Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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■ •«^PW-VPMMi mmm MMPPWHWW^ mm Nr. 1, 3. i. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Die Trauer um Lord Reading Die Einäscherung der sterblichen Ueberrcste Lord Readings iand am 1. Januar im Golders Green-Krematorium statt. Am Donnerstagnachmittag wurde in der West London- Synagoguc ein Trauer- und Gedenkgottesdienst abgehalten. Rabbi R e i n h a r t und Rev. P ex 1 z w e i g (der bekannte Zionist und liberale Rabbiner) hielten die Trauerreden. Der Trauerzug wurde von zwei mit Kränzen reich bcladencn Blumenwagen eröffnet. Der Wagen war mit der Flagge der „Fünf Hafen" geschmückt. (Lord Reading war „Warden of the Cinque Ports", Herr der fünf Häfen, nämlich Sandwich, Hastings, Romney, Hythe und Dover und hatte als solcher das Amt, bei einer Königskrönung dem neuen Herrscher den Eid abzunehmen. Mit diesem Ehrenamt ist das Recht verbunden, zwei der ältesten Burgen Englands als Schloßherr zu bewohnen, Admiralsuniform zu tragen und eine eigene Standarte zu führen.) Der König und die Königin von England haben an die Witwe und den Sohn Lord Readings in herzlichen Worten gehaltene Beileidsschreiben gerichtet. Weitere Beileidskundgebungcn sind von Lord Hailsham, Lloyd George, Ramsay MacDonald und anderen führenden Staatsmännern eingetroffen. Sir Herbert Samuel hat im englischen Rundfunk einen Nachruf auf Lord Reading gehalten. Die englischen Zeitungen veröffentlichen sämtlich Nachrufe und Würdigungen des verstorbenen Staatsmannes. Die Londoner „Times" vom 31. Dezember bringt einen sich über viereinhalb Spalten erstreckenden Uebcrblick über sein Leben, in dem betont wird, daß er der erste Jude war, der die Aemter eines Lord-Oberrichters, Vizekönigs von Indien und Außenministers bekleidet hat. In einem sehr warm gehaltenen redaktionellen Artikel wird diese Tatsache ebenfalls betont und auch gesagt, daß er seinen Weg trotz mancher Handicaps (Anspielung auf sein Judentum) durch seine hervorragenden Fähigkeiten gemacht habe. In allen Artikeln wird seine romantische Laufbahn vom Schiffsjungen zu den höchsten Staatsämtern geschildert. Er war der erste englische Generalstaatsanwalt, der dem Kabinett angehörte, er war dann „Lord Chief Justic", der höchste Richter Englands, dessen Würde und Vornehmheit nach der. Worten der „Times" alle Kritiker zum Schweigen brachte. In diesem Amt wurde er auch die rechte Hand der Regierung in finanziellen Dingen während der plötzlichen Krise des Jatres 1914. Er war dann der Generalbevollmächtigte Englands bei den Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten vM trug so in einem überaus wichtigen Punkt zum Erfolg meines Vaterlandes während des Weltkrieges bei. Kaum zurückgekehrt, mit Ehren überhäuft, wurde er bereits zum Viz'ekönig von Indien ernannt, und es war seine Aufgabe, die erste Phase der konstitutionellen Reformen durchzuführen. Es ist noch erinnerlich, daß er in seiner Antrittsrede in Indien auf seine jüdische Abkunft anspielte, die ihm das Verständnis orientalischer Völker erleichtere. Unter den vielen Kondolenzen, die die „Times" veröffentlicht, ist ein Telegramm des gegenwärtigen Vizekönigs von Indien, Lord Willingdon, worin es heißt, die indische Regierung beklage den Verlust eines hervorragenden Staatsmannes, der nicht nur während seiner Amtszeit Indien die größten Dienste geleistet hat, sondern nach seiner Rückkehr nach England einen hervorragenden Anteil an dem Zustandekommen der neuen indischen Verfassung nahm. Der französische Ministerpräsident Laval gedenkt in seinem herzlichen Beilandstelegramm seiner Zusammenarbeit mit Lord Reading im Jahre 1031 während Readings Außenministerschaft. An Readings Tätigkeit im Außenamt erinnert auch der gegenwärtige Außenminister Eden in seiner Kondolenz, worin er sagt, das Foreign Office und der diplomatische Stab seien stolz darauf, daß Lord Reading mit ihrem Amt verbunden war. Unter den Kondolierenden befinden sich weiter sämtliche königlichen Prinzen mit dem Prinzen von Wales an der Spitze, der amerikanische Staatssekretär für Aeußeres H u 11, der (jüdische) Ex-Generalgouverneur von Australien Sir Isaac Isaacs, der kanadische Ministerpräsident MacKenzie King und zahlreiche Diplomaten. Auch in Indien war der Widerhall des Ablebens von Lord Reading sehr groß. Sir Tei Balladur Sapru, einer der führenden Hindus, gab eine sehr warm gehaltene Erklärung ab, worin er sagt, in Lord Reading habe nicht nur England einen seiner klügsten Staatsmänner verloren, sondern auch Indien einen wahren Freund. Lady Oxford, die Witwe des ehemaligen englischen Premierministers A s q u i t h, widmet Lord Reading in der „Times" einen überaus herzlichen Nachruf und erklärt, ihr verstorbener Gatte hätte stets gesagt, Lord Crcwe und Lord Reading seien die zwei Männer, deren Rat er am höchsten einschätze. Die Trauer um Lord Reading erstreckt sich naturgemäß über die ganze jüdische Welt. Die Vertreter der englischen Judenschaft und deren große Organisationen haben in der Presse dieser Trauer Ausdruck verliehen. Auch das palästinensische Judentum nimmt lebhaften Anteil. Dabei wird auf Lord Readings Besuch in Palästina im Jahre 1031 und die anfeuernden Reden, die er damals gehalten hat, hingewiesen. Die Jewish A g c n c y, der Keren Hajessod und Dr. W e i z m a n n sandten Beileidskundgebungen an die Familie Lord Readings. Pinchas R u t h e n b e r g begab sich im Flugzeug von Palästina nach London, um an der Einäscherung Lord Readings teilzunehmen. Lord Readings Nachfolger ist sein Sohn, der bisherige Viscount Erleijjh, der 1930 einer der Rechtsanwälte der Jewish Agency bei der Verhandlung über die Unruhen vor der Shaw-Kommission in Jerusalem war. Seine Gattin, die neue Marchioncss of Reading, bisher Lady Eva Erleigh, die Tochter Lord Melchetts, ist eng mit dem Palästinawerk und der zionistischen Bewegung verbunden. Kundgebung der Zion. Exekutive Die Zionistische Organisation hat anläßlich des Hinscheidens des Marquis of Reading eine Kundgebung erlassen, in der es heißt: „Der verstorbene Lord Reading hat für die jüdischen Bemühungen in Palästina stärkstes Interesse bewiesen. Bei vielen kritischen Gelegenheiten erwies sich der weise Rat Lord Readings als von großem Vorteil für die zionistische Sache. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Palestine Electric Corporation war er mit Palästina verknüpft und sein Interesse an der Entwicklung des Jüdischen Nationalheims wurde vertieft, als er 1932 Palästina besuchte. Nach seinem eigenen Ausspruch war er von der jüdischen Entwicklung in dem Lande tief beeindruckt. Als er von dem Vertreter der Jewish Agency begrüßt wurde, erklärte er, er freue sich, überall in Palästina Beweise der Entschlossenheit zu sehen, das Werk zum Erfolg zu führen. Bei einer anderen Gelegenheit sagte er, das jüdische Volk lasse sich nicht leicht durch Schwierigkeiten verwirren und der Mut, die Ausdauer und die Inspiration, die die Juden in Palästina entfaltet hätten, seien die Gewähr dafür, daß sie einer glücklicheren Zukunft entgegengehen. Das Jüdische Nationalheim werde weiterhin erstarken, und die Siedler und ihre Kinder würden von Jahr zu Jahr mehr Anlaß haben, glücklich darüber zu sein, «laß sie in Palästina geborgen ein Leben der Freiheit führen, das sie in so hohem Maße verdienen. Lord Reading war auch tief berührt von der jüdischen Erziehung in Palästina, die den Kindern einen Geist der Freiheit und Unabhängigkeit einpflanzt. Lord Readings Besuch in Palästina erweckte in ihm den Wunsch, auch weiterhin die Entwicklung des Indischen Nationalheims zu fördern; er hat der Jewish Agency jederzeit seinen Rat und seine Hilfe geliehen. Der Hingang eines so hervorragenden Juden und englischen Staatsmannes ist ein trauriger Verlust für das jüdische Volk. Obwohl er niemals eine offizielle Stellung in der Zionistischen Organisation eingenommen hat, wird sein Andenken doch bei allen Zionisten und Palästinafreunden im Hinblick auf die gewichtige und weise Unterstützung hoch gehalten werden, die er jahrelang der Sache des Jüdischen Nationalheims angedeihen ließ." Weitere Pressestimmen Die amerikanischen Zeitungen widmen Lord Reading große Nachrufe. „New York Times" vergleicht ihn mit Disraeli und schreibt u. a.: „Als er als englischer Sonderbotschafter nach Washington kam, besiegte er sofort alle Rassenvorurteile. Er gewann die Liebe und Zuneigung und den großen Respekt des amerikanischen Volkes und bewältigte eine überaus delikate Situation in bewunderungswürdiger Weise. Man sagte damals in Amerika offen, daß die bemerkenswerte Wiederannäherung zwischen England und den Vereinigten Staaten fast gänzlich seiner Persönlichkeit zu danken sei." Auch ein Teil der deutschen Presse hat von dem Ableben Lord Readings Notiz genommen. Die meisten Biätter brachten die Nachricht über den Tod und die Laufbahn des Verstorbenen, jedoch finden sich in manchen Zeitungen auch Kommentare. So z.B. schreibt der „Westdeutsche Beobachter" in Köln: „Der Verstorbene war das Paradepferd aller derjenigen, die an Deutschlands Kassepolitik etwas auszusetzen finden. Stets wurde ,'iti( Lord Reading verwiesen, auf den Juden, der es sogar »im englischen Vizekönig in Indien gebracht hatte. Aber Lord Reading war trotzdem nur eine Ausnahme. Hätte nicht der Krieg seinen finanziellen Talenten und seiner politischen Beweglichkeit größeren Spielraum verschafft, dann wäre er nie zu dem geworden, was er war. Lord Reading war der erste und auch zugleich der letzte jüdische Vizekonig. — Hinzu kommt, daß der Verstorbene nach .Möglichkeit sein Judentum unter den Scheffel gestellt hat. Wie alle in England hochgekommenen Juden, .vermied er, soweit es eben ging, jede Berührung mit seiner Rasse und suchte sich zu assimi- Das Umfassende Rabbi Schimon ben Chalaffa sagte: Sieh, wie teuer der Friede ist: Als der Heilige, gesegnet sei er, Israel segnen wollte, fand er kein anderes Geffifj, das alle Segnungen enthielte und mif dem er es segnen könnte, als den Frieden. Woher weife ichs? Weil gesagt ist: „ER gibt seinem Volke Kraft, / ER segnet sein Volk mit Frieden" (Psalm 29, 11). Deuieronomium rabba f, ~t4 (Uebera. v. N. N. Glaizer) -mt r%L. . , - liSP' Vjö"-- J~~-*m J "f^'^Si Lord Reading als Außenminister in seinem Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt F.äo : Ihm »im Art Hardt , al>er;il - er vor einigen «•::«• Aiiuiti. Mit dem 1 id K« .ctiüg die letzte Snt .iul geM'iüft liehen lieren. Seine erste Frau war rwvh eine Jahren zum zweiten .Male heii.i'cte, w.ii Verschwinden des Namens 1-a.ic 1-jac, j Brücke zum (iheno ab/ajl eashen v< i n Gebieten arbeitete er bc> znaa/t nie heb n zuennaai." Die „Frankfurter Zeitung" vom 1. Januar 1936 widmet dem Verstorbenen auch eine längere Würdigung, an deren Schluß es wie folgt heißt: „Kngkmd verlier! mit ihm, dri .aa h an derhoeh-aen Stelle des Staates nie seine Ras-;e verleugnet U:v, einen Public Man, der sich durch maßvolle und tiefe Klügln it einen außerordentlichen Rang erworben hat." Briefe von einer Orient-Reise Von C. Z. Klötzel, Jerusalem / Vgl. die Reisebriefc in Nr. 97, 100 und 102 v. J. Regen in der Wüste Von Damaskus nach Bagdad im Autobus „Für Passagiere ist es jetzt die schönste Zeit für die Wüstenfahrt", sagt Mr. Norman Nairn zu mir und blickt besorgter als irgendein Kapitän auf hoher See nach dem Barometer. „Für uns und unsere Chauffeure ist es die „Nairn"-Wüsten-Autobus schlimmste. Unsere Wüste ist jetzt voller Wasser. Und es ist noch mehr Regen zu erwarten." Er sagt „unsere" Wüste, aber ich weiß: er meint eigentlich „meine" Wüste. Denn Mr. Norman Nairn betrachtet die syrische Wüste zwischen Damaskus und Bagdad wenn nicht als sein Privateigentum, so doch als ein üebiet, das er dem Verkehr erschlossen hat und in dem eigentlich nichts ohne sein Wissen und seinen Willen geschehen sollte, vor allem aber kein programmvvidrigcs Naturereignis. An der „Wüste Nairn" hängt ihr Erschiießer und Bezwinger mit der Liebe eines Lntdeckers und Erfinders zugleich. Denn er hat nicht nur die Route festgelegt, auf der man heute in 24 Stunden eine Reise machen kann, zu der man früher 24 Tage brauchte, sondern er hat auch jene technisch-kaufmännische Organisation geschaffen, die ein Jahrzehnt lang Pionierdienste getan hat, bis sie die Wüstenfahrt aus einem waghalsigen Abenteuer in eine ebenso gefahrlose wie bequeme und interessante Reise verwandelt hatte. Der Bezwinger der Wüste Es mußte jemand aus Neuseeland kommen, um das zu vollbringen, und der Weltkrieg mußte ihn nach Palästina verschlagen, damit er an Reisen durch die Wüste Geschmack bekam. Schließlich aber mußte Mr. Nairn ein Schotte sein, um sich mit der ganzen an Dickköpfigkeit grenzenden Ausdauer seiner Rasse in die mannigfachen Probleme zu verbeißen, die mit diesem Unternehmen verknüpft sind. Im Frühjahr 1923 unternahm Norman Nairn mit vier Autos und vier Begleitern seine erste Reise von Damaskus nach Bagdad. Sie dauerte volle vier Tage — aber von dieser Zeit an war die W ü s t e o f f e n. Seit 1927 besteht ein wöchentlicher, fahrplanmäßiger Verkehr zwischen den beiden Städten, der seit einiger Zeit auf wöchentlich zwei Abfahrten gesteigert worden ist. Die vier gewöhnlichen Autos der ersten Reise — sie haben einen Platz in einem Museum des Automobilismus verdient! — haben sich heute verwandelt in riesige, bequeme Pullmann-Autobusse. Einer von ihnen ist eine Art Wüsten-Zeppelin auf Rädern, fast 70 Fuß lang, das größte Auto der Welt, —- natürlich ein Produkt Amerikas! Daneben gibt es gewaltige Lastautos für den Frachtverkehr. „Nairn''-Autos sind keineswegs die einzigen, die heute durch die syrische Wfetv fahren. Dank der Pionierarbeit dieser ersten und immer noch weitaus größten (.iesellsehaft können es selbst verhältnismäßig kleine Wagen unternehmen, die „trans-üesert totir" zu bewältigen. Ich traf in Bagdad Bekannte, die in ihrem winzigen Renault-Zweisitzer immer hinter dem Nairn-Mammtd hergefahren waren und ohne jede Panne ankamen. 1 s gibt kühne arabische Chauffeure, tlie sechs Personen in einen klapprigen Iort! packen, das iiepack auf die Trittbretter schnallen und im Vertrauen aut Allahs Hilfe losfahren. Manchmal hilft ASlah wirklich... Manchmal! Abfahrt nach Bagdad Unsere beiden Chauffeure sehen nebeneinander aus wie Pat und Patachon. Atohamed Ismail, der Tscherkesse, ist baumlang, Bruni Urbano, der Ilaliener, klein und quick. Beim Einsteigen sehe ich mir interessiert das Armaturen- Brett vor dem Führersitz an. Ich suche — den Kompaß. Ich weiß, daß die syrische Wüste eben und wegelos ist wie eine Meeresfläche. Unser Wüstenschiff muß also auch einen 1 I, :-...'."^ ">"! \ >- ' ä /WA-'«,- ■' V'^- __......>t' 1 '""'"7. "i i' . >£' :•' i /,>'* SfBfi?........ •-Bs Kreuzweg in der Wüste. Treffpunkt der Autostraßen Damaskus—Bagdad und Hit—Bagdad V"U»i Klüt.«* dj^^^^^^^^^