Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-12-24 · Heft 103-104 (24.12.1935) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 103-104 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653920--27958-2689419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE RtJNDSCHAO Nr.!03/104, 24. XII. 1935 Kleines Bildnis eines großen Mannes Mendde ist nach alter russischer Zeitrechnung am 20. I>ezember 1535, nach unserem Kalender also am l. Januar 1836, zur Welt gekommen. Sein Geburtsort Konyl im Minskcr Ciouvernement war damals ein typisch litauisches Städtchen mit all den sozialen und religiösen Einrichtungen und Menschenarten jener ühetfoweit, die er später in seinen Büchern aufruliren sollte, mit Reichen und Bettlern, Tellerleckern und Heiratsvermittlern, Lehrern und Rabbinen, mit einem Schulhof und Klausen, Gemeinde-Stühe! und Heiliger Brüderschaft, Bad und FIcistTistcuer, Vorstehern und Vorbetern, Talmud-Lernenden, die täglich in einem anderen Hause ״Tage“ allen oder beim Schwiegervater auf ״Kost“ waren, mit Handwerkern und einem ״Porit/.“, dem allmächtigen Gutsherrn, ln dieser buntskurrilen Welt hat sich Mendeles Kindheit abgespielt, die mit frühem Lernen mächtig ausgefüllt war. Das Lernen war nicht abstrakt, er lebte in der biblischen Welt als in einer Wirklichkeit mit Weinbergen, Datteln, Feigen und Oliven, Ebenholz und Zedern, und Lindwurm, Natter, Leopard waren ihm so wirkliche Tiere wie die Hindin, die nach Quell- Wasser durstet, der Levjjatan und die Turteltaube. Der Taltnud, dieser ״Og, König von Baschan, der Weltliteratur“, war ihm eine Art Markt am Himmel, wo man kauft und verkauft, tauscht und schreit und richtet, und die dürrsten Namen daraus hatten in seiner Phantasie Fleisch und Blut. Entzückt spaziert er durch die Welt der Agadah, dies breite Und wilde Feld, wo der Himmel sich zur Erde niederläßt und die Erde verhimmlischt wird. Die Agadah nährt seine Phantasie, der Pilpul trainiert sein Hirn, er lernt ״mit dem ganzen Kopf“, um dann nicht minder völlig, wild, hitzig auf er Gasse herum/utollcn. Als er elf Jahre alt ist, weckt der Vater ihn winters jeden Morgen um vier Uhr zum Talmudlernen; der Sohn muß gerüstet sein, später ״in Gottes Garde“ zu dien. 1. Der Vater, Rcb Chajim Mosche Abramowitsch, ist gebildet, ungemein rechtschaffen ,,zu Gott wie zu den Men• sehen“. Jahrdang verwaltet er ehrenhalber die Heischsteuer, lernt mit jungen Leuten, ratet diesem, hilft jenem, übernimmt gemeindliche Anliegen, man macht nichts ohne ihn, er ist gclas'wri, klug, Menschenkenner, Mendeles Vorbild. Seine Gastlichkeit fuhrt dem Kind schon eine Pulle von Figuren vor, deren plastische Wiedergabe später den Dichter so erstaunlieh macht. Den Scclizehiijahn'gen ubergibt der Vater schon, als wußte er, was ans dem Kind werden konnte, einem ungewöhnlich guten 1 ihrer, dem das Lernen und Uebersetzen der alten Texte nichts an sich ist, der es mit allen Finessen der Tradition und der Haskala, der Aufklärung, würzt und das sprachliche Feingefühl bis in die Fingerspitzen bildet. So uberstcht schon der Knabe den großen ersten Schrift zum Maskil, zur aufgeklärten Anschauung, ohne Krisis, ohne Vorbitterunc! gegen die Enge der Ghetto-Auffassung wie die andern Maskilim, so daß er auch die alte Generation nie mit Verachtung und Hali nnsieht. Sein Haß und Zorn gilt später auch nie der Gedrücktheit im Religiösen, sondern der Kleinlichkeit im Menschlichen, der Niedrigkeit iin Sozialen und Ethischen. Die Mut ter, deren Ein fl 1111 man die Zucht und Sauberkeit seines Stils und Lebensstils und die gefühlvolle Herzlichkeit seines Mit eids zusdireiht, i.t ״eine edle, schwache Frau, mit kleinen weißen I landen, mit dünnen blauen Adern, ein fromm bleiches Gesicht, mit dunneu Lippen....“ Kaum 41 Jahre alt, stirbt der Vater, die Mutter bleibt mittellos zurück, der 14jährige Mendele, Schalom Jakob Abramowitsch, muß von Hause fort, geht auf die Jcschiwa von Siuzk, dann nach Wilna, und als er nach Jahren heimkehrt, hat die Mutter wieder geheiratet, einen Müller in Melniki. Jetzt befällt ihn ״etwas Unerklärliches, eine Art von namenlosem Ziehen“, es treibt ihn hinaus in Wald und Feld, er gibt dein ״bösen“ T rieb zur Natur nach, Lieder, Fetzen von Melodien kommen ihm auf die Lippen, er entdeckt, daß man schreiben kann, besingt in hebräischen Versen die Natur, seine Naturvcrlicbtheit wächst grenzenlos in den Waldern um Melniki. Tatsächlich ist er der Entdecker der Natur,_ der erste Ostjiklc, der sie realistisch schildert. Und um diese Zeit schreibt er ein ״Drama", in der Art von Luzzato; dies hebräische Manuskript ist verlorengegangen, wir wissen nur, »laß es -- satirisch gehalten war, undVichtig ist, daß schon jetzt zwei Hauptmomente seines späteren Schaffens auftreten, die Natürliche und das Satirische: ״Kaum begann ich zu schreiben, erschien der Satan, Mephisto, der Engel des Spott»'•;, der mich in Gestalt des Buchhänd er» Mendele überwältigte und mich lehrte, der Menschen zu spotten und ihnen die Maske vom (jesicht zu reißen.“ In Litauen ist Hungersnot, ein ״weitgereister“ Jude erzählt \\ underdingt* von »len I obensisnjglichK iten in Wo'hvnieti, und der siebzehnjährige Mendele, der nicht mehr beim Stiefvater, sondern wieder in Kopvl lebt, zieht mit dem Weitgereisten, der Pferd und Wagen hat, nach Wolhynien. Unterwegs stellt sich heraus, daß der Weitgereiste ein Schwindler und Schnorrer ist, der ums Vermittlungsgcld Mendele verheiraten will, Mendele aber will nicht, sie zielten weiter und mit dem Schnorrer sinkt er tiefer und tiefer ins Schnorrerlebci! hinein und sieht, von Ort zu Ort deutlicher, »las judi-ahe Volk, den in eine elende Schindmähre verzauberten Prinzen. In Kamienec Podo'sk haust er im Belli hamulr.iwh, lernt er den berühmten Schriftsteller A. I). Gotthrber kennen, um) langsam benimt der Aufstieg. Ciottlnber rat dem jungen Maskil, sielt zu bilden, Mendele, der ihm sein ״Urania“ gezeigt hat, ״durstet nach Bildung“, liest mit heißem Fleiß Gottlobers Bibliothek durch, lernt bei Gottlohers Tochter Kussi-ch und Deutsch, heiratet die Tochter eines vermögenden Maim»׳., die nicht zu ihm paßt, gibt ihr den Scheidebrief, macht »las Fxnmen, wird Lehrer. Ein fahr später erscheint sein erster Artikel in ״I lamaggid“, eigentlich ftn Brief, den der Adressat ohne Wissen des Verfassers der hebräischen Zeitung eingereicht hat. Der h ’hrii he Schrift- Steller Schalom Jakob Abramowitsch ist ״geboren“. Dieser 1857 erschienene Aufsatz uh. :! ■ : ler/iohung eröffnet die Reihe der hebräischen Schriften Mendeles. 1860 folgt unter dem Titel ״Mischpat schalom“ eine Sammlung von Aufsätzen, Kritiken, Gedichten und Briefen über pädagogische Probleme, 1S62 das dfeibänd'ge Werk pToldot hatewa“, nach einer deutschen Naturgeschichte, 1868 tm Auftrag der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rufflands ״Diw־re hajatnim livvme harussim“, eine kurze Geschichte des russischen Volkes, und ״Haawot wehabanim“ (Väter und Söhne), ein Roman. Das alles ist noch maskilisch gemeint, Tendenzliteratur zur Aufklärung, unterscheidet sich doch bereits von der zeitüblidten Aufklärung«- liferatur der hebräischen Schriftsteller, die auf das jüdische Volk mit leise verächtlichem Mitleid herabsahen und nur für die Intelligenz schrieben, die es für ungemein aufklärungs- und reformbedürftig hielten, von Wissenschaft lind Bildung im modern europäischen Sinn aber entfernt genug waren, um einen bilderreichen, biblisch angelesenen und artistisehen Schönschreibestil zu pflegen, und den materiellen Lebens- Bedingungen des Volkes überhaupt ahnungslos und uninter* essiert gegenüberstanden. Mendeles Programm dagegen: ״Ich wünschte von ganzem Herzen, daß unsere Schönschreiber und Dichter keine nochtönigen Phrasen redeten, nicht immer die ״Töchter Lots“ und ״Frau Potiphar“ usw. als Stoffe benutzten, sondern sieh mit natürlichen, bodenständigen Dingen abgäben, das Leben des Volkes und alles betrachteten, was bei ihm zu Haus und in der Gemeinde vorgeht, und es darstellten. Sie sollten den Geschmack des Volkes mit einer Mendele in der Weltliteratur Man hat Mendele den ״jüdischen Balzac“, den ״jüdischen Zola“, den ״jüdischen Cervantes1‘ und den ״jfulischen Gottfried Keller“ genannt. Das ist ungemein ehrenvoll und iibcrflüssig. Richtig ist, daß Mendeles Gesamtwerk eine ostjüdisehe menschlicheKomödie bildet wie Balzacs Gesamtwerk eine französische, daß bei ihm soziale Schilderun» gen und Tendenzen nicht weniger im Vordergrund stehen als bei Zola, daß sein ״Benjamin der Dritte“ unter dem Titel ״Der jüdische Don Quijote“ schon vor fünfzig Jahren ins Polnische und Tschechische übertragen wurde und nicht ohne Anklang an Cervantes konzipiert ist, und richtig ist auch, daß »Mendeles Frciheitlkhkcit und Konservat.% .;,ms den gleichen Richtungen bei Gottfried Keller gelegentlich parallel laufen, daß man Mendeles didaktische und kulturpolitische Exkurse mit Kellers Bettagsmandaten konfrontieren könnte, und schließlich wäre auch ״Schloirncle“ mit dem ״Grünen Heinrich“ zu vergleichen. Das alles ist, für sich gesehen, richtig — und im Ganzen falsch. Der eine Vergleich erschlägt immer gleich den andern, und selbst wenn man di« bezeichnendsten Eigenschaften Balzacs, Zolas, Cervantes' und Kellers addierte, käme kein Mendele heraus. Näher läge ein anderer Vergleich, nämlich mit dein größten Schweizer Dichter Jeremias Gott 11 elf, der in religiösen Dingen nicht indifferent war wie Keller, sondern positiv, und dessen Konservativismus in allem Nationalen und Volkstnäßigen wie bei »Mendele das Soziale nicht nur nicht ausschaltetc, sondern um so dringlicher und parteiloser hervorhob, dessen dichterische Substanz sich gleichermaßen aus den fast mythischen Urbeständen der Vorwelt seines Volkes nährte und dessen Sprache bis in die letzte Dialektnuance die stilisierte, weil geschriebene, also reinste Sprache des Volkes war; die Vielfalt seiner Figuren, das Mit-Leiden ihrer Nöte, die bis in die Satire dichterische Distanz dazu, die bis zur Bärbeißigkeit schließlich Humor wird, die Hochschätzung menschlicher, irdischer Tüchtigkeit, das alles findet man ähnlich bei Mendele wie bei wenig anderen, und doch ist auch dieser Vergleich schließlieh müßig. Man kann Heterogenes nicht vergleichen, Goethes ״Faust“ nicht eine dramatische ״Bibel“, den Talmud nicht ein jüdisches ״römisches Recht“, Manuello nicht den ״Heine des Mittelalters“ und Mendele nicht den jüdischen Werauchimmer nennen. Die bei uns so heimische Vergleichssucht ist das Produkt eines Minderwertigkeits- und Unsicherheitsgefühls, das ohnehin sich verlieren wird, je mehr wir ״bei uns zu Hause“ sein werden. Mendele dagegen ist auch »t>!1 ne Vergleich und wegen seiner Unvergleichlichkeit in der Weltliteratur zu Hause. Ohne ihn würde der großen Reihe der Realisten, der litcrarischen Entlarver sozialer Mlüslände und kritischen Psychologen menschlicher Gemeinschaften der jüdische Akzent fehlen, gäbe es auf dem Parnaß der Tolstoj, Ibsen, Gotthelf, Fiaubert, Dickens, Thackerey, Multatuli keinen Juden, Das neun zehnte Jahrhundert, in dem das soziale und nationale Bcwußisein der Völker frei wurde, hätte seine Aufgabe nicht ohne diese einzigartigen Sprecher des Bewußtseins, diese Vollzieher des Bewußtscins erfüllen können, und während andere Völker für das Soziale und das Nationale verschiedene Dichter und Denker stellen durften, sammelte sich bei uns beides auf das eine Haupt des einzigen Mendele. Der Weltliteratur gehört nicht nur an, wessen Werke auch in andere Sprachen übertragen werden — Mendeles Werke sind viel und in viele Sprachen übertragen: worden —, sondern sie ist auch eine Art dichterischer Völkerblind, in den jede Nation ihre besten, nämlich ihre volksmäßigsten Gestalten delegiert, und mit Recht wurde Mendele ״der jüdischste Jude“ gerannt. Ebenso aber gibt es eine Weltlitera־ tur, in der die Autoren nicht mehr mitzälilni, einen dichterischen Völkerbund der volksmäßigsten Figuren, avie Simplieius Simplizissiinus. Don Quijote, Raskolnikoff, Julien Sorel, Pan Faddäusz, Cid, Peer üynt, David Copperfield, Gulliver, Hamlet, Faust usw., und daß liier auch Mendeles zentrale Figuren von der ״Mähre“ bis zum Benjamin hergehören, ist keine Frage. Dabei ist es belanglos, wieweit solche Figuren auch Gemeingut in anderen Sprachwcltcn geworden sind und wer ihre Aufnähme in die Weltliteratur befürwortet, denn wie wir meinen, daß die Gerechten dieser Welt in einer besseren, geistigeren vereinigt werden, so nehmen wir es auch von den Gestalten der dichterischen Welt an. Wenn wir allerdings eine der gebräuchlichsten Geschichten der Weltliteratur aufschlagen, so finden wir im Kapitel über die Juden hinter Jehuda Halewi meist nichts mehr, allenfalls noch Spinoza, von Mendele aber wohl keine Spur. Das wird Uns nicht welitun, wenn wir die übrigen, da fehlenden ״exotisehen“ Großen der Weltliteratur zusammenstellen und zumal wenn wir die Historiker und die ״zweiten Hände“ kennen, aus denen sie ihre milden Gaben cnlgegetramehmen pflegen; ״in Nahiraliensammlungen fehlt“, sagt Heine, ״oft unter den Fischen der Walfisch“. , ״ _ H s ״ ־ ״. t, reinen, schönen und logischen Sprache zu bessern trachten, auch sollten sie gute, kluge Lektionen erteilen; es sollte verständlicher werden.“ Er selbst hat in seiner Naturgeschichte das Hebräische um eine naturwissenschaftliche Terminologie bereichert und auch sonst in den Arbeiten dieser Epoche zur Anschauung und zu klarem Denken zu erziehen versucht. Aber die Sprache, die eben noch nicht wieder Volkssprache war, widerstand auch seinem Sprachgefühl noch; wenigstens w׳irken ganze Absätze wie aus dem Jiddischen erst ins Hebräische h inübergetragen, und zumal der Roman enthält Anmerkungen mit jiddischen Erklärungen. So sprengt das Postulat des Realismus schließlich das noch irrealistische hebräische Ausdrucksmittel, und der Durchbruch zum Jiddisehen als Literatursprache, so sensationell er wirken sollte, ist fällig. Und so wird auch fällig, wodurch Mendele dann die vor ihm so gut wie nicht vorhandene jiddische (und die hebräische, die jüdische) Literatur gründet, fundiert, baut: die Kultur der jiddischen Sprache, die Erkenntnis und mit allen Mitteln der Kunst durchgesetzte Bekämpfung der sozialen Mißstände, die Erweckung eines tiefen nationalen Bewußtseins, die Psychologie des jüdhehen Lebens. Die Konsequenz dieser Entwicklung ist Mendele bewußt, mehr noch: unterbewußt, iiirc Waghalsigkeit hemmt ihn zuerst. Es ist in der Haskala wirklich ein Wagnis, die verachtete Sprache dos verachteten Volkes, den ״Jargon“, zu schreiben, selbst wenn man es um der Haskala willen tut. Er schreibt ״Das kleine Mensch eie“ und versteckt das Manuskript. Er schreibt ״D i e Mähr e“ und wird von den Freunden zunächst ausgelacht. Er läßt seine jiddischen Bücher unter Pseudonym erscheinen. Aber dies Pseudonym Mendele Mocher Sforirn ist nicht bloß Maske, Mittel, sich zu verbergen, es wird selbst Gesicht, ״Mendele der Bücherverkäufer“ wird Abraniowitschs erste und vielleicht erstaunlichste Gestalt, das zweite Ich, in das der Dichter und sein Volk all ihr Volksmäßiges gesammelt haben. Mendele, der Mann aus dem Volke, kann in der Sprache des Volkes Lapidarsätze prägen, die mit schlichter Selbstverständlichkeit alle Kothurne der Haskala wegfegen: ״Die hiesigen Juden, nebbich, brauchen Brot, nicht Bücher.“ Dies ist die Richtung seiner ersten jiddischen Er- Zählungen, die dennoch nicht bloße Elendsschi'deruugen sind, die schon die Schuld am Elend nicht bloß sozial sehen und objektiv realistisch darsteilen, sondern moralisch reagieren und satirisch schildern. Eine der frühesten, ״Die Taxe“, erregt Skandal, sie ist eine ״Bombe aus Galle“, und die ״Wohltäter“ von ßerditschew, wo Mendele Lehrer ist, beantworten die ״Unvirschämtheit“ des ״Pamphlets“ nvt Intrigen gegen den Autor, in der ״Taxe“ gewinnt zum erstenmal in der jüdischen Literatur das soziale Pathos Ausdruck, in der ״Mähre“ (1873) das nationale Pathos; ״ich bin“, proklamiert hier das personifizierte jüdische Volk den neuen Standpunkt, ״wie alle an* Vnurttra. Karten u. -Klebehefte erhältlich bei allen Srtl. KKL-Vertraacnaleuten, aiooift, Ortsgruppen u- JuUepdbiinden sowie bei der Zentrale des KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Berlin W15, Meioekeatr. 10 « Poatacheck-Konto Berlin 28247 deren ein lebendes Wesen und habe wie sie ein Recht, das Recht zu leben!“ Nämlich das Lebens!echt überhaupt, von allen Eigenschaften und Nützlichkeitspf.ichten abgesehen. Schon in diesen Frühwerken, die bewußt auf die Tendemz ausgerichtet sind, zeigt sich, wie unversehens, der Kirnstler Mendele nicht bloß in der Diktion, der erst von ihm urbar gemachten Sprache, sondern im Gestalten, in der Psychologic: schon hier sieht er auch immer die Kehrseite jeder Figur und Situation, schon hier sind Haß, Spott, Mitleid und Liebe seltsam verbunden, und wo er gekommen ist zu fluchep, segnet er oft wider die Tendenz, das Niedrige des Ghetto- Elends wird lächerlich und oft noch seltsam rührend, däs Schaurige zuweilen trotz dem Unwillen »Tes Autors erhaben. ״Genug Gedichte, genug Kunst!“ ist seine Tendenz: während unser armes Volk leidet, habe man nicht Harfe zu schlagen, ״Juden sind nicht zum Singen, zum Spielen geboren, man muß ernstere Dinge im Sinn haben!“ Und dennoch wird die scharfe, herbe, harte Prosa seiner gestaltenden Verantwortung Unwillkürlich Kunst, Aroma, Schönheit, wie die Natur, der er so aufgetan ist, Zwecke verfolgt und Schönheit schafft. Den Höhepunkt dieser Periode von Mendeles Schaffen bildet der auch deutsch erschienene Roman ״Fischke der Lahme“; von Nebenwerken sind seine Uebersetzungen der Schabbat-Gesänge und der Psalmen zu erwähnen. Mit seiner ״Reisebeschreibung Benjamins des Driften“ 1878 beginnt eine neue Periode, auch hier noch wirkt Tendenz, Moral, Predigthaftes, doch das Rein-Epische überwiegt, und an Stelle der Satire tritt der Humor, die künstlerische Ruhe und Ausgeglichenheit. In einer frühen Ausgäbe des Erstlingswerkes sagt Mendele in der Vorrede: ״. . . und wenn ich die Lippen verziehe, so ist, scheint’s, ein stechendes Lachen um sie“; in einer der letzten heißt es: ״ein milde stechendes Lächeln.“ Kompositorisch ist der ״Benjamin“ nach westlichen Maßen —■ Mendel« hat eigene — das geschlossenste Werk, sachlich das objektivste; sein Vorbild ist der Don Quijote des Cervantes. In späteren Jahren, da Mendele, nun wieder mehr hebräisch, auch Zeitbilder der neuen nationalen Bewegung zu schaffen sucht, zerfließt diese Form vollends, und auch seine Plastizität zerrinnt. Nach dem ״Benjamin“ hat er zunächst aufgehört zu schaffen. Die furchtbare Pogromwclie der achtziger Jahre ging über Rußland, da konnte er zunächst nur schweigen. ״Die Not der letzten Zeit hat mein Herz versteinert, so daß die Zunge sich mir nicht zum Reden legte und die Hand nicht ein Wort schreiben konnte. Das ist solch ein Schweigen, wie es einen mit starker Not überkommt, das einem Gesundheit und Leben und viel mehr kostet als Seufzen und Weinen von blutigen Tränen.“ Dann aber, 1884, rafft er sich auf und schreibt ein fiiniaktiges Drama ״Der Prisiv“. Hier ist, während die Reaktion auf die Zeit bei andern Autoren nationales makka« bäisches Pathos auslöst, Mendele wieder im alten Milieu: ״Es zog mich wieder in jenen Winkel des jüdischen Lebens, zu meinen alten, bekannten Figuren“, nur, daß der Grundton nun rein humoristisch Im höchsten Sinne geworden ist. Und ebenso schreibt er eine hebräische Erzählung-, die in der Pogromzeit spielt, nur die Pogrome selbst nicht scliildert und humorig ist. Er hat überwunden; Humor ist Ueberwindung, er hat den Mut zu lachen. Er schreibt hebräisch und bildet nun, im Bewußtsein der Sprachgrenzen und immer das Jiddische, nun als offenes Ventil, im Hintergrun»1, den neuen hebräischen Prosastil, er überträgt seine j!ddL«:.1en Erzählungen ins Hebräische. 1889 erscheint jiddisch sein reifstes und reichstes Werk, der ״W׳ unsch ring“, schließlich die Fragment gebliebene romanhafte Autobiographie ״Sch loim ele“. Sein äußeres Leben ist längst scheinbar still. Er ist Lehrer in Odessa, plagt sich bis ins späte Alter ums Brot, erst nach der Revolution von 1017 setzen Bialik und andere Freunde eine Pension für ihn durch. Er führt die letzten Jahrzehnte hindurch ein ״großes Haus“, nicht gerade mit Aufwand, aber man, nämlich die gesamte ostjüdische Literatur von Schalem Alejchem bis Bialik, umgibt ihn als den ״Seide“, als ihren Altmeister. Er hat eine Frau, die mit ihm alt wird, und Kinder, er hat Erfolge und literarische Nöte, man übersetzt ihn in viele Sprachen, und das Volk liest ihn wie noch nie einen jüdischen Erzähler. Er stirbt 1917, noch rechtzeitig, um nicht all die Nöte der russischen Nachkriegsjahre zu erleben, in denen leine Frau zwei Jahre *pater buchstäblich verhungert U H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.