Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1936)
- Date
- 1936-01-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Safte 10 gleichgültig blciU'n, in welchem GeUic und in welchem Sinne Pal», stin» »erwaltet wird. Gerade aus unseren Reihen sind nhlreiche Menschen n;i<-!i PaU-eh,, gtgtitigru, <jj.- der dortigen WiiU-haft neue Kräfte iiittefiiliü, neue l 'ntei nelcnimg. u dort installiert halwn oder sich an« meiern, es;>.,,•(, zu tun. Alle dic-e Kralle, die die wirtschaftliche Bad, i!c, Lande» era.i'cm hellen, wurden eine schwere Enttäuschung erleiden, wenn d.U. was sie geschaffen haben, unter laif.v a ::den den I!.„ islli..... cioer Kör Ii erschall unterwarfen sein wurde, die geMMc: wird ohne Kückdcht auf die steten \ e r ä n il e r n n g e ti, die >ieh in der Patibtinawirtschalt jeden Tag unter tätiger JWi!i»unR jüdischer Wirt* haltlw ergeben." Zum Sellin Ii erklärt das Gemciudcblatt, es bedürfe „der Hervorhebimg uml Anerkennung, dal) auch der nichtzionistische Teil der Juden in Deutschland die Sorgen der palästinensischen Jtidcnheit teilt und mit sympathicvoller Anteilnahme eine befriedigende Klärung der Lage erhofft". Stellungnahme der amerikanischen Zlonlsten Der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Kothenberg, veröffentlicht im Zusammenhang mit der geplanten Hinftilirutt;^ des Legislative Council eine Erklärung, in der es heißt: „Die Zionistische Organisation Amerikas unterstützt die Exekutive der Jewish Agcncy in vollstem Maße hei ihrem Widerstand gegen die Einsetzung cinej Legislative Council. Die Zionisten erkennen die Schwierigkeiten des Kampfes gegen das Vorgehen der Palästinaregicrung, da bei oberflächlicher Betrachtung die Einsetzung des Council demokratischen Grundsätzen entspricht. Die Juden der ganzen Welt müssen mit alier Energie der Einführung des Legislative Council Widerstand leisten, die dem Wortlaut und Geist des Mandats aufs äußerste zuwiderläuft." In einer Zuschrift an die Tageszeitung „Doar Hajom" erteilt der Schrift-M!cr Ittamar Heu Awi, der Sohn Elicser Ben-Jehudas, den Juden den Rat. sich an dem Legislative Council als Beobachter zu beteiligen. Arabische Kundgebung? „United l'rvil" meldet aus Jerusalem: Der 5. Januar wird außer der Entscheidung der arabischen I uhrer über das heftig umstrittene Projekt eines „Ocsvtzgcbemh n K.-t.s" Kundgebungen der radikalen M o h a tu in e d a n e r ■ ( U g a n i s a t i o n „A r a bische Jugend" in Ilaifa und bei Nablus zu Ehren ihrer Ende November im Kampfe mit britischer Polizei erschossenen Anhänger veranstalten. Alle bereits gewährten Urlaube von ."• di/i inngeln'jrigeii sind wieder aufgehoben worden. Mögiii In nvii-e hangt mit der bestehenden inneren Spannung auch die dieser Tage erfolgte Ankunft von drei englischen Kriegsschiffen in Haifa zusammen. Gleichzeitig!taf ein britisches Regiment ein, das die nach Schanghai verlegte bisherige Besatzung Haifas ablöste. 61541 Einwanderer Die vorläufigen Zahlen der jüdischen Einwanderung über Jaffa und Haifa betrugen (laut Palcor) Im Dezember 3H92 Einwanderer, darunter 305 Kapitalisten mit wenigstens 1000 Pfund Kapital. Die Gesamtzahlen für 1935 belaufen sich auf 61541 Einwanderer, darunter 4525 Kapitalisten. Im Jahre 1934 kamen 42 359 Einwanderer ins Land, darunter 3561 Kapitalisten. (Die in einer In unserer letzten Nummern veröffentlichten JTA-Meldung angegebene Zahl von 59 000 wird also noch um einiges überschritten. — Redaktion.) JODISCHE RUNDSCHAU Chemische Industrie In der letzten Nummer des Organs der Arberterkooperativen „llamcschck haschittufi" wird ein üibcrbiick über die Entwicklung der chemischen Industrie in Palästina während der letzten Zeit gegeben, s.it kurzem nimmt neben dem großen Werk, das die Naturschätze des Toten Meeres ausbeutet, auch die chemische K ei in .inst ie einen crfieulichen Aufschwung. Besonders entwickelt sich die Farbenindustrie. Schon seit langem gab es in Tek- Awiw und Jaffa zwei Fabriken, die hauptsächlich Oclfarbe herstellten. Die trockenen Farben wurden vom Ausland eingeführt und in diesen Fabriken mit Elachsöl gemischt. In den letzten zwei Jahren aber sind zwei Lackfabriken gegründet worden, eine in Jerusalem und eine in der Haifabucht, die Lacke produzieren, die es in ihrer Qualität durchaus mit den eingeführten aufnehmen können. In der Haifabucht wurde auch von einem Einwanderer aus Jugoslawien eine Fabrik für Trocken färbe n gegründet, die in der Hauptsache heimische Rohstoffe verwendet uml die Hälfte ihrer Produktion an Araber verkauft. — Auch die kosmetische Industrie entwickelt sich günstig. In Tel-Awiw und Umgebung bestehen jetzt vier derartige Fabriken, die alle gut eingeführt sind, und ihre Produktion auf immer neue Zweige erweitern. — Ebenso gut sind die Aussichten der pharmazeutischen Industrie. Zur Zeit bestehen sechs Fabriken und Laboratorien, die zum Teil hochqualifizierte Präparate herstellen. Auch zwei Seifenfabriken unu eine Oelfabrik sind neu gegründet worden. •— In der Llmgebung Natanias arbeiten jetzt drei Konservenfabriken an der Konservierung von Obst und Gemüse. — Mehrere Klcinunternehmer beschäftigen sieh mit der Herstellung von Puddingpulvern, Backpulvern usw. Ein kleines Unternehmen produziert Tinte, ein anderes Blaupapier. — Schließlich ist noch eine große Essenzfabrik, die erste im Laude, in der Haifabucht zu erwähnen. Sic arbeitet ausschließlich für den Export und ist von holländischen Juden gegründet worden. Verringerung des palästinensischen Imports Jerusalem, '1. Januar. (J1A.) Der palästinensische Ilmport hat in den letzten Monaten einen Rückgang zu verzeichnen, der zu einem bedeutenden Teil direkt oder indirekt auf die Sanktionen gegen Italien zurückgeführt wird. Die Einfuhr aus Italien ist infolge der Sanktionen vollständig eingestellt worden. Aber auch die Einfuhr aus Oesterreich und Ungarn ist sehr stark gesunken, weil diese beiden Länder, die sich den Sanktionen gegen Italien nicht angeschlossen haben, ihre Lieferungen nach Italien auf Kosten des Exports nach anderen Ländern, darunter auch nach Palästina, stark gesteigert haben. Insgesamt ist der Wert der Einfuhr pro Monat um rund 70 000 Pfund gesunken. Diese Erscheinung wirkt gleichzeitig als Ansporn für die einheimische Produktion. So hat die Zementfabrik Nesher bei Haifa ihre Produktion bedeutend erhöht, so daß ausländischer Zement von dem Baumaterialinimarkt Palästina« fast völlig verschwunden ist. Dazu hat allerdings auch die Verringerung der Bautätigkeit, die insbesondere in Tel- Awiw Und Haifa stark ins Gewicht fällt, beigetragen. König Georgs Baum für Palästina. In einer Zuschrift an die „Times" wird (offenbar von einem sachverständigen Botaniker) festgestellt, daß der vom König von England für den in der Nähe von Nazareth angepflanzten König-Georg- Wald gestiftete Baum keine Zypresse ist, sondern cm Exemplar des Thuya orientalis, der auch richtiger Biota orientalis genannt werde. Es ist der chinesische Lebensbaum (Arbor vitae), leicht erkennbar durch seine nach oben gerichteten Zweige, wird aber nicht sehr groß, höchstens 40 Fuß. Nr. 2, 7. I. 1936 Um Rabbi Kuks Nachfolger Jerusalem, 6. Januar. (JTA.) Ohne vorherige Verständigung mit den jüdischen Vertretungskörperschaften haben die Jerusalemer Rabbiner Rabbi Zwi Pessach Frank als Nachfolger Rabbi Kuks zum Oberrabbiner gewählt. Die jüdischen Institutionen weigern sich jedoch, Rabbi Frank als Oberrabbiner anzuerkennen. Die Gcrer Chassidim haben Rabbi Zcmb a eingeladen, als ihr geistlicher Führer nach Palästina zu kommen. Der neugewählte Oberrabbiner von Tel-Awiw, Amiel, trat am 5. Januar die Ueberfahrt nach Palästina an. Die Jüdische Gemeinde Antwerpen veranstaltete zu Ehren Rabbi Amieis ein Abschiedsbankeft. Normalisierung des Geldumlaufs J e r u s a le m, 2. Januar. (JTA.) Die Normalisierune des Geldumlaufs in Palästina macht weitere Fortschritte. Als vor einigen Monaten infolge der Kriegspanik eine Verknappung der Zahlungsmittel in Palästina eintrat, brachte der Leiter des Finanzdepartments der Palästina-Regierung, lohnson, größere Mengen von Münz- und Papiergeld im Gesamtbetrag von 1 500 000 Pfund in Umlauf. Da sich seither die Wirtschaftslage Palästinas gebessert hat, konnten die neu ausgegebenen Zahlungsmittel zum Teil wieder eingezogen werden. Ende November war der Geldumlauf Palästinas um 700 000 Pfund gesunken, da entsprechende Beträge den Weg in die Bankinstitute zurückgefunden hatten. Die Lage der Banken hat sich weiter stabilisiert, so daß die Stützungsaktion der Regierung entbehrlich wurde. Von der Woche Der Waad Lcumi, der jüdische Nationalrat Palästinas, und die jüdischen Gemeinden ganz Palästinas haben an den High Commissioner Sir Arthur Wauchope anläßlich der Verlängerung seiner Amtszeit um weitere fünf Jahre Glückwunschschreiben gerichtet. In der Nähe der jüdischen Kolonie B e t Alfa verübten arabische Banditen einen Ueberfall, bei dem auf den Wächter von Bet Alfa, Jacob Glanz, Schüsse abgegeben wurden. Der Wächter blieb unverletzt. Polizei nahm 'mit Hilfe von Spürhunden die Verfolgung auf und verhaftete zwei Beduinen. Ferner wird über Schießereien bei der Kolonie K f a r Chassidim nördlich von Haifa und von Schüssen auf Waggons bei Jadschur berichtet. Die Zwischenfälle haben keinerlei Opfer gefordert. Es wurden auch keine Verhaftungen vorgenommen. Samuel Bloom, der Gründer der Fabrik für künstliche Zähne in Tel-Awiw, stiftete anläßlich seines 75. Geburtstages 3000 Pfund für den Bau eines Heimes für verwahrloste Kinder in Tel-Awiw. Chanukkah In Jerusalem. Zu Chanukkah herrschte diesmal ein besonders reges musikalisches Leben in der Stadt: Viele Schulen veranstalteten Aufführungen von musikalisch umrahmten Theaterstücken; Chöre, Schulorchester und jugendliche Komponisten betätigten sich neben bedeutenden Solisten. In den Räumen der Arbeiterküche war wildes Horrah-Singen und -Tanzen zu hören und aus den Klubräumen der „Zciroth Iwrioth" tönte Beethovens „Die Himmel rühmen" auf Hebräisch. Die meisten leiern fanden im häuslichen Kreise statt — oft mit Grammuphon- oder Radiobegleitung oder in Form eines kammermusikalischen „Meetings" —, während die jüngsten Mitbewohner der Arbeiter¬ und Beamtensiedlungcn Rechawjas das Cbanukkahlied mit viel Begeisterung in den goldverbrämten Märchenhimmel ihres Landes hinaussangen. In manchen Kwuzoth bemühte man sich, der alten Feier durch neue Nigunim eine veränderte Nuance und Wiederbelebung z.u verleihen. Ueberall wird das Streben deutlich, das Weihefest gerade nach der musikalischen Seite hin neu auszugestalten. J.-L, Palästinensisches Postwesen Der Tragödie erster Akt; Ich muß telephonicren. Ich muH telephonieren. Dringend telephonicren. Meine Dispositionen i'ur die nächsten zwei Tage hängen davon ab, daß ich einen Mann, mit dem ich zu verhandeln habe, möglichst bah! 'Miiche. Telephon habe ich nicht. Ich habe es zwar vor I I \\on;d(;i bestellt und mit einer wahrhaft heroischen Aik;.;ner immer wieder die hohe Postdirektion besclmoiea, gebeten, bedroh!. Der einzige Erfolg sind auf Foriuilareri g-d; tu. I.te Atitw orthriefe, die in der Regel drei Wochen nun im im r Mahnung eintieffen und die mir verkünden, dib ub das Telephon noeh nicht haben kann. Man wird mich In n.ifhiichtigeit. wenn ich es bekomme. Wann das aber sein wird, das weiß die Direktion nicht zu sagen. Ich gehe :t|so telephonieren. Der nächste Apparat ist etliche I lau-'r entfernt. Man erlaubt mir, ihn zu benutzen. Aber erst mid', ich warten, Iiizwei Leute, die vor mir gekommen -:i;d, mit ihren G.-pi.ichen fertig werden. Mit falschen \\: hindu:- . n usw. waitc ich erst einmal eine halbe Stunde. Ich habe g iade angefangen, zu sprechen, da kommt — wie ke in i - .ndeis sein ■ eine I ernverbiiidung dazwischen. I s iii/wi-t heii gegen eine Stunde vergangen, ich gelie es ,nig l\ wird einfacher und sicherer sein, hinunterzufahren. Aid 'erdeni ergibt sich dabei eine willkommene Abwechslung: Man kann »ich statt t:bcr den Tclephondicnst über den A u t o I) u s v e r kehr ärgern. Zufällig habe ich Glück und erwische die neue durchgehend e Eins e, die die Stadt vom Nordende bis fast nach. Jaffa durchquert. Aber so einfach ist das alles nicht in der Großstadt Tel-Awiw. Denn jetzt gibt es fast an jeder Station einen Wortwechsel zwischen Chauffeur und Fahrgästen. Wer nämlich (ine Monatskarte hat, darf mit der durchgehenden Linie nicht fahren, oder er muß besonders bezahlen. Er verliert damit nicht nur seinen Piaster, sondern — wenn er ihn nicht bezahlen will — seinen teuer durch langes Warten erkauften Platz im „Tor", in der langen Schlange der Wartenden, die sich mit wahrer Lammsgeduld au den Haltestellen angestellt haben. So ist man glucklich nach lincr halben Stunde am Ziel. Die Besprechung dauert alles in allem sechs Minuten. Um sie zustande zu bringen, habe ich mit Telcphonversuchcn, Hin- und Rückfahrt mehr als zwei Stunden gebraucht und wäre ich nicht selbst hingefahren, dann säße ich noch jetzt am Telephon... Der Tragödie y.veiler Akt - Ich muß eine Postanweisung ablieben. Auf der Hauptpost in Tel-Awiw., Der viel zu kleine Raum ist dicht gedrängt mit Menschen. Der Fußboden schmutzig, das ganze Innere unwahrscheinlich vernachlässigt. An allen Schaltern steht man Schlange, durch die ganze Lange des Raumes hindurch. An der Stelle, wo Postanweisungen ein- und ausgezahlt werden, stelle ich mich an. Ungefähr als zwanzigster in der Reihe. Die ganze Sache geht nicht vom Fleck. Der Beamte hinter dem Schalter sucht, vergleicht, schreibt, geht einmal zu einem Beamten, einmal zum zweiten, verschwindet plötzlich den Augen des Publikums hinter der inneren Barriere, fängt von neuem an zu vergleichen, zu schreiben, nach ungefähr zwanzig Minuten sind zwei Leute abgefertigt. Ich mache meine Rechnung, wann ich bei diesem Tempo drankoitimen werde, warte noch eine halbe Stunde, da sehe ich, daß ich alle meine Verabredungen über den Haufen werfen muß, um zu meinem Geld zu kommen — und gebe es auf. Einige Tage später versuche ich es wieder, mit demselben Erfolg. Beim drittenmal traue ich meinen Augen kaum: nur drei Leute in der Schlange. Mit einem Tigersprung bin ich an meinem Platz, um zu verhindern, daß ihn mir ein anderer fortnimmt und komme wirklich nach einer Viertelstunde an die Reihe. In den wenigen verflossenen Tagen ist eine neue Anweisung dazugekommen und ich bin glücklich, jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Aber so einfach sind die Dinge nicht: die eine Anweisung wird beglichen, die andere ist unterdessen an eine neue Poststelle überwiesen worden, und zwar am Jarkon, das heißt also zu Fuß mindestens anderthalb Stunden von hier, per Autobus eine gute halbe Stunde. Am nächsten Tag fahre ich zum Jarkon. Da ist wirklich eine Post, nämlich die, die seinerzeit während der Levante- Messe für den Messebetrieb eingerichtet war. Die soll jetzt den ganzen Nordteil der Stadt versorgen und liegt natürlich nicht mitten in den neuen Vierteln, sondern ganz am Rande, am Jarkon, wo man nur bei Spazierfahrten hinkommt, um rudern zu gehen oder in den heißen Sommermondscheinnächten, um romantisch zu werden und sich eine Malaria zu holen, sicher aber nicht, um Geschäfte zu erledigen. Ich präsentiere meine Anweisung, bin natürlich der einzige Postbcsucher weit und breit. Der Beamte, der mir eine kleine Stimme auszahlen soll, verlangt von mir — Klcinfeld. Sonst zahlt er nicht aus. Diskussion, Wut, Bitten, )rohcn mit einer Beschwerde, alles hilft nicht. Ich verlasse die Post. Bin ich verpflichtet, Geld bei mir zu haben, wenn ich welches auf der Post abheben will? Muß ich die Post mit Kleingeld versorgen? Aber schon alles zugegeben und angenommen: wo bekomme ich hier ein Pfund gewechselt? Die nächste Bank ist eine dreiviertel Stunde entfernt. In den Läden hier bekomme ich nichts. Ich halte alle Leute an, die aut dem Messegelände arbeiten und schließlich nach einem halbstündigen Stichen und fragen rettet mich einer der Chauffeure der Autobusse. Daß am Schluß der Beamte noch an mir Rache zu nehmen versucht, jetzt noch plötzlich eine besondere Legitimation verlangt, wundert mich nicht weiter. Der Beschwerdebrief an die Postdirektion wird, wie alle solche Beschwerden, mit einem vorgedruckten Antwortschreiben erledigt werden ... Und die ungezählten anderen Akte der Tragödie ... Das sind nur zwei Fälle aus den letzten Tagen. Sie können in beliebige vermehrt werden. Daß ein Brief aus Jerusalem nach Tel-Awiw mit der gewöhnlichen Post oft genug drei Tage dauert, weiß jeder. Daß vielfach eine Sendung von Haifa nach Chcderah den Umweg über London, eine von Tel-Awiw nach Rechowoth den über Südafrika (wo es bekanntlich einen Ort namens Rechowoth gibt) macht, erregt kaum mehr Aufsehen. Marken zu kaufen, dafür gibt es jetzt ein Rezept unter den Eingeweihten. Man fährt aut die große, schöne und leere Post nach Jaffa, bekommt sofort, was man will und ist in Tel-Awiw zurück, während die Uneingeweihten — wo nehmen sie Zeit, Geduld und Nervenkratt her? — noch friedlich Schlange stehen. Man hat bei diesem Jaffaer Umweg zwar einen Piaster mehr ausgegeben, aber man hat Zeit gespart und etliche Behandlungen beim Nervenarzt. Wie ja überhaupt die ganze Einrichtung der Post im Lande nur so zu erklären ist, daß sie sich — vermutlich mit großem Erfolg — bemüht, das Klientel der Nervenärzte zu vergrößern und nebenbei das Tempo der Geschäfte so weit wie möglich aufzuhalten. Da wurde neulich einer der englischen Beamten zu einer Feier eingeladen und erschien nicht. Als man ihn später befragte, erklärte er: Nun, der Brief ist doch durch die Post gegangen und hat also eine Woche gebraucht, so daß ich von der Feier drei Tage nach ihrem Stattfinden erfuhr... Ein besonders interessantes Kapitel ist der Luftpostdienst. Palästina benutzt ungewöhnlich viel Flugpost. Sie ist im Lande billig und da Palästina den Mittelpunkt einer ganzen Reihe von Fluglinien bildet, die Asien mit Europa verbinden, geht sie auch sehr häufig. Aber wenn ein Briet, der, weil eilig, für Flugpost bezeichnet ist, nicht mit dem nächsten Aeroplan abgeht, so wird er nicht etwa auf dem nächsten Schnelldampfer verfrachtet, sondern wartet aut die kommende Fluglinie, auch wenn sie drei oder vier Tage später abgeht und damit der eilige Luftpostbrief länger dauert als eine Schiffsposfscndung. Und an diesem Prinzip wird auch dann festgehalten, wenn durch Stürme oder Defekte eine Verzögerung im Flugdienst einsetzt, so daß gelegentlich Flugpostbriefe schon an die zwei Wochen von und nach Europa unterwegs gewesen sind ... Man könnte sich vielleicht damit trösten, daß die englische Postverwaltung mit dem gewaltigen Aufschwung Palästinas in den letzten Jahren nicht mitgekommen ist und daß sie schon lernen wird, sich anzupassen. Aber das Schlimmste an der Sachlage ist, daß man überhaupt nicht den Willen dazu spürt, und daß der alte Schlendrian ohne die geringste Aenderung weitergeht. Eine unbeschreibliche Indolenz herrscht in diesem ganzen, lächerlich ungenügenden Apparat. Das Publikum ist dazu da, Schlange zu stehen und still zu »ein. Die Beamtenschaft ist hinter ihrer Barriere verschanzt und unangreifbar. Die unzähligen Beschwerden, Briefe aus dem Publikum, die in Zeitungen erscheinen, die Briefe an die Postdirektion haben bisher auch nicht das geringste zu ändern vermocht. Und als gelegentlich ein Experte aus England berufen wurde, da hat er einen Plan für Verbcsseningen entworfen, der die jetzt bestehende Nachfrage nach einer Ausbreitung des Telephonnetzes im Laufe der — nächsten vier Jahre befriedigen soll! Es ist kein Wunder, daß Menschen nach und nach einen „Postkomplex" bekommen. Und es ist erstaunlich, daß die Juden, die doch sonst reichlich nervös und ungeduldig sind, täglich von neuem lammfromm und geduldig auf* die Post gehen, um Schlange zu bilden. Aber sie sagen sich, wir alle sagen uns: Was soll man tun? W. K. (Tel-Awiw)