rhythmus, der in unserer Geschichte waltet. Die Gründe des Zionismus liegen zutiefst eigentlich nicht in den Gegebenheiten der Aktualität, sie sind tiefer eingegraben in der Notwendigkeit. Die ganze jüdische Geschichte stellt einen zwangsläufigen Wechsel von Verstreuung und Sammlung, Lösung und Festigung dar. Die abrahamitische Zeit in Palästina war erste Sammlung, die Rückkehr aus Aegypten die zweite, aus dem babylonischen Exil die dritte. Die Stunde vor jedem Exil schafft neue Werte und die Sammlung nach jedem Exil, jede Krisis also, tut dasselbe. Zehn Gebote, Prophetismus, Gesetz und die Uebertragung iüdischai Geistesgutes auf die Umwelt, das Christentum, sind in jenen Krisen entstanden. In dem Zauberkreis von Sammlung und Verstreuung bewegt sich das jüdische Sein in unendlichem Fortlauf. Wir stehen nun in einer Epoche neuer Sammlung im alten Lande jüdischen Geschickes. Wieder ist eine Station erreicht auf dem Wege der Ewigkeit. Den Glauben an die Ewigkeit Israels hat Bialik mit anderen Denkern der jüdischen Neuzeit gemeinsam, nur in der Begründung dieser Ewigkeit geht er einen eigenen, hochinteressanten Weg. Der Motor, der ständige Beweger des ewigen Israel, liegt tief im Wesen des jüdischen Seins. In einer Rede über die „Zweiheit" (Schniuth) jüdischen Wesens hat Bialik eine — fast möchte man sagen — rationale Begründung des ständigen Weitericbens unseres Volkes gegeben. Der Ansatz, das jüdische Wesen aus der in ihm wohnenden Gegensätzlichkeit zu erklären, ist in der zionistischen Ideologie kein neuer. Man denke nur an die „Drei Reden" Bubers über das Judentum, in denen er den jüdischen Charakter als einen „polar e n" beschreibt. Für diese Polarität gibt Bialik — und das scheint uns das Neue — eine empirische, positivistische Begründung. Der Gegensatz von Konzentration und Zerstreuung, der den Zauberrhythmus der jüdischen Geschichte bestimmt, liegt im Wesen des Judeseins begründet, in dem uralten, stets sich spiegelnden Gegensatz von ____ Hirte unci Landmann. Schon in der Erzählung von Kain und Abel in der Bibel tritt dieser Gegensatz hervor, der Gegensatz des an der Scholle, an der Konzentration Gebundenen und des Wandernden, Zerstreuten. In raschem Gang durch den Tenach und das talmudische Schrifttum zeichnet Bialik diese Spannung nach und es fehlt nicht, an geistreichen Hervorhebungen. Das Verbot des „Schatnes", des gemeinsamen Bentitzens von Flachs und Wolle, ist z. B. ein Ausdruck dieses ständigen Gegensatzes. Das jüdische Besitz- und Erwerbsrecht wird sogar in scharfsinnigen Ausführungen zur Erhärtung der These herangezogen. Die innere Polarität von Landwirt (Bodenständigem) und Hirten (Verstreuten) findet ihre Spiegelung in der im Juden liegenden steten Spannung zwischen Neigung zum Konkreten und Abstrahierten und fernerhin zwischen Nationalem und Uebernationalem. Auf die Zeit aber projiziert ergibt das den Rhythmus von Sammlung und Zerstreuung, von Palästina und Gola. Aus dieser Spannung erwächst die Ewigkeit, das Nie-zur-Ruhc-Komrnen unseres Volkes. Nun sind wir schicksalsmäßig wieder in eine Epoche der Sammlung eingetreten, die ihren Ausdruck im Aufbau des Landes findet. Wir wissen, welche großen Konsequenzen Bialik aus diesem gewaltigen Ereignis in seinen Liedern, aber auch in seinem wissenschaftlichen Werk gezogen hat. Sammlung aut allen Lebensgebieten bedeutet unsere Zeit, in der das jüdische Volk wieder zur Urproduktion zurückkehrt. Dieser Gedanke der Rückkehr m einem Leben, das wieder Arbeit aus den Urelementen ist, dieser urzionistische Gedanke hat Bialik immer wieder aufs neue begeistert. Hier liegt die ethische Wurzel des Zionismus für ihn wie für alle zionistischen Denker. Aber Bialik scheut nicht die Unaktualität. Der Aufbau unserer Tage ist eine gewaltige Station, aber auch „mir" eine gewaltige Station auf dem Ewigkeitswege des Volkes, wieder eine Sammlung im Zauberkreis. Die Stunde gilt, es zu nutzen. „Kinus", Sammlung aller jüdischen Geistesschätze, muß mit dem materiellen Aufbau Hand in Hand gehen. Dem dienten Bialiks Pläne und ausgeführten Werke wie das Sefer Haggadah, die Sammlung der Lieder Gabirols und die vielen von ihm geschaffenen Lehrbücher. Aus der Einsicht in den „Mythos", den zwangsmäßigen Weg der jüdischen Geschichte, wird eine Konsequenz des Willens gezogen. Mythos ist noch nicht Religion. Mythos kann auf göttliche Kräfte hinweisen. Religion verlangt Verantwortung und Konfrontation mit dem Absoluten. Im Rahmen seines Zionismus und damit den nur politischen Zionismus überschreitend, hat Bialik diese Konfrontation als Mahner vollzogen. Im Jahre 1917 sagt er zu Gerschensohn: „Jetzt in dieser Galuth geben die Juden ihre Kräfte bis zum äußersten aus. Die zukünftige Rückkehr nach Zion kann eine neue Messianität in sich bergen und deshalb werden wir uns auch nicht vor einer neuen Galuth fürcht e n." Man muß ganz nachfühlen, was der letzte Teil dieses Satzes in sich birg'.. Bialik war begeistert und optimistisch in unserem jungen Aufbau. Die Rückkehr nach Erez Israel ist notwendig und der Optimismus ist notwendig. Mitten hinein in diesen Anfang mit seinen Hoffnungen stellt Bialik die Möglichkeit des dritten Churbans, der dritten Galuth. Bialik, der nur den „Mythos" der jüdischen Geschichte aufzeigen wollte, steht plötzlich ganz in der praktischen Konfrontation, in der unsere Propheten, ja überhaupt die frommen Juden, gestanden haben. Aus dem Gefühl heraus, daß jede jüdische Sicherheit — auch in Palästina — bedroht ist von der Möglichkeit des Churban, sprachen unsere Propheten und schufen sie Werte der Ewigkeit. „Lebe angesichts der Möglichkeit, daß auch dieser Aufbau zur Zerstörung wird, wenn du nicht durch die Geradheit deines Weges für seine Dauer sorgst." Allen aktuellen, materiellen und materialistischen Begründungen des Zionismus stellt Bialik eine Begründung aus der Ewigkeit der jüdischen Geschichte gegenüber, an die Gegenwart aber wendet er sich mahnend, fordernd, die Gefahr mit der großen Hoffnung, in der er lebte, verbindend. 6