Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 102 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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OA JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102, 20. XII. 1935 Die kulturellen Sorgen der Einwanderer aus Deutschland Neue Gemeinschaft und neue Kultur Von Dr. Hillel Hugo Schachtel, Haifa Dt. Hugo Bergmann, der erste gewählte Rektor der Jerusalemer Universität, von dessen Wirken an dieser her* vorragenden Stelle sich alle die, die ihn seit langem kennen, sehr viel versprechen, hat mit seinem Artikel ״Zur Frage der Volkswerdnng“ in Nr. 92 der ״Jüdischen Rundschau“ ein Thema zu behandeln begonnen, das für die Entwicklung des Judentums als Volk mit neuer Bodenständigkeit und Kultur eigenen Gepräges von großer Bedeutung ist und über das man sich eingehend und rückhaltlos aussprechen sollte. Es gibt sicher sehr viele unter den mehr als 1 (Kl 000, die in den letzten Jahren in Palästina cingewandert sind, und auch unter den 200 000, die schon vorher da waren, die sich recht wenig Gedanken über die Richtigkeit und Wichtigkeit des einleitenden Satzes von Hugo Bergmann gemacht haben: ״Die zionistische Aufgabe ist für den Einzelnen nicht damit gelöst, daß er im palästinensischen Hafen landet: hier beginnt sie erst.“ Dies gilt jedoch nicht etwa bloß von den Juden aus Deutschland, an die sich der Autor wendet aus aktuellem Aniah, und weil er selbst aus dem gleichen Kulturkreis kam, sondern auch für die, die aus anderem Milieu und anderer Entwicklung kamen. Das gilt nicht bloß von den s« 11 r vielen, die vor ihrer Ali!ah nichts mit Palästina zu tun hatten und nichts von einem neuen Erez Jisrael wissen wollten, sondern auch von vielen, die sic 11 vorher Zionisten nannten oder gar wirklich welche waren. Es gibt /war eine Tarbuth-Bewcgung im Lande, Institutionen 1t ml Organisationen, die der Entfaltung und Entwicklung einer jüdischen Volkskuiuir auch unter den noch Deutschsprechenden dienen sollen. Indes: kulturelle Dinge entwickeln sieh nur sehr langsam und schon darum ist das Ergebnis all dieser Arbeit noch kein sehr Nennenswertes im Hinblick auf das Lnd/jrl all dieser Bestrebungen. Dies ist auch nicht etwa nur daraus zu erklären, daß, wie 11. B. richtig konstatiert, die kultuieilc Entwicklung immer wieder neue Störungen erleidet durch die Menschen, die fast jedes Schiff aus deutsch-kuiturelU n Gebieten neu ins Land bringt. Diese Storung wird genau so durch die doch noch weit überwiegende Zahl von Menschen verursacht, die aus poln i s c h e n, e n g I i s c 11 e n und anderen Sprach- und Kulturgebieten kommen. Wenn man durch die Straßen der palästincr.sisclien Städte geht, in Werkstätten hineinhorcht, auf Rauplat/en sich ein wenig timtui, so hört man allerorten leider nicht nur hebräische Laute, aber auch nicht etwa überwiegend Deutsch sondern in starkem Ausmaße Jiddisch, Polnisch, Russisch, Englisch, Ungarisch, Rumänisch. Sitzt man in irgendwelchen kleineren, auch größeren Gremien, so macht man immer wieder die Beobachtung, daß das offizielle Hebräisch solcher Sitzungen sehr schnell einmal von einem meist russipehen Privatgespräch einzelner Teilnehmer unterbrochen wird. Für alles Reden in der Oeffentlichkeit besteht allerdirigs die Forderung des Hebräischsprechens. Tatsache ist, wie H. B. erwähnt, eine gewisse Toleranz gegenüber den Deutschsprechenden in bezug auf ihre Versammlungen, — aber auch nicht über diese hinaus. Denn der Versuch der 1 lermisgabe eines deutschen Zeitungs-Ersatzes neben dem Mitteilungsblatt der I litaelulutli Olej Germania wurde so schart bekämpft, daß dem Herausgeber bald die Lust vor- Ring. Gegen die französische Palästina-Beilage der ״Bourse Egvptiennc׳־ hat man allerdings bisher nichts unternommen. So orientieren diese und noch mehr die englische ״Palcstine Post־־ — abgesehen von der ,,Jüdischen Rundschau'‘ — die grobe Mehrzahl der deutseh!>preel!enden Juden über die Vorgänge im bände und in der Welt. Das Lesen der hebrä- Dellen Zeitungen fällt der großen Mehrzahl, nicht bloß der deiit- ■|׳,en Einwanderer, doch noch zu schwer. Wenn man daher das DeuUclispreclicn vielfach duldet, während man früher - mit gutem (irumie — gegen das jiddochsprcclicn viel starker Front machte und wenn man selb-! zu den neu Eingewanderten deutsch spricht, so hat das darin seinen Grund, daß mau ein Interesse daran hat, sich ihnen verständlich /u machen, sie für seine Ideen, besonders auf politischem, aber mich kulturellem (iebiet, zu gewinnen, was allerdings wie noch viel mehr das gleiche Entgegenkommen in den Büros und Geschäften dem üeutsdisprechenden Kunden und Käufer gegenüber, so w ... .!,wii es ist, nicht ohne Bedenken i.st und wirklich nicht dazu beiträgt, das Erlernen und das Eindringen in das Hebräische zu fördern. Denn Sprachen kann man nur erlernen, wenn man gezwungen ist, ernstlich hin/uhöien, um das Gesprochene in sich atif/miehmcn. Daran mangelt es aber besonders in den drei großen Stadien Palästinas, ganz besonders in Haifa. Nun glaubt H. B. aus dem Sprachlichen schließen zu sollen, daß das lands mannschaftliche Prinzip die Wurzei des Hebels isj. Ist dein wirklich sov Ist das I.nndsmannschaftliche wirklich das über alles siegende Prinzip? Wohl bringt das Landsniamistha , meist tlas engst [.andsmannschaftlichc, die Menschen überall zusammen. (So ist z. B. interessant, in Palästina zu beobachten, wie die meisten Breslauer sich in Haifa zusammengefunden haben, die meisten Königsberger in Tel-Awiw. So war es mich in Amerika, wo immer wieder die Menschen aus einzelnen Orten dahin gingen, wo sie alte Bekannte, engste Landsleute fanden.) Aber in weiterem Ausmaß finden sich auch aus verschiedenen Ländern Menschen dann zusammen, wenn sie die gleiche Sprache sprechen und überdies — und das scheint mir das Ausschlaggebende zu sein — auf ungefähr gleicher Kultur- und Zivilisationsstufe stehen. Dies scheint mir das Schiholeth zu sein: Gleiche Zivilisation«- und Kulturstufe bringt Menschen zueinander. So kann man in Palästina ein Sich-Näherkommcn, ein Sich-Annähcrn von Mensehen konstatieren, die aus Deutschland, Oe te;reich, Tschecho- Slowakei, Ungar״, zum Teil auch aus England und Amerika kamen. Viel weniger ist dies aber der Fall zwischen Menschen aus diesen Gebieten und denen aus Polen und Galizien und den Eingeborenen, den ״Zabres“, Spaniolen, Franken und Jemeniten. Da sind zu große kulturelle Unterschiede, die sich in dieser Generation nicht überbrücken lassen werden. Ein gewisses Maß gleicher Lebensgewohnheiten und auch gleicher Einstellung zu den Dingen des Alltags, zu Geschäftagebarung, Lebenshaltung, zu Körperpflege und -kultur, — wobei man auch an deren Auswüchse denken muß, — und nun gar zu den geistigen Dingen und in ethischen und moralischen Fragen, Ist notwendig, um eine wirkliche Gemeinschaft zu entwickeln, um ein Zueinanderstreben und nicht an Auseinanderstreben zu erreichen; wenngleich natürlich innerhalb jedes Volkes verschiedene Kultur- und Zivilisationsstufen sich gegenüberstellen. Das sind alles Dinge, die durchaus nicht nebensächlicher Natur in dieser Entwicklungsperiode sind. Wozu noch kommt, daß naturgemäß unter den tausenderlei buntverschiedenen Arten von Pflanzen auf dein Felde oder der Wiese, mit denen 11. B. das jüdische Volk vergleicht, leider auch in Palästina mancherlei Unkraut ist, das zwar auch die große gemeinschaftliche Grundlage physischen Erbgutes hat — aber wohl nicht geistiger und ethischer Ein- Stellung. Um das als störend zu empfinden, dazu bedarf es nicht eines Bewußtseins kultureller IJeberlegenheit, das allerdings bei vielen — nicht immer gerade bei dem dazu Berechtigten — vorhanden ist. Es kann sein, daß auch dies der Gemeinschaftsbildung störend entgegensteht, aber ein ebensolches hinderndes Moment für diese ist auch das auf der anderen Seite vielfach vorhandene Gefühl kultureller Minderwertigheit, dem einmal ein Scherz im ״Dawar“ so Ausdruck gab, daß er eine Ostjüdin sich rühmen lieft; ״Was wollt ihr? Ich hin erst drei Monate im Lande und habe schon vollkommen hochdeutsch gelernt!“ Da ist vielfach ein Streben, auf die Stute ״deutsch-kultureller Ueberlegenhcif“ zu kommen — trotz innerer und bewußt oder unbewußt, zuin Teil recht deutlich in Erscheinung tretender Ablehnung der beneideten Träger Jener Ucberlegenheit. Die latenten und offe.K.1 (iegensät/e zwischen den durch die Sprache nur äußerlich geschiedenen Gruppen aus der Golah und den von dorther mitgebrachten persönlichen oder volkhaften Kulturen oder Unkulturen hindem die schnelle Herausbildung der gemeinschaftlichen, wirklieh volk liehen Kultur. Zu ihnen kommen mit zentrifugaler Wirkung alle möglichen anderen Gegensätzlichkeiten, Ressentiments und Animositäten, die zum Teil auf Unkenntmis der wirklichen Geschehnisse früherer Zeit beruhen. Sie traten besonders in der ersten Zeit der neuen Alijall in Erscheinung — sie haben sich inzwischen gemildert, sind aber noch da und flammen bei Gelegenheit wieder stärker auf. Erst müssen diese Gefühle sich wandeln, dann w-erden die Gruppen einander näherkommen, was die Voraussetzung der Herausbildung einer gemeinsamen, nicht bloß äußerlichen, Volkskultur ist. Ob noch in dieser Generation? Sehen wir uns die heutigen Träger oder richtiger Wcgebalmer einer neuen hebräisch-jüdischen Kultur in Palästina an, so finden wir, daß dies vor allem Menschen sind, die schon vor 20 und Jahren, und zwar meist aus einem jüdischen Milieu, nach Palästina cingewandert sind — sie und ihre Kinder. Sie haben sich in der Luft Erez Jisraels entwickelt, haben bewußt die Entwicklung des Landes zu einem immer jüdischer werdenden mitgelebt. Nicht alle aus dieser alten und dieser jüngeren Generation sind wirklich restlos nationale Juden und Träger jüdischer Kultur geworden. Viele sind nur Levantiner geworden, eine Entwicklung, die leider vielfach auch schnell bei Menschen der jetzigen Alijali zu konstatieren ist. Die Träger der in statu nascendi befindlichen neuen jüdischen Kultur entstammen jedenfalls jenen meist ostjüdischen Kreisen. Die Voraussetzungen für die jüdische Entwicklung bei ihnen sind viel günstiger als bei den Westjuden. Sie haben zunächst einmal viel Zeit gehabt zu ihrer Entwicklung. Diese erfolgte zudem auf einer Grundlage, die viel geeigneter, für sie ganz anders vorbereitet ״war, als bei den Juden des Westens. Alan muß diesen darum schon mehr Zeit lassen! Wobei besonders zu berücksichtigen ist, daß die Erfahrung erwiesen hat, daß die West- Juden viel weniger sprachenbegabt sind als die Ostjuden. Und sie sind wirklich zu einem großen Teil noch mit den Fragen der Existenzschaffung oder -Sicherung so sehr belastet, daß mau cs ihnen nicht zu sehr verargen sollte, daß sie nicht mehr, als es geschieht, sich den Kulturfragen zuwenden. Von allen Seiten beobachtete und zugegebene Tatsache ist, daß der größte Teil, besonders der Ohm aus Deutschland, trotz der Existenzsorgen lind trotz ■des ungewohnten ermüdenden K.imas sich bemüht, Hebräisch zu erlernen, auch in den Städten. Viel schneller jedoch als die Eltern, als die ältere Generation, lernt die Jugend Hebräisch und wird auch in den Schulen immer mehr in den hebräischen Kulturkreis hineingeführt. Schot! hört mau manche Eltern berichten, wie ihre Kinder das Ücutschsprechen und noch mehr das Deutsdischrciben verlernen, daß ihnen immer häufiger deutsche Ausdrücke fehlen und falsche Wortbildungen sich cinstrllcn, wenn sie deutsch sprechen. Nur vor» der kommenden Generation können wir die hebräische Renaissance und In Verbindung mit ihr, aber nicht allein durch sie den Neuaufbau jüdlsche» Kultur erwarten. Ihr wird das Hebräische nicht nur ein Esperanto sein, sondern der natürliche Ausdruck der neuen eigenen Kultur, die auf den alten unvergänglichen Werten aufhaiit, aber zu dem Neubau auch das Gute mitverwertet, das die Eltern immerhin doch aus Europa und seiner Moderne mitgebracht haben. Von der älteren Generation können es immer nur Einzelne sein, die nicht bloß Verständnis für das Streben zu diesem Neuen haben und betätigen werden, sondern es auch seihst darin zu einem beachtenswert et! Resultat bringen werden. Die große Mehrzahl muß wohl oder übel resignieren. Man mache ihnen daraus keinen Vorwurf, sondem bring«׳ Verständnis für ihre schwere Situa t i o n auf besonders wenn man feststellcn kann, daß es kein böser V 1e ist, deT sie von dem Endziel fernhält. Man habe Vcrstä 11׳!׳'s für ihre Nöte und — — versuche vielleicht auch den lebe! am anderen Ende, auf der anderen Seite anzusetzen. Mit e uer solchen Hilfsstelhmg wi-d mau denen, die, obwohl erst neu im Lande, sich doch ihrer nationalen Pflicht und Aufgabe bewußt sind, die Fi, Li'lun׳: dieser wesentlieh erleichtern und so selbst wieder der Gesamtheit, der Eilt- Wicklung zu neuer höherer Gemeinschaft dienen. Unsere Forderung zu Chanukk&h Neuer Boden für neue Alij ah KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Berlin W 15, Meinekestr. 10 » Po*t»ch.-Kto. Berlin 28 247 Einordnung oder Mitarbeit Von Dr. Heinz M. Graupe, Haifa Das geistige Gesicht des Jischuw in Erez Israel ist bis heute im wesentlichen von einer Gruppe geprägt und nun schon drei und mehr Jahrzehnte hindurch gestaltet worden, von den russischen Zionisten. Dieser Menschenkreis hat von den Tagen der Bilu, von der Zeit der Pioniere der alten Kwuzoth bis zu den Chaluzim des Emek in den ersten Nachkriegsjahren durch ihren heroischen Einsatz dem Volk Israel Land und nationale Sprache zurückgewonnen. Ihnen verdauken wir fast alle Positiva und Positionen im heutigen palästinensischen Leben. Sie machten insbesondere ihren Naehfolgern, der Massenalijah des polnischen Judentums, eine Verwurzelung im Lande erst möglich, und sic behielten bis auf den heutigen Tag die Führung nicht nur in Organisation und öffentlichem Leben, sondern auch — und hier noch augenfälliger, fast möchte man sagen, selbstverständlicher — im geistiger Bezirk. Die polnische Massenalijah des letzten Jahrzehnts als ein nach Herkunft und Lebenshaltung im wesentlichen kleinbürgerliches Element hatte der hocliKultivierten russisch-jüdischen Intelligenz, zu der ja nicht nur der Dichter und Arzt, sondern auch der russische Poel gehörte, nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen und ordnete sich bereitwillig dieser Führung unter, höchstens, daß sie ihr, als der im volkshaften Sinne ursprünglichere, ungebrochenere Menschenschlag, einige Spitzen abbrach, ihrer Wirkung eine Massenbasis gab, sie dadurch oft lebensnaher machte, oft aber auch im bösesten Sinne vergröberte. Für uns alle bedeutet der russische Zionismus etwas Vorbildhaftes, und kein Mensch in Palästina kann sich dem persönlichen Eindruck dieser Menschen, die ja glücklicherweise noch unter uns leben, die wir täglich und an fast allen Stellen wirklicher Verantwortung großer wie unscheinbarster Art neben uns sehen, entziehen. Wir bewundern ihre Klugheit und oft enzyklopädische Bildung, ihre selbstverständliche pioniergemäße Karneradschaftlichkeit und ihre eiserne Konsequenz, Erbe ihrer einstigen russischen Umwelt. Wohl kein Kreis des Jischuw ist auch im Privatleben so hebraisiert wie der aus dein reichen russischen Sprach- und Kulturkreis stammende und diesen mit Bewußtsein au (gebende russische Zionist. Er spricht und denkt wirklich hebräisch, während z. B. der Jude aus Polen kaum aus dem Jiddischen herauskommt und gar für den deutschen Oieh, auch den alteingesessenen, der in der Oeffentlichkeit durchaus hebräische Sprachdisziplin zu halten gewohnt ist, die Hebraisierung des Privatlebens noch etwas!sagenhaftes ist. — Es ist das konsequent durchgeführte Primat des Nationalen, mit dem der russische Jude an alle Erschei* nungen des jüdischen Lebens tritt, mit dem er aber auch die kulturellen und religiösen Werte des Judentums zu messen gewohnt ist. Selbst, wo er Verständnis für religiöse!Dinge zeigt, wo er im eigenen Leben sich noch traditionsgebunden fühlt, ist es der nationale Wert dieser Dinge, der sie ihm teuer und nachlebenswert macht. Sein Judentum ist deshalb im Grunde vielleicht säkularisierter als das der radlkalsten westeuropäischen Assimilation. Ein Bialik z. B,, die tragende Gestalt dieses russischen Zionismus, der mit jeder Zeile seines Werkes in dem reichen Boden unserer Vergangenheit wurzelt und doch wahrlich nicht zu den ״Chofschim“, den areligiösen Freigeistern, gehörte, dar[ durch die Art, wie er jenes Erbe für die Gegenwart des palästinensischen Lebens auszuwerten begann, mit Fug als Prototyp eines säkularisierten Juden bezeichnet werden, und er selbst würde dem freudig zugestimmt haben. In die Welt dieses geistigen Nationalismus, der nach der guten wie nach "der negativen Seite das kulturelle Leben, die Erziehung, die Literatur des neuen jischuw beherrschte und mit starker einigender Kraft alle späteren Atiiahströme umfaßte, hat vor zwei Jahren die Alijah aus Deutschland, die erste Massenalijah aus Westeuropa, die erste Massenalijah, die von Haus aus ein ganz anderes Bild vom Judentum mitbrachte, das weder die nationale Bestimmtheit des russischen, sozial wie kulturell, dem deutschen sonst so ähnlichen Judentums besaß, noch, wie das polnische Judentum, ein eigenes lebendiges jüdisches Volkstum zum Ausdruck brachte. Die relative Einheitlichkeit des jischuw war damit zerbrochen, und seine Versuche, dies neue Element gleich den früheren sich zu analysieren, sind bisher gescheitert. Warum? Ich möchte den Grund nicht im schlechten Willen des westeuropäisch assimilierten Juden sehen, und auch nicht darin, daß der Jischuw sein eigenes Schaffen, geschweige denn den kulturellen Reichtum der jüdischen Vergangenheit, dem davon bisher meist wenig berührten deutschen Juden nicht nahezubringen verstanden hätte- Der Grund liegt m. E. tiefer, er liegt in den seelischen Ausgangspunkten selbst. Mit der Alijah aus Deutschland trat zum erstenmal fn den Jischuw ein Element, für das das Judentum durch die Geschichte von anderthalb Jahrhunderten in erster Linie eine religiöse Erscheinung war. Mochte der Einzelne dem jüdischen Gesetz gegenüber auch eine noch so freie Haltung einnehmen, so war er doch gewohnt, dem religiösen Faktor im Judentum ein Primat, oder doch wenigstens, wie der deutsche Zionist, ein Korrelat zum nationalen Element zuzuerkennen. Und wir dürfen dem sonst so verhängnisvollen Wege der westjüdischen Assimilation in diesem Punkte jedenfalls dankbar sein, daß sic dies Bewußtsein gepflegt und auch den entiudetsten Kreisen hat in Fleisch und Blut übergehen lassen. Ihm verdankt das deutsche Judentum, daß es gegen alle Erwartung die Zeitenwende des Jahres 1933 nicht nur bestehen, sondern sogar neue Kraft aus ihr schöpfen konnte, daß es den Weg zu" den beiden Quellen des Judeseins, der nationalen wie der religiösen, zurückzufinden begann. Die Alijah aus Deutschland kam also aus einer ganz anderen Position. Sie trug mit sich das Erbe einer tausendjährigen eigenen Geschichte, deren letzter Abschnitt, die Zeit nach Mendelsohn, in besonderem Maß* reich an Gedanken und Gestalten war. Und war das gediegene Wissen um dieses Erbe auch nur auf einen kleinen Kreis positiv-jüdischer Menschen beschränkt, so war doch auch die Masse der deutschen Juden von ihm nicht uiigeformt geblieben. Der Unterschied zu dem bisheriger! Jischuw war für beide Teile augenfällig. Fühlbar für den Oleh aus Deutschland zunächst ah eine auf Schritt und Tritt sich darbietende Unterlegenheit. Der ״Jecke“ konnte nicht nur kein Hebräisch — das konnte der polnische Oleh der letzten Zeit auch nicht —, sondern er hatte auch nur wenig jüdisches Wissen und er war häufig noch ohne alle Verbindung mit dem Gedanken der nationalen Renaissance. Nach der ersten wirtschaftlichen Einordnung mußte ein zunächst elementarer Lernbetrieb diese Bildungslücken ausgleichen. Ea ist von allen Seiten bezeugt worden, mit welchem