Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1936)
- Date
- 1936-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 2, 7.1. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Ein Manifest der Zion. Exekutive Die Exekutive der Zionistischen Organisation veröffentlicht einen Aufruf an das jüdische Volk, in dem zur Zahlung des Scheitels aufgefordert wird. In dem Aufruf wird an die Ergebnisse des letzten Zionistcnkongresses erinnert, die Notlage der Juden in der Diaspora geschildert und die Notwendigkeit einer Stärkung der zionistischen Bewegung betont; es heißt dann weiter: Die Uranfänge unseres Werkes* und die schöpferischen Leistungen der kühnen Pioniere zweier Generationen haben das Land unserer Vergangenheit erneut zu einer sicheren Zufluchtsstätte für das Wandcrvolk der Juucn gemacht. Zehntausende von Einwanderern sind in den letzten Jahren vom Lande absorbiert worden, und ihre Zahl ist ständig gewachsen. Die politische Tätigkeit der Zionistischen Organisation und ihrer Vertreter hat dem jüdischen Volke die Anerkennung der Nationen für seinen historischen Anspruch auf die Rückkehr in sein Land und dessen'Wiederaufbau auf der Grundlage des Rechtes, nicht der Duldung, verschafft, und das mächtige Britannien, das diese Anerkennung als erstes Land proklamierte, wurde vom Völkerbunde damit beauftragt, dem jüdischen Volke bei der Errichtung seiner nationalen Heimstätte behilflich zu sein. Diese Mandatsregierung, die die Verpflichtung übernahm, die Rückkehr der Juden in ihr Heimatland zu fördern, ist jetzt im Begriff, die Grundlage unseres historischen Anspruchs anzutasten und in Palastina ein Regierungssystem einzuführen, das geeignet ist, die Freiheit unserer Entwicklung, Einwanderung und Kolonisation in Palästina zu gefährden, wenn nicht gar zu erschüttern. Die zionistische Bewegung, die für unser Volk alle die politischen und kolonisatorischen Erfolge im Lande unserer Vergangenheit und Zukunft errungen hat, ist aus dem letzten Kongreß gefestigt und geeint wie nie zuvor hervorgegangen. Ihre Bemühungen und Anstrengungen sind jedoch nach dem Kongreß auf schwere Hindernisse und Angriffe gestoßen, und sie steht heute vor der Notwendigkeit, sofort, alle ihre Kräfte zu mobilisieren, um die Angriffe auf unseren im Mandat anerkannten historischen Status zurückzuschlagen, jeden Versuch, unsere Handlungs- und Entwickhmgsfreiheit in Palästina einzuschränken, zunichte zu machen, die Zahl ihrer Kämpfer für die Erweiterung der Einwanderung und Kolonisation zu erhöhen und den Aufbau Palästinas so zu 6. Eindrücke vom Irak „Die Eile ist vom Teufel!" Das ist ein arabisches Sprichwort und ich habe seine Wahrheit nie tiefer empfunden als jetzt, wo ich nicht mehr als zwei, drei Tage habe, um mich in einem Lande umzusehen, von dem wir alles wissen sollten — und von dem wir so wenig wissen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mehr oder weniger zufällige Eindrücke zu registrieren, die Gewährsleute für meine Informationen mit möglichster Sorgfalt zu wählen und mit Schlußfolgerungen sparsam zu sein. Die Grenze zwischen Syrien und dem Irak verläuft irgendwo in der Wüste. Rutha Wells, Wüstenfort, Flugplatz, Hotel und Garage in einem, liegt zwar schon auf irakischem Gebiet, aber über dem Ganzen liegt der Schatten Englands. Dem Reisenden auf der Ucberland-Route öffnet sich das Tor des Irak — in wörtlichem wie in übertragenem Sinn — erst in Ramadi, etwa fünf Autostunden von Bagdad entfernt. Hier mündet der kaum markierte Wüstentreck unter einem großen Torbogen wiederum in die gebahnte Straße. Hier ist das Zollamt und die Paßabfertigungsstelle. Auch ein Hotel ist hier, das für die Gäste des „Wüsten-Expreß" morgens um vier Uhr Tee und Toast bereithält; die Butterdosen sind aus Glas und in Form von Hennen, die gerade brüten... fo etwas vergißt man nicht! Höfliche Grenzkontrolle Ich bin schon über viele Grenzen gekommen, habe viele Paß- und Zollbeamte kennengelernt und ich muß sagen: Ramadi steht über dem Durchschnitt. Der junge arabische Staat präsentiert sich auf angenehmste Art. Es ist alles sauber, jedermann ist höflich und man macht den müden Reisenden nicht mehr Scherereien, als unbedingt nötig. Kurz vor unserer Abfahrt erschien ein kleiner, stämmiger Offizier, der Kommandant der Station, und begrüßte mich auf — Die „Dybuk"-Aufführung in Rom Von unserem Berichterstatter Kr. Rom, 1. Januar Es ist ein ganz seltenes Ereignis, daß das Werk eines jungen, modernen Komponisten gleich zu Beginn der Saison im Spielplan der italienischen Opernbühnen erscheint. Die Opernsaison beginnt hier traditionsgemäß am 2ö. Dezember, am Tage von Santo Stefano, und bereits wenige Tage später erlebten wir am Teatro Reale die ro i hrttng des „Dybuk" von Lodovico Rocca, dem das Stück Anskis zugrunde liegt. Rocca ist eine von den großen Hoffnungen der modernen italienischen Musik. Er ist 18°5 in Turin geboren und ist bisher vornehmlich mit Chor- und Orchc;, >i an die Bühnenbild aus dem 2. Akt: Der Marktplatz von Brinizm Öffentlichkeit getreten. Zwei Opern, der „Tod der Phryne" und „Im Lande der Legende", vermochten sich bisher nicht durchzusehen. Der „Dybuk" dagegen, der bereits 1934 an der Mailänder Scala herauskam und der inzwischen in Turin und W'arschau aufgeführt wurde, war gleich bei seinem Erscheinen ein durchschlagender Erfolg. Dieser Erfolg ist nicht beschleunigen, wie es heute notwendig ist, um die jüdischen Massen in den Ländern der Bedrückung vor dem Untergange zu retten. Vor 38 Jahren schuf Theodor Herzl die Zionistische Organisation als das Instrument des jüdischen Volkes für seine politische Wiederaufcrstehung. Diese Organisation steht heute vor dem Gebot, die Massen des jüdischen Volkes in ihre Reihen einzugliedern, um die Kraft und die Fähigkeit zu besitzen, auf der Wacht zu stehen und ihre Erfolge zu sichern, auszudehnen und zu festigen. Die Million Schckelzahler, die sich am letzten Kongreß beteiligt haben, müssen heute erneut und sofort mobilisiert werden, damit sich um unsere einzige und letzte Hoffnung eine Schutzmalier, ein unüberwindbarer Wall erhebe. Diesmal soll der Schekel des Zionismus nicht ein Wahlrechtsschekel sein, diesmal soll er nicht dem inneren Ringen der Parteien dienen. Der Schekel, den diesmal eine Million Zionisten zahlen sollen, soll ein Schekel des Schutzes und der Erhehting für den kämpfenden Zionismus sein. Durch die Mobilisierung einer Million Schckelzahler wird die Zionistische Organisation ihren tieten Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes, ihren festen Willen, unsere Rechte zu wahren, ihr Vertrauen auf die Richtigkeit unseres Standpunktes, ihre furchtlose Entschlossenheit demonstrieren, gegen alle Hindernisse das Werk der Wiederauferstehung bis zum endgültigen Siege fortzusetzen und zu verstärken. Exekutive der Zionistischen Organisation Chaim W c i z m a n n, Präsident der Zionistischen Organisation, I). Ben-Gurion, S. Brodetsky, I. ürünhaum, J. L. Fisch mann, E. Kaplan, F. Rottenstreich, M. Schertok Jerusalem, Chanukkah 5606. Deutsch. Vielmehr: auf Hamburgisch. Nein, er sei kein Hamburger, er sei Iraki, der vor dem Kriege in Deutsch- Ostafrika war und eine Zeitlang in Hamburg. Ein angenehmer, gebildeter Herr. Ich sprach mein Erstaunen darüber aus, daß er auf diesem Grenzposten zu finden sei und nicht in einem Bagdader Ministerium. „Ach", sagte er, „das wäre schön! Sehr amüsant ist es hier in Ramadi nicht. Aber man hat mich hierhergeschickt, weil ich europäische Erfahrungen habe, mit Europäern umzugehen weiß, — ich muß hier die Honneurs machen, verstehen Sie? Wir sind ein junger Staat, unsere Leute sind noch nicht sehr geschult und wir wissen: der erste Eindruck ist oft entscheidend ...." Kurze Zeit vorher hatte ich eine hebräische Zeitung, die ich noch bei mir trug, sorgfältig zerrissen und fortgeworfen — man hatte mir gesagt, daß ein solcher Fund den Wert meines Visums ernsthaft gefährden könnte. Ich wußte, daß alles, was mit dem Zionismus zusammenhängt, im Irak als rotes Tuch wirkt. Ich kam also nicht ohne ein gewisses Vorurteil nach Ramadi. Aber ich müßte lügen, wollte ich etwas anderes behaupten, als daß der erste Eindruck, den der Irak auf mich machte, durchaus günstig war. Im Weiterfahren unterhielt ich mich darüber mit einem meiner Mitreisenden, der den Irak gut kennt. Ich sprach die Vermutung aus, daß hinter all dem wohl stark der englische Einfluß stehe. „Sie irren sich", war die Antwort, „Ramadi ist eine rein irakische Angelegenheit. Die Bauten sind vom Ministerium für öffentliche Arbeiten ausgeführt. Es gibt dort keinen englischen Beamten. Man hat von den Engländern gelernt, aber man emanzipiert sich____" Urteil nach der „Fassade" Ramadi ist ein Stück der Fassade des Iraks, und ich habe kaum mehr zu sehen bekommen, als diese Fassade. Nun ist es sehr trügerisch, nach der Fassade eines Landes zuletzt das Verdienst des Librettisten Renato Simoni, der in außerordentlich geschickter und wirksamer Weise die dramatische Legende Anskis für die Opernbühne bearbeitet hat. Wenn man auch in der Oper manches interessante Detail des Schauspiels vermißt, so muß man doch anerkennen, daß das Wesentliche vorhanden und vor allem die mystische Stimmung vorzüglich festgehalten ist. Die Oper, die aus einem Prolog und drei Akten besteht, beginnt mit einer sehr wirksamen Szene. Hinter einem Wolkenvorhang, der noch das Bühnenbild verhüllt, ertönt die Stimme des göttlichen Boten, der an das /wischen zwei Freunden gegebene gegenseitige Versprechen erinnert, einen aus ihren Ehen hervorgegangenen Sohn und eine Tochter zu vermählen. Im ersten Akt sehen wir das Innere einer alten Synagoge, erleben die Begegnung zwischen den beiden Verlobten Chanart und Leah. Chanan erfährt, daß Leah dem reichen Kaufmann Metiasche vermählt werden soll. Es kommt zu einer großen Szene, in der Chanan in seiner Verzweiflung die okkulten Mächte um Hilfe anruft. Er wird von ihnen überwältigt und sinkt in der Synagoge selbst, vor der offenen Bundeslade, tot zusammen. Diese Szene ist musikalisch wundervoll ausgedeutet und einer der Höhepunkte des Werkes. Im zweiten Akt, der auf dem Marktplatz spielt, sind besonders die Volkstänze und der Hochzeitszug von großer Eindringlichkeit. Im Mittelpunkt des dritten Aktes, der im Hause des Rabbi Ezriei von Miropol vor sich geht, steht die große Szene der Austreibung des Dybuk aus dem Körper der Leah. Das Werk schließt mit einem Traumbild. Chanans Geist und Leah träumen von einem nun für immer entschwundenen glücklichen Erdendasein. Chanan hüllt Leah in den schwarzen Hochzeits- und Todesschleicr. In einem überirdischen Licht erstrahlen die Seelen Leahs und Chanans für die Ewigkeit. Himmlische Stimmen preisen die Heiligkeit des Versprechens. Die Auffii hrung (über die Musik wurde in der vorigen Nummer auf Grund der Rundfunkübertragung bereits gesprochen — Red.) war mit großer Sorgfalt vorbereitet. Di' Bühnenbilder trafen vorzüglich den eigentümlichen Charakter des Werkes. Ihr Autor ist Giovanni Grandi. Als Dirigent setzte sich Tuilio Serafin, der langjährige IMrektor der Metropolitan Opera in New York, mit wahrer Passion für das Werk ein. In der Rolle der Leah hatte Augusta O 11 r a b e 11 a einen außerordentlichen Erfolg. Ihr Gegenspieler Chanan wurde von Augusto I errauto darzu urteilen, aber gewisse vorsichtige Rückschlüsse sind dennoch erlaubt. Danach erscheint es mir, daß dieser junge arabische Staat in allen seinen äußeren Erscheinungen eine gewisse Würde zeigt, die sowohl im Gegensatz steht zu der Haltung in den Gebieten unter Mandat wie zu der in anderen orientalischen Staaten, die gleich dem Irak im Stadium der Synthese zwischen dem Alten und dem Neuen stehen. Man ist hier freier, selbstbewußter, aber auch ruhiger, als in den Mandatsländern. Und man ist — bis heute! — weniger „radikal", fast möchte man sagen: weniger hysterisch in allen Fragen, in denen der Gegensatz zwischen alten und neuen Ideen und Idealen sich fühlbar macht. Man bewundert hier sehr K e m a 1 Pasch a. nicht nur als den Befreier, sondern auch als den Erzieher seines Volkes. Aber man ist offenbar nicht gesonnen, sein Tempo oder seine Kompromißlosigkeit nachzuahmen. Man will sich hier weder so schnell europäisieren, noch will man sich so ganz europäisieren. Man hat sich in dieser Hinsicht bisher mehr an das persische, als an das türkische Beispiel gehalten. Aber Rizah Schah hat gerade die von ihm selbst geüas Irak-Museum Foto; EJoti»i schaffene „Kula Pehlcvi", die persische Schirmmütze, so streng verboten, wie Kcmal den Fez. Werden die Irakis nun in die Versuchung kommen, auch ihre „Faisalieh" zugunsten des Hutes abzuschaffen? Manche Beobachter des Landes fürchten es, d. h. sie fürchten eine überstürzte und kritiklose Modernisierung, die alle bisher wirksamen Hemmungen über den Hauten wirft. Mir ist eine Tatsache aufgefallen, die zum mindesten beweist, daß wenigstens bis jetzt von den verantwortlichen Stellen des Landes in einer sehr abgewogenen Weise zwischen gutem Alten und gutem oder notwendigem Neuen gewählt worden ist. Man hat hier den Versuch gemacht, moderneu Zweckbauten eine Art nationalen oder wenigstens landestümlichen Stil zu geben. Man hat der Versuchung widerstanden, der z. B. die Türkei restlos erlegen ist, die modeniste europäische Bauweise in Bausch und Bogen zu verpflanzen. Wer das neue Ankara kennt, wird nicht ohne Sympathie auf das Regicrungsviertel von Bagdad blicken, das den — noch nicht völlig gelungenen — Versuch macht, gewisse Elemente der altarabischen Bauweise, wie die Kuppel und den Sehmuck durch farbige Kacheln, mit modernen Konstruktionen in ENen und Beton zu verbinden. Was diesen Gebäuden für europaische Augen an Geschlossenheit und Formgebung noch fehlt, wird reichlich gestellt, der hier geradezu als eine Entdeckung gefeiert wurde. Die Aufnahme durch das Publikum und die Presse war enthusiastisch. Die römische „Tribuna" schrieb z. B.: „Einen derartigen Opernerfolg haben wir seit der „Turandot" von Puccini nicht mehr erlebt." Im „Lavoro Fascista" lobt Mario Bühnenbild aus dem 3. Akt: Beim Rabbi Foto.: Konuck«. Bom Labrooca mit Recht, daß es dem Komponisten in einer geiadezu phänomenalen Weise gelungen sei, die Atmosphäre des Schauspiels in Musik umzusetzen. Er sei dem Kunstwerk treu geblieben und habe keine Publikumskonzessionen gemacht. Ganz allgemein lobt die Presse den Musiker Lodovico Rocca, seine bescheidene und wahrhaft vornehme Art zu musizieren. Das römische Publikum, das gerade auf dein Gebiet der Oper äußerst anspruchsvoll ist, brachte dem Autor bei der Premiere begeisterte Ovationen dar. Es würden nicht weniger als dreißig Hervorrufe gezählt. * Der Klavicrauszug der Oper „Dybuk" von Rocca ist im Verlag Ricordi, Mailand, erschienen. (Die Rundfunkübertragung wird heute, Dienstag, 20.35 Uhr abends, vom Mailänder Sender aus wiederholt — Red.) Briefe von einer Orient-Reise Von C. 1. Klötzel, Jerusalem / Vgl. die Reisebriefe in Nr. 97, 100, 102 v.J. und Nr. 1