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Jüdische Rundschau · 1935-12-17 · Heft 101 (17.12.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 101 (17.12.1935)
Date
1935-12-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr.7ו,וסו xw. 935ו JÜDISCH! RUNDSCHAU Seite 3 Statistische Unterlagen für eine Judenpolitik Die ״umgekehrte Pyramide“ — Jugend wandert aus — Praktische Schlußfolgerungen Von Ernst Kahn Die ״Jüdische Rundschau“ hat kürzlich schon auf das neu erschienene ״Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich, Jahrgang 1935“ hingewiesen, das auch pinige wichtige Angaben über die Juden enthält. Im folgenden sei versucht, auf diesen und anderen Quellen ein möglichst zutreffendes Bild über Zahl und Art der noch in Deutschland!ebenden Juden zu entwerfen und vielleicht aus diesen Feststellungen die eine oder andere Schlußfolgerung zu ziehen. Denn darin — und nur darin — besteht ja der Wert all jener Zahlen, deren Anhäufung gar zu leicht ermüdet und die auch recht schnell in einer Zeit der sich überstürzenden Ereignisse veralten! In Erkenntnis dieser beiden Gefahren statistischer Tabellen sollen nur die unentbehrlichsten Zahlen wiedergegeben werden und die bereits zum Teil überholten Feststellungen der amtlichen Veröffentlichung, so genau es geht, auf die Gegenwart gebracht werden. Um die gegenwärtige Zahl bestimmen zu können, müssen im wesentlichen dreiFaktoren bekannt sein: Der Zuwachs durch Geburt und der Verlust sowohl durch Tod wie Auswanderung seit der letzten Volkszählung am 16, Juni 1933. Vielleicht ist es praktisch als Ausgangspunkt einer solchen Betrachtung den 1. Juli 1933 zu nehmen, u. a. auch darum, weil damals in dem heutigen Reichsgebiet ziemlich genau 500000 Juden (״Glaubcnsjuden“) lebten (die damals nicht gezählten Juden des Saargebietes dürften annähernd der Auswanderung in der zweiten Junihälfte entsprechen). Die Zahl der jüdischen Geburten in den 2'"2 Jahren ist wie folgt abzuschätzen: Die amtliche Veröffentlichung registriert für das Jahr 1933 2266 Gebürten von jüdischen Müttern in Preußen; das entspräche etwa 3138 für das Reich (nebenbei bemerkt ergibt sich eine Geburtenziffer von rund 6 per Tausend, wohl die niedrigste in der Geschichte der Bevölkerungsbewegung; sie vergleicht sich mit rund 30 per Tausend unter der der palästinensischen Juden); für die Zeit nach 1933 liegen erst Einzelmeldungen vor; im großen und ganzen scheint sich im Jahre 1934 die Zahl der Säuglinge noch verringert, im Jahre 1935 aber — sehr vorübergehend!— erhöht zu haben. Eine Geburtenzahl von 6000 für die 2V2 Jahre, vom 1. Juli 1933 bis 31. Dezember 1935, dürfte nicht gar zu weit von den Tatsachen liegen. Auch für die Todesfälle bieten die Angaben über Preußen wesentliche Anhaltspunkte; dort starben nämlich im Jahre 1933 5648 Juden (somit 2G mal so viel als geboren wurden), für das ganze Reich entspräche das 7826. Die Sterbeziffer war somit in jenem Jahr etwa 15,6 auf Tausend, die gesamtdeutsche Bevölkerung hatte gleichzeitig eine Sterbeziffer von nur 11,2 aufzuweisen; das zeigt, wie überaltert schon damals die deutschen Juden w'aren. Wie später noch zu zeigen sein wird, hat diese Ueberalterung seitdem recht rasche Fortschritte gemacht; deshalb dürfte trotz einer ständig zurückgehenden jüd. Bevölkerung in den zu untersuchenden 21/2 Jahren die absolute Zahl von Todesfällen sich weiter erhöht haben. Und so setzen wir dafür für die Zeit vom 1. Juli 1933 bis 21. Dezember 1935 etwa 19500 Abgänge ein; das entspräche einem Sterbe-Ueberschuß von 13 500 in der unterstützten Periode. Ohne Wanderbewegung wären somit zu Anfang 1936 486500 Juden in Deutschland gewesen. Die Meinungen über den Umfang der Emigration gehen begreiflicherweise auseinander. Ich persönlieh beziffere die Ziffer — vielleicht nach Auffassung anderer zu hoch — auf fast 10O 000 bis Ende 1935, wobei ich z. B. Palästina mit nur 31 000, die Vereinigten Staaten mit 11 — 12 000 in die Rechnung einstelle. Um jenem Einwand zu begegnen, setzte ich sie mit rund 95 000 ein. Jene Auswanderung fiel aber mit vielleicht 25 000 vor dem Zählungstag, so daß seitdem weitere 70000 das Land verlassen hätten. Das brächte uns zu einer Gegenwartszahl von 416500. Und nun handelt cs sich darum, diese Gesamtzahl zu zerlegen. Hier sei vorab eine sehr wesentliche Anomalie erwähnt: Unter den Juden in Deutschland muß in rasch sich zuspitzender Weise ein Frauenüberschuß vorhanden sein; denn schon die Volkszählung zeigte auf 100 Männer 109 Frauen; die alte Erfahrung, daß unter den Auswanderern die Männer überwiegen, be- «tätigt sich auch in unserm Falle; jenes Mißverhältnis dürfte sich bis beute auf 100 zu 113 verschärft haben. Im Gegensatz hierzu zeigt die Einwohnerzahl in Palästina in der letzten Volkszählung (1931) auf 1000 jüdische Männer nur 973 Frauen. Jener erhebliche Frauenüberschuß unter den Juden in Deutschland ist, wie gesagt, keine Erscheinung von heute. Um so bedauerlicher vom jüdischen Standpunkte war von jeher die Tendenzzur Mischehe in manchen Kreisen jüdischer Männer. Nie ist diese Neigung auffallender zum Ausdruck gekommen als in dem ersten Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung. Es sind nämlich im Jahre 1933 nur 2174 rein jüdische Ehen geschlossen worden, denen nicht weniger als 1693 Mischehen d. h. 78 0/0 (!) gegenüberstanden; das Bezeichnende aber ist dabei, daß daran nur 499 Frauen und nicht weniger als 1194 Männer beteiligt waren. Man kann also sagen, daß durch diese Tendenz zur Mischehe in einem einzigen Jahr 695 jüdische Mädchen ihrer Heiratschance beraubt wurden. Die Gründe dieser starken Anhäufung gerade im Jahre 1933 sind naheliegend. Die Auswanderung zeichnet sich nicht nur durch Ueberwiegen der Männer, sondern auch durch ein Ueberwiegen der Jugendlichen aus. Auch hier werden die ohnehin außerordentlich schwachen Altersklassen besonders empfindlich getroffen, mit dem Resultat, daß die Juden in Deutschland in bezug auf ihren Altersaufbau wirklich allmählich einer umgekehrten Pyramide gleichen — eine umgekehrte Pyramide aber droht früher oder später zusammenzubrechen. Im folgenden ist versucht, ein annäherndes Bild von der heutigen Zusammensetzung zu geben; die Schätzungen beruhen im w׳esentlichcn auf Angaben, die im Ausland über das Alter der Neuankömmlinge vorliegen: Schätzung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands am 1. Januar 1936 Mm. 193s % ייו 1. Januar 1936, ohne Bertickcich• tigning der Aus- Wanderer Auawanderung v. 1. Juli 1933 hi« 31. Dez. 1935 1. Janus nach Ber üg־ung d wanc absolut r 1936, •ücksicher Auaerer in % unter 6 Jahren 24 000 4,8 19 000 3 000 16000 3,6 6—14 fahre 55 000 11,0 50 500 8 500 42 000 10,2 14-16 7000 1,4 14000 3 500 10 500 2,6 16-20 21000 4,2 17 000 6 500 10 500 2,6 20-25 35 000 7,0 31 000 14 500 16 500 4,0 25-45 160 000 32,0 158 000 26 000 132 000 31,8 45-65 14S 000 29,0 142 000 6 500 135 500 32,2 über65 53 000 10,6 55 000 1500 53 500 13,0 Zusammen 500000 100,0 486 500 j 70000 416 500 100,0 Diese Tabelle ermöglicht, sofern die Schätzungen auch nur einigermaßen den Tatsachen entsprechen sollten, eine Reihe von praktischen Schlüssen. Das so schwierige Schulwerk z. B. wird in kurzer Zeit quantitativ auch dann mit geringeren Ziffern zu rechnen haben, wenn etw׳a der starke Auswandererstom naehlassen sollte, was bekanntlich außerordentlich unwahrscheinlich ist; denn selbst wenn alle 16 000 noch nicht Schulpflichtigen in den nächsten sechs Jahren innerhalb Deutschlands in das Unterrichtsalter eintreten sollten, so lösen sie ja nicht w׳eniger als 36 000 Kinder ab, die bis dahin das 14. Jahr vollendet haben werden. Mit anderen Worten: Bis dahin wären statt 42 500 nur 22,500 im Alter von 6—14 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit spricht natürlich für eine erheblich geringere Be- Setzung infolge der anhaltenden Auswanderung. Auch das Problem der schulentlassenen Jugend erhält durch solch eine Tabelle eine gewisse zahlentnäßige Grundlage: Etwa 5300 junge Menschen werden z. Z. jährlich diese Grenze überschreiten und irgendwie im ln- und Ausland zu placieren sein. Dabei dürfte die Kinderalijah w׳ohl die wichtigste Entlastung bieten; es ist zu hoffen, daß Palästina schon bei den gegenwärtigen Größenverhältnissen etwa 750 junge Menschen im Jahr im Rahmen dieses wntndervollen Kinderwerkes wird unterbringen können; das wären bereits jetzt etwa 14 0/0 eines Jahrganges, natürlich unter der Voraussetzung, daß die erforderlichen Mittel für diesen produktivsten Teil der Auswanderung zur Verfügung gestellt werden. Sehr interessant ist die Veränderung in der Zahl der 16- bis 25jährigen zu beobachten; in der kurzen Spanne von nur 30 Monaten ist deren Zahl von immerhin 46000 auf 27 000 gefallen; hier macht sich nicht nur das Nachrücken der gehurtenarmen Jahrgänge, sondem namentlich der besondere Wanderwille dieser Altersklassen deutlich bemerkbar. Diese Unterhöhlung muß u. a. zu einem nie vorher beobachteten Tiefstand der Eheschließungen führen, die sich in der allernächsten Zukunft auf 1500 und darunter im Jahr senken müssen (was hinwiederum eine immer schnellere Verringerung der Geburten bewirken w׳ird.) Im krassen Gegensatz zu dem Schwund der Jugend steht eine niemanden überraschende Stabilität der A eite ren. Vielleicht wird das am besten durch die fok gende kleine Uebersicht eindrucksvoller: Gesamtdeutsche ludische* Bevölkerung Jüdische Be- Bevölkerung in Deutschland vulkenmg in Palästina Mitte 1933 . Januar 1936 (Zählung 1931) % ״■ Insgesamt in 0'p Insgesamt in 010 in % unter 45 fahren 72,3 302 000 60,4 228 000* 54,8* 84,2 über 4צ Jahre 27,7 198 000 39,6 189 000* 45,2 * 15,8 Während somit die unter 45jährigen um 74 000 in dieser kurzen Zeit sieh verringert haben, ist bei den über 45jährigen nur ein unwesentlicher Rückgang (um 9000 eingetreten. Rund die Hälfte der Juden in Deutschland ist älter als 43 Jahre. Wir haben den Altersaufbau der gesamtdeutschen (ebenfalls schon etwas überaltcten) lkvölkerung gegenübergestellt, um die Anormalität in ihrem ganzen Ausmaß zu zeigen. Besonders eindrucksvoll dürfte auch die Hinzufügung der palästinensischen Ziffern sein; hier waren nach den Feststellungen des letzten Zensus nur 15T*0״ der Juden über 43 Jahre gegen 45,2 0/0 im heutigen Deutschland! Die alte Erfahrung, daß das Auswandern für junge Menschen eine leichtere Sache ist als für ältere, bestätigt sich hier wieder. Allerdings dürfte bald die zweite Periode der Massenemigration beginnen, in der die Jüngeren die Aelteren allmählich naehkomtnen lassen, ln Palästina, in geringerem Umfang auch anderswo, ist dieses Bestreben schon heute ganz unverkennbar; mit dieser Bewegung wird die ungewöhnlich schwere Frage, wie in Deutschland eine überalterte und leider zum erlieblichen Teil unbemittelte Bevölkerung ohne eine genügende Anzahl jüngerer für sie sorgender Menschen erhalten werden kann, vielleicht etwas gemildert. Denn man kann annehmen, daß immer mehr dieser zuriiekgebüebenen Alten die Ausreise zu vorausgegangenen Jungen antreten können und werden. Der verbleibende Rest wird leider groß genug sein und schwere Anforderung an den Opfermut der Daheimgebliebenen und der Ausgewanderten stellen. Umbildung: im Reichsverband jüdischer Kulturbünde Das ״D e u t s c 11 e Nachrichten b ü r o“ teilt mit: ״Im Einvernehmen mit dem Geheimen Staatspolizeiamt hat Reichskulturvvalter Hinkel, der mit der Uebenvachunt? der kulturell tätigen Juden im deutscher! Reichs 1<el>iet Beau!- fragte, den Direktor Georg Karcski, Mitglied des Vor- Standes der jüdischen Gemeinde Berlin, zum verantwortlichen Leiter des Reichs verbau des jüdischer K u 1tu rbünde bestimmt. Dem Intendanten Dr. Kurt Singer, der Im Vorstand des Rekhsvcrbandcs verbleibt, wurden Leitnnp und Durchführung der künstlerischen Veranstaltungen im Rahmen dieser jüdischen Organisation übertragen. Den Nichtariern christlicher Konfession wurde der Zusammenschluß in einer eigenen Vereinigung genehmigt. Zum Leiter dieser Vereinigung wurde I)r. kleinrieh S p i e r o bestimmt“ Rassengesetze und Arbeitsvermittlung Der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat den Landesarbeitsämterri und Arbeitsämtern die Nürnberger Gesetze mit einem Erlaß zur Kenntnis gebracht. Er weist darauf hin, daß diese Gesetze mit den inzwischen ergangenen Ausführungsvorscliriften für die Durchführung der Arbcitsvermittlung von weittragender Bedeutung seien, namentlich für die Vermittlung von Frauen und Mädchen in der 11 a u s Wirtschaft. Die gesamte Arbeitsvermittlung habe sich künftig zu richten nach diesen Gesetzen und Verordnungen, die das Verhältnis der Juden zum deutschen Volke regeln. Er mache daher die Beachtung dieser Gesetze und Anordnungen und der darin zum Ausdruck kommenden allgemeinen weltanschaulichen Grundsätze den Landesarbeitsämtern und Arbeitsämtern bei der Arbeitsvermittlung zur besonderen Pflicht In der ״Juristischen Wochenschrift“ wird ■der Monatsbericht der Reichsfachgruppe Rechtsanwälte im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen veröffentlicht. In ihtn heißt es, daß in zahlreichen Fällen die Anwendung des Grund- Satzes, daß arische Unternehmen arische Anwälte zu beschattigen haben, durchgesetzt worden sei. * Schätwwijt Fest ״•y• für orou« Weitest Auswahl, zu niedrigen Preisen Kleider / Blusen / Pelzmänte / Wäsche aller Ar in großer Mäntel / _ . _. Pelzjacken / Strickwaren ־ '־ * ' — ־־ bis zum elegantesten Genre vom einfachen

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