Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 105 (31.12.1935)
- Date
- 1935-12-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 105, 31. XW. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Judentum und Christentum Die ״Frankfurter Zeitung“ vom 25. Dezember berichtet über Vorträge, die in der Berliner Lessing-Hochschule in den»■ letzten Wochen zu religiösen Gegenwartsfragen stattgefunden haben. Es heißt in diesem Bericht u. a.: ״Manche von denen, die außerhalb des Christentums und im Gegensatz zu ihm religiöse Möglichkeiten suchen, hoffen aut eine neue Religionsschöpfung aus dem Geist unserer Tage, auf das Wunder einer Religionsstiftung; aridere greifen zurück auf die indogermanische oder germanische Religionsgeschichte, um aus ihr eine artgemäß« Religion inhaltlich zu erfüllen. Zu diesen gehört Hauer. ... Hauer meint, das Judentum habe das Erlebnis einer uneinsichtigen notwendigen Weltordnung in die Idee eines gesetzgebenden, persönlichen Gottes aufgelöst, und von hier aus sei es mir ein Schritt zu den christlichen und islamischen Prädestination«- lehren, die des Gefügtsein des undurchsichtigen Geschehens in die göttliche Willkür der Verdammnis umdeuteten. Die schwerste Umkehrung des Schicksalsgedankens aber sei die Projektion irdischen Geschicks in die ewige Verdammnis. Hauer hält den christlichen Gotteshegriff für den gläubigen Menschen nicht mehr für verbindlich; Werte der schöpferischen Freiheit, der Einsatzbereitschalt, der menschlichen Würde, die hier als spezifisch artgemäß verkündet werden, sind andererseits christlicher Theoiogie durchaus nicht fremd. Erich Schaeder versuchte darzulegen, daß die christliche Liebes- und Erlösungslehre gerade dem deutschen Menschen besonders nahestehe; wohl sei Jesus ein Jude seiner Zeit gewesen und habe jüdische Begriffe verwandt, aber er habe ihnen die Sinnerfüllung aus der Macht des Geistes gegeben. Der Dahlemer Pfarrer N i e m ö 11 c r, der für eine Christliehe Neugestaltung aus dem Alten Testament plädierte, ging hierin noch weiter, indem er das kultus- und religionsgeschichtliche Interesse am Alten Testament völlig zurückstellte, wie er auch eine Betrachtung seiner pädagogischen und moralischen Werte für die Gegenwart ablehnte: so viel sei aber sicher, daß ohne das Alte Testament heute eine erhebliche Verringerung au religiösem Oute spürbar werde. Die entscheidende Frage sei, ob ein unlösbarer Zusammenhang zwischen dem Alten Testament und dem Wesen und Auftrag der christlichen Kirche bestehe, oder ob sie sich versündige an unserem Volke und an ihrem eigenen Wesen, wenn sie es beibchalte. So sei die Frage des Alten Testaments allein eine Frage der christlichen Kirche. In der Tat gehe cs darum, im neuiestamentlichen Christus den zu finden, der im Alten Testament als das Wort Gottes verborgen sei: erst dadurch werde Christus ,das Ja und Amen der ganzen Gottesbotschaft‘. Ludwig A. Winterswyl, der von einem katholischökumenischen Standpunkt aus sprach, erklärte wohl am schärfsten von allen christlichen Gegnern Hauers die Konsfruktion von Rassenreligionen für ein grundsätzlich aufklärcrisches und positivistisches Unterfangen. Die rassische Erbanlage gehöre gewiß zum Grundwesen eines Volkes, aber sie bestimme es nicht allein: wo sie überwertet werde, sei die Gefahr nicht geringer, als wenn alles vom Geistigen her bewertet werde. Die Forderung einer arteigenen Religion sei illegitim, wenn sie von der Frage, wann, wo und durch welche Rasse eine Religion entstanden sei, ausgehe; sie sei aber legitim, wenn zwischen den seelischen Erbanlagen eines Volkes und den Werten einer Religion eine enge Verbindung hergestellt werde. Sicher sei, daß die jüdische Religion nicht arteigen, sondern von Gott gegeben sei; oft genug sei seine Auscrwählung vom jüdischen Volke als Last empfunden worden wie anderseits bereits das Apostelkonzil die spezifisch jüdischen Bestimmungen des Alten Testaments fftt unverbindlich erklärt habe. Noch weniger aus Menschenart sei die neutestamentliche Offenbarung Gottes. In Rasse und Volk und ihren religiösen Erfahrungen und Anlagen sehe der Christ nicht etwas durch die Sünde total Verderbtes; sondern gerade da, wo das Volk eine lebendig vorgegebene Einheit sei, müsse der Christ wünschen, daß es als Ganzes zu Christus finde...“ Die Jüdische Rundschau im Jahre 1936 Das Programm der ״Jüdischen Rundschau“ für den diese Woche!«ginnenden 41. Jahrgang kann kurz zusammengefaßt werden: Fortsetzung der alten Linie und sorgfähiger Ausbau des redaktionellen Teils. Die ״Jüdische Rundschau“ ist bestrebt, Ihren Lesern ein Bild des gesamten jüdischen Geschehens zu geben und sie fühlen zu lassen, daß sic als Juden einer großen, in Bewegung belindllchen, um ihre geistige und physische Existenz ringenden Gemeinschaft angehören, deren Schicksal«, Lebensäußerungen, Gedanken und Werke sich in der Zeitung widerspiegeln. Mit dieser Grundeinstellung betrachten wir die Probleme der Zeit und unseres eigenen Daseins, in der Ueberzeugung, unseren Lesern einen inneren Halt geben und eine Richtung weisen zu können, ln diesem Geiste werden die redaktionelle Führung des Blattes und die Aeußerungen zu aktuellen Fragen auch weiterhin gehandhabt werden. Eine besondere Sorgfalt verwenden wir auf die Ausgestaltung unseres Informailonateila Ein ausgedehntes Netz von Korrespondenten und Mitarbeitern ermöglicht uns, einen vollständigen Ueberblick über alle jüdisch interessanten Ereignisse zu geben. Neben unseren ständigen Korrespondenzen werden wir auch im neuen Jahr zuaumenhisigesde Reportagen über die jüdische Lage in bestimmten Teilen der Welt bringen. Nach der großen Artikelserie von Ernst Kahn über die Vereinigten Staaten von Nordamerika und neben der noch nicht abgeschlossenen Artikelserie von C. Z. Klötzel über den Vorderen Orient von Syrien bis Indien werden zunächst die Artikel von Dr. Arthur Ruppin über seine Reise in Südamerika veröffentlicht werden. Weitere Beiträge dieser Art werden folgen. Die ״Jüdische Rundschau“ ist das Publikafionsorgan der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und des Palästina-Amtes der Jewish Agency. Infolge ihrer ausgezeichneten Beziehungen vermag sie eine zuverlässige Dar- Stellung des Zionismus und seiner Entwicklungen, verbunden mit kritischer Betrachtung, zu geben. Der Palästina-Teil hat eine wesentliche Ausgestaltung erfahren. Er Ist jetzt in einem auch äußerlich getrennten ״P a 1 ä s t i n a - B1 a 11“ zusammengefaßt, das neben den möglichst vollständigen Nachrichten und neben der Besprechung der aktuellen Palästina-Fragen ständige zusammenfassende Berichte über Politik, Wirtschaft, Kultur sowie wichtige Meinungsäußerungen Ober die Probleme des Palästina-Aufbau* bringt. Insbesondere sind wir bestrebt, in diesem Teil unserer Zeitung eine getreue Darstellung der Lage der Einwanderer aus Deutschland, ihrer Sorgen und Probleme, zu geben. Dem Palästina-Teil ist eine periodisch ־wiederkehrende ״Umschau“ kleiner Referate angeschiossen, für die sachverständige Mitarbeiter gewonnen wurden, Bisher sind folgende Rubriken eingerichtet: Arabische Welt (Michael Assaff); Siedlungswesen (Dr. H. Ernst); Ar• beiter-Bewegung (Fritz Naphtali); Gesundheits• wesen (Fritz Noack); Erziehung (Jakob Sandbank): Hebräische Literatur (Israel Kohn); Geistiges Leben (Escha Scholem); Soziale Arbeit (Margarete Turnowsky). Weitere Rubriken werden noch angeglledert. Der Palästina-Teil bringt auch ständig Bilder und Bildreportagen aus Palästina; ebenso wird in den anderen Teilen den Illustrationen ein besonderes Augenmerk zu gewendet. Die ständigen Rubriken, die unseren Lesern bereits unentbehrlich geworden sind, werden weltergeiührt: ״Wie gestalte ich den Schabbat?“ mit rege!• mäßigen Hinweisen auf den Wochenabschnitt und anderen für Schabbat-Feiern geeigneten Stoff; das von Chemjo Winawer bearbeitete Singblatt der ״Jüdischen Rundschau“, das sich schnell Beliebtheit erworben hat; allwöchentlich ein ״Merkspruch“ aus der Bibel oder aus andern jüdischen Schriften; die Schachecke, der Briefmarkensammler u. a. vor allem die von Dr. Kaleko redigierte hebräische Beilage, die sich als ausgezeichnetes Mittel des Fern- Unterrichts erwiesen hat. An ständigen Beilagen erscheinen: Die ״Sport- Rundschau“, die ״Berliner Rundschau“, das Literaturblatt und vor allem die ״Kinder-Rund־ s ch a u“. in unserer Roman-Beilage sind wir bestrebt, unseren Abonnenten eine Lektüre zu bieten, die literarisch wertvoll, jüdisch bedeutsam und zugleich fesselnd ist. Nach dem jetzt begonnenen kleinen Roman ״Die letzte Station“, von Leo Hirsch, sind bereits mehrere Romane aus Palästina und aus dem Leben der Juden der Gegenwart vorgesehen. In unserer Rubrik ״Briefe an die Redaktion“ kommt der Leser zu Wort, so daß durch ständigen Gedankenaustausch ein enger Kontakt zwischen Zeitung und Publikum hergestellt wird. Eine besonders innige Beziehung wünschen wir auch mit den aus Deutschland ausge w׳ änderten Juden aufrechtzuerhalten, für die die ״Jüdische Rundschau“ oft die einzige Verbindung mit dem jüdischen Leben darstellt. Im vergangenen Jahre haben wir das Jubiläum des 40jährigen Bestehens der ״Jüdischen Rundschau“ gefeiert und haben aus diesem Anlaß eine Fülle von freundlichen Begrüßungen erhalten. Es ist uns eine große Genugtuung, wenn die ״Jüdische Rundschau“ den jüdischen Menschen von heute etwas bedeutet. Wir können unsere Aufgäbe nur erfüllen, wenn wir die Unterstützung unserer Leserschaff haben. Um diese bitten wir auch im kommenden Jahre. Redaktion und Verlag der ״Jüdischen Rundschau“ Zum Der Maler 1. Ryback ist im Alter von 38 Jahren in Paris gestorben. Mit ihm hat die jüdische Kunst — viel zu früh — einen ihrer begabtesten Vertreter verloren, im Jahre 189! in einer kleinen Stadt in der Ukraine geboren, gehörte Ryback in seiner frühen Jugend zu jenen Kindern, denen sich die umgebende Welt erst langsam, aber dann um so tiefer, erschließt. Erst mit dem zehnten Lebensjahr traten die großen Fähigkeiten Rybacks hervor, und man erkannte, wie tiet er das ihn umgebende chassidische Milieu in sich aufgenommen hatte. An der russischen Kunstschule, die Ryback mH 14 Jahren bezog, galt der jüdische Junge bald als ein Wunderkind. Ryback hat die Verbindung zum jüdischen Motiv und seiner Darstellung stets aufrcchterhaiten. W׳ährend des Weltkrieges erhielt der junge Künstler von der Jüdischen Historisch-ethnographischen Gesellschaft den Auftrag, die jü- Tode I. Ryb dischen Gemeinden in Rußland zu bereisen und dort Kopien von der synagogalen Kunst und der jüdischen Volkskunst herzustellen. Durch die russische Revolution wurde diese langsame und konsequente Entwicklung Rybacks jäh unterbrochen. Die Schrecken des Bürgerkriegs brachen über die Ukraine herein, und bald traf ihn der tiefste Schmerz des jüdischen Schicksals: sein Vater wurde während der ukraiirischen Judenpogrome ermordet. 1921 siedelte Ryback nach Berlin über. Er hat auch mehrfach in der Berliner Sezession ausgestellt. Die Berliner Periode ist für Ryback außerordentlich fruchtbar gewesen. Einige seiner besten Frühbilder, zwei Mappen mit jüdischen Typen, zeugen von den Fortschritten des jungen Künstlers. Der Einfluß der abstrakten Kunst macht sich zum ersten Male auch bei diesem realistischen Maler geltend. Vor der Berliner Periode acks hatte sich Ryback zwei Jahre in Moskau aufgehalten, wo er die Dekorationen für das jüdische Staatstheater in Moskau, und für das Charkow«- Jüdische Theater malte. Das war eine Tätigkeit, in der sich die dramatische Seite seiner künstlerischen Begabung auswirken konnte. Seit dem Jahre 1926 lebte Ryback in Paris und erst dort hat seine Kunst Harmonie und Reife gefunden. Noch kurz vor seinem Tode konnte Ryback in einer Pariser Kunstgaierie eine Ausstellung; eröffnen, die die besten Seiten seines Schaffens zeigte und die ihm einen starken moralischen Erfolg brachte. Es war im besten Sinne gute jüdische Volkskunst, die ihre Grundlage in dem jüdischen Städtchen des Ostens hatte. Ryback hat nicht nur als Maier, sondern auch als Graphiker und als Zeichner Bedeutendes geleistet, ln der letzten Zeit hatte er sich mit Erfolg der Keramik zugewandt. K. Der Maler Ryback hat die Gestalten des mstjüdischen Ghetto-Städtchens in ihrer Armseligkeit und Gedrücktheit in einer grotesken Verzerrung dargesldlt. U ir geben aus einem im Jahre 1922 in Berlin im Verlag Schwellen erschienenen Mappenwerk ״Das Städtel" nachstehend zwei Proben wieder. Links: ״freitagabend", rechts: ״Der Mcla• mei im Cheder", Die Bilder sind Dokumente eines Expressionismus! uon dem der Maler sich später abwandte. —יילד־ ■f i ""יי »«« t jM