Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 103-104 (24.12.1935)
- Date
- 1935-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 103/104 24. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Zum 100. Geburtstag von Scholem Jakob Abramowitsch der in der jüdischen Literatur den Namen führt MENDELE MOCHER SFORIM Mendele und seine Zeit Von L>r. Jakot Meitlis ...... Es ״war ein Mann, der das Rad entdeckt hat und scirt Name wurde vergcs'Cti, alxx in allen spateren Entdeckungen dreht sich das Rad initiier weiter bis auf den heutigen Tag. Mendele .«hat das Rad in unscrer Literatur entdeckt, und jeder tm> uns. his zuun jüngsten der Jungen, dreht dieses Rad ... .״ J. L. Perez. Als Scholem Jakob Abraniowitsch oder wie er sich später nannte, Mendele Mochcr Sforim, das Licht der Erde erblickt hat (man zählte das Jahr 1836), da tvar die jüdische Welt d es östlichen Europas noch eine geschlossene und organische Ganzheit. Sic hatte noch nicht ihre innere Einheit verloren und konnte noch nicht mit all denjenigen Atoinisierungs- und Auflösungserscheinungen der späteren Zeit aufwarten. Das Leben der russischen Judenheit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand erst am Vorabend jener großen und entscheidenden Auseinandersetzungen, die späterhin infolge der einbrechenden Aufkläningsbevcgung und der westlichen Kultur beginnen sollte, ja beginnen mußte. Noch lag diese Welt still verträumt, unberührt, abseits von dem großen europäischen Kulturgeschehen und war nach außen hin ganz separiert. In diesem von eigener Gesetzmäßig!■ eit getragenen Kuiturbezirk unterstand alles jener strengen Regelung des Gesetzes, das sowohl für den Einzelnen wie für die Gesamtheit normativ-bindende Geltung hatte. Allein diese Welt der äußeren Abgeschlossenheit und der inneren straffen Bindung konnte auf die Dauer nicht mehr befriedigen. Sie war zu eng geworden und hatte bereits An- Zeichen der Erstarrung und des Verfalls aufzuweisen. An ihre Pforten klopfte rnit wuchtigen Schlägen ein von fortschriftlichen Ideen lind freiheitlichen Tendenzen getragenes Europa, das Einlaß begehrte und auch bald fand. Lange konnte diese Welt dem Ansturm von außen nicht standhallen, die ersten Breschen in der Umfassungsmauer machten sich schnell bemerkbar. Dieser rasche Einbruch West-Europas in die jüdische Welt des Ostens erzeugte eine Vielheit von Auf locke* r u r. g e n und Auflösungserscheinungen im j üdisehen Lebensraum. Sie bildeten den Beginn jener bitteren Auselnander&etzungen zwischen den Vätern und den Söhnen Und führten oft zu tragischen Konflikten. Diese Spannungen, die auch in der nichtjüdischen Welt Rußlands heftigen Kampf hervorgerufen haben, schilderte der große russische Erzähler Turgenjew, und nach deren Vorbild hat Mendele eine hebräische Erzählung ״Väter und Söhne“ geschrieben. Atts dieser düsteren, engen und armen, zugleich aber kampferfüllten jüdischen W'clt, kam Mendele zur hebräischen Literatur. Mendele Blocher Sforim gehörte jenem Kreise der Aufklärer (״Ma;׳'.i׳:!n״j an, deren Hauptziel war: Emanzipation und Neugestaltung des jüdischen Lebens auf dem Boden der national-religiösen Ideale, sowie Erneuerung der hebräischen Sprach« und ihrer Literatur, die als Werkzeug und Mittler für die Aufklärung angesehen wurde. Dieser Kreis hat Europa bejaht, wollte aber zugleich die Synthese zwischen der europäischen Kultur und den überlieferten jüdischen Werten schaffen, eine Brücke zwischen dem Rationalismus des Westens und der Gefühlswelt im jüdischen Bezirk schlagen. Die auf dieser Grundlage aufbauende Aufklärungsbewegung hat viel für die Belebung der jüdischen Literatur, für die Renaissance der Sprache geleistet. Aber was sie zustande gebracht hat, war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine ausgesprochene Kampf- und Tendenzliteratur. Ihr Kampf war gerichtet gegen die ״Iviilturlosigkert“ der breiten Volksmasse, gegen die Starrheit und ״Finsternis“ und gegen die Orihodoxie, gleichviel, ob rabbinischer oder chassidischcr Observanz. Vom Glanze einer curopäischsuperioren Kultur berauscht, in der Sehnsucht nach bürgerlicher Gleichberechtigung, hatten die Aufklärer ihr Ziel durch ״Bildung und Licht“ zu erreichen gehofft. Die Literatur war ihnen nur Mittel zu diesem Zweck. Daher waren ihre schriftstellerischen Erzeugnisse flach und lebensfremd, arm an Ursprünglichkeit und an wirklichem künstlerischem Können. Das war der Boden, auf dem ein Künstler von der Größe Mendeics wachsen sollte. Erst wenn man sich das vergebenwärtigt, kann man die ungeheuere Leistung Mendeles ermessen und seine außerordentliche Bedeutung sowohl für die hebräische wie für die jiddische Sprache und Literatur ein schätzen. Zu Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Abramowitsch (damals schrieb er noch nicht unter seinem späteren Künstlernamen) ein echtes Kind der Aufklärung. Er versuchte sich auf aller» möglichen Gebieten der Literatur; er schrieb in hebräischer Sprache kritische Aufsätze, gab populäre hebräische Bearbeitungen naturwissenschaftlicher Werke heraus, betätigte sich praktisch als Erzieher und verfaßte den bereits erwähnten Tendenz-Roman ״Väter und Söhne“ (1868 האבות והבנים). Es dauerte aber nicht lange, und der Umschwung, der Durchbruch zum Neuen, kam. Hat die Aufklärumg in ihrer betonten Einseitigkeit in ihren Gegnern nur die Fanatiker und die Dunkelmänner gesehen, so sah Mendele hier wie dort in erster Linie den Menschen, in all seiner Armut und Kleinheit, in seiner Not und Qual, in seiner tiefen Sehnsucht und in seinem schmerzvollen Ringen um Bodenständigkeit und Befreiung. Im Gegensatz zu den Maskilim war das Problem für ihn kein religiös-aufklärerisches, sondern ein sozial-ethisches. Er erkannte, daß das Volk nicht nur unter mangelnder B; lung litt, sondern unter seiner sozialen, materiellem, moralischen Not Mendele wurde zum einzigartigen Schilderer der jüdischen Not und der sozialen Differenziertheit. Er war auch zugleich derjenige, der das nationale Bewußtsein im Volke geweckt hat. Mendele hat die Armut gesehen und den Versuch gemacht, sie als soziales Problem zu begreifen. Wie kein anderer kannte er das Volk und liebte es aufrichtig und tief. Er sah es in seinem Elend, wurde von seinem Schicksal -ergriff. 11, er wollte dem Volke dienen, seine Sclmierzen!)eilen — aber anders als die Generation der Aufklärer mit ihrem Allheilmiftel der Bi'dung. Er war ein wirklicher ״Narodnik“*), er stieg zum Volke, zur Masse herab. Nicht beglücken wollte er sie mit starren, leb'oscn und leheisfremden I lealen, sondern ihnen den Willen zürn Aufstieg einpflanzen. Nicht etwa •die ■•■§! ״ äuRcrIHie Freiheit, sondern die Einkehr und Umkehr in sich selbst, — die seelische Vorbedingung jeder Befreiung’ — Auch der Ki.n.tlcr 1V. leie suchte Befreiung durch seine Kunst, — ein echtes Künstlcrschicksa!! Weil Mendele das Volk aus seiner nächsten Nähe, aus seinem unmittelbaren Erlebnisbezirk kannte, sind seine Schilderungen echt und lebe ns wirklich, seine Gestalten von plastischer Monumentalität, voll strotzenden Lebens. Er war der erste in der jüdischen Literatur, der mit der unechten und lebensfernen romantischen Schilderung gebrochen hat und die Wendung zu einem gesunden Realismus vollzogen hat. Er schildert das, was er sieht: unbeschönigt, unverhüllt und ungekünstelt, — ein Leben, das für sich spricht. Mendele hat viel in seinen» langen Lehen gesehen, er hatte oft Gelegenheit, seine Mitmenschen mit seinem Kunstlerohr zu belauschen. Wir kennen ihn als den ewig umherziehenden ״Moelier Sforim“, den Buchhändler, der in seinem Wägelchen durch die jüdischen Städtchen und Orte zieht, seine Bücher in den Lchrhäuscrn und auf den Märkten /um Verkaut auslegt, mit Juden spricht, Geschichten hört und weitercr/älilt und bei manchen Schriften als ״Herausgeber“ zeichnet. Diese später symbolisch gewordene Wanderung durch die engen jüdischen Städtchen des Ansiedlungsrayons hat Abraniowitsch bereits in seinen jungen Jahren angetreten. Mit Awrcme! dem Lahmen (dem Urbild seines Helden Fischkc aus dem späteren Roman ״Fischke der k rum er“), zieht er, kaum l/jäbrig, von seiner Heimatstadt Kapulje auf dem Wägelchen des Bettlers hinaus nach Wolhynien. Unterwegs macht er die Bekanntschaft von Menschen und Städten, Er sieht das Volk in allen möglichen Posen und Situationen, als Bettler, Hungerleider, Luftmenschen, Kahal-Söldlingc und -Machthaber, Träumer und Illusionisten. Er beobachtet es in all seinen Gesten lind Bewegungen, in seiner Sprache und Lebensweise, in seinem Eiend und in seiner Kümmerlichkeit. Er saugt in sieh die grauen Farbtöne seiner Umgebung, den Rhythmus der Volkssprache auf, leidet mit dem Volke und fühlt seinen Schmerz und sein Weh. Mit der Treue des Naturalisten gibt er das alles wieder. Jedes Zwinkern mit den Augen, jedes Falten und Runzeln der Stirn hält er fest. Er sieht die Schindmähre, die symbolische Gestalt der Gemeinde Israels, wie man sie schlägt und beleidigt, wie man sie mit Stockhieben fortjagt, wenn sie auf fremdem Boden weidet, und er hört, wie sie im Stillen seufzt und ihr Schicksal bitter beklagt. Er sieht auch die Mähre, wie sie in Kabzansk auf dem Schulhofe ausgestreckt liegt und ihre müden Glieder in der Sonne wärmt Er hört auch, wie sie eines Tages den Mund auftut, eine Mensehensprache spricht und Erimimmgen aus jener Zeit, als sic nach ein Prinz war, ausbreitet. Ein altes weitverbreitetes Märchenmotiv von der böswilligen Verzauberung eines Prinzen in die Gestalt eines Tieres wird hier (״Die Kliatsche“ 1873) zu einer kiinstkrischen Allegorie ■verarbeitet. Mit einem Schlage rückt Mendele die nationale Frage ins Zentrum seines kiinstkrischen Schaffens, eine Frage, die uns heute so sclbstverstündlich und geläufig erscheint, es aber damals, als Mendele ״Die Kliatsche“ gedichtet hat, keineswegs war. Hier bricht zum ersten Male die Gewalt des nationalen Pathos durch. *) Die Bewegung der ״Narodniki* mit ihrer bekannten Parole: ״Ins Volk gehen“, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der russischen Intelligenz weit verbreitet Man wollte unter die Bauern und Arbeiter die Ideen der Freiheit und der Bildung tragen. Die Allegorie und das Gleichnis in der Literatur nehmen in Mendcies Schaffen einen weiten Raum ein. Nicht nur seine st;.׳.::de״ Worte, seine scharfe Auseinandersetzung mrt den Gesellschaftsformen und den Zeitverhältnissen, versucht er in diese Form zu kleiden, sondern, wenn er das Lächerliche und Närrische, das Ungesunde und Absonderliche im Leben der Juden zeichnen will, greift er zur Allegorie, wobei er oft nahe an das Symbolische licrankomnit. Seine Werke weisen noch daneben einen didaktischen Einschlag auf. Durch gewisse M i d r a s c 11 - E 1 e m enlc der Erbauung und des Moralisicrens bat er die Kontinuität mit dein alten Schrifttum hergestellt. Die von ihm erfundenen Namen für die Städtchen der beispi(׳Losen jüdischen Armut, in denen das Irreale und das Lebensfremde, das Traumland und die Welt einer krankhaften Phantasie dominierend sind, erinnern an die russische Literatur jener Zeit. Der russische Schriftsteller Schl sch .:;vn-Saltykow hat das rückständige und zurückgebliebene” Rußland mit Glupsk (Narroiilami) bezeichnet, «in Naine, der von Mendele spater f 11 r die von Juden stark beeölkerte Stadt Berdvc/ew gewählt wurde. Auf dem ungesunden und ״sumpfigen“ Boden dieser Städte und Städtchen entstehen die jüdischen Don-Quichofcs und Sancho Pausas in der kicheriieheu Gestalt der Benjamins und Senderis, die Mendele in seiner Parodie ״Massaoth Binj a m i n h a s c h 1 i s c h i“ (1878) meisterhaft schildert, liier ergießt er bitteren Spott und beißende Ironie über jene Menschen, die ohne jede Realität, als Müßiggänger und Luftinonschen in einer Welt 11 es Zaubers und der Phantasie l<ho!1, erfüllt von Träumen über lerne Wunder, märchenhafte Länder und Dinge sind, und auf närrische Reiseabenteuer auszieben, die ebenso kläglich enden wie ihr ganzes Leben. Mendele ist auch der große ,Meister der Milieuschilderung> der plastische Gc.-talicr des jüdischen Kollektivs, der jüdischen Gemeinschaft. Fr ist der große Maler der kleinen Und alierkleinsfen Details des Lehens. Aber auch die Natur, der Wald, die Bäume, das Gras und die Blume, das Wasser lind die Vögel, all das feiert bei ilun seine literarische Auferstehung. Er war der erste jüdische Schriftsteller, der die Natur mit den Augen eines Künstlers und Menschen gesehen und liebgewonnen hat. Er »var der Entdecker der Natur in der jüdischen Literatur. Allein, wie das Milieu ein jüdisches ist, so ist auch die Natur bei Mendele ״v e r j ü <1 i s c h t“. Ueber alles ist der graue Himmel jüdischen Leides und jüdischer Armut ausgebreitet. Langsam streift Mendele auch das Letzte der Haskafa-Zeit von sich ab. Der Moralist und Publizist in ihm wird immer mehr und mehr von dem wahren Künstler und großen Epiker verdrängt. Von der Sturm- und Drangperiode der Aufklärung, von der Publizistik und Kampfliteratur gelangt Mendele langsam zur klassischen Reife. Iin Jahre 1889 erscheint sein größtes und reichstes Werk ״Der Wunschring“, das er dann in hebräischer Bearbeitung in den 90er Jahren herausgebracht hat. Die große Leinwand, auf die der Roman ge» spannt ist, wirkt durch die Fülle der Gestalten und die Schönheit der Schilderung anziehend und packend. Der Dieb» ter sicht jetzt in Kabzansk nicht nur das Negative und Lacher* liehe, sondern hier wird ihm eine Welt der Schönheit, der Tide und der Einzigartigkeit offenbar. Kabzansk wild ihm zur Quelle der Poesie, der Innerlichkeit und der Harmonie, Hier atmet alles Versöhnung und Frieden. Der Satiriker und Spötter der früheren Epoche wird jetzt zum Verstehenden und Verteidiger. Kahzansk wird jetzt zur traulichen Heimat eines geistig-ideellen Lehens. Der Dichter schlicht Frieden mit dent luden und seinem Eigenleben, hier herrscht nicht mehr der alte Gegensatz zwischen ihm und der Außenwelt. Hier virtieft er sich in das jüdische I.*־ben aus der Zeit vor dem großen Umbruch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts und holt uns ungeborgene Schätze aus der Tiefe: des Volkslebens hervor. Eine Welt der eigenen reichen Vergangenheit, mit dem Auge eines großen Künstlers geschaut, wird liier mit viel Wärme geschildert und verklärt. Was Mendele uns in diesem und in den folgenden Werken geboten hat, das ist echte, tiefe und wahre Kunst. Mit seiner autobiographischen Novelle ״Schlojmcle* (die hebräische Ausgabe hieß ״ln jenen Tagen“: בימים ההם) hat Mendele den klassischen Höhepunkt seiner Kunst erreicht. Reinheit der Form, Tiefe des Erlebens, epische Klarheit und Ruhe Und Objektivität •der Erzählung — das sind im großen die besonderen Merkmale dieses Meisterwerkes, dessen Zauber in der einzigartigen Verflechtung von Epos und Lyrik liegt. Mendele kam zur Literatur vom Hebräischen, schrieb dam» Jiddisch und kehrte wieder zun» Hebräischen zurück, ohne dabei das Jiddische zu vergessen. Beide Sprachen lagen ihm am Herzen und er schuf eine Synthese zwischen der Volks- und N a t i o n a 1 s p r a c h e. Beide Sprachen hat er mit Vaterliebe gepflegt, sie kultiviert und bereichert. In ihnen schuf er den klassischen Prosastil, der vorbildlich und wegweisend so» wohl für seine Zeitgenossen wie für die Späteren geworden ist. Mendele Mocher Sforim war nicht nur der Künstler und Meister des unerreicht plastischen Bildes und der monumentalem Form, seine Größe offenbart sich ebenso in der einzigartigen S p r a c 11 s c h ö p f u n g und Reinheit des Stils. Er war zugleich der große originelle Dichter, der aus dem tiefsten Quell des Volkslebens, der Volkskultur und der NatUT geschöpft hat und im Reichtum der Sprache den Reichtum seines Erlebens zum Ausdruck gebracht. Eine Welt, die heute nicht mehr da ist, hat er uns lebendig, vielfarbig, Teich an Typen und an innerem Erleben erhalten. Seine Werke sind daher ein unerschöpflicher Born für jüdische Kulturgeschichte und für die jüdische Geschichte einer verflossenen und abgeschlossenen Zeit.