Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-12-24 · Heft 103-104 (24.12.1935) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 103-104 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653920--27960-2689421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seife 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 103/104, 24. XI». 1935 ״Main ine, oi Main me!״ Bialik erzählt iti einem seiner Aufsätze über Mendele Modier Sforim, dal) dieser, <ler mehr als Achtzig- und vielleicht sogar, man weil) das nicht so genau, fast schon Neunzigjährigi, aut seinem letzten Lager ein über das andere Mal gemurmelt habe: ״Mamme, oi .Stamme!“ Ich weih nicht, was der sterbende Dichter sonst noch vor seinen! Hiritreten geiiulSert hahen mag. Da ihm ja, so wie wir ihn kennen, der Mund von dem uber/uflicüeii pflegte, wessen sein großes, immer glühendes jüdisches Herz voll war, so wird er, da sich seine I age, aber nicht seine Gedanken zuiri Diele neigten, noch mancherlei Sätze, Satzfetzen und Worte aus sich herausgestoßen haben. Aber wie dem auch sei, für mich sind und bleiben ״Mamme, oi .Mainnu'!" Mendelcs letzte Worte; mit dem klagenden Anruf der Mutter ist er auf die Schwelle ins Jenseits getreten. Denn dies entspricht und entspringt seinem innersten Wesen und der allcrghicklielistai Uabe, die ihm Zeit seines Lebens verliehen war, nämlich seiner Kindlichkeit und dein Drang, diese tinvcila.'Cut und 1,1.t .. . . .;..lten tinvermischt seiner Umwelt mul seinen Werken einzuprägen wie einen Stempel, der mir ihm und ihm ganz gehörte. Seine ״Mariime“ aber war nicht mir die Frau, die ihn geboren hat, sondern Israel, das jüdische Volk, dem er verbunden war wie eine biblische Erscheinung - nmni.'h zugleich als Führer mul (iefuhrter, zugleich als l.clirer 11,id als Kind, als Chadiain und Bocher. ״M;reale, oi Man!nie!“ -- Memleles Haupt, über dessen Lippen diese drei Worte, die nur ein einziges sind, als letzte kamen, wollte nicht im niimioten über sein mütterliches Volk hinausragen und tat es auch nicht. Vielleicht liegt darin sogar seine letzte (iroile. Denn wie grob er als Schriftsteller und Dichter auch geworden sein mag, am stärksten ergreift von allein. Was er :..;eicht und geschrieben hat, seine Solidarität זיתי ollem .liiilis, j;e11 Men■־.heil und seine Ide itit t mit allein jüdischen Wro-ri. iS ergreift uns de-haib so stark, weil es weder beabsieiiiigt 11■,.!1 ganz he: erlinet war, sondern schlicht und grofi ein lat 11 die Voraussetzung darstrllt, 11 ie Mendele zum I >i׳.bt׳׳r gema.ht hat. 1 r w olite nicht nur dichten, er in }'• h> t e es und er lnniite es deshalb, weil er ein jüdisches ״K1r!1I"_ \on bei-[iielliattet und tiir seine geit auch beispielloser I reue gegenüber der ...Wamme" Dm׳.•, war. Vudi 'Vater Dt früh gestorben, und seine Mutter hat sich wieder Vei heiratet. Im ״Sehlojineie“, seiner unvollendeten Autobiographie, lut er das Vatcrmotiv sehr voll und rein angc'driir'M. d , 0;1-11 da- MuUermntii 1111־ te;1 id und mit einigen uiistiiniiiigen Zwisi'heiitoiien. I'rot/dein aber steht seine Mtuni t.1-1 pinkender vor dem Leser als der Vater, wie edel er diesen auch gc'Jiüdeit hat. Auch in diesem Punkt ist dem Munk! (h־m D 11:;’inekli, ii-(idicklichen, sein 1 eben zum Dielit'-׳r i!1! ׳ n. iinidi.ii /!!!ח svm lai'isehen gediehen, i )er Vater ist ihm genommen worden, die Mutter •11>l!:1;Kle:1 gekommen also die t‘!nhcgthcit des Lltcrtihaiises und somit seiner Kindhut. (hui trotzdem oder \ ielleieht gerade dcdiall! blieb er das Kind! Ir!and alles Väterliche und Mütterliche, das Segnencle und Hegende da! 0:1, einerseits im‘ seinem (iott und atiduseits in seinem \׳olk. Fr wurde nicht wurzellos, sondem geradezu gezwungen, die Wurzeln seines Wesens um so tiefer zu schlagen. Im Aufwachen;ms dem Traum seiner Kindheit sah er den Weg zu andern Trimmen, ln der Reaktion auf sein frühes Lnvaehen hat er seine ganze Sehnsucht nach dem Mütterlichen auf Israel geworfen: Israel, es wird mm zur ״Mamnie״ eines erwachten, wachen, wachsamen Kindes. .Von hier aus ist die' ganz, einzigartige Mischung von gütiger .und fröhlicher Zärtlichkeit und von unerbittlichster Härte׳ in Memleles Schilderungen aus dem jüdischen Oeineinde- und Volksleben psychologisch verständlich. Er konnte den .Menschen darin nicht zu nahe treten, weil er ja mitten unter ihnen und ihr Blut in seinen Adern, ihr (ieist in seinem Kopt. ihr Traum in seinem Herzen war. Das Brüderliche seiner Aussage hat ihn zur Zärtlichkeit befähigt lind zur Härte berechtigt zur Freude mul zum Sc.»merz über das mütterliche und initbriklerliehe Volk. Alles, was er gedichtet hat, vorhin ft in den Ausruf: ״.Mainiiio, oi Mamme!“ lind so wirklich, realistisch empfunden war das Zugehorigkrits- und /11s:umnengehö1igkeitsgel1ihl in ihm, daß er sich selbst als Figur dem so fig urenreichen Panorama Sinter Dichtung einordiien mußte. Mendele Moelter Sforim, ,Mendele Buchhändler — wo hat ein Riicherschreiber je sich selb.-t so zum Befund und Objekt gemachte Wo hat einer so wrgnugt und versonnen mit der eigenen Person lind Figur ׳.:■.spivltr .Mendele hat sich seihst noch einmal geschlaffen, noch einmal gedichtet, nämlich das Bruderliebe, Kindliche, Jiuli-che in sich, damit ja kein Leser int Zweifel darüber blube, wohin er, der ,Mendele, gehöre. Nicht in die (irclie, sonder!! in du- Kleinheit hinein hat er sieli gedichtet, niiht zum .Man nndirn, sondern zum Kindlichen hin. Auf daly alle wissen, die er ge Ir offen hat, daß er sich mit getrotü 11 ueilt. Aut daß alle merken, daß er sich nichts auf sun Dichten 1111!i Schreiben /;!gute tut, sondern darauf, alle in einem im,! jed!,11-0 mich sich, in allen zu erkennen. So wird bei ihm ans Volk 1 aimde und aus i amilie Volk. Das ist die gute, alte mdt-ehc Soziologie. Memleles Gefühl als .!% lisdies ״Kind“, das nicht erst im Angi sicht des I oilvs den Namen der •Mutter ,<0 ■ . v >11, greift in seinen I )k htungeii nach dem Nahen, nach dem und den Na duwi. Nicht 11.n h Wunden ״der (ireudn, obwohl es von beiden in seinen Büchern nur so wimmelt, nein, nach den alk rbeKauun-teil uml vertrautesten Dingen und iirsclieinuiigen. Diese beschreibt er, will sie ihn angeheii, anspringen, anscfiivicii, weil sie ihm auf der I tauf und auf <len Nägeln lind aut der Seele brennen, . von der Seele schreibt er sich, was alles sie und in ihr brennt, und darum leuchtet und leuchtet ein, was er schreibt. Das ist das Wunder seiner Kunst, die er an Leib und Geist der jüdischen Familie ״Volk“ ausübt. Der Raum seiner Erzählungen ist daher eng und niedrig, mit einem Blick zu durchschauen und zu überschauen. Vom Erdboden bis zum Himmel ist nur ein Schritt, desgleichen aber auch vom Himmel bis zmn . .,io ,Jen. Bei einem pathetischeren Dichter würde man in einem solchen Fall von üottesnähe sprechen. Aber Mendele ist ja so herrlieh unpathetisch, wie es nur ein ganz naiver und frommer Dichter sein kann. ״Mamme, oi Mamme!“ hat er auf der Schwelle zwischen seinem Werk und der ihn erfassenden Unwirklichkeit gemurmelt. Er rief die Mutter, die wirkliche und die überwirkliehe, herbei. Wollte er den beiden das Leid seines Todes klagen'■1 Vielleicht — aber gewiß hat er in sie, ein Dichter und ein Kind, den letzten Haucht seines Lebens ausgeatmet. H ermann Sinsheimer Die ״Reise Benjamins des Dritten“ wurde vor einigen Jahren in dramat :.,ter jiddischer Form mit dem großen Schauspieler Michols vom Moskauer Künstler theatcr aut'־ geführt. — An deutschsprachigen Publikationen über Mendcle erwähnen wir das Bändelten von Sch. Gorelik in der ״Jüdischen Bücherei“ des Verlags Fritz (lurlitt (Berlin 1920), und den kurzen und gehaltvollen Aufsatz von Abraham Sonne im Augustlieft 1918 der Zeitschrift ״Der Jude“ (III. 5), der auf drei Selten in unvergleichlich prägnanter Weise Mendelcs Geist und Künstlcrschaft widerspiegelt. ו^מדי Mendele in seiner Bibliothek im Jahre 1910 f* fr J יי' "יי ״"',* י 4*י**' •* •Af ■tjrtf ״! |!a <*j,«׳ *oÄk (.*«׳ * * o״r» 7*(^, M'0’־** •*d b |י׳ /y*k«rt.,),4־'־ F J5־׳kS׳z *V 0 Jüi• ttlytH jri ftyv **i׳b •K* «•#* .* < וניל J <1| י» K (t .1 VvC, ׳ "l י *““5י׳*» **,i «f V» /,* Jva nfj »(*»% •״1״> ♦ <•') י*-•* -Ü». ,«fi.« <«»■,. fiiUftf.M 4# t **י•» ff'» «*• •*'äS‘»4־ «'> jf»־!*•■> j-rni0> f*1 pt fryM | . %>p»f fegtet «w {•»V» r•9*•! » * ך *״*• **>• ׳» f.* ■!!! 1 ״ " ipUt.t!•*' Z4"'•« «(f»i«j!V p Umritt V* /f׳-r. fO ׳•?■»;« ' | ®*m&d fr * 0« (d** *fr r# «^ v* ii 0 0£>1 «f * p “ ’ 4 י',״ י.. y •*fr 43 Cjixtijl■ ffirß * p ‘ ” אי 4/^4 LA׳ v *§t%'־fj׳ -<׳m ן p ״ ׳b* י / *p 1 f** M)•<*$ ¥ »וי! n«־ h luf׳; f 3» <a lim■ #»״« ׳.4 ,wי . «. M »»׳;,'.»-a ■f» /W 1 nn i>m /.* 1>#m״״י״ l *»A* $ yjt * %«Ä ),••{"'*** •td*• ^•41* /««׳״! «'%.* l^rum ■־w^.yifisflJijtJta •*׳r#׳«v Ci.■' - - -r I r 2T-V .««. . ״: .. ..... .. . - Eine Handschrift Mendelcs aus dem Archie des Jiddisch- Wissenschaftlichen Instituts in Wilna, der Anfang einer Erzähiung ״Eine Chanuhkah-Sacht". (Jiddisch.) SämHiche Photo•! Au! Arohiw de• J1<J4i*ci»-WUs«0scba{’U1r,he11 In«iituU ia Wilo» Mendele» Quellen und kompositorische Kunst Von Fritz Mordech ai Kaufmann Fritz Mordechai Kaufmann war einer der ersten und vor allem einer der leidenschaftlichsten Vorkämpfer des osljädischen Volkstums und der jiddischen Literatur im Westen. Als Student hatte er die jiddische Sprache noch vor dem Kriege erlernt und sich sein ganzes, kurzes Leben lang mit anhändi״em Elan in seiner Zeitschrift ״Freistatt“, in zionistischen Blättern und besonders auch in den Spalten unseres Blattes für die westjüdische Erneuerung eingesetzt, so wie er sie auf faßte, vor allem aus dem Reichtum des ungebroche• neu jüdischen Volkstums im Osten schöpfend. Sein Merkblatt über das jüdische Volkslied, seine unühertreffliche Sammlung der schönsten l.iedcr der Ostjuden und seine vier Essais Ober ostjüdische Dichtung und Kultur haben mit liecht Aufsehen erregt und mit Erfolg in den zugänglichen Kreisen für ein besseres Verständnis des Ostens geworben. Einer von den vier Essais, aus dem wir hier einen Abschnitt von neuem vorlegen, handelt von Mendele und ist durch die scharfe Polemik gegen den Vebersetzer Eliasberg bekannter geworden. Daß Mendele übersetzbar ist, hat Kaufmann selbst mit der UÜbertragung ״Vom jüdischen Handwerhsmann und seinen Liedern“ (Almanach des Welt-Verlages für 192(1) bewiesen. Des funggestorbenon, begeh: Osten und eindringlichsten Interpreten von Mendelcs Genius bei dieser Feier milzugedenhen, ist uns eine Ehrenpflicht. Es gibt ja gerade im Osten Leute, die Mendele einen Mangel an kompositorischer, also aufbauender und eine Fabel spannend und reich verwebender Fähigkeit vorwerfen. Sie vermissen an seinen Dichtungen die kräftige, die einzelnen Teile von außen zusammenhaltende Aktion. Wer so urteilt, übersieht die organischen Verhältnisse dieser großen Er- Zählungen. Ich weiß nicht, inwieweit Mendele in seinem frühen Schaffen von fremden Literaturen (in Betracht käme doch nur die deutsche oder die russische) sich hat anregen lassen; in seinem reifen Werk kommt er ganz, aus dem Jüdischen her. Die naiven, rührenden Midraschim, die Volkslegenden, das Weibergebet, also lediglich jüdisch bestimmte Formen der Erzählung sind seine Quellen, Das Ungewöhnliehe an ihm ist, daß er ohne Sentimentalität, ohne Hang zu Romantik, diese an die Hierarchie gebundenen Elemente für die weltliche große, ein ganzes vielgliedriges Volk umspannende Erzählung fähig machte. Der Europäer ist gewohnt, dort, wo epische Kunst Menschert einer bestimmten Zeit als Kollektivum schildern will, meistens die Form des Romans angewandt zu sehen. Man bedenke nun, daß die vorzeitige Judenschaft des Ostens in Mendelcs Werk so greifbar, so gemeißelt dastellt, daß der spätere Historiker hier sicherer als aus allen anderen Quellen erfahren kann, wie die jüdische Gemeinschaft des Ostens einstmals bis auf ihre alltäglichen Verrichtungen aussah, vom Seelischen und allen kollektiven Beziehungen ganz zu schweigen. Muß da der kritische Befrachter nicht stutzig werden, wenn er hier alles, was er sonst nur in der Form des großen Romans vorzufinden gewohnt war, in Vollendung antrifft, aber in einem fremdartigen, seltsam zusammengeschachtelten Gefüge? Die Erzählung ״fischke der krimer“ habe ich in der ersten Fassung aus dem Jahre 1869 nicht zu Gesicht bekommen; die zweite Auflage aus dem Jahre 1888 soll von ihr irn Aufbau und in allen Einzelheiten so sehr abweichen, daß man sie als ein neues Werk anspreclien muß. Das ist eine Rahmenerzählung, deren Gliederung zunächst einen mosaikartigen Eindruck hintcrlassen mag, bis man sie in ihren einzelnen Maßen ganz, übersieht, und ihr inneres Gesetz erkennt, das nicht das des Romans ist, sondern von einer Art, für die einem in der landläufigen europäischen Literatur das Analoge fehlt. Auch liier wie beim Roman wächst ein Abschnitt in den anderen aus einem zentralen Prinzip, das aber weniger irt der äußeren Fabel als In der summierenden Wirkung der unendlich gefeilten kleinen Bauteile zu suchen ist. Es ist sicherlich nicht leicht, das Wesenhafte dieser Erzählungskunst begrifflich zu bestimmen. Sie ist eminent realistisch, aber nicht in der belanglosen, uns seit der Wende des letzten Jahrhunderts geläufigen Art, sondern wie etwa in der Malerei die Realistik eines Rembrandt. Das will besagen, daß hier das Pathetische, das in die Jahrhunderte Weisende weniger im Stofflichen oder in der Diktion zum Ausdruck kommt als in der ungewöhnlichen formalen Gestalt, wie hier Dinge, Menschen, Gesten, Tiere, Gräser, Himmel, Wind und Wolkeri ein für allemal hingestellt sind. Selbst das Alltägliche verliert in diesem Buch durch die reine gesteigerte Art des epischen Berichts die Belanglosigkeit und Dünne und erhall einen doppelten, gesteigerten Sinn. Ich kann hier dem Leser keinen Wegweiser durch die mannigfachen Schönheiten und die vielen köstlichen Episoden des Werkes bieten, denn da wären zuviel Stellen zu erwähnen, die zunächst unbeträchtlich scheinen, bis die Leuchtkraft die ziselierten Sätze durchbricht. Eine steht arn Schluß der Erzählung, und es flinterläßt ein merkwürdiges Gefühl der Erschütterung, wie dort statt einer sentimentalen Auflösung der nicht alltäglichen Spannung die Sterne unermeßlich in dieses kleine Menschen geschehen hineinfunkeln, und wiederum, allen Sternen zum T rotz, der Wagen fröhlich und unverdrossen mit Gepolter über das Glupsker Pflaster rollt. Mendele im Jahre 1802 Mendele mit seiner Frau im Eine originelle Aufnahme einer Dichtergruppe vor etwa 40 Jahren. Der Großvater und sein Enkel Jahre 1887, Von Ainkt nach rechts; Mendele, Scholem *Aleichem, Bm Ami, Biatik ■ ’S‘?'«*'!®Slli ־־:Slllli

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.