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Jüdische Rundschau · 1936-01-17 · Heft 5 (17.1.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 5 (17.1.1936)
Date
1936-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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■ * Nr, 5 17.1.1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Der heutige Mensch und die Bibel Aus einer Vortragsfolge (November 1926) Thema und Anspruch Biblia, die Bücher, so heißt ein Buch, ein Buch aus Büchern. Es ist aber in Wahrheit Ein Buch. All diese Erzählungen und Gesäinge, Sprüche und Weissagungen sind vereint durch das Grundthema der Begegnung einer Menschenschar mit dem Namenlosen, den sie, seine Anrede erfahrend und ihn anredend, zu benennen wagte, ihrer Begegnung in der Geschichte, im Gang des irdischen Geschehens. Diese Erzählungen sind, offenkundig oder über sich hinausweisend, Berichte von Begegnungen. Diese Gesänge sind Klagen um das Ausgeschlossenwordensein von der Gnade der Begegnung, Bitten um ihre Wiederkehr, Dank für ihr Geschenk. Diese Weissagungen sind Anrufe zur Umkehr des verlaufenen Menschen an den Ort der Begegnung, und Verheißungen der Ncuknüpfung zerrissenen Bandes. Wenn Zwcifclsaufschrcie in dem Buch stehn, so ist es der schicksalhafte 7Aveifel des Menschen, der nach der Nähe die Ferne zu kosten bekommt und von ihr lernt, was nur sie lehren kann. Wenn Liebeslieder drin stehn, so dürfen wir es nicht als späte Umdeulung, sondern als eine mit dem Weiden des „biblischen" Bewußtseins gewordene Einsicht ansehen, daß in der Tiefe der Menschenminne sich die Liebe Gottes zu seiner Welt erschließt. Dieses Buch tritt, seit es da ist, eine Generation nach der andern an. Auseinander- und Ineinanderselzung begibt sich zwischen jeder und ihm. Was die Geschlechter dem Buch entgegenbringen, ist keineswegs immer Botmäßigkeit und Hörbereitschnft, oft ist es Aergernis und Empörung, aber immer belassen sie sich lebensmäßig damit, stellen sich ihm im Raum der Wirklichkeit. So war auch, wo nein gesagt wurde, das Nein eine Bestätigung des Anspruchs, der hier die Menschen antritt, — sie zeugen für ihn auch noch, wenn sie sich ihm weigern. Die Not der Gegenwart Anders verhält es sich mit dem heutigen Menschen, worunter ich den „geistigen" Menschen dieser Zeit verstehe, den nämlich, dem es wichtig erscheint, daß es geistige Güter und Werte gibt, der etwa auch zugibt oder gar selber erklärt, daß ihre Wirklichkeit an ihre Verwirklichung durch uns gebunden sei; der aber, in die innerste Wahrheit hinein befragt, in die hinein man Menschen gemeiniglich nicht befragt, zugeben müßte, daß ihm dieses sein Gefühl von der Verbindlichkeit des Geistes selber nur eine — geistige Angelegenheit ist. Die Unverbindlichkeit des Geistes ist die Signatur unserer Zeit; man proklamiert die Rechte des Geistes, man formuliert seine Gesetze, aber in das Leben gehen sie nicht ein, nur in Bücher und Diskussionen; eie schweben in der LufJ. über unsern Häuptern, sie treten nicht mitten unter uns auf die Erde; alles ist des Geistes, nur der gelebte Alltag nicht. Gleichviel ob ein falscher Idealismus waltet, der das Leben von einer Azurglocke überwölben läßt, in deren unverbindlich erhebendem Anblick man sich von der spröden Erde erholt, oder ein falscher Realismus, der den Geist nur als Funktion des Lebens versieht und seine Unbedingthcit in luuter Bedingtheiten, psychologische, soziologische und dergleichen, auflöst, — immer wird ein falsches Verhältnis zwischen den beiden an die Stelle der Verbindung, Vermählung gesetzt Diese Trennung des Aufeinanderangewiesenen ist freilich von Menschen dieser Zeit in ihren zersetzenden Wirkungen erkannt worden, — eine Zersetzung, die immer tiefere Schichten ergreifen muß, bis der völlig entmächtigte Geist zum willigen und selbstgefälligen Knecht der jeweiligen Weltmächte erniedert wird. Die Menschen, von denen ich rede, haben sich darüber Gedanken gemacht, wie dem Zerfall abzuhelfen sei, und sie haben an die R e 1 i g i o n als an die Gewalt appelliert, die allein noch befähigt sei, einen neuen Bund von Geist und Welt heraufzuführen. Aber was man heute Religion nennt, wird das nie vermögen. Religion" ist selber heut« eine Sache des abgelösten Geistes, eine seiner Abteilungen, eine gewiß bevorzugte Abteilung des Uebeibaus des Lebens, eine besonders stimmungsvolle Kammer in den oberen Räumen; das lebenumfangende Ganze ist sie nicht und kann es von diesem ihrem Status aus auch nicht werden; sie kann den Menschen zur Einheit nicht führen, denn sie ist seibor in die Entzweiung gefallen, selber hat sie sich dieser Zwiefaltigkeit der Existenz angepaßt. Sie selber müßte zur Wirklichkeit umkehren, ehe sie auf den heutigen Menschen zu wirken vermöchte. Wirklichki i war die Religion immer nur, wenn sie ohne Scheu war, wenn sie die ganze Konkretheit auf sich nahm, nichts als andern Rechtes abstrich, den Geist verleibte und den Alllag weihte. Die größte Urkunde solcher Wirklichkeit aber ist die Schrift, das sogenannte Alle Testament. Das Eigentümliche Ein Doppeltes — das aber untereinander zusammenhängt — hebt es von den großen Büchern der Weltreligionen ab. Das eine ist, daß Ereignis und Wort hier durchaus im Volk, in der G e s c h i c h t e, in der Welt stehen. Was sich begibt, begibt sich nicht in einem ausgesparten Raum zwischen Gott und dem Einzelnen, über diesen hin geht das Wort an das Volk, das hören und verwirklichen soll. Was sich begibt, erhebt sich nicht über die Volksgeschichte, es ist nichts anderes als das offenbare Geheimnis der Volksgeschichte selber. Aber eben damit ist das Volk gegen die nationale Selbstzwecksetzung, die Gruppeneigensucht, den „Atem der Weltgeschichte" gestellt; es soll die Gemeinschaft der Seinen als Modell einer Gemeinschaft der so vielen und so verschiedenen Völker errichten; der geschichtliche Bestand in „Stamm" und „Erde" ist an den „Segen" gebunden (Gen. 12, 7 ff.) und der Segen an den Auftrag. Das Heilige dringt in die Geschichte ein, ohne sie zu entrechten. Und das andere ist, daß hier ein Gesetz spricht, das dem natürlichen Leben des Menschen gilt. Flcischessen und Ticropfer sind aneinander gebunden, eheliche Reinheit wird monatlich im Heiligtum geweiht; der triebhafte, der leidenschaftliche Mensch wird angenommen wie er ist und cingeheiligt, daß er nicht süchtig werde. Das Verlangen nach Bodenbesitz wird nicht verpönt, Verzicht wird nicht geboten; aber Eigner *) Von einer Arbeit dieses Titels, die das vom Schocken- Verlag vorbereitete Buch „Die Schrift urd ihre Verdeutschung", von Martin Buber und Franz Rosenzweig, eröffnet, wird hier die erste Hälfte mitgeteilt. Die zweite behandelt «n der Hand einiger Beispiele die „Führungskraft" der BibeL Von MARTIN BUBER* des Bodens ist Gott, der Mensch nur „Beisaß" bei ihm, und der Eigner setzt den Rhythmus des Besitzesausgleichs ein, damit die übervvachsende Ungleichheit nicht die Ciomeinschaft zwischen den Genossen sprenge. Das Heilige dringt in die Natur ein, ohne sie zu vergewaltigen. Der lobendige Geist will begeisten und beleben; wiil, daß Geist und Leben einander finden, daß Geist sich ins Leben gestalte, Leben aus Geist sich kläre; er will, daß seine Schöpfung selber sich vollende. Dieses Willens und des gebotenen Dienstes am lehenvorhundenen Geist Zeugnis will das „Alte Testament" sein. Faßt man es als „religiöses Schrifttum", einer Abteilung des abgelösten Geistes zugehörig, dann versagt es und dunn muß man sich ihm versagen. Faßt man es als Abdruck einer lebemimschließenden Wirklichkeit, dann faßt man es und dann faßt es einen. Der heutige Mensch aber vermag dies kaum noch. Wenn er an der Schrift überhaupt noch „Interesse nimmt", dann eben ein „religiöses", — zumeist nicht einmal das, sondern ein „religionsgeschichtliches" oder ein „kulturgeschichtliches" oder ein „ästhetisches" u. dgl. m., jedenfalls ein Interesse des abgelösten, in autonome „Bereiche" aufgeteilten Geistes. Er stellt sich dem biblischen Wort nicht mehr, wie die früheren Geschlechter, um auf es zu hören oder daran Aergernis zu nehmen, er konfrontiert sein Leben nicht mehr mit dem Wort; er bringt es in einer der vielen unheiligon Laden unter und hat seine Ruh davor. So lähmt er die Gewalt, die unter allem Bestehenden am ehesten ihn zu retton vermöchte1). Die Glaubensfrage Ehe ich die Führungskraft der Schrift für den heutigen Menschen deutlicher zeige, muß die Grundfrage behandelt werden, die hier der sich Besinnende stellt: Und wenn dieser Mensch — und wenn wir es zustande brächten, als Ganze vor die Ganzheit dieses Buches, von dem du redest, zu treten, würde nicht auch dann noch das zu einer echten Rezeption Unentbehrlichste fehlen? Würden wir ihm dann glauben können? Würden wir e s glauben können? Können wir mehr als glauben, daß einst so geglaubt worden ist, wie dieses Buch berichtet und bekundet? Dem „heutigen Menschen" ist die Glaubenssicherheit nicht; zugänglich und kann ihm nicht zugänglich gemacht werden. Wenn er Ernst macht, weiß er das und darf sich nichts vortäuschen. Aber die Glaubensaufgesehlosscnheit ist ihm nicht versagt. Auch er kann sich, eben wenn er Ernst macht, diesem Buch auftun und sich von dessen Strahlen treffen lassen, wo sie ihn eben treffen; er kann sich, ohne Vorwegnahme und ohne Vorbehalt, hergeben und sich erproben lassen; er kann aufnehmen, mit allen Kräften aufnehmen, und warten, was an ihm geschieht, warten, ob nicht zu dem und jenem in dem Buch eine neue Unbefangenheit in ihm aufkeimt. Dazu muß er freilich die Schrift vornehmen, als kennte er sie noch nicht; als hätte er sie nicht in der Schule und seither im Schein „religiöser" und „wissenschaftlicher" Sicherheiten vorgesetzt bekommen; ais hätte er nicht zeitlebens allerlei auf sie sich berufende Scheinbegriffe und Scheinsätze erfahren; neu muß er sich dem neugewordenen Buch stellen, nichts von sich vorenthalten, alles zwischen jenem und ihm geschehen lassen, was geschehen mag. Er weiß nicht, welcher Spruch, welches Bild ihn von dort aus angreifen und umschmelzen, woher der Geist brausen und in ihn fahren wird, um sich in seinem Leben neu zu verleiben; aber er ist aufgetan. Er glaubt nichts von vornherein, er glaubt nichts von vornherein nicht. Er liest laut, was dasteht, er hört das Wort, das er spricht, und es kommt zu ihm, nichts ist prä judiziert, der Strom der Zeiten strömt, und dieses Menschen lleutigkeit wird selber zum auffangenden Gefäß. Bibel und Gesdiidite Wir müssen uns aber, wollen wir recht verstehen, um was es gehl, die ganze zwischen dem heutigen Menschen und der Schrift aufgerissene Kluft vergegenwärtigen. Der Anspruch der Schrift, mit dem sie an die Geschlechter herantrat und herantritt, ist, als die wahre Geschichte der Welt anerkannt zu werden, als die nämlich, in der die Welt einen Ursprung und ein Ziel hat; die Schrift fordert von der menschlichen Person, in diese wahre Geschichte das eigene Leben einzubetten, so daß ich im Ursprung der Welt meinen Ursprung und in ihrem Ziel mein Ziel finde; als die Mitte aber zwischen Ursprung und Ziel setzt die Schrift nicht etwas an, was sich einmal ereignet hat, sondern — eine bewegliche, kreisende, unfestlcgbare Milte — den Augenblick, in dem ich, ich der Leser, der Hörer, der Mensch, durch sie die Stimme vernehme, die vom Ursprung her auf das Ziel hin redet: diesen meinen sterblichen, ewigen Augenblick. Die Schöpfung ist der Ursprung, die Erlösung ist das Ziel, aber die Offenbarung ist nicht ein zwischen beiden ruhender, verfestigter, datierbnrer Funkt; nicht die Sinai-Offenbarung ist die Mitte, sondern ihr immer wieder geschehen könnendes Vornommonwcrden. Darum ist ein Psalm oder eine Prophetie nicht weniger „Thora", Weisung, als die Erzählung vom Auszug von Aegypten. Die Volksgeschichle — Annehmen und Versagen in einem — weist auf die Menschheitsgeschichte, aber was in Psalm und Prophetie an heimlicher Zwiesprache laut wird, weist auf mein Geheimnis hin. Die Schrift Geschichte einer Welt, die zwischen Schöpfung und Erlösung schwingt, Geschichte einer Welt, der in ihrer Geschichte Offenbarung widerfährt, — eine Offenbarung, die mir widerführt, wenn i h da bin: von hier aus verstehen wir den Widerstand des heuligen Menschen, als einen Widerstand seines Wesens. Der heutige Mensch steht zur Geschichte entweder liliertinistisch, sie hinnehmend und mitmachend im Hin und Her der Begebe: 1k ilcn, im Auf und Nieder <L-r Machtkämpfe, als ein Durcheinander, eine Promiskuität der Vorgänge: Völkerlaien, Völkertode, Erraffen, Verlieren, Triumph und Misere, — ein an sich sinnloses Getriebe, dem nur eben von ihm, dem Menschen, her je und je ein ungegründeter und unl>eständiger Scheinsinn verliehen werden kann; oder er steht zu ihr dogmatisch, Gesetze von Abläufen fixierend und künftige Abläufe vorberechnend, als stünden die „großen Linien" schon irgendwo auf ei'ier Rolle, die nur eben abrollte, als sei Geschichte nicht die werdende und lebendig stets sich entscheidende Zeit, in die meine Zeit und Entscheidung mit aller Wucht sich ergießt, sondern ein starrer, vorhandener, unabwendbarer Raum. Mißkennen des Schicksals ienes und dieses! Schicksal ist weder Zufall noch Verhängnis; es ist kein Passierendes und kein Vorwegseiendes; biblischer Einsicht ist Schicksal die geheime Wechsclseitigkeit des gelobten Augenblicks, das Aneinandergeraten von Hüben und Drüben, die Austragung der ganzen Zeit in der jeweiligen. Wo man um Ursprung und Ziel weiß, da gibt es kein Getriebe: man ist von einem Sinn getragen, den man nicht ersinnen könnte; aber man empfängt ihn nicht, um ihn zu formulieren, sondern um ihn zu leben; und gelebt wird Clin der furchtbaren und herrlichen Entscheidlingsfülle des Augenblicks; des geschichtlichen Augenblicks, der in seinen \\ irklichkeiten überall ein biographischer ist, deiner und meiner nicht weniger als Alexanders und Casars; aber deiner nicht deiner, sondern deiner Begegnung. Der heutige Mensch kennt keinen Anfang — die Geschichte plätschert ihn von der kosmisch geschh litsloscn Zeil her an; er kennt kein Ende — die Geschichte verbrandet ihm in kosmisch geschichtslose Zeit; und dies hier dazwischen, zu welch einer gewaltsamen und läppischen Episode ist es geworden! Der Mensch kennt Ursprung und Ziel nicht mehr, weil er die Mitte nicht mehr kennen will: zu der er selber sieh hergeben müßte, um sie zu erkennen. Nur von der Gegenwärtigkeit der Offenbarung aus ist Schöpfung und Erlösung wahr. Der heutige .Mensch widersteht der Schrill, weil er der Offenbarung nicht .standhält. Der Offenbuiung standhalten heißt die Entscheidungsfülle des Augenblicks aushalten; beißt für den Augenblick antworten: ihn verantworten. Der heut ige Mensch widersteht der Schrift, weil er nicht mehr verantwortet. Er wähnt viel zu wagen, aber dem einzigen echten Wagnis, dem der Verantwortung, weicht er geschäftig aus. Die biblischen Ordnungen Die Einsicht in die biblische Wirklichkeit beginnt mit der Sonderung von S c h ö p 1 u n g, () 1 I e n b a r u n g und Erlösung ). Von dieser Einsicht und damit von dem Boden des „\lten Testaments" entfernte sich das Christentum schon, als es in seiner frühen Theologie die wesentliche Offenbarung und die wesentliche Erlösung im Christus verschmelzen ließ, und es war nur eine Karle Folgerichtigkeit, wenn Marcion tum die in den Rang der Voraussetzungen zurückgetretene Schöpfung zum Pfiischwcrk eines anderen subalternen Gottes entwertete. Damit aber war das mit dem Wesen unsres Geistes verbündete Wesen der Zeit preisgegeben, als welche das Gewordensein, das Geschehen und das Wcrdcnsollen urtümlich auseinanderhält, — Ordnungen, die in jenen biblischen zur Blüte ihrer sinnlichen Wahrheit gedeihen. Ist somit die treue Sonderung der Drei — nicht als Hypostasen oder Erscheinungsformen Gottes, aber als Stadien, Handlungen und Ereignisse in seinem Verkehr mit der Welt und so freilich auch als Grundhaltungen in seiner Bewegung zu ihr ■— das unausweichliche Tor zur biblischen Wirklichkeit, zur Bibel als Wirklichkeit, so darf sie doch nicht sich zur Scheidung überspannen. Wenn dem biblischen Blick die Offenbarung sich in der Mitte, die Schöpfung im „Anfang", die Erlösung im „Ende" gleichsam eingesammelt darstellt, so ist die lebendige Wahrheit doch ihr aktuelles Beieinandersein, dies, daß Gott „alltäglich das Werk des Anfangs erneuert", aber auch alltäglich das Werk des Endes vorwegnimmt. Wohl ist Schöpfung und Erlösung nur von der Gegenwärtigkeit der Offenbarung aus wahr, aber was Schöpfung, was Erlösung ist, könnte ich nie verstehen, wenn nicht an mir Schöpfung, an mir Eriösung gesch ähe. Von dieser Tatsache muß die wiederkehrende Frage ausgehen, ob, wie die Kluft zw ischen dem heut inen Menschen und der Schrift zu überbrücken sei. W ir hülfen die Frage nach dem (ilaubenkönnen des heutigen Menschen dahin beantwortet, daß ihm zwar die Glaubenssicherheit, jedoch nicht auch die Glaubcnsaufgcs< hlossenhcit versagt. ist. Steht aber diesem Sich-aufschließen nicht die Fremdheit der biblischen Ordnungen im Weg'-' Ist ihm die Wirklichkeit der Schöpfung nicht in der „Evolution", die der Offenbarung nicht im „Unterbewußtsein", die der Erlösung nicht in einet sozialen oder nationalen Zweckset zung untergegangen:' Man muß die massive Realität dieser .Fremdheit ganz wahrnehmen, dann erst darf man zu zeigen versuchen, daß dennoch ein Zugang, der Zugang besteht. Offenbarung Wieder wollen wir mit der Mitte beginnen. Was kann uns damit gemeint sein, daß Gott im Feuer aul den wie ein Schmelzofen rauchenden Berg unter Donner- und Posauncnschall niederführt und zum Volke redet? Dreierlei, wie mir scheint. Entweder ist es ein metaphorische« Ausdruck für einen „geistigen" Vorgang; aber ist die biblische Geschichte nicht Erinnerung von Ereignis, sondern Metapher und Allegorie, dann ist sie nicht biblisch mein und verdient kein besseres Schicksal als der kulturgeschichtlichen, ästhetischen usw. Betrachtungsweise des modernen Menschen ausgeliefert zu werden. Oder es ist der Bericht eines „übernatürlichen" Vorgangs, der also den faßbaren Zusammenhang des Geschehens, den wir den natürlichen nennen, durch den Einbruch eines Unfaßlichen zerreißt; aber dann müßte der heulige Mensch, der die Bil>ei anzunehmen sich entschlösse, will er nicht in die träge Geläufigkeit eines nicht wirklich Geglaubten verfallen, ein sacrificium vollziehen, das sein Leben unheilbar mitten entzweischnitte; er würde also eben doch nicht die lebenumschließende biblische Ganzheit, sondern die abgelöste Religion angenommen haben. Oder endlich, es ist die Wortspur eines natürlichen, d. Ii. in der den Menschen gemeinsamen Sinncnwcll geschehenen und ihren Zusammenhängen eingefügten Ereignisses, das die Schar, die es erfuhr, als Gottes Offenbarung an sie erfuhr und so in einem begeisterten, willkürfrei gestaltenden Gedächtnis der Geschlechter bewahrte; dieses So-erfahren nlnsr ist nicht eine Selbsttäuschung der Schar, sondern ihre Schau, ihre Erkenntnis und ihre vernehmende Vernunft, denn die „natürlichen" Ereignisse sind die Träger der Offenbarung, und Offenbarung ist geschehen, wo der Zeuge des Ereignisses, ihm standhaltend, diesen Offcnbarungsgchalt erfuhr, sich also sagen ließ, was in diesem Ereignis die darin redende Stimme ihm, dem Zeugen, in seine Beschaffenheit, in sein Lcl>cn, in J) Das ist vor neun Jahren gesprochen worden. Daß heute die Schrift vielfach wieder zum Aergernis geworden ist, erscheint mir als die erste Wendung zu einem neuen Ernstnehmen. Mß- *) Sie unserer Zeit neu dargelegt zu haben, ist das große Vordienst von Roscuzweigs „Stern der Erlösung".

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