Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 103-104 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 103/104, 24. X«. 1935 J0D1SCHE RUNDSCHAU Seife 17 Aus dem Reich Von unseren Berichterstattern Bretlan. In einer Kundgebung für die Jüdische Winterhilfe sprachen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Georg Leß, und Gemeinderabbiner Dr. Vogelslein. Oberkantor Julius I’eissaciKwlisch, Berlin, sang. — Nach der Einigung in der Jüdischen Gemeinde fand kürzlieh die letzte Sitzung der abtretenden Gemeindevertretung unter dem Vorsitz des zionistischen Fraktionsführers, Dr. Otto llalpcrt. statt. Einem Rechnungsabschluß 1934/35 folgte eine eingehende Würdi,. gung der Winterhilfsarbeit und ihrer Aufgaben durch GcmeindcTertreter Fabisch (litt.). Nach verwaltungsmäßigen Mitteilungen widmeten die Vertreter aller Richtungen dem scheidenden Vorsitzenden der Gemeindevertretung. Justizrat Georg Peiser, an dessen Stelle ein Zionist tritt, Worte des Abschieds und des Dankes. — Dr. Mark Wischnitzer sprach in der Neuen Synagoge über Auswanderung«• mögliehkeiten in das außerpalästinensische Ausland. Dr. Walter Lux (zion.), der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, leitete diese Veranstaltung mit einer Ansprache ein. Oberkantor H. J, Fletschmann, Köln, sang. F. G. N. Darmstadt. Im überfüllten Saale des Restaurant ״Stadt Frankfurt“ fand am 19. Dezember die Kundgebung ״Wir vom Hachad“ statt. Der Redner des Abends, Leon Arieh Händler, sprach über: ״Schicksal und Weg“. Dreieichenhain bei Darmstadt. Die Gemeinde beklagt das I Imsehcidcn ihres Vorstehers und ehrenamtlichen Vorbeters Ruhen Strauß, der das Alter von 85 Jahren erreichte. Düsseldorf. Am 1. Dezember fand tler er־tc Abend des neugegriindeten Intensivkreises der Ortsgruppe statt. Kur.dciter: Gcotg Guthmann, Auf einer Mitgliederversammlung der ZOG. am 28. November sprach Georg Guthniam! über: ,,Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Faläslinawanderung“. Esch Wege. Die Eröffnungsveranstaltung des neuen Kulturbundes fand am 26. November mit Dr. Anneliese Landau statt, die über ״Mendelssohn und seine Zeit“ sprach, am Flügel von Wolfgang Rose begleitet. — Am 9. Dezember spielte das Frey-Quartett llaydn, Mozart Und Schubert. Frankfurt a. M. Die neue Spielzeit findet den Kulturbund Rhein-Main im Aufstieg. Die Zahl der Mitglieder ist erheblich gewachsen. Die künstlerische Tätigkeit konnte demgemäß eine wesentliche Vorbreit «rung erfahren. Auch Theater und leichtere Unterhnltungskunst wurden nunmehr planmäßig in das Programm eingebaut. Ein sehr gelungener Kleinkunst-Abend (.,Frankfurter und Ocstliche Bitderbegen“), eine Tanz-Darbietung V.tleska Gert und ein Gastspiel des Rhein-Ruhr-Theaters mit Shakespeares ״Komödie der Irrungen“ lösten bis jetzt die auf diesem Gebiete gemachten Versprechungen ein. Der Schwerpunkt des Wirkens beruht nach wie vor auf der Musik. Das Orchester entwickelt sich durch die zielbewußlc Krzichungsarbcit II. W. Steinbergs zu einem immer vollkommeneren Instruntent. Mit Beethoven (Egmont-Ouveriurc) und Schumann (2. Svmphonie) wurde die Saison verheißungsvoll eröffnet. Emamtel Feuermann war illustrer Gast-SoIi-t. Zu einem großen musikalischen Eretgnis gestaltete sich die Ausführung der 1. Mahler-Svmplionie. Das Orchester, durch freistehende Berufsmusiker und Musikliebhaber auf über 70 Mann verstärkt, zeigte sich den Schwierigkeiten in erstaunlichem Maße gewachsen. Steinberg ließ den grandiosen, seltsam widerspruchsvollen N'ahtrhymims — ohne Stütze der Partitur — aus einer großen inneren Schau heraus lebendig werden. Durch klugen architektonischen Aufbau über brückte er auch die brüchigen Stcllen. Den lyrischen und grotesken Partien blieb er nichts schuldig. Das Werk und seine mit einer geradezu fanatischen Begeisterung vollzogene Wiedergabe schlugen das Publikum in Bann. Der Symphonie voran gingen Glucks Ouvertüre zu ״Iphigenie in Aulis“ und Mozarts Violinkonzert in D, von Hans Bassermann in technischer Vollendung und mit seltener Slilrcinheit wiedergegeben. An Kammerirnisik wurde ein wertvolles, auch im Programm interessantes Konzert von Heida Hermanns und Boris Schwarz sowie ein anregender, den Wiener Klassikern gewidmeter Abend des Kulturbund-Quartetts (Baasermann, Drucker, Karp, Schuycr) geboten. Auch die Chorarbeit kam nicht zu kurz. Ein Konzert des jüdischen Kammerchms unter I. eirung Dr. Nathan Ehrenreichs brachte neben wertvoller alter Musik Worte lebender jüdischer Komponisten: in ihrer Verschiedenartigkeit fesselnde Bearbeitung jiidEchcr Volkslieder von Herbert Fromm, Erich E Kahn. Rosi Gcigcr-Kullmann und eine Kantate mit. Orchester von Herbert Fromm nach Texten von Jchuda Italevy. Der Chor hat sich unter seinem Dirigenten zu einer erstaunlich künstlerischen Höhe entwickelt. An Solisten taten sich hervor Gerda Oppenheim, Paula Lcvi, Hans Asscnheim. Unter dem gleichen Dirigenten und unter Beteiligung der jüdischen Chorvereinigung. Kammerchor, jüd. Kindercfior und Kulturbund-Orchester fand eine Auffiihrung des ״Judas Nlakkabäus“ von Händel statt. Chor, Solisten und Orchester, erfaßt von dem gewaltigen Geist des Oratoriums, brachten das Werk unter der sicheren Führung des Dirigenten zu einer mächtigen und disziplinierten Gesamtwirkung. Die Solisten Erika Storni. Paula Lindberg, Herbert Heß, Hermann Schcv, Paul Meyer (Cembalo), Herbert Fromm (Orgel), erhöhten durch ihre hervorragenden Leistungen den Gesamteindruck des Werkes. K. iE Gladenbach (Hessen-Nassau). Die Gemeinde hat einen schweren Vcrlust durch den Heimgang ihres Vorstehers Hermann Jonas erlitten. Hamburg. Direktor Raphael Plaut, der seit 1920 das Waisenhaus am Papcndamm leitet, wird am 12. Januar 60 Jahre alt. Hildesheim. Am 17. Dezember sprach vor der ZOG. Max Weiner- Hannover über: ״Palästina und der abessinische Krieg“. Jülich. I3ie Wimerarbeil der ZOG. wurde mit einen! Referat ▼on Dr. Neubörger, Düsseldorf, über das Thema ,,Deutsches Judentum und Zionismus“ eröffnet. Koblenz. In einer Kundgebung der Ortsgruppe sprach Dr. Neul>crgt‘r, Düsseldorf, über ״Zionismus nach dem XIX. Zionisteu-Kongreß“. Köln. Dr. Neubcrgcr, Düsseldorf» sprach über ,,Wir! ^haiiswaniliungeu irn Judentum der Moderne“. Mannheim, Am 30• November und 1. Dezember fand die Pcgischa des ״Brith Chaluzim Datiim“ (־süddeutscher GaÜI) statt. Aus allen Teilen Süd־ und Westdeutschlands waren Chawerim und Chawerol des Hundes herhcigceilt, um die gemein-amen Aufgaben und Probleme zu besprechen. Zur Ideologie des Hundes spraelt Rabbiner Dr. Roth. Mannheim, in seinem Referar: ״Cnvere Stellung im ZionhinuVb Ueber grundsätzliche Fragen des!hu-hud referieiie Rudi Herz:, Berlin, in seinen Ausführungen über rebgicbe Krziehimg. Die Rage der religiösen Arbeiterschaft in l’rcz I-rael. de־* IbuHxd ha Misraehi und dejs ftachad, behandelten Arich Händler. Frankfurt a. M״ in seinem eingehenden Referat über die Tage im Bund, und Rudi Herz, der über die gewerkschaftliche Situation im Tondo herichtete. Am Sonntag vormii tag־ berichtete Rabbiner Dr, llofimann, Frankfurt a. M., uns über die Verhandlungen auf dem Tuzcrncr Kongreß. W -s. Marburg. Am 1. Dezember verabschiedete sich der bidienge Norsitzende der ZOG., Iler! Brcndcr. Als Vorsitzende wurde Frau Ciliy Bachradi gewählt. Bad Nauheim. Frau Helene Flöidieim, geh. Löb, Gattin des Hoteliers Hermann Flörsheim, verstarb am 7. Dezember. Neustadt. Am 9. November sprach Fritz Tau, Bcuthen, über ,.Si• tuation des deutschen Judentums und ihre zionistischen Konsequenzen“. Nordhausen, In dern Dezcmbcrprogramm des Kulturbundes sang Alice Heisenberg, Berlin, begleitet von der hiesigen Pianutin Eisbeth Warburg. —r. Nürnberg. Am 10., 11. und 12. November lief der I’alastinafilm ״Tand der Verheißung“ im Rahmen der Kf!-Aktion. Einleitend sprach Frau Dr. Klompus aber die Bedeutung des Keren Hajcssod für das neue jüdische Leben• Zum Schluß nahm Dr. Bambcrgcr, Nürnberg, zu der palästinensischen Wirklichkeit Stellung. Oberhausen. In der Synagoge sprach Dr. Neubörger, Düsseldorf, über ״Zionismus nach dem NIX. /'ionTtcn* Kongreß“. — In einer Ortsgruppenveranstaitung gab Georg Guthmann. einen ״Querschnitt durch die Lage der Juden in der Welt“. Osnabrück. Dr. Schloßberg sprach am 11, Dezember in der ZOG. Pforzheim. Die Konzerte wurden mit einem Abend des Frankfurter Kulturbund-Orchesters unter Leitung von II. W. Steinberg eröffnet. Vallendar. Am 18. Dezember •wurde eine zionistische Arbeit’gemein׳ Schaft gegiündct, der 32 Gcmeindemitglicikr Ireitratcn. Sie wird geleitet von Lehrer Neumann unter Mitwirkung des Herrn Herbert Scheye. Wiesbaden. Unter dem Motto: ״Wir vom Üachad“ veranstaltete der ״Baehad“ am 15. Dezember eine Kundgebung. Rabbiner Dr. Broch, Berlin, sprach über ״ גDie Aufgabe des religiösen Judentums von heute!“ — Der GaliTLeitcr. Leon Arje Händler. Frankfurt am Main, richtete einen begeisternden Appell an die Hörer, sieh in das Aufbauwerk cinzureihen. Reicher Beifall dunkle den Rednern. I)cr Abend war umrahmt mit hebräischen Liedern der Örith Hanoar- Gruppen und fand seinen Abschluß mit dem Bildstreifen: ״Wir vom Bachad“. M. B. — In der ZOG. sprach Dr. Hans Friedenthal, Berlin, über: ״Von Volk zu Volk“. Am 30. November sprach Dr. Licht, Mannheim, über: ״Der Zionismus im deutschen Judentum, Situation und Aufgabe“. Pyritz. Am 10. November sprach Heinz Meyer, Berlin, über 4000״ Jahre jüdische Geschichte, 4000 Jahre Judenschick^al“. Ratibor, In der Ortsgruppe sprach am 3. Dezember Fritz Tau über: ״Gesetzmäßigkeit der Judenfrage in den Ländern jüdischer Massensied Jung“. Regensburg. Dr. Häms Capell sprach am 30. November über ״Jüdischc Not — ZionistTche Antwort“. Rheda (Westfalen), Die neugegründete ZOG. horte aT Kinleüung für die Arbeit in ihrem Bezirk cm Referat von Dr. Neuixjigvr, Dusseldorf, über ״Zionismus als Führer der Juden in Deut.-chlamb‘. Rosenberg. Am 30. November sprach Fritz Tau über: ,,Die Situaturn des Judentums*‘. Schweidnitz. Am 5. Dezember sprach Rechtsanwalt WahLtein, Breslau. über: ״Die Emanzipation der Juden in Deutschland, Rückblick und Ausblick“. Schwcinfurt. Am 27. November sprach Dr. (üqxdi über das Thema: ״Jüdische Not hier — Ziom-ti-chc Antwort“. Stuttgart. Am 3. Dezember sprach Dr. II.:יח Pomeranz, Frankfurt am Main, über das Thema: ״Was Tt der poituhche Zionismus, was ist der Siaatszioniaim■». Eine Auseinandersetzung mit. dem Rcvlsionisniiii“. ־— Am 8. Dezember fand eine außen»rdetrliebe M itgliederver- ,satrunlung .statt: zum Vorätzonden wurde ein-timmig wieder Dr. Paul Tänzer gewählt. —־ Die Mhrarhi-( )rtsgruppo eröltnete am 16. Nov. ihre Wintcrarbeit. Der er.-te Abend wurde duieh Rabbiner Dr. Schicsingcr (Buchau) cingelci'ct.!.einer Wolf Hering׳ r hielt einen Vartrag über den U nste1 I>!i׳'hk1 it -gedanken in der Bibel. —־ Am 1. De* zember sprach Dr. Srliksingcr über: ״Rcligiöwr Zionismus“. Ankündigungen Rejjenxburg. Z< Hi. Ar 11 28. 1 >1 z! m! vr 1:135 1 ,harickkah ■ Frier. — Zwickau. Toniiliti- V!n m! 1,m 1;.,L.iriö <!<-t \ er!« ißnn29 .''״. Dez., 18.30 und 20.30 1־111־, in! (1h,lö;e״n, Zividiju i. Sn., Näinlor. 24. Familien-Nach richten Herr Simon Bratirr. Gimritz, Kijvh-2 .1־׳. Al;e:.״Leim, begeht am 4. Januar firn 75. Gebuü-oig. Herr Siegfried K a u i m a n ״ un׳l Tom Sehna. gelt. Eiditcrdieimer, Frankfurt a. M.. Hammer Taml,tr. 25, begehen am 25. Dezember die blberne 1 loelrzcit. 1־ »au Kmoline O ח p c!! 11 e i in, Königsberg i. Pr., Gut Rosenau, begeht am 20. 1 )ezrml>׳׳r den 80. fö׳bnr!-ta;e Herr Arthur O p ן> e n h ,• i m ׳• r, Ne: Le' <■ um■ h, tm«l 10,01 Bmta. geh. Kaufmann, begehen atu 25. Dez. dir Mihnnr!1 mb/cü. Herr Utr-ch R 11 - a k und b'ram Göt’ingen, Am Weiten Stein 7, begingen am 20. Dezember die Alberne 1 luehzeii. Bar Mizwah-Termine Am 28. Dezember . 2. Tew<.-111: Aliron M ,1 r r u s. Solm von Salomo!» Marcus, Harburg-M'ilhclmslujiti 1, Ludwig ■Frank-Str. 1 a. — Gerhard N c u h a u s, Sohn von Mo-e ■ Neubaus, S[>a״״cnhcrj>. Hez. Kas-cl. Am 4. Januar — 9. Tcwuth: Erich K g g c n e r. Sohn von Leop. }''.׳r^cricr, M.n t:!. So i:: ־!, e r, -— Gerbert 'l r r El 0!. Sohn von Arthur Treidel. Mayen, VMnnarkt. Die ReichsKonferenz polnischer Juden muß wegen der Versammlungssperre verschoben werden. Voraussichtlich wird sie am 19. oder 20. Januar in Berlin abgehalten werden. jcKxa000000Q000cxa001x11a00oc>00000wco0000w0»co000a0cx»Tatxr1o0o0000Pc ocqoooooo« Die Forderung der Stunde Neuer Boden für neue Alij ah KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Berlin W 15, Meinekestr. 10 * Postsch.-Kto. Berlin 28 247 ooeccjoanaacco jooooooo ״Malowa, mein Herr.“ ״Danke, mein Herr.“ Erwin sah ans, als schwände ihm der Boden unter den Füßen. ״Und das halte ich verschlafen“, brummte er und runzelte dto Brauen: ״Warum hast du mich nicht geweckt?“ Jetzt lat er ihr wieder leid. Ihr fiel von neuem ein, daß er das Schwimmbad nicht wiedererkannt halle. Er halte seine Heimat — verschlafen. Er nahm das offenbar noch symbolisch, also tragisch. ״Du hast so glücklich geträumt“, sagte sie. ״Glücklich? Meinen ewigen Angsttraum vor jedem Examen. Wir müssen jetzt, aussteigen. Es ist wie verhext. Wer weiß, ob wir je nach Mause kommen.“ ״Nach Bause“, hieß wahrscheinlich Malowa, dachte Ilse, denn in Berlin waren sie nicht mehr und in Palästina waren sie noch nicht zu Hause. ״Was für einen Angsttraum?“ fragte sie, um ihn abzulenken. ״Du weißt doch, Ilse, 1918, als mein Vater oben in Ruß- Und blieb, weil vom großen Hauptquartier kein Rückmarschbe fehl kam, obwohl der Krieg längst zu Ende war und die mei- 51011 anderen einfach wegliefen, also damals war ich sechzehn Jahre alt und fuhr eines Tages los, den Vater holen. Die Mutter dachte ja, er kann nicht kommen oder er ist krank, Post gab es kaum. Kurzum, ich holte ihn, und wir fuhren im Januar 1919 bei 20 Grad Kälte vicrundzwanzig Stunden von Baranowiasy bis Thorn. Solche Kalle und solche Angst gibt es in Wirklichkeit nie mehr, aber im Traum immer wieder, und deshalb bin ich jedesmal so glücklich, wenn ich träume, wie wir nach Hause kamen, jeder ein Glas Tee tranken und uns noch in allen Sachen — wir hatten jeder einen mächtigen Schlafpelz an — aufs Bett warfen. I)as war an einem Dienslag gegen Atzend. Der Vater ist Donnerstag früh auf׳)״wacht, ich Freitag mittags. Am Freilag abend sind wir gesund und froh und gebadet und in anständigen Anzügen nach Schul gegangen. Hier hört mein glücklicher Traum regelmäßig auf, und ich sehe nur noch zwei Augen, die ersten, die ich damals beim Aufwachen sah, märchenhaft schöne, braune Augen —“ Der Zug stoppte, Ilse, die bereits aufgestanden war, fiel leicht gegen Erwin, sie nahm die Mäntel vom Haken, die sie hastig an zogen, er hob den Koffer aus dem Gepäcknetz, grüßte der» Bauern, der im Coupe blieb, und sie stiegen aus, Es war mae winzige Station; dank der Freundlichkeit des Bahnhof»■ Vorstehers brauchten sie mir eine Kleinigkeit nachzuzahlen. Dann mußten sie eine halbe Stunde warten, bis der Omnibus sie nach Malowa bringen konnte; der nächste Zug ging erst am Abend. ״Wie? Einen Autobus habt ihr jetzt hier?“ fragte Erwin 90 gut polnisch, wie er nur konnte. ״Das wissen Sic nicht?“ wirft der alte Bahnhofsvorsteher ihm vor. Erwin erklärt, er wäre vor fünfzehn Jahren das letztcrnal im Lande gewesen. Der Beamte fragte, mit wem er es denn zu tun habe. ״Ich hin der Veltesle vom Kolonialwarenliiindler Juda aus Malowa“, erklärte Erwin nun schon ziemlich fließend polnisch. Ilse stobt dabei und versteht kein Wort. Der Beamte faßt Erwin vorn am Mantclknopf und erklärt ihm mit Emphase: ״Ihr Vater vvar ein reeller Jude!“ Erwin meint, der Herr Bahnhofsvorsteher verwechsele den Vater mit dem Großvater. ״Mag es so sein!״, schreit der Pole, ״abor er war ein reeller Mann!" Das Gespräch wird immer lauter und angeregter. Das also ist die Heimat, denkt die nüchterne Berlinerin Ilse, als der Beamte Erwins Mantel knöpf fast al!gedreht hat. Der Autobus steht vor der Tür, sie finden noch einen Sitzplatz hinter». Der Fahrer verstaut Erwins Koffer auf dem Dach. Die Fahrgäste, die an den Fenstern sitzen, halten noch den letzten Best des Tageslichts dem Wageninnern fern. Erwin stellt neben Ilses Platz, Das Vehikel setzt sieh in Bewegung. Der Bahnhofsvorsteher ruft noch ein paar Worte nach. Rechts neben Ilse sitzt noch ein Herr. Erwin versucht vergeblich, diesr׳n Menschen zu erkennen, zu dem seine Angen immer zurückkehren. Dann hat er den Eindruck einer raschen, schlagartigen Bewegung von Ilses rechter Hand gegen dieser! Herrn hin. Zugleich steht der Herr auf, zieht den Hut und sagt im verbindliebsten Polnisch: ״Wenn die gnädige Frau so liebenswürdig sein will, ein wenig herttberzurücken, dann hat der Herr Gemahl auch noch Platz.“ Erwin brummt eine Art Dank und setzt sich neben Ilse, die dankend der» Kopf neigt. Der Herr steht vor ihr, und immer wenn der Wagen eine Biegung macht oder auch nur holpert, berühren seine Knie ihre Knie. Der Autobus fährt über den Marktplatz der kleinen Station, der mit Kopfsteinen gepflastert ist; der Autobus holpert Dazu denkt Erwin: wie unangenehm, auf einem vorgewärmten Platz zu sitzen. ״He! Atik'k!“ ruft ein Insasse dein Fahrer zu, ״hall mal an,ן ich sause bloß mal schnell zu Sikara herüber, ein Brot kaufen, sonst schreit mein(‘ Alte!“ ,,Was hat er gr>,׳u:l?“ Iragte Ilse. Der Autobus hall, der Mann sfeiet aus, um ein Brot zu kaufen, und die f׳ ahrgiisfc lachen. ,,Was will denn der Kerl von dir?" zischt Erwin Ilse ins Ohr. Der Brolkäufer kehrt zurück, die Fahrt geht weiter. Kopfsleinj>Ila-ter, der Autobus hüpft, von Stein zu Stein, von laich zu l.och. Bei der nächsten Haltestelle ziimlel der 1 ahror eine kleine Irübgellx* Birne in der .Witte des Magens an. E> wurde AliencL Zwanzig Frauen stie״e!1 ein, dunkle Tücher auf den Köpfen, große Körbe untern! Arm, Käl’ige mit unverkauften! Gellügel oder weiße Bündel in dm Händen, las gab einigen Eärril, aufgeräumte, lustig boshafte Hufe hinüber und herüber, niemand wußte, wo all die Menschen Platz fanden, und Ilse hatte das Gefühl, als 011 auf ihren Knien außer den Beinen des höfliehen Herrn und einem Korb mit zwei (]Hakenden Enten noch die Hälfte eines zwölfjährigen Mädchens, das einen schreienden Säugling auf dem Arm trug, und die ganze Mutter der beiden Kinder, eine Dame vom l mfang einer Jahrhunderte alten Eiche in mindestens einem Dul/.end l.'nlerröeken, niilfuhrer». Es gelang Ilse, mit Erwin den Platz, zu tausdien, was ungemein schwierig war und nichts half. Der Autobus hüpfte unliarmherzig rasch und hart von Loci! zu Lorh. es roch nach Kleinhindern, Geflügel, Moschus, Benzin und Schweiß, und di« rustikalen Witze, die Ilse nicht verstand, wurden immer kräftiger. ״Alles nach rechts!“ schrie der Fahrer vor einer scharfen Linkskurve, und dir Insassen folgten ilmi mit dröhnendem Gelächter, wie mau heim Selmnkelwalzer folgt, und lehnten sieh nach rechts, während der Wagen mit aller Wucht nach links herübergerissen wurde. Es gab einen ungeheuren Krach, einen Schrei aus vier Dulzend Kelile-1!, Geklirr, Scherben, Blut, Gepolter, Gewein, der höfliche Herr beugte siel! über Ilse, und Erwin sali nur noch dir märchenhaft schönen braunen Augen, als er das Bewußtsein verlor. Als endlich die zuständigen Beamten erschienen, um festzustellen, warum der Fahrer die Kurve zu knapp genomme-n und den Wagen gegen einen Baum gefahren hatte, fanden sie von allen Insassen neben den Trümmern nur noch einen alten Bauern und eine Ente. Er hatte einen Lachkrampf, und di» Ent« hatte ein Ei gelegt. (Fortsetzung folgt) k