Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-12-24 · Heft 103-104 (24.12.1935) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 103-104 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653920--27959-2689420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 103/104, 24. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Scholem Alejchem: / AUTO DA FE Erinnerungen an den Seide / Geschrieben von seinem ersten Enkel Geschichte des Erstlingswerks Wie Mendcle zu seinem Namen kam ״Die Kijatsche“, deutsch etwa ״Die Mähre“, ist Mendeles erstes berühmt gewordenes Buch in jiddischer Sprache. Es ist ein allegorischer Roman; die Mähre, die ihm den Titel gibt, ist das personifizierte jüdische Volk in seiner Armut, Oescliundenheit, Demütigung und Tragik. Wie der Autor dazu kam, dies Buch zu schreiben, aas hat er selbst einmal seinen ״Enkeln“ Bialik, Ben-Ami und Scholem Alejchem auf einer Alpenwanderung erzählt, und Scholem Alejchem hat es launig nacherzählt. Die ״Enkel“ fragten ihn, alle durcheinander, wie er zu diesem Stoff, zur jiddischen Schriftsprache, zu dem Schrift- Stellernamen ,Mendele Mochcr Sforim gekommen wäre, und Mendele meinte, ob sie nicht noch mehr zu wissen wünschten. Das Gefrage komme ihm so vor wie die Geschichte einer Mutter, die, den Korb voll Aepfel, Birnen, Beigel, Eier, Kartoffeln, Möhren, Pflaumen, Petersilie, dazu noch mit einem Hahn vom Markt käme und von den Kindern bedrängt würde: Mutter, mir einen Apfel! Mir eine Birne, Mutter! Mutter, kann man Mohrrüben denn roh essen? Wozu braucht man Petersilie, Mutter? Was kostet der Hahn? — Laßt mich nur Luft schnappen, Kinderchen, bittet die Mutter. Und als Mendcle Luft geschnappt hat, erzählt er, wie cs ihn schon immer gereizt hat, jiddisch zu schreiben, ,,das heißt, mit dem ganzen Volk in dessen Sprache zu sprechen“, wie das Jiddischschrciben aber damals, in den sechziger, siebziger Jahren, noch eine ״Schande‘4 war, und wie gerade er damit den jungen Ruhm eines Maskil aufs Spiel gesetzt hätte. Mendele hatte aber schon ״Das kleine Mensch eie“ jiddisch geschrieben und versteckte das Manuskript also im eheimsten Winkel, damit niemand davon erführe. Um diese eit gab es in der Gegend von Berditschcw einen Buchh.ind- 1er (Mochcr Sforim) namens Senderl, der mit Pferd und Wagen von Ort zu Ort kutschierte und mit einer großem Peitsche knallte. Von diesem Wanderblichhändler nahm Mendele einfach den Namen, setzte auf das erste Blatt seiner Oeschichte, die er in drei Tagen wie im Fieber geschrieben hatte, als Autor; ,,Senderl Macher Sforim“ und sandte das Manuskript so an Alexander Zederbaum, den Redakteur von ״Kol Mcwassci“. Zederbaum sieht den Namen und erschrickt: eilte Satire — auf ihn selbst? Denn die jüdische Rufform von Alexander ist doch Sender, Senderl, und: ״zeremoniöse Umstände mit einem jüdischen Autor braucht ein jüdischer Redakteur nicht zu machen, zumal damals, also änderte Zeder• bäum den Namen Senderl Mochcr Sforim schlankweg in Mendcle Modier Sforim um“, und so ist dieser Name entstanden, und seitdem kutschiert der ßuchhiiudlcr Mendele zwischen Glupsk, Kabzansk und Tuncjadcwke herum. Diese dichterisch-satirischen Ortsnamen sind die Hauptstädte von Mendeles epischem Weltreich. Sie sind nicht nur onomato• poetisch. Olnpsk und Kabzansk sind Worte tnit geradezu polizei-zaristischen, russischen Endungen, wodurch man bei Glupsk (etwa: Dummsdorf), so hat Mendele Berditschcw henamst, die endlosen Sümpfe ringsum und seine moralische Sumpfigkcit schon glucksen hört; ״Wenn ihr euch über di« Tetcriwkcr Straße Glupsk nähert, müßt ihr die Freundlichkeit haben, über eine Sunipflachc zu springen; ein paar Schritt« weiter über eine zweite, noch ein paar Schritte weiter über die dritte, die allergrößte ...“ Glupsk ist die Hauptstadt der Unwissenheit, Kabzansk (Kabzan, hehr. ־=־ Habenichts) die der Armut, Tuncjadcwke die des Müßiggangs. ״Und eben das“, sagt der Seide, ״waren damals Hauptelemente des jüdischen Lebens“. Und dann erzählt er die Geschichte der ״Kijatsche“: Eines sc!, .'inen Sommertages sitzt er so in Glupsk in der Herberge, guckt durch das offene Fenster und sieht draußen einen abgehetzten, ,verschwitzten Juden, der steht, die Kaftanschöße aufgesteckf, und treibt eine arme, ausgemergelte, verschwitzte Schindmähre an, ihr Fell ist rissig, sie ist vor einen Wagen voller Ziegel gespannt, er schilt und schreit, auf sie, auf sich, aut die ganze Welt: Brennen soll dein Fell, du wüste Schindmähre, die du bist! Und sie, die Schindmähre, dreht ihren wüsten, verfinsterten Kopf zu dem Juden, guckt ihn an wie ein sündiger Mensch, und mir, sagt Mendele, mir kam es so vor, als wenn sic redete: ״Schaute! Schindmähre ruft er mich! Bist selber eine Schindmähre! Guck nur hin auf den Platz, wo ich die Ziegel hinschleppe, wirst schon sehen, daß ihr alle Schindmähren seid, wüste, finstere Schindmähren, Ach und Weh ist’s mit euch allen!“ So, schien mir, redete die Mähre, und ich sah hinüber zu dem Platz, auf den ihr Kopf wies, und erblickte einen Mann von jener feinen Sorte, die sich in Glupsk durch ihre Art emporzukommen auszcichnefcn, auf eine Mauer und auf noch eine Mauer, und das alles nebbich von koscherem jüdischem Geld, von koscherem iüdischem Schweiß und Blut... Der schöne Mensch, dies!eine Geschöpf stand da, die Hände heruntergetassen, das Hütchen heraufgerückt, die Stirne schwitzte und schmiedete große Pläne, und ringsherum drehten sieh, untertänig wie Knechte, nebbich arme Jüdchcn, sahen ihm wie treue Hunde 711 den Augen auf, waren glücklich, wenn er lächelte, und zitterten vor einem bösen Blick, und mir kam der Vers aus dem Hohelied in den Sinn: Dem Rosse im Reifwagen Pharaos vergleiche ich dich, meine Traute — der Schindmähre Im Reitwagen Pharaos vergleiche ich dich, Volk Israel! Und ich ging schwanger mit der ״Kijatsche“. Drei Tage ging ich in Glupsk herum, verworren wie mein Jißrolik (die menschliche Hauptperson des allegorischen Romans), hörte nicht, was man mir sagte, antwortete auf ein ״Gutmorgen“ mit ״Schindmähre“, denn jedes Gesicht sah mir schindmährig aus, und so hab ich mich geschindmährt, bis ich nach Tuncjadcwke heimkam, mich in mein Zimmer einschloß fiir sechzehn Tage und die sechzehn Kapitel der ״Kijatsche“ schrieb... Jetzt war die Frage: was tut man mit der ״Kijatsche“? Damals hatte Kolumbus Amerika noch nicht entdeckt, darum fanden sich noch nicht die barmherzigen Brüder ein, die dreißig Jahre später Erbarmen hatten mit mir, dem armen Mendele Mochcr Sforim, und mich dort herausgaben, ohne mich zu fragen, ohne mich wissen zu lassen: Wir teilen euch mit, Reb Mendele, daß man euch da einen Gefallen tut und euch bestiehlt 1“ (Diese ironische Bemerkung Mendeles feezieht sich aut die amerikanisch-jüdischen Verleger, die, gestützt auf das damals in Amerika nicht geschützte Urheberrecht an europäischen Werken, seine Bücher ohne Einwilligung, ohne Tanlicmczahlung, ja ohne Mitteilung an den Autor nachdruckten und auch in Europa vertrieben, also Mendele mit seiner eigenen Arbeit Konkurrenz machten. Mendele selbst hat es abgelehnt, dagegen vorzugehen.) Im Freundeskreis las Mendele die ״Kijatsche“ zuerst vor. Die Freunde lachten zunächst über den Schriftsteller-Namen und den Titel; ein Pferd, eine Schindmähre! Dann aber wurden sie ernst, und als Mendele zu Ende gelesen hatte, nahm Joßef Bezalcl Harkawy das Heft, steckte es wortlos in die Tasche, fuhr nach Petersburg, und nicht lange danach erhielt Mendele ei!» Paket, das gedruckte Buch. So begann die größte Epoche der jiddischen Literatur. BuciiiiciNiuniH.W. Kaufmann /uipziq ei Itatort ■11• 0ch• r und Ch«nukkahl*u«h**r biiu*», Die folgenden Erinnerungen, die wir gekürzt wiedergeben, hat Scholem Al e j che m 1910 geschrieben und zu Mendeles 75. Geburtstag veröffentlicht. Sie beginnen mit der Erklärung, die sonst zu Jubiläen publizierten ״Leichenreden“ strotzten von Erfindungen, er, Scholem Alejchem, aber wolle den edlen Brauch brechen und, zu Lebzeiten des Jubilars, keine ilbliehe Anekdote, sondern eine wahre Begebenheit berichten. Die Uebcrsehrifl ist im jiddischen Original durch eine Note ergänzt: ״Ich bekenne hiermit vor aller Welt, daß ich der erste war, der Mendele Mochcr Sforim ״Seide“ (Großvater) genannt hat, und er nannte mich als ersten ״Enkel“. Seitdem ist mit Gottes Hilfe ein ganzes Geschlecht ״Enkel“ erwachsen.“ Die Geschichte trug sich in Odessa zu, am Schwarzen Meer, in einer Sommerfrische.... Zu jener Zeit, zwanzig Jahre mag es wohl her sein, stand ich unter dem Einfluß des Seide und schrieb ein großes allegorisches Werk, geradezu einen Roman, nur mit einer ״Verstellung“, etwa eine Art — er sei davon wohl unterschieden — eine Art ״Mähre“. Und zumal es mich reizte, eine Allegorie zu geben,d. 11., daß ich mir nicht das wirkliche Leben vor Augen hielt, sondern die (personifizierte) ״Gemeinschaft Israels“, verlief ich mich wahrscheinüch vom Hundertsten ins Tausendste. Und, wie das so ist, ich war in dies Werk verliebt wie ein Bräutigam in die Braut wenige Tage vor der Hochzeit, und ich meinte, damit hört schon die ganze Welt auf. Es trieb mich schon .mächtig, meine Braut irgend wem zu zeigen, ich meine mein neues Werk, und wem zeigt man so etwas Gutes, wenn nicht dem Seide? Ihr müßt verstehen, ich dachte mir, alles in allem eine halbe Stunde von Odessa entfernt sitze ich, und in Odessa sitzt der Seide Mendele — wie sagt man: Ein koscherer Topf und ein koscherer Löffel... nur — was denn? Wie kommt die Katze übers Wasser? Den Roman zum Seide bringen? Ein zu großes Päckchen. Den Seide hierher bitten? Eine Respektlosigkeit. Aber ein Jude hat einen Einfall: Sommerleben, heiße Tage, mail könnte den Seide in die Sommerfrische einladen, er könnte die Luft genießen, im Meer baden und ein bißchen plaudern. Nun ist es aber nicht so einfach, den Seide herauszulotsen, man muß eine gute Stunde haben. Und Gott hat mir geholfen, es fand sich eine gute Stunde, der Seide wurde herausgelotst und kam zu Besuch. Die Pflicht, Gäste zu bewirten, ist nach meiner närrischen Auffassung mehr Luxus als Pflicht, und, wenn’s erlaubt ist, möchte ich bemerken, daß unser Vater Abraham nicht dadurch allein so groß war, daß er die Gäste wohl aufnahm, denn was hätte angenehmer sein können? Aber wenn Gastlichkeit schon an sich ein Vergnügen ist, so ist es, wenn der Seide Reb Mendele der Gast ist, ein Fest. Mendele Mocher Sforim ist in Gesellschaft so originell, so eigen- und einzigartig wie Mendele Mocher Sforim in der Literatur und, wenn ihr wollt, ist er's im Leben noch mehr als im Buch. Wenn man anderen Schriftstellern begegnet, bereut man nachher oft genug, sie so nahe gesehen zu haben; hei Mendele ist es genau das Gegenteil: er übertrifft bei der persönlichen Begegnung alles, was die Phantasie sich vorher nur hätte vorstellen können. Natürlich, Hörner trägt er nicht, aber eine außergewöhnliehe Persönlichkeit habt ihr vor euch. Das ist nicht Bloß ein alter Mann voller Weisheit, der wahrste Typ des jüdischen Gelehrten, das ist ein Mensch voller Leben, voller Bewegung, Leben ist in allen seinen Adern, guckt aus dem scharfen Blick der klugen Augen, aus den tiefen Falten der hohen Stirn, aus dem jungen Lächeln um die schmalen Lippen, und ihr fragt euch: Das ist Mendele Mocher Sforim?... Bei näherer, intimer Bekanntschaft habt ihr einen Juden vor euch, der ein Kind ist, einen Greis, der ein Schalk ist, der euch zeigen wird, was Muskeln heißt, was aufrecht gehen heißt, was strecken, laufen können, mit Kindern spielen können heißt, und ihr fragt euch: Das soll ein jüdischer Schriftsteller sein, dessen 75. Geimrfstag man feiert? ln Gesellschaft eines solchen Gastes fühlt man selbst sich jünger, frischer, lebendiger, und vergißt mit ihm, wie die Zeit vergeht und wie der Tag weggehf. Aber, sagt man, spiel dem Bräutigam was Trauriges, er hat doch das Seine im Sinn. So glücklich ich auch mit dem teuren Gast war, so rasch auch die Zeit verging, mein Roman kam mir nicht einmal eine Minute aus dem Sinn. Aber wie fädelt man es ein? Wie nimmt man sich so mir nichts, dir nichts ein Herz und sagt: Seide, ich will Euch meinen Roman vorlesen? Tat aber Gott ein Wunder, und der Seide seihst fragte mich, am Abend war das, nach dem Essen: ״Was gibt’s? Was schreibt man Neues?“ Ich fühlte, wie mein Herz zu schlagen anfing: tick tick tack. Gottseidank, die Minute ist gekommen. Und ich griff mit beiden Händen zu, zog meinen Liebling aus der Schublade, wo er eingepackt lag wie eine heilige Schrift, mit einem rotseidenen Faden umwickelt — ich war schon bereit, zur Sache zu kommen, ich wallte schon anfangen zu lesen; bei mir, heißt das, gab’s keine Hemmungen mehr, —• da nahm mich aber der Seide bei der Hand: ״Jetzt? Nein. Jetzt gehen wir den Mond begrüßen, der überm Meer aiifgeht.“ Schön ist das Meer, wenn seine Wellen am Tage im Schein der goldenen Sonne spielen. Schön ist es im Untergang der feuerroten Kugel, ■die sich niederläßt, in den Abrund fällt, und alles ist wie mit Feuer übergossen. In «inen urpurmnntel hüllt sich der Himmel, kühle Stille sinkt nieder und herrscht über der Erde. Tausendmal schöner aber ist das Meer bei Nacht, wenn vom Himmel sich das weiße Blatt des silbernen Mondes herausschneidet und mit Weif! und Silber, mit weißer Anmut und silbernem Nachtzauber die stillen Wasser des beruhigten!Meeres begießt, die kaum noch zittern und die Tausende und aber Tausende, Myriaden und aber Myriaden funkelnder Sterne spiegeln. Nein, der Seide hat recht. Nicht jetzt ist die Zent, Romane vorztilesen, Man hat nicht einmal Lust, nach Hause, schlafen zu gehen. Solch Mündliche Bemerkungen Von Mendele Mocher Sforim Die größte Kunst ist in dem, was man nicht sagen soll, im Streichen. * Iiir wißt, was Psychologie ist? Das heißl: jenem ins Eingeweide hineinkriechen. Im Himmel ist ihnen (den Vielschreibern) bestimmt worden, Wasserträger zu werden. Da haben sich offenbar die Verdienste ihrer Väter 11m sie bemüht, und so hat man Schreiber aus ihnen gemacht eine Nacht! Mich pickt aber immer der Roman, immer der Roman im Kopf. Wovon wir auch sprechen, ich komme auf das Meinige. Ich will ihm wenigstens die Idee sagen, sinn den Inhalt skizzieren. ״Wozu?“ sagt der Seide, ״Morgen früh setzen wir beide uns hin und lesen den Roman von Anfang bis zu Ende,“ Ach, wie gut! Ach, wie gut 1 In dieser Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. Ich malte mir aus, was sein wird, wenn ich ihm beispielsweise mein ganzes Werk vorgelesen haben werde. Was wird der Seide sagen? ״Ich bin entzückt“? ״Ich bin begeistert“? ״Ich bin überrascht“? Er ist nicht so ein Mensch, der sich in Sentiments ergeht, in gezuckerten Worten (״Lakritz“ heißt das in seiner Sprache). Es wird genug sein, wenn er mir seine Hand auflegt: ״Nu? Jejaselicr koach! Schreibt, schreibt viele solche Bücher, und mag der Seide Freude haben an seinem Enkel... .״ Und vielleicht wird er gar nichts sagen. Gar nichts. Er wird keine Worte finden. Und sein Schweigen wird mir auch genug sein. Ein ״Seide“, den der ״Finkei“ cingeholt hat (ich gestehe, auch dieser Gedanke kam mir), was hat er zu sagen? Ein bißchen tat mir das Herz weh um den Seide, den ich eingeholt hatte. Er ist doch nicht irgend jemand, er ist doch ein Mendele Modier Sforim! Eine Kleinigkeit?! Kommt ein Ji'tngel, eine Schnecke, ein Scholem Alejchem, und schreibt ein Buch, das solch einen Riesen beiseite schiebt, hinter sich läßt, — nebbich, nebbich! ln dieser Narbt konnte der Seide auch nicht schlafen, allerdings nicht wegen meines Romans, sondern wegen einer anderen Geschichte. Das Zimmer, in detn wir den Gast untergebracht hatten, lag neben dem Kinderzimmer, und das Kind (das ״Kind“ ist jetzt schon Student), schrie die ganze Nacht; es bekam Zähne und ließ ihn keine Auge zutuii. ״Was habt ihr da für eine Sorte Schreihals?“ fragte der Seide andern Morgens, ״und ich möchte selbst wis-e:1, woher so ein Kind (kein böser Blick treffe es) soviel Kraft nimmt?“ Nach einigen Worten über den Schreier und nach dem Tee gab mir der Seide einen Wink: ״N11?“ Von allen Nn's war dies das allerbeste, das aller?iiiicste Nu. Ein Balsam hauch vom Paradies ging mir durch alle Glieder, icli holte den Seide, und wir setzten uns in mein Zimmer, ich schloß das Fenster, ich schloß die Tür, ich zog die heilige Schrift aus dem Schubfach, band den rotseideucn Faden auf und — ״ich will mich sagte der Seide, ״am Fenster hinsetzen, Euch gegenüber, und Ihr setzt Euch hier links her, da höre ich besser. Aber zuerst erzählt mir, was habt Ihr gewollt?“ ״Was ich gewollt habe?“ Das war mir wie eine kalte Dusche. Was sollte das bedeuten? ״Ein Schriftsteller, der sich hinsetzt und ein Buch schreibt“, gibt der Seide mir zu verstellen, ״muß sich doch vorher fragen: was will ich?“ Ich muß gestehen, das war für mich die reinste Entdeckutig Amerikas. Fünf Jahre schrieb ich schon, ich hatte, Gott sei Dank, schon so viele •Sachen geschrieben und mich noch keinmal gefragt: Was will ich tunVWas kann ein Schreiber wollen? Ein Schreiber will schreiben, denn wenn er nicht schreiben wollte, wäre er doch kein Schreiber.... Ich entwand mich seinen Händen mit der Ausrede, daß es doch eine Allegorie wäre, mit einem verborgenen Gedanken, und daß ich also sehen wollte, ob er seihst diesen Gedanken entdecken würde, ehe ich das Buch zu Ende vorgelesen hätte. Und ich begann zu lesen, und mir war, als wenn nicht ich, sondern ein anderer läse. Ich erkannte meine Stimme nicht, und das machte mich aufgeregt, nervös. Aber das wäre noch halb so schlimm gewesen, wenn nicht, als ich recht ins Feuer kam, mein Junge, der Schreier, losgelegt hätte. Da hatte ich die Bescherung. Ach, ich wollte es ihm schon beibringen zu schreien! Ich war bereit, jeden Augenblick aufzuspringen, hiniiberznlaufen, dem Schreier den Mund mit Watte zu stopfen. Aber der Seide ließ mich nicht. Er nahm mich hei der Hand, schloß die Augen — das war ein Zeichen, daß er ״mit Kopf“ hörte — und hieß mich, auf nichts zu achten, nur zu lesen. Wie lange ich so las, weiß ich nicht. Auf die Uhr sah ich nicht, ich sali nur auf den Seide, wollte wissen, wie weit er entzückt war, es war aber schwer, von seinem (jesicht abznlescn, was er dachte. Wenn einer mit geschlossenen Augen dasitzt, werdet ihr nie merken, was er denkt. Plötz* lieh öffnet er die Augen, nimmt meine Hand, guckt mich über die Brille weg an 11ml macht eine 1 iandhewegimg: ״Hört nur. Ich muß Euch mitten in der Geschichte unterbrechen. Was meint Ihr, kocht bei Euch in der Küche schon was Warmes?“ ״Warum? Gewiß! Ihr seid vielleicht hungrig? Ich will gleich bestellen, daß man Euch etwas gibt.“ ״Hungrig2 Gott behüte! Ich will nur wissen, ob da bei Euch schon der Ofen geheizt wird?“ ״Gewiß wird der Ofen geheizt.“ ״Wenn das so ist, dann nehmt gefälligst Euer ganzes Heft und werft es in den Ofen und verbrennt es im ״Feuer, denn das ist nicht Euer Genre, das ist — das ist — pfui!!!“ Seitdem habe ich den Seide oft gesellen, oft vom Schrei• ben mit ihm gesprochen, autdi davon, was mein Genre und was nicht mein Genre ist, und nur von jener Geschichte mit dem ״Pfui“ und von dem Auto da fe sprachen wir niemals, niemals mehr, sie wurde nicht einmal erwähnt. Und so hatte ich auch keine Gelegenheit, bis ■m diesem Tage, dem Seide, er soll leben, zu sagen, wie dankbar ich ihm hin. Ach, wenn doch oft bei uns geheizt würde in der Zeit, da ein Buch geschrieben wird, das so gut ist, daß es schon gar nicht mehr besser sein könnte! Nervi (Italien), am 7. Tage Channkkah 5671. Wer Ist ein Held? Wer einen Witz verschweigt. * (Beim Anblick der Schwiine-Fütterung am Genfer See:) Zum erstenmal sehe ich, daß man sogar Vögel zu Sclinorrern macht. (Beim Anblick der Genfer Villen:) Jetzt verstehe ich, warum man einen Narren lx> lanu (nicht für uns!) ruft! Worauf wir einen Blick werfen, ist alles lo lanu! (Man sprach über irgend jemand, und Mendeles Frau sagte: Er ist ein Jude! Darauf Mendele:) Bei meiner Frau sind alle — Juden; sie wird bald sagen, daß auch ich ein Judo bin. (Aua Ben-Amis ״Heb Mendele sclieb’ al peh“ im ״l'inkeß“)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.