Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 103-104 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit» 1A JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 103/104, 24. XII. 1935 Wie gefalle ielt den ^chabbat? BRIEFE AN DIE REDAKTION Für Schabbat, 28. Dezember Wochenabschnitt ״Mlkkez" (1. B. M. 41,1-44, 17.) L Wir machen den Vorschlag, den heutigen Wochenabschnitt im Text zu verlesen. Für eine anschließende Unterhalturig empfehlen wir die Darstellung in dein hier schon wiederholt angeführten ״Sefur Hajaschar“, die die Einzelheiten der Auseinandersetzung zwischen Josef und seinen Brüdern in Anlehnung an den Text bringt. (Deutsch in Bd. 3 der Schocken-Biichcrei: Joseph und seine Brüder.) Weiterhin ziehe mail die Midraschsarairilung ״Jalkut Schimani“ heran. Zum Vorlesern empfehlen wir die entsprechenden Stellen aus dein Werke Thomas Manns. II. Unser Wodienahsclmitl wird fast immer am Schabbat Chamikkah gelesen. Man hat wiederholt den Versuch gemacht, den Inhalt des Vi'ochenubschnittcs mit der Chanukkahgeschidite in Verbindung /״ setzen. Wir mochten auf folgen den Gesichtspunkt hinweisen: Der 1 raum!׳liaiaos er/ahit von dem eigenartigen Phiinomen, dali die sch wachen und dürren Acliren die starken und vollen verschlangen. Dieses Phänomen konnten die Schriftdeuter Aegyptens nicht erklären. Nur Josef, der erkannte, dali nicht immer die ״natürliche“ Erklärung die einzig zureichende ist, und wußte, dali ״Gottes die Deutungen sind“, vermochte eine Erklärung für den Traum Pharaos zu geben. Nicht Guaniit.it und nicht die äußere Stärke sind immer in der (ieschiehtc s'e:>reich. — Die Chanukka hgcschichte bringt einen ähnlidn u Gedanken nun Ausdruck, ln dem Gebet, das wir am Clumikkah in die Schinone Fsre einschalten, ist immer wieder die Rede von der Paradoxie, die in der Chamikkahgescliiclite zu liegen scheint: ״Du liefertest aus die Starken in die Hand der Schwachen, die Vielen in die Hand der Wenigen.•‘ Man führe den Gedanken weiter aus und versuche im Zusammenhang damit auf/mveisen, welche Grundgesetix. in der juili-chen Geschichte wirksam geworden sind. III. Mir lernt 11 heute den 3 1. Psalm, den man am Chanukkals sagt. Lr ist jetzt in der Peberset/ung von Buber jedem zug mglii. 11. Man versuche herauszuarbeiten, welcher innere Ztisamnn nhang zwischen diesem Psalm und dem Chan ukkalltmte• 1 notellt. Ais hottuuih vom! gelesen: Koiiijge I; 7, ■Kl bis 51. Der Zusammen(! ang mit uiirscrem W'uetienabsehnitt ist dadurch! licrgestellt, daß in tler ilaftarali wiederholt von der Menorah die Rede ml. Audi mliaitlich besteht ein Zusammenhang mit dem <dianukkahicxu: dadurch, daß dieses Kapitel das Scliluiikapitc! vor der Lin weihung des Saiomonischeu Tempels ist. |, E. Zu Schabbat Chanukkah Der kuniiiiciule Scliahbat ist tler Schlußtag des Chanukkali-l estes, es ist der lag; des achten Chanukkah-Lichtes, Wir werden an diesem (.)lieg-Schabbat in fröhlicher Stirnmtiug den Ausgang des i estes feiern. Wir gehen dabei davon aus, daß in älterer Zeit, besonders unter den Juden des Mittelalters und tler neueren Zeit, Chamikkah ein recht Volkstumliches und veignugtes Fest war, das sich durch buntes Treibe», durch Vci kieidungcu und allerlei Belustigungen, durch Scherz und Spiel ausgezeichnet hat. Freudige Stimmung und gemeinsame Mahlzeiten im Kreise von bekannten und Freunden umrahmten neben Gcoang und lustigen Weisen dieses Fest. Derartige FVstanlässe wollen wir waltrnelmien, um sie in ihrer | Natürlich k e i t und Ungebunden heit zu feiern. Iti der Gemeinschaft kommt uns das geschichtliche Erleben heute stärker denn je zum Bewußtsein, das Fest bekommt erst dann seine echte jüdische Note. — Wir werden dalu-r au diesem Onco-Schahbat eine Chanukkah- Feier in unserem Kreise veranstalten, wobei Ernst und Heiterkeit alm cD!>e!n. Bei dieser Veranlassung werden wir unsere Heime festlich schmücken, die Tische decken und Früchte und Süßigkeiten vorbei eiten. In der Mitte des Tisches oder auf einer erhöhten Siehe steht die Menorah (der Chanukkah-Lcuchier) mit den acht Liditlein, die wir nach Schabbat-Ausgang feierlich an/iimlen. Im Chor werden wir dann ״Maos Zur“ und andere jüdische Lieder singen. Auch das ,.I G e i d e 1״ ״her Trendel darf nicht Vergessen werden. Im Osten spielt greift und klein an den Chanukkah- Abenden dieses volkstümliche Spiet. Da hei sollte man etwa Jüdische Musik Palästinensische Führerscheine Berlin, den 20. Dezember 1035 Sehr geehrte Redaktion! Gcstaf ten Sic mir als einem Laien, tler iur jüdische und für musikalische Dinge t in offenes Ohr ha!, ein Wort zu der Besprcchung!les WinawerHrhen Konzertes in Hin.r!.c zten N um* nicr und iiberlifiupt zu mancher anderen Musikkritik, die in ihrem li.»lt erschienen ist. z;1 5a •n׳n, Ls ist gewilj riuhtig, n1u-,kulisehc Imcignix-c zunäehx! ein,n.d unter fauhlich-muMka isdieu tie• sich?־*punkten zu v*־iir Hgen. hb gl4ubc aber — und weih, daß ich mi' vielen Ihrer Lumt (Lu in einig gehe —, daß eine sol he Würdigung 211gh׳iuh den fiUisehen Erlebn dm ert einer Voranst altung berück-i< luigen muß. Dies aber. חל t-ohvin׳ n!ir, kaut in der Kri'ik über das Winawersche Chorkonzert, das eines der eindrucksvollsten jtidi^hkiins־ lerii-chen Ereignisse war, die wir in den letzten Jahren in Berlin gehabt habt• n, gar nicht zum .Ausdruck. Mag man an dieser oder jener LioJhearheitun״ Mangel amzu etzen haben — im ganzen wurde uns durch dieses Konzert und die hervorragende Wiedergabe der Lieder und ftjgiinim jthlDrlu״* Volks• gut übrrmi! teil, <13י uns zum Teil bekannt, zum Teil fremd 1זי, in jedem Fall aber unser Heiz rnitklingen hißt. Ich glaube, daß die Er.-xdm‘ enmg, die wohl joden Hörer bei den Melodien aus dt,...11!׳ Iu111-I\h)[n1r-( lottcsdieint cigrifKn hat. »üc von dem Chor wundervoll vurge־rnge11 wurden, auch in der Art der kri isehen Beri. Uters'a'Aung irgen 'vvle zum Ausdruok kmunrn sollte. Hochachtung voll Karl Leopold Haifa, 14. Dez. 35 An die Srhriftlei'img der ״Jüdischen Rundschau“ Unter der Ucbcrschrift: ״Palastineiisisi'hc Führerscheine“* ist in Nr. 08 eine Zuschrift veruftt. n:litht. die auf neue Vor- Schriften der Regierung himveist, wonach Voraussetzung für die Au*s eliuiig eines Onuubti-füliror- Scheins sein soll, daß der Anwärter eine n zweijährigen palüstinendmhcii Fahrau-we is für Privatwagen oder Taxi besitzt• Der Bcdcht über die Rechtsläge ist jedoch in zwei Punkten unrichtig. Das maßgebende Gesetz, die Road Transport Ordiuance von 1929, Par! VII. Zift. 7, besagt le iig'ich, dkilj ein (tmiiibusfiihrcrschein keinem Beweiber zueiV r\nt \vtr eu darf, der nicht seit zwei Jahren — von dem Tage seines Antrages an gerechnet —■ im Beü tv eines J'ültie:־׳-י: eit יין iür ein M;Uor:ahrzeug is־. Das Gese'z verlangt aLo keineswegs den Beüu eines יי d.ix־ cuensis-. her! L;d\rau-v.xisßS. Zu diesem Gesetz ist in N'r. 550 der .,Palc.sdr1e (Lm'ie־‘ vom 14. 11. 1935 ein Nach'rag er- ל I lenen, «'en der Einsender offenbar im Auge hat. Auch «1!e -er Nachtrag endt.'ilt keine 1k*-»tiuuuung darüber, daß mir ein p.d.is' i!n i!nx׳ Iur Laluati vv i aneikannt wird. Geändert Kt lediglieh, daß der Bewerber um einen t ׳n:n1bus(ührerschem den Nachweis erbringen muß, daß er seit drei Jahren einen Führerschein für Motorfahrzeuge besitzt, der zweijährige Nachweis genügt nicht mehr, insofern irrt sich der Kinsemler auch in diesem Punkte. Richtig ist allerdings, daß die unteren Polizeibehörden in letzter Zeit den Bewerbern um die Ausstellung von Omnibustührcrscheinen große Schwierig, kei en machen und daß einzelne Beamte sich auf den Standpunkt stellen, daß der Bewerber drei Jahre im Laude ein Motorfahr, zeug geführt haben muß. Da tler Standpunkt keine Stütze im Gesetz findet, sollten sich Kan• di ’aten mit der Begründung der Ah'dmung nicht zulriedengehen, sondern sich bei der Central liocn*iug authoritv in Jerusalem bc.schwelen. Zu bedauern ist je« doch, daß es keine Stelle 1m Lande gibt, die die Dinge in die IDmd nimmt und gegen die Schwierigkeiten, die den Bewer« betn bei der Polizei gemacht werden, an höherer Stelle pro* testiert. Es handelt sich dabei ia der Tat um eine Existenzfrage iür viele neue Einwai*. derer. y Hochachtungsvoll Dr. E r i c h B a d r i a n, Vorsitzender der Auto-Kooperativ»׳ ״Chewer“. Anmerkung der Red akti on; Wir stimmen mit dem Einsender darin gmx überein, daß der Erlebniswerl indisch •künstlerischer Veranstaltungen in jedem Falte in unserer Berichterstattung zum Ausdruck kommen muß. Au/ der anderen Seite darf aber die Gefahr nicht übersehen werden, die in der Unterschätzung des rein Gesimtungsmäßigvn Hegt und dazu führen könnte, Uü stlerisch Minderwertiges anzaerhennen, nur weit eine gute Gesinnung dahinter steht. Diese Gefahr war selbstverständlich bet dem hier erwähnten Konzert nicht vorhanden, das ja auch künstterisch (wie von unserem Referenten hervorgehoben wurde} ein bedeutendes Ereignis war. — Auslandspez. Palästina -Transporte*־־ ln Sammelladung und Lifts per Bahn und Rhein Fachmännische Verpackung / Lagerung / Versicherung Rheinverkehr G. m. b. H. alleiniger Geeell8chafter: ALBERT MERZ Frankfurt a. Main, Mainzarlandatraßa 65 nicht die ״überlieferte“ Spielregel des Volkes außer acht lassen: נ heißt ״nichts“ (gewonnen), ג heißt ״ganz“ (alles gewonnen), ״ הhalb“ (gewonnen) und V heißt ״stellen“, d. h. der Betreffende muß nochmals einsetzen. Für den Beginn oder zum Schluß der Feier schlagen wir noch vor, einige Chanukkah-Geschichten und Schilde־ rungen vorzulesen. Es kommen etwa folgende Geschichten liier in Frage: ״Ness Chamikkah“ von J. L. Perez (erschienen im Bande ״Die Zeit“ bei Georg Müller), die humorvolle Geschichte von Scliolem AlejcTiem ״Chaiuikkoh-üeld“ (im Bande ״Die erste jüdische Republik“, erschienen im jüdischen Verlag). In dem Schocken-Bändchen ״Das jüdische Jahr“ (Jüdische Lcschefte Nr. 8) finden wir auch zwei Chanukkah-Erzähhingeii aus dem heutigen Palästina. — Der große Meister der epischen Erzählung, Mendele Mocher S f o r i in, dessen 100jährigen Geburtstag wir in dieser Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ begehen, hat uns in seiner ausgezeichneten autobiographischen Novelle ״Schlojmele“ (bereits von uns in Nr. 95 der ״J. R.“ ausführlich besprochen) eine geschlossene Schilderung der Chanukkah-Tage im Osten erhalten. Anschließend an diese Geschichte unterhalten wir uns noch einmal über die Personlichkeit Mendeles und seine Bedeutung für unsere Literatur und Kultur. J. M. «Juden und «indisches im Rundfunk Mittwoch, 25. Dezember: Riga (515), 16.50: SrhalDl., Jehudi •Menuhin. — Wien (506), 19.10: Konzert, u. a. Vera Schwarz. — Warschau (1345), 20.30: u. a. Offenbach. — London National (1500), 22.50: u. a. Meyerbecr. Donnerstag, 26. Dezember: Prag (470), 9.55: u. a. Mendelssohn. — Hilversum I (1875), 19.25: u. a. Mu־zkowski. Freitag, 27. Dezember: I׳״r״rmin.,tet (540), 18.00: Schailpl., _u. a. Jo-eph Schmidt. — t ..),Io (11541, 21.05: u. a. M1»*koWäfci. — Riga (515). 22.00: u. a. Korngold. Sonnabend, 28. Dezember: Wien (506), 15.15: u. a, Mehul: Joseph' in Aegypten. — Luxemburg (1304), 17,00: a. a. Offenbach. Beim Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde In Deutschland (Sitz Berlin) ist ein ״Sekretariat für Bildende Kunst“ errichtet worden. Die Adresse der Geschäftsstelle lautet: Jüdische KünStlerhilfe, Berlin-Charlottenburg, Kant• Straße 158. Das Sekretariat hat die Aufgabe, die in Deutschland lebenden jüdischen Maler, Bildhauer und Graphiker zu erfassen und in ihren künstlerischen An- Gelegenheiten sachkundig zu beraten. Seine Tätigkeit soll darin bestehen, durch die Veranstaltung von Ausstellungen verschiedener Art und sonstige fördernde Maßnahmen die Beziehungen zwischen den jüdischen bildenden Künstlern und dein jüdischen Publikum in Berlin und im Reich möglichst eng zu gestalten, sowie darüber hinaus die Interessen der in Deutschland lebenden jüdischen Künstler im jüdischen Bereich wahrzunehmen. Das Sekretariat bietet nunmehr allen in Frage kommenden Künstlern, die sich bisher noch nicht heim Reiclisverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland angetneklet haben, Gelegenheit, ihre An- Meldung bis zum 15. Januar 1936 zu vollziehen. An Ausstellungen und anderen künstlerischen Veranstaltungen können von jctz.t ab nur solche Künstler tcilnehmen, die diese Anmeldung erstattet haben. UeäUirt ck £Vl \dsJn£J ^iffidftjel* verboten ERSTES KAPITEL viel schrecklicher als alles Dunkel der Tiefe. Die Hände, mit denen mau sich an der Klinke hielt, die eigenen Hände waren einem fremd, matt wnUte nicht mehr, wo das eisige Eisen der Klinke aufltörle und wo das cisitre Eisen der Einper anfing. Nur nicht loslassen, nur stehen blcilx‘11, nur sich vom Schlaf nicht libermanneti lassen! Nur nicht abstürzen, nur nicht cinschlafen, nur nicht, erfrieren! Es war der letzte Zug in die lleiinal, sie hallen sieh mit Vaters Ciewehrkolben die Platze auf <111־n Trittbrett erkiiinpfen müssen, und die Drucke nahm kein Ende, und das Donnern des Zuges wurde immer lauter, ein Brüllen wie aus Angst und Eis. Nur nicht loslassen, nur nicht erfrieren, mir nicht einschlafcn! Mit einem Male schwoll der hatte Gesang der Räder *u einem hollim, writi-n. Iiallonddi Donner an: Der Zug fuhr über eine Brücke. Er« in fühlte, wie er aus seinem ungewissen, dimnwliafUMi, lu»ll»c!:|al!t1־ligt‘1i Zustand wieder in die Lelierwachheit zurück fiel, die man in äußeisb-n Augenblicken hat. Aber was sein•׳ bis /m 11 Zen eißen gespannten Sinne wall mahnten, war iintner mir ein 1 Iüm1!11‘1׳n um! Würgen: Kalle, Angst, Kälte, AiiV'l. Es «ar N,•״hl. der Zug fuhr über di(* lange, schmale, scheinbar leise initsdiwankcndc Weiehselbrürke, der Zug war mit Soldaten übermölSig vollgepfropft, und zu beiden Seiten auf den schmalen Tritlbreüern standen wiederum Soldaten, Manu an Mann. Erwin slnnd riehen dem \ ater. Sie hatten unhegieiflielies Glück, weil sie beide sich an der gleieben Klinke einer (ioupetür i'cGhol teil konnten. Woran hielten sich die anderen'.* Der Zug fuhr ohne Licht durch die rriondlose Nacht: schon hinter G rot Ino war auf die zurückkchrendm Sold alm geschossen worden. Es war tiefdunkel, zwanzig Grad unter Null, und über dem Wasser pfiff der Wind noch ein besonderes Frodlied, Das Brückengeländer war niedrig und dünn, cs konnte niemand hindern, vom Trittbrett ins Wasser zu fallen. Ernl das S\ as-er unten war ganz, bodenlos *chwnrz und fa<t ohne Glanz, «her eben diese unendlich düstere, mehr geahnte als sirhllmre Abgründigkcit des nächtlichen Stromes unter der schwanken, cisenbalindonnernden Brücke, deren Gelinder im Frost wie mit den Zähnen zu klappern schien, hatte etwas Dickendes, und wie unter Zwang, wie gebannt starrte man hinunter und sah zwischen den Eisen des Geländers hindurch und erkannte hier und dort eine Eisscholle und weißliehen Glicht. Dabei dröhnt« da» Donnern des Zuges immer lauter, und die eisige I/eblosigkeit der erstarrten Hände schwieg Allmählich wich der Ausdruck von Augst Und Gespanntheil aus Erwins Gesicht. ■Wahrscheinlich träumte •er nun nicht mehr von seiner und seines Vaters Heimkehr aus dem Kriege. Der Anflug eines Lächelns glitt um die bärtigen Mundwinkel und die geschlossenen Augen, alle Spuren des nächtlichen Grauens mußten aus Erwins Traum verweht sein, und seine Frau, dir! neben ihm saß und das Gesicht des Schlafenden »ininer wieder betrachtet hatte, unruhig, besorgt, ratlos, wandte ihre Augen nun wieder dem Fenster r. 11. Da flog vorüber, wovon er ihr seit zehn .1;ihren erzählte, Itühenfeldor und herbstlieh trübe "Wiesen, niedrige Bauerngnböfle und einsame, ecrade, ins Unendliche mündende Wege rnit Kruzifixen an dort Kreuzungen, ein kleiner Friedhof, entlaubte Akazien, ein mitder Brunnen und zwischen starren, uiiljimtligen Pappeln eine Pfütze mit Eulen lind Günsen. Diese Bilder wiederholten sich in immer wechselnder Folge, von den feinen, bald steigenden, bald sinkendem Telegraphcudrähten durt h«c,11nltten und immer wieder von trüb grünen YViosmflecken nnleibrodien, als ginge die Fahrt im Kreise, alter kaum war der Zug über eine kleine Brücke gepoltert — das ist die Malankti, halle der alte Bauer auf der Bank gegenüber gesagt —,mehrten sich die Zeichen, daß eine Stadt nahe war. Geleise verzweigten sich, Signalmnsto standen einen Augenblick netten dem Zug und waren vorüber, ein villenartiges Gebäude lugte durchs Fenster, die Lokomotive pfiff klagend, ein schwärzlicher Wasserturm drohte, und langsam fuhr der Zug in einen niedrigen, dunklen Bahnhofsschacht. Solange sie ihn kannte, hatte Erwin ihr von diesen Dingen erzählt, mm fuhren sie mitten in seine Heimat, und er schlief. Aber »ein Gesicht schien so zufrieden, daß sie ihn nicht wecken mochte. Bremsen knirschten. der Zug hielt, vier Schaffner schrie: Malowal, Ilse verstand nur die Vokale. So war das in einen» fremden Land? Fantes Mensehengewirr auf dem Bahnsteig, zwei Juden im Kaftan schleppten einen viel zu schweren Korb, Bauernfrauen mit weiter» Röcken, dunklen Jacken and Kopftüchern mit seidigen Fransen liefen wie nnfgescheuchte Hiihner, junge, rotbäckige Geistliche mit weißen, runden Kragen und sichet» alte schwarze Schwestern mit steifen Halskrausen, Bauern mit Säcken und Kiiuleiiftückcn, Kommis, ein Mann mit einem Fahrrad auf den» Rücken, Eisenbahner. Schulkinder, der Mensch in der weißen Jacke hinter dem Wagen mit Zigaretten, Keks, Würstchen und Limonade, dazu dies viclslimmiue Getön in einer Sprache, diu Ilse bald wieder nur aus Zisch- und Nasallauten zu bestehen schien, — und Erwin schlief. Sie kam sich vor, als wenn er sic im Stich gelassen hätte. Es tat ihr leid, daß sie nicht darauf boslandcu hatte, mit den anderen Auswanderern über Triest zu fahren. Aber Erwin halte den sentimentalen Einfall gehabt, über Konstanza zu reisen, bloß um noch einmal seine Posener Heimat zu sehen und ihr zu zeigen. Und nun srhlk'f er. Sie war überzeugt, daß sie ihn wecken würde, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt«. Geleise zweigten sich äh und liefen zusammen; Kühlen- Schutthaufen blichen am Rande, eine Dimipftnuhle, tauchte groß auf und verschwand, Wiesen, wieder ein Kliißchen, von Erlen begleitet, eine Chaussee, Itühenfeldor, NVald, Birken, eine vergilbte, rrgenverwaschene Königskerze am Bahndamm, Lärchen, eine Lichtung — — Erwin erwachte, strich sich verwirrt mit dem Handrücken über die Augen, reckte sich, folgte Ilses Blick, ein viereckiger Teich stand zwischen Wiesen und Wald, dahinter ein breites, niedriges Holzhaus mit vielen Türen. ״Ist «las nicht euer Schwimmbad?“ fragte Ilse: der Anblick seltien ihr mit Erwins oft wiederholter Ilschreibung übe«■- einzustimmrn. ״Unmöglich“, brummte Erwin. Das Schwimmbad, das er nicht erkannte, obwohl er fast soviel ZeR darin verbracht hatte wie in der Schule, war längst vorüber, sie fuhren durch dichten Wald. ״Wo sind wir denn?“ Ilse zuckte die Achseln: ״Ich habe von der letzten Station nur die Vokale gehört“ Erwin überlegte eine Weile Wort für Wort, dann fragte er den Bauert» gegenüber in polnischer Sprache: ״Verleihung, mein Herr, welches war die letzte Station?“