Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit** 6 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 1, 3.1.1936 Adolf Böhms „Zionistische Bewegung" t's klingt sonderbar, daß es bis heute keine zusammenfassende und erschöpfende Darstellung des Zionismus gegeben hat. Die zionistische Bewegung ergreift immer neue Menschen, zieht sie in ihren Bann und formt ihr geistiges und physisches Leben. Es ist eine zwingende Notwendigkeit, ebenso für die Bewegung wie für die Menschen, daß diese mit vollem Bewußtsein in diesen Strom eintreten, der sie weitcr- Iragen soll. Immer weniger werden die Menschen, die die Entwicklung persönlich miterlebt haben. Es wäre eine der wichtigsten Pflichten der zionistischen Zentrale gewesen, für eine authentische und objektive Darstellung des Gedankenmaterials der Geschichte und der Wirkung des Zionismus zu sorgen. Hierdurch hätte die Abteilung für Organisation und Propaganda, über deren Versagen seit Jahren geklagt wird, eine wirkliche Tat vollbringen können. So merkwürdig es klingt dies ist nicht geschehen, sondern es ist der privaten Initiative eines ein/einen Mannes vorbehalten geblieben, der sieh um Theorie und Darstellung des Zionismus, um Klärung der Probleme und Sammlung des Tatsachenmaterials schon publizistisch (insbesondere durch die von ihm gleichfalls jahrelang als Privatinitiative herausgegebene vorzügliche Monatsschrift „Palästina") große Verdiinste erworben hat. Adolf Böhm hat bereits vor mehr als 25 Jahren, und seither immer wieder, seine Stimme unermüdlich erhoben, um die Wichtigkeit der .,1 d e e n - P r o p a g a n d a" und der sachlichen Problembchcrrschung im Zionismus zu betonen, da sonst bei einer derartigen Bewegung die (iefahr eines Abgleitens in Demagogie oder Romantik, in tinfundiertes Schwärmen und phrasenhaftes Sehu.it/en überall* groll ist. Böhm ist einer der wenigen, die den Kampf gegen ilas t'cberharidnehmen der inneren Parteipolemik ununterbrochen geführt und demgegenüber immer wieder Rückkehr zu den Ouellen, zu dem Positiven, gepredigt haben, l'n.l mm danket wir ihm noch das eigentliche und ein/ige Standardwerk des Zionismus. I s war schon methodisch eine gewaltige Aufgabe, den RitNcnst'>f f zu bewältigen. Denn es handelt sich ja keineswegs um einen einheitlichen dang des Geschehens. Viel zu armselig wärtes, wollte man, wie es manchmal geschehen ist, den Zionismus nur als eine Organisation, deren Entwicklung die Kongresse widerspiegeln, darstellen. Eine lebendige Volksbewegung ändert sich in viel faltiger Weise. Der Zionismus ist ein Versuch der Zusammenfassung und Intensiv i e r u n g d e r n a t ü r I i c h e n V o I k s k r ä f t e, die im letzten Vieitel des t<>. Jahrhunderts erwacht sind. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt, in der soziologischen Umschichtung und Veränderung, in den geistigen und kulturellen Strömungen, im Erwachen der hebräischen Sprache und der neuen hebräischen Dichtung und Sehriftstellerei, und vor allem in der Kolonisation Palastinas von ihren ersten Anfängen not ihren Ruck Wirkungen auf die Juden der Diaspora Und auf die Mciniingskämpfe im Zionismus selbst — in alledem haben wir abgesonderte Ströme des Geschehens vor uns, die oft selbst nicht um ihre Zusammengehörigkeit wissen, aber innerlich zusammengehören und in der Darstellung zusammen geschaut werden müssen. Dieses methodische Problem der Durchdringung, der ■— man kann dieses Wort gebrauchen — künstlerischen Form u n g des Stoffes hat Adolf Böhm in einer bewundernswerten Weise gelöst. Er hat die besonderen Gebiete in einzelnen Kapiteln behandelt, sich aber nicht gescheut, auf andere Gebiete überzugreifen und auch zeitlich vorzugreifen, wenn die Darstellung es verlangt. Er hat sich überhaupt an keine starren Dogmen gehalten, und dadurch ist sein Buch ein leben- und geisterfülltes Werk geworden, das jeder Leser — sei er nun Zionist, gewöhnlicher Jude oder ein ganz. Aulknstehender -• mit größter Spannung lesen muß, weil es ein überaus merkwürdiges und unter allgemeinen Gesichtspunkten interessantes Geschehen vor dem Leser nicht nur ausbreitet, sondern es ihn von innen her miterleben und mitverstehen lälSt. Böhm sagt in der Umleitung, er sei sich bewußt gewesen, daß eine Bewegung nicht teilbar ist, sondern ein unteilbares Ganzes darstellt. Es ist ihm gelungen -- und das ist wohl das höchste Lob, das über ein solches Buch zu sagen ist , auch dem Leser dieses Gefühl für die unteilbare Einheit dieses scheinbar in viele Einzelheiten gespaltenen Geschehens zu vermitteln. Es ist für einen Rezensenten, der selbst so gut wie in allen Punkten die zionistischen Anschauungen Böhms und seine Ikurteiluiig der einzelnen Faktoren, und Ereignisse teilt, schwer, an dieses Buch mit einem kritischen Maßstäbe heranzugehen. Böhm wünscht sich Kritik und nicht uneingeschränktes Lob. Aber was v. re gewonnen, wenn man da oder dort darauf hinwiese, daß :.- vnüe'ne Einzelheit eine andere Gewichtsvcrteilung oder .i : 1 e : Betonung zugelassen hätte. Das wichtige an dem Bu e ' ', daß mit einer sonst in der zionistischen Publizistik der i' it selten zu findenden Gewissenhaftigkeit die (Quellen b" Viict wurden, und mir verbürgte und mehrfach iiberprüoe Tntsachen mitgeteilt werden, so daß dieses Buch den Vorzug unbedingter Zuverlässigkeit hat. Dies ist um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, wie schwer zugänglich das Material bereits geworden ist. Das meiste ist in Zeitungen und Zeitschriften verstreut, und auch diese sind nicht unkritisch zu verwenden. Es gehört die geistige Beherrschung des Materials und die umfassende Kenntnis der Tatsachen dazu, die heute nur noch sehr wenige Zionisten außer Adolf Böhm besitzen, die es möglich machen, das Material kritisch auszuwählen. Hofens Buch ist in einer ersten Auflage schon vor 15 Jahren erschienen. Auch damals war es unersetzlich; aber der stattliche Band, der jetzt als erster Band vor uns liegt, wirkt wie ein ganz neues Werk. Hat sich doch auch seine Funktion verändert. Vor 15 Jahren mag das richtig gewesen sein, was Böhm in der Einleitung sagt: daß das Buch in erster Reihe für „Kursleiter zionistischer Seminare" bestimmt ist. Heute ist sein Zweck und zugleich sein Wert und sein Aktionsradius gewaltig vergrößert. Heute ist dieses Buch ein brennendes Bedürfnis für eine ganze, in den letzten 15 Jahren erst aufgewachsene Generation, — die erste Generation, für die der Zionismus wirklich im wahrsten Sinne des Wortes bereits „historisch" geworden ist. Und zugleich ist in einer Zeit, in der soviel wie noch nie erwachsene Menschen in Westeuropa zum ersten Male an den Zionismus herankommen, in der zahlreiche Menschen geistig völlig unvorbereitet nach Palästina gehen, nichts so wichtig wie eine Belehrung darüber, wie der Zionismus und das in Palästina Vorhandene entstanden sind und was in ihnen für Kräfte nachwirken. Der äußere Aufbau des Buches ist ebenso geblieben wie in der ersten Auflage. Dies gilt besonders von dem ersten Teil „Die zionistische Bewegung bis zum Tode Herzls". Dieser Teil zerfällt in drei Abschnitte, von denen der erste die Vorbedingungen des Entstehens des Zionismus darstellt, der zweite die Bewegung bis zum Auftreten Herzls und der dritte schließlich die Periode Herzls behandelt. Was in diesem kurzen ersten Abschnitt über die Vorbedingungen des Zionismus gesagt ist, gehört zu dem besten, klarsten und eindrucksvollsten aut dem Gebiete der Kritik der Emanzipation und Assimilation. Böhm ist weit entfernt von einer leichtherzigen Verurteilung politisch Andersdenkender. Er sucht sie aus ihren Voraussetzungen zu verstehen, die Zwangsläufigkeit des Geschehens darzulegen, und um so stärker hebt sich die zionistische Idee von diesen Erörterungen ab. Im zweiten Abschnitt sind besonders die Kapitel über Moses Heß und über Achad Haam erwähnenswert. Der dritte Abschnitt aber ist geradezu dramatisch bewegt: das Leben, Wirken und Sterben Theodor Herzls, für dessen einzigartige Persönlichkeit Böhm die begeisterten Worte eines Jüngers findet, ohne doch jemals den Ernst und die Würde der sachlichen Darstellung zu verletzen. Die abschließende Würdigung im 21. Kapitel „Herzls Erbe" (übrigens in der 1. Auflage noch nicht vorhanden) ist von klassischer Prägung. Unvoreingenommen und objektiv, dabei doch mit der innersten Anteilnahme, die aus jeder Zeile spricht, gibt Böhm hier ein Resümee der Anschauungen Herzls, der „kein Dogmatiker, sondern ein Ideologe und Praktiker" war; in dieser Darlegung werden auch verschiedene umlaufende irrige Ansichten über Herzls „Judenstaats"-Auffassung richtiggestellt. Die eigentliche Schwierigkeit der Darstellung beginnt aber erst nach dem Tode Herzls. Jetzt entsteht eine Fülle innerer Probleme in der Bewegung, die früher in den Hintergrund gedrängt waren, und die Vorgänge in den einzelnen Ländern werden von wachsender Wichtigkeit. Durch das Auftreten der Landespolitik nach Herzls Tode und durch die schon auf dem V. Kongreß proklamierte ..Gegenwartsarbeit", die während der Periode vollkommener Stagnation besonders beherrschend wird, wird eine Fülle von Erscheinungen des täglichen Lebens der Judenheit in die Bewegung hineingezogen. Die Wechselwirkungen dieser Vorgänge im jüdischen Volke und zugleich die seit 1008 immer stärker werdende Bedeutung der Palästina-Arbeit beherrschen die Bewegung bis zum Weltkrieg. Diese neue Situation muß auch von der Theorie he- -MAGISTER KIRSCH— Der ante Likör Magister-Likörfabrik, München VII wältigt werden, deren Entwicklung in einem besonderen Kapitel ebenso dargestellt wird wie die geistig-religiösen Strömungen. In dem 11. Kapitel „Die hebräische Sprachrenaissance" wird z. B. bei Darstellung Bialiks zeitlich vorgegriffen, ohne jedoch das Thema zu erschöpfen, das zweifellos im 2. Band wiederkehren wird. Ein kleiner (jetzt „aktueller") Fehler sei berichtigt: Mendele hat keineswegs „anfangs" jiddisch geschrieben, sondern ist vom Hebräischen hergekommen. Was die jiddische Sprache betrifft, hätte deren Prädominanz, in Sowjetrußland (als eine Art „Staatssprache" der jüdischen Minderheit) nicht unerwähnt bleiben sollen. Im 12. und 13. Kapitel des IL Teils („Geistig-religiöse Strömungen" und „Die Entwicklung der Theorie") führt Böhm in unkonventioneller, manchen landläufigen Irrtum aufklärender Weise in die Gedankenwelt von Persönlichkeiten wie Martin Bube r, Nathan Birnbaum, A. D. Gordon u. a. ein, die aus der Entwicklung des Zionismus nicht wegzudenken sind. Das Buch endet mit der Periode des Weltkrieges. In großen Zügen werden die politischen Bemühungen während des Krieges und ihr schließlicher Erfolg (die Balfour-Deklaration) dargestellt. All dies scheint vielen Heutigen schon selbstverständlich. Es war aber mühsam erkämpft und erarbeitet; das aus Böhm zu lernen, wird manchen Zeitgenossen guttun. Nach dem Kriege begann eine neue Epoche des Zionismus, auf die wir heute auch schon zurückblicken können. Diese in ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang und in allen ihren Eigentümlichkeiten darzustellen, wird eine vielleicht noch schwerere Aufgabe sein, als dieser erste Hand sie gelöst hat. Jedenfalls können wir jetzt diesem zweiten Bande, dessen Erscheinen im Jahre 1036 in Aussicht gestellt wird, mit größten Erwartungen entgegensehen. Ein besonderer Dank gebührt dem Jüdischen Verlag für die sorgfältige Ausstattung dt-s >s Buches. Autor und Verlag haben sich ein gewaltiges Vc 'i n t erworben, indem sie eine Arbeit ausgeführt haben, dieigentlich Sache der Zionistischen Organisation gewesen wäre. R.W. Der Film „Land der Verheißung", der jetzt in Amerika die Runde macht, hatte im Astor-1 heater New York (Broadway) einen außerordentlichen Erfolg und Säuft dort jetzt bereits die vierte Woche ununterbrochen. Der Film findet auch in der amerikanischen Presse einen lebhaften Widerhall. Die „New York Times" veröffentlichte nach der Erstaufführung eine überaus anerkennende Kritik, worin besonders die Schönheit der Photographien hervorgehoben wird und der Kritiker abschließend zu dem Urteil kommt, daß der Film sowohl als Reportage des Lebens im netten Palästina und als dokumentarischer Film von historischer und soziologischer Bedeutung als fesselnder und künstlerischer Bildstreifen Beachtung verdient. In einer in der „New York Times" vom 8. Dezember erschienenen zusammenfassenden Darstellung der wichtigsten Filme des letzten Monats wird gleichfalls der Film „Land der Verheißung" als schöne und begabte Leistung hervorgehoben. Die „New York Times" veröffentlicht überdies einen Artikel „Die Film-Kamera und das Gelobte Land" von Juda Leman, dem amerikanischen Direktor des Palästina-Films. Auch andere Zeitungen bekunden für den Film ein lebhaftes Interesse. Aus Brüssel wird uns berichtet, daß die dortige Aufführung des Films überaus erfolgreich war. Die Premiere in der letzten Dezemberwoche hat sich zu einer großen Kundgebung für den Keien Hajessod und für Palästina gestaltet. Anwesend waren Minister Paul H v m a n s, die Frau von Minister Vandervelde, der belgische Delegierte in der Mandatskommission des Völkerbundes, Orts, der englische Botschafter und andere Mitglieder der Botscnaft, als Vertreter des Premierministers, der zugleich Außenminister ist, der Chef seines Kabinetts, Vicomte du Parc, der üeneralkommissar der Brüsseler Weltausstellung, Graf van der Burch, viele Professoren der Universität und die angesehensten Vertreter der belgischen |udensehaft. Der neue Präsident des Keren Hajessod in Belgien Herr van Butt reit und Edmond Fleg hielten Ansprachen. Der Saal war vollständig ausverkauft, und in den auf die Premiere folgenden Tagen hat sich im Publikum die Nachwirkung in der Form eines gesteigerten Interesses an Palästina gezeigt. J&yttirtck ct/rv. kipJn£/ Vjynvoj^ 2, Fr.iUrii,,,,;. Ni,-hJmck vtrbolen Hier indes-eu halle er keine auf sein Geschick geriehlelen m il'ihi l üeeo Gedanken mehr, Mindern erstaunte zunächst. " )e ~ 1, i! i. i! doch diese Sliaßo war, die er als die breiteste und stolzeste -einer Heimatstadt kannte, wie holprig ihr ko|ifv|ein|ifl.)-.|er, wie medrie; und kleinbiiri/erlich griesgrämig, imgleirlmi.J'iIl' und I ikllos vorwitzig da Haus an Haus stand, wie fremd ihm eben noch die mit grellen Farlien schlecht, bisweilen scheckig verputzten Giebel vorgekommen waren, die der (icbände erste und einzige Sloekwerke bildeten, und wie vertraul, ja anheimelnd sie den erinnernden Blicken nun schon sich ein-elimieelen, wirglatt und faltenlos überhaupt der bilderdiirehv. obene Sehleier\nrh,ui<i «einer früheren Anschauung ans den Bew ußlseinskellern emporstieg, und die neuerlichen Eindrücke ihn nur in den Konturen wahrnehmen ließ, die sieh mit den allen Vorstellungen, denen auf dem Schleier, deckten oder ich ihnen abholten. Die Synagoge vollends, ein etwas maurisch gehaltener, platthrüsliger Kololi mit zwei Zwiebeltürmen, war bis an die Turmspilzen neuerdings giftgrün übermalt, und auch das schmiedeeiserne Giller, das ihren llasenvorplalz. mit den beiden vergilbten HhalKirW-Rosetteii in der Miile von der Straße abschnitt, war mit diesem Grün vergiftet, was Ilse nur als (Ic-chuiacklosigkeil, Erwin wie ein Verbrecher, ins .Auge stach. Die Erhalx-nheil des Hauses, die Schauer seiner Festgebete und Totenfeiern, die Ehrfurcht vor der Chorälen Einfügung in die Gemeinde und die Gotlesnngst, das war plötzlich mit solcher Tinte grotesk ringe!üncht, das Priesterliehe ins Clownige verkleekst, das Stille und Heilige schamlos und lächerlich ins Leere Ihnausgeircllt. Während Ilse das F.! schncken zu enträtseln suchte, das auf Erwins Gesicht zu erstarren schien, schrie jemand: ..Panje Juda. Panje Judni" Aber kaum hallen sie den Kopf des Schreienden, den gelblich braunen, wie ein Bratapfel eingeschrumpften Krakehlerschädel des alten Misehenschwiu in einem Fenster des niedrigen, breiten Schulhaiises nelxni der Synagoge entdeckt, als der sogleich, wie wenn er eine am unsichtbaren Schnürchen von der Kühne gezogene Marionetie wäre, vom Fensler verschwand und an ihnen, sie scharf fixierend, ein vergrämter jüdischer Mann voriiberkarn, den, kaum daß er vorlxü war, Erwin als den Glaser Fisch, den einstigen Nachbarn seiner Ellern, zu erkennen ineinte. „Du mußt ihn von meinen Fi Zählungen her kennen, Ilse, Fisch mit dem Essigsauretonerdegesicht!" Tatsächlich zog der Glaser Fisch den Hut, doch nicht Erwins wegen, sondern vor einem schlanken, hochgewachsenen Herrn, der beiläufig grüßend dankte und, als er Ilse und Erwin lieinerkfe, noch einmal, wie plötzlich beglückt, nun viel tiefer den Hut zog und lächelnd rasch näherkam. „Da", sagte Ilse hastig und zischend, als würfe sie ihm vor hämischer Mißachtung die Worte vor die Füße, „da hast du den Herrn aus dem Autobus!" Erwin hatte ihn schon ohnehin erkannt und zerrle unruhig an seiner Armbinde, als könnte er sich mit solchen Fingerbewegungen von einer Dummheit zurückhallen, die er um jeden Preis vermeiden wollte und doch sonst begehen müßte. Ein höhnischer I'nterlon, eine Spur von Schadenfreude verließ Ilses Stimme nicht, als sie Herrn v. Taczanow ski, der ihr die Hand geküßt hatte, ihrem Manne vorstellte. Erwin fühlte sich durch die gesellschaftliche Sicherheit des Polen sofort zu Unhöflichkeiten aufgestachelt und sagte anstatt eines üblichen „Sehr angenehm" schlicht und grob: „Nun weiß ich wenigstens, wie Sie heißen." Taczanowski schien diese Worte aber als Freundlichkeit aufzunehmen, und sein Lächeln und der weiche slawische Akzenl machten seine Antwort noch liebenswürdiger: ..leider halte ich hei unserer letzten Begegnung nicht die Gelegenheit, mich Ihnen vorzustellen." „Felder auch nicht bei unserer ersten Begegnung", fügte Erwin trocken und bissig hinzu, als hatte der Teufel es ihm eingcgelien. Während dieses knappen Rededuells standen sie noch auf der Schützenstraße gegenüber der giftgrün ültcrtüneilten Synagoge, deren Erbauer l'iberzeugl gewesen sein mochte, den maurischen Stil in die Posener Kieinstadt verpflanzt zu haben. Die Straße war fast leer, aus irgendeiner guten Stube kam der lange, hohe Ton eines Kannriem ogels. die Spitzen des zwischen d-i Pfhis'e:-steinen sn'irüeli -nros«cnden Grases bogen sich ein wenig im müden Winde, und am Fenster des niedrigen Schulhauses tauchte wieder der eingeschrumpelte Schädel des allen Miselienschwitz. auf, der nun aber respektvoll schwieg und den Vorgängen nur noch wie ein Theaterbesucher aus seiner Enge zusah. Ilse entdeckte ihn zuerst und wurde sieh endlich bewußt, daß auch sie nur zusah und keine eigne Holle hatte. Schon damals im Autohus hatte sie Erwins Haß gegen Taczanowski gespürt, jedoch kei-ic Sekunde gezweifelt, daß es sich nur um Eifersucht ihretwegen handeln konnte; nun glaubte sie zu erkennen, daß es nicht um sie, sondern um jemand oder etwas anderes ging, also wohl um eine Frau oder eine Sache aus der Vergangenheit in dieser ihrem Mann und dem Polen gemeinsamen Heimat, und Ilse kam sich von neuem der Fremde, dem Dunkel ausgeliefert vor, worin sie sieh so mühsam weilerlaslete und gequält fragte: „War denn ihre letzte Begegnung mit meinem Mann nicht die erste?" ISun tat es Erwin leid, daß er dieses Gespräch angezettelt hatte, verlegen trat er von einem Bein aufs andere und wäre am liebsten weggegangen, ins Krankenhaus zurück, ja, er dachte daran, unerträgliche Schmerzen vorzuschützen, und glaubte auch schon, wirklich schweres Kopfweh zu haben. Aber Taczanowski hatte sich mit einer galanten und erfreuten Geste zu Ilse gewendet, als wäre sie mit ihrer Frage überhaupt erst zwischen ihnen anf</e|aiichl. und sagle leichthin und immer noch mit seinem liebenswürdigen Kacheln: .„Ja, es kommt mir vor, als ob. Ihr Mann und ich einander schon einmal begegnet wären." Darauf betrachtete er Erwin, der solche Blicke nur gequält ertrug, und schloß: ..Herr .Inda --" — und Erwin empfand nun sogar seinen eigenen .Namen im Munde des Polen als eine Herausforderung — ..Herr .Inda war allerdings damals noch ein Kind -—" ,,Kein Kind, sechzehn Jahre!" wollte Erwin dazwischenreden, aber er verbiß es sieh. ..Er hat sieh allerdings kaum geändert, und ich weiß nicht, ob es ihm angenehm ist. wenn wir davon sprechen." „Wie war es denn''" fragte Ilse mit dem gleichen, leichten Ton, aller mit angslvoll fragenden Blicken und ergänzte, als müßte sie sich oder Erwin entschuldigen: ,,Er hat es mir sicherlich schon einmal erzählt." „Wollen wir nicht weitergehen?" versuchte Erwin plump abzulenken und wenn möglich Taczanowski loszuwerden. „Ach ja", meinte Ilse. ,,im Gehen erzählt sich's besser."* End während sie die Schützenstraße hinuntergingen, die vir dem Hing enger wurde und sich mit einem zweistöckigen Haus gewissermaßen ein Höchslziel setzte, fragte der liebenswürdige Herr von Taczanowski besorgt: „Ist es Ihnen auch i.