Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 102 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 26 Nr. 102, 20. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU UMSCHAU Arabische Welt / Michael Assaf Weltpolitische Diskussion Das politische und soziale Denken der Araber ist in den letzten Monaten durch Ercignisse der großen Welt und durch innere Entwicklungen in starke Gärung geraten. Unter den äußeren Ereignissen spielt der italienisch-abessi nische Krieg und der ägyptische U n a b 11 ii n g ig k c i t s - kampf die entscheidende Rolle. Der Kamp! in Afrika hat auf die Araber in mehrfacher Weise gewirkt: Er schien einen neuen Weltkrieg herbei «!führen, der unter einem Teil der radikalgesinnten Araber Hoffnuiigen auf volle Unabhängigkeit weckte, eine Unabhängigkeit, die erst im letzten Weltkrieg konzipiert, dann jedoch in Syrien urui Palästina stark beschnitten wurde. Wie sollte aber diese Unabhängigkeit erreicht werden? - so fragen die gemäßigten Elemente. ״England und Frankreich werden die Hilfe der Araber brauchen!“ antworten die Kriegslustigen. -- Und was wird sein, wenn England und Frankreich besiegt werden und schlimmere lmpcrialisten über die arabischen Länder herrschen werden? Die Antwort hierauf ist nicht klar, denn die Furcht vor dem italienischen Imperiaiismns z. B, ist unter der arabischen Führerschaft übergroß. Aber nein, antworteil schließlich die Radikalen, England und Frankreieli •werden auch noch den nächsten Weltkrieg heil überstellen, aber sie werdet! unsere Hilfe notig haben. Dann werden wir als gleichberechtigte Bartner auftret eil und unseren Bundesgenossen die Bedingungen vorschreiben kramen! Aber entgegnen die Gemäßigten - - was wird sein, wenn der nächste Krieg das Ende der Parolen ״Demokratie und nationale Selbstbestimmung״ bringt, die wir aus dem letzten Krieg übernommen haben? -- Die Antwort ist verwirrtes Schweigen. Diese Diskussion ist in letzter Zeit immer wieder in internen arabischen Ztikeln des Nahen Ostens geführt worden und die letzte Erwägung hat die Stellung der Kriegslustigen völlig erschüttert. Daher auch die starke Teilnähme für Abessinien unter den Arabern. ״Wir hah.n t 'nimlnichiing ei fahren mul fühlen daher mit den Unterdrückten•‘ schreibt einer der wichtigsten panara bischen Führer, Dr. Schahbander, der aus Syrien ausgewiesen wurde und in Aegypten lebt. Die: Weitblickenderen unter den Arabern verstehen, daß Mussolini der Vertreter der alt-neuen europäischen Richtung ist, die in den Völkern Afrikas und Asiens die Herden sieht, die auf einen Hirten warten, oder, wenn sie nicht auf ihn warten, eben schlechte und verderbte Herden sind, denen man mit Gewalt einen treuen Hirten aufzwingen muß. Ein Sieg Mussolinis in Abessinien erscheint den Arabern als die Gefährdung einer neuen Weltanschauuug, die der! Völkern des Orients, die in geistiger, wirtschaftlicher und technischer Hinsicht zurückgeblieben sind, tolerant und aufgeklärt gegeiuibersteht. Daher müsse die Verbindung?wischen dem schwachen Orient und den großen Demokratien des Westens gestärkt werden. Die Grotrmächtc Noch ein Punkt stand in Syrien und Palästina zur Debatte: Wird Frankreich mit England gehen? 1111־ Konflikt zwischen den beiden Machten bedeutete eine große <lliance und ׳»gleich eine große Gefahr. Wenn die syrischen Führer heute die Wahl hätten, so würden sie, wie im Jahre!91’), England wählen. Allo arabischen I.linder standen da- Urals de facto unter einer, der englischen Herrschaft, was die paii-islaniisclien Bestrebilligen heg mistigte. Aber dann hatte man das Jüdische Nationalhcini, das die Basis der englischen I 'olitik in Palästina bildet, aiierkennen müssen, und wie können sich die arabischen Etilirer in Palästina da/n entschließen? Schließlich Kote sich die Image auf andere Weise: England mit iTankreieh. Der große Krieg nickte in die Ferne; ein Weltkrieg wird nicht sein. Die Kriegslustigen unter den Arabern verengerten ihre: Ziele und ihre Parteinähme gegen Italien ist durchaus möglich. Die ägyptischen Ereignisse Für Palästina waren diese Probleme politisch -111 e o r e t i s c 11 e r Natur. Aber im Nachbarland»: Aegypten wurden sie zu durchaus r e a 1 politischen Fragen. Die natioliale Bewegung in Aegypten, die hauptsächlieh in der Wafdpartci organisiert ist, hatte zwar auch mit all den Zweifeln und lieberlegungen zu kämpfen, mit denen sich die Führer in Syrien und Palästina befaßten. Aber die politischen Spekulationen bewegten sicli in Aegypten in engerem Rahmen. Die Gefahr des italienischen Planes, das römische lmperium zu erneuern und die Quellen des Nils in Abessinien zu besetzen, war zu überzeugend. Der Entschluß der Aegypter, der in vielen Jahren gereift war, lautete: mit England. Nachdem jedoch die erste Kriegsgefahr vorüber war, komplizierte sich die Situation. Wie, so lautete jetzt die Frage, wird England den politischen, durch Mussolini geschaffenen Wirrwarr ausuutzcn, um seine Stellung im Osten des Mittelmeeres und auf dem W'ege nach Indien zu befestigen? Die nationale Bewegung in Aegypten verstand, daß sie die Klärung ihrer Beziehungen zu England nicht verschieben konnte, bis diese Frage gelöst war. Denn dann wird die Welt bereits anders aussehen, die Kräfteverhaltnisse weiden sich verschoben haben. Aber England ist heut« nicht in der Lage, auf eine der schwebenden Fragen im Osten des Mittclmeercs überhaupt, und in Aegypten- Sudan im besonderen, eine klare Antwort zu geben. Daher beschloß es, die Autrollung dieser Spezialfragen zu verschieben, bis die grollen Fragen des Imperiums gelöst sind. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß ganz. England ohne Unterschied der Partei über die Gefahr einer italienischen Besetzung der Nilquellen erregt ist, vor altem aber bemühen sich die Konservativen, eine grundsätz־ liehe Auseinandersetzung mit Aegypten hinauszuschieben; darum spielt England die einzclnen Parteien dort gegeneinander aus, begünstig! die Uneinigkeit und verhindert die Wiedereinführung der Konstitution. Das heißt mit anderen Worten: die Konservativen haften am Geist der Vergangenheit und begreifen nicht die Geschehnisse der Gegenwart. Ihre Politik hat in Aegypten ungeheure Erregung, den Verlust an Menschenleben und die Ver- Stärkung des Hasses gegen England verursacht. Palästina nimmt an den ägyptischen Ercignissen stärkeren Anteil als irgendeines der arabisch-moslemischen Länder. Da es sich dort wie liier um England handelt, verbindet die arabische Presse Palästinas ihre Beschwerden mit denen der Aegypter. Nahas Pascha, der Führer des Wafd, sandte zum Tode des Führers, der Terroristengruppc, Scheich As Ed Din el Kasam, ein Beileidstelegramm nach Haifa, und die arabischen Führer in Palästina antworten ihm mit Kondolenzen für die jetzt bei den Demonstrationen gefallenen ägyptiM’Iiei Studenten. Aegypten hat immer großen Einfluß auf Palästina gehabt und hat ihn noch heute. Friede zwischen dem Wafd und England würde eine große Bedeutung für die arabische Bewegung in Palästina haben. (Im Jahre 1929, in der Zeit der Unruhen in Palästina, stand Nahas Pascha, der Wafdfülirer, an der Spitze der ägyptischen Regierung. Als ein Gesandter des Mufti von Jerusalem nach Aegypten kam, um für die palästinensischen Araber Propaganda zu machen und Geld zu sammeln, bat ihn Nahas, das Land zu verlassen.) Wenn Kampf zwischen dem Wafd und Englaml herrscht, so stärkt das in Palästina die Opposition gegen die Mandataimacht. Die panarabische Bewegung erstrebt bis heute den Einschluß von Aegypten. Der Gründer des Wald, Zaglul Pascha, jedoch und seine Nachfolg er hielten sich von der Teilnahme an der panarabischen Bewegung zurück. Das hat den Wald aber nicht daran gehindert, die panarabische Bewegung als Druckmittel gegen England zu benutzen, sobald sich die Be- Ziehungen spannten. Die arabische Bewegung in Palästina, in ihrer großen Schwäche, verzeiht dem Wafd sofort seinen ״Verrat“ und folgt jedem seiner Winke. Hierin liegt einer der Gründe für die jetzige aggressive Haltung der palästinensischen Führung in den Verband* Jungen mit der Mandatarmacht. Gesundheitswesen / Fritz Noack Die neue ficrzte-Alijnh Die von der Regierung für den 1. Dezember dekretierte Aerztesperre hat sich erwartungsgemäß dahin ausgewirkt, daß im Laufe des November noch eine große Anzahl Aerzte in das Land gekommen sind, um sich die Mftglichkeit der Praxisausübung zu sichern. Die Zahl der auf diese Weise innerhalb eines Monats cingewandcrtcn Aer/.te ist auf 400 bis 450 zu schätzen, die Zahl der Aerzte im Lande hat also in einem Monat eine Vermehrung von mehr als 25 0'״ erfahren. Ein Teil ron ihnen, vielleicht der größere, wird aber erst im Laufe des nächsten Jahres sich endgültig hier niederlassen. Es ist bedauerlich, daß nur wenige von ihnen Neigung zum Berufswechsel, insbesondere zur landwirtschaftlichen Ansiedhing zeigen. Psychologisch kann man das verstellen; es befinden sich unter ihnen wenig jüngere Aerzte, die meisten sind über 35 Jahre alt, haben Familie; viele sind beruflich hervorragend qualifiziert, aber nur wenige haben sprachliche oder geistige Vorbereitung für die F.rfoi deriiisse des Landes. Die meisten verfügen über Mittel, um längere Zeit abwarten zu können; die Mittel befinden sich aber in Deutschland und ihre Transferierung ist noch ein ungelöstes Problem. Es ist mit einem Zeitraun! von 2 3 Jahren zu rechnen, bis ein erheblicher Teil von ihnen untergebraeht werden kann, vorausgesetzt, daß die Einwanderung in gleichem Maße weitergeht wie in den letzten zwei Jahren. Verhandlungen mit der Regierung Die Regierung bereitet — wie alljährlich — das Budget für das mit dem 1. April 1936 beginnende Etatsjahr vor. Dabei werden auch die Beiträge für die jüdischen Institutionen festgesetzt. Auf dem Gebiete des Gcsundheitswesens hat die Regierung in den letzten Jahren für die Säuglingsfürsorge und die SchulgcsundhcitspFIcge Beiträge geleistet. Es ist ferner das Tuberkulosekrankenhaus in Safed unterstützt und Beihilfen zu den Krankenhausbauten der Krankenkasse in Afulc und Pctach Tikwah gegeben worden. Die Zuschösse der Regierung für das Krankenhaus in Tel-Awiw gehören nicht hierher, da dieses Krankenhaus ein Munizipalitätskrankenhaus ist, also eine Landeseinrichtung, die als solche einen Zuschuß bekommt wie andere städtisehe Krankenhäuser. Es erscheint daher nicht im Etat des Waad Leumi. Die laufenden Unter- Stützungen der Regierung an Gesundheitsinstilutionen der Knesseth Jisrael betrugen im letzten Jahre £P 4503, die einmaligen £P8600. Wie es scheint, besteht nur Aussicht auf geringfügige Erhöhung der Regierungsbeiträge; insbesondere scheint das Gesundheitsdepartment nicht geneigt zu sein, Beiträge für die Bekämpfung der Tuberkulose und des Trachoms zu leisten, zwei Krankheiten, die sich in der letzten Zeit in der Bevölkerung erkennbar ausbreiten. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten Es dürfte sich dabei nicht nur um eine unbegründete Sparsamkeit der Regierung handein, sondern um eine grundsätzliche Haltung. Während die Vertretung der jüdischen B<- völkerung den Standpunkt vertritt, daß sie wenigstens die sozialen Einrichtungen wie Schule, Wohlfahrtspflege, Gesuiidheitsinstitute in eigener Regie behalten müsse, wenn der Gedanke einer jüdischen Heimstätte einen Sinn haben solle, sind gewisse Stellen der Regierung der Ansicht, daß die Regierung einen großen Teil dieser Einrichtungen wie Krankenhäuser, Einrichtungen der Vorbeugen* den Gesundheitsfürsorge selbst übernehmen und verwalten kann, und daß Juden und Araher in gleicher Weise von ihnen bedient werden können. Dies würde aber dazu führen, daß den Juden di« Möglichkeit genommen wäre, den Standard dieser Einrichtungen ihren höheren Bedürfnissen anzupassen. Die Versorgung der Geisteskranken Wir haben schon Erfahrungen darüber, wie sich die Dinge entwickeln, wenn die Regierung allein die Verantwortung für einen Zweig des Gesundheitswesens übernimmt. So ist z. B. die Versorgung der Geisteskranken Sache der Regierung. Sie unterhält eine Anstalt in Bet ftjclicni, die etwa zur Hälfte mit Juden belegt ist. Die Zahl solcher Kranken dürfte unter den Juden nicht höher sein als unter andern Völkern. Aber es ist klar, daß eine Zahl von 60 70 Betten für Geisteskranke für eine Bevölkerung von ca. 350 000 Seelen nicht ausreicht. Tatsächlich sind die Juden gezwungen, noch zwei andere Anstalten mit zusammen ca. 10O Betten zu unterhalten, ein weiterer Teil pflegebedürftiger Kranker befindet sich in Privatheimen, die zum Teil keineswegs zweckentsprechend sind, und der Rest kann auf keine Art untergebracht werden, lastet auf den Familien, die daran zugrunde gehen, treibt sich auf den Straßen umher. Die Zahl der anstaltsbedürftigen Geisteskranken, die nicht in der Regierungsanstait untergebracht sind, wird auf ungefähr 200 geschätzt. Recbnet man für die Erhaltung eines Geisteskranken den Satz von £P 6 monatlich (ein Satz, der unterhalb der gegenwärtigen Selbstkostengrenze in den Anstalten liegt), so sind für die Unterbringung dieser Kranken von der jüdischen Bevölkerung im Monat etwa £P 12' 0, im Jahre also £P 14 400 aufzubringen. Dies ist ein unlösbares Problem für die Wohlfahrtsämter der jüdischen Gemeinden. Und die Regierung gibt dazu nicht einen Piaster, sie beruft sieh darauf, daß sie ja eine eigene Anstalt unterhält, und daß sie ״beabsichtigf“, demnächst rnit dem Ban einer zweiten zu beginnen. Krankenhausfragen Die Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit Krankenhausbetten ist in den letzten Monaten nicht wesentlich besser geworden. Es ist gelungen, das Schweitzer-Krankenhaus in Tiberias mit 30 Betten auch für den Winter offen zu halten, was dadurch unumgänglich notwendig geworden war, daß das Hadassakrankenhaus in Safed in ein reines Spezialkrankenhaus für Tuberkulöse umgewandelt wurde. Die Finanzierung des Krankenhauses in Tiberias ist aber auch nur durch einen Beitrag der Frau Peter Schweitzer aus Am«־ rika möglich geworden. Außerdem ist der Erweiterungsbau d<js Krankenhauses in Tel- Awiw fertiggestellt und der Bau des Krankenhauscs der Krankenkasse in Petach Tikwah schreitet gut vorwärts, so daß man damit rechnen kann, daß er Mitte nächsten Jahres in Betrieb genommen werden kann. Dagegen liegt die Ausführung der geplanten Krankenhäuser in Jerusalem (Hadassah und Universität), Haifa (Gemeinde), Petach Tikwah und Rechoboth (Kolonien) noch in •weiter Ferne, ebenso die Durchführung des Baues des neuen Krankenhauses der Stadt Tel-Awiw. Die Schwierigkeiten sind teils finanzieller Art, teils kommen sie von der Regierung her. Die Regierung hatte z. B. bereits ihre Beteiligung an den Krankenhäusern in Petach Tikwah und Rechoboth zugesagt, vertritt aber neuerdings wieder die Ansicht, daß sie lieber ein Regierungskrankenhaus für den Bezirk Judäa bauen werde. Die andern Projekte (Jerusalem, Tel- Awiw, Haifa) werden voraussichtlich im nachsten Jahre in Angriff genommen werden können; die Fertigstellung wird aber noch mehrere Jahre auf sich warten lassen. Bei den außerordentlichen Anforderungen, die die Errichtung aller unserer sozialen Institute an die Finanzkraft des jüdischen Volkes stellt, schiene es besser, sich vorläufig mit bescheidenen Einrichtungen (Baracken) zu begnügen, und die Vervollkommnung einer späteren Zeit zu überlassen. Beginn der Wintersaison Wir sind nunmehr in die Winfersaison eirtgetreten, die im allgemeinen durch einen giinstigeren Stand der Gesundheit charakterisiert ist. Die Malaria hat im größten Teil des Landes nachgelassen, doch gibt cs auch jetzt noch neue Infektionen; besonders im Emek Hajarden tritt diese Krankheit erst im Spätherbst auf und hält sich dort auch im Winter. Es gab in den letzten Wochen an verschiedenen Orten leichtes Vorkommen von Scharlach und Diphtherie. Die Gesundheitsinstitute bemühen sich, die Diphthericschutzimpfungen in den Kindergärten durchzuführen, begegnen aber nicht immer dem erforderlichen Verstand* nis der Eltern. Die Grippe hat in mäßigem Grade eingesetzt. Von Interesse ist eine kleine Epidemie von Rückfallfieber im Emek Chef er; dort nistet in Höhlen eine Zecke, die anscheinend mit den Erregern des Rückfallfiebers infiziert ist; Ausflügler, die eine Höhlt betraten, wurden sämtlich mit der Krankheit angesteckt, ebenso eine Gruppe von Acrzten, die zu Untersuchungszwecken dorthin kam. Hebräische Literatur/Israel Kohn Die neue hebräische Dichtung beschäftigt sich nicht mehr mH der ״Sehnsucht nach Zion“, einem Motiv, das die jüdischen Dichter im Galuth erfüllte, sondern ihr Interesse gilt dem Leben in der Heimat und den nationalmenschlichen Empfindungen des jüdischen Menschen in seinem Suchen nach einer politischen und sozialen Zukunft. Daraus wird verstündlich, warum sich die hebräische Lite* ratur im Lande in verschiedene Ströme und Schulen spaltete. Ist doch auch das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben im Lande nicht einheitlich! Jedes Buch, das im Lande erscheint, gehört bewußt oder unbewußt zu einer bestimmten Strömung und verrät eine bestimmte literarische Richtung. Zwei Sdhriftstellergruppen Die zwei Hauptrichtungen werden von zwei Schriftstellergruppen vertreten, die bis vor kurzem jede ihr Ausdrucksorgan besaßen. Eines (״Ketuwim“) wurde von dem Schriftsteiler und Essayisten E. Steinmann und dem Dichter Schionski geleitet, um das zweite (״Mosnajim“) — zugleich Organ des Schriftstellerverbandes — scharen sich die meisten älteren Schriftsteller. ״Ketuwim“, das seit einem Jahr nicht mehr erscheint, stellte eine Art geistiger und künstlerischer Opposition dar. Die Anhänger von ״Ketuwim“ strebten danach, die literarischen und künstlerischen Formen so zu erneuern, wie die Kwuzoth und Moschawim das gesellschaftliche und ökonomische Leben erneuerten. Ihnen gegenüber wiesen die Verteidiger von ״Mosnajim“ auf den eigenen Wert eines jeden Werkes hin, ohne sich 11m die ihm aufgeklebten Etiketten zu kümmern. Sie luden alle Gruppen ein, sich an ״Mosnajim“ zu beteiligen und bestanden darauf, daß auch der Opposition, soweit sie Begabungen enthielt, «las Organ der Schrift- Steilerorganisation offenstünde. Die Ausein• andersetzung der beiden Organe trug viel dazu bei, das Verständnis für literarische und künstlerischc Probleme zu vertiefen. Obwohl ״Ketuwim“ nicht mehr erscheint, besteht seine Gruppe auch heute noch und kommt in verschiedener Weise zum Ausdruck. ״Mosnajim“ wurde unter der Leitung von J. Fichmann und Lacliower zu einer Monats• Schrift unigebaut. Seit zwei Jahren erscheint eine neue Monatsschrift ״üiljonoth“, von dem Dichter J. Laindan herausgegeben. Auch die allgemeinen Zeitungen: Dawar,'Haarez, Hapoel Hazair, Doar Hajom, Haboker, geben zu den Sciiabbatotli und Feiertagen besondere literarische Beilagen heraus. Ein Sammelbuch In diesen Tagen erschien ein Sammelbuch ״Hatekufah“, der 2S. Band der Sammlung, unter der Redaktion von Jaakow Kahan im Verlag Stiebei. Ueber die Bedeutung der ״Hatekufah“ in der Vergangenheit brauchen wir nicht viel Worte zu verlieren. Sie war unter der Redaktion des verstorbenen David Frischmann der Brennpunkt der hebräischen Literatur im Galuth und in Palästina. Der alte hebräische Leser hängt noch heute so stark an der ״Hatekufah“, daß sich der Verlag Stiebei vor einigen Jahren dazu entschloß, alle 27 bisher erschienenen Bände von neuem zu drucken. Das war eine begrüßenswerte Tat und anscheinend hat auch die Aufnahme auf dem Büchermarkt diesen Versuch gerechtfertigt. Es ist zu bedauern, daß der erste neue Band ״Hatekufah“ nicht ganz auf der Höhe der früheren steht. Zwar enthält er einige neue Veröffentlichungcn, die als solche wichtig sind, aber daneben figuriert auch manches Minderwertige, und auch die guten Beiträge bilden kein abgerundetes Ganzes. Die Mehrheit der Schriftsteiler und Dichter des Landes sind an dem neuen Band der ״Hatckufah“ nicht beteiligt. Die besten Kräfte sind nicht vertreten. Und auch das ״nationale Denken“ hat hier keinen lebendigen und bewegten Ausdruck gefunden; das Wenige, was in dieser Hinsicht zu finden ist, macht den Eindruck, als ob es sich im leeren Raum der Allgemeinheiten bewege, ohne in der Wirklichkeit zu fußen. Dennoch soll der gute Teil in dem Band der ״Hatckufah“ nicht verkleinert werden. Aus ihm sei die Dichtung von Matliatiahu Schoh a m über Ercz Israel liervorgehoben, eine glühende, empfindungsreiche Schöpfung; ebenso die Gedichte von W. Siibcrschlag und Pinchas Lander, alle drei junge Dichter mit Zukunft. Der letzte besingt die Freundschaft, ein in der neuen hebräischen Literatur seltenes Motiv. Unter den IJebersetzungen verdient die Szene aus der Studierstube des ״Faust“ in der Ucbertragung von Jaakow Kahan besondere Beachtung. Die Uebersetzung ist eine künstlerische Leistung und wahrscheinlich werden wir bald einen hebräischen ״Faust“ besitzen. Ein solches Werk würde eine fühlbare Lücke in Palästina atisfüilen, denn die Jugend liest keine fremden Sprachen und kann den ״Faust“ nur hebräisch lesen. Unter den Essays ist der von A. Tartako wer über die Aufgabe der jüdischen Soziologie von Bedeutung. Der kundige Autor legt dar, wie wenig dieses Gebiet bisher bearbeitet worden ist. Aber er begnügt sich nicht mit der Kritik, sondern weist Wege zur Besserung des Zustandes. Er glaubt, daß wichtige Anfänge gemacht wurden und zerstreutes Material vorhanden ist, das gesammelt und systematisch verwendet werden muß, um eine jüdische Soziologie aufzubauen. Erschütternd ist der (in der ״J. R.“ schon behandelte) Aufsatz über die Frage der Verbrechen unter der palästinensischen Jugend von M. Brachiahu. Bedeutsam ist auch der Beitrag von Sch. Zemach über ״Das Lachen“ von Bergson und der von Hugo Bergmann, der In der Ihm eigenen Klarheit gemeinverständlich über die Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie berichtet. Die Abteilung ״Erzählungen“ ist, obwohl nicht gering an Umfang, eine Ent- (Schluß am Fuß der Sport-Seite)