Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1935)
- Date
- 1935-12-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 99. 10. XII. 1935 Die Finanzlage des hebräischen Schulwerks Das Neueste in Kürze Forderung nach Erhöhung der Regierungssubvention Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl, Tel-Awiw, 1. Dezember 1935 In den letzten Tagen fand eine Sitzung des Waad Leumi statt, an der auch Vertreter der großen Uemeinden und der Munizipalität Tcl-Awiws teilnalunen, uni die finanzielle Lage des hebräischen S c 11 u 1 w e r k s zu beraten. Die Versammlung faßte einen Beschluß, der von der Regienmg eine starke E r 11 ö 11 u n g der bisherigen Subventio» verlangte und auf die schwere Lage hinwies, in die das Schulwerk durch den Mangel an genügenden Geldmittein geraten ist. Auf Grund dieses Beschlusses wird der Waad Leumi seine Verhandlungen mit der Regierung mit erhüllten! Druck fortsetzen. Die starke Einwanderung der fetzten Jahre hat das hebräische Schulwerk vor neue und stark vergrößerte Aufgaben gestellt. Mit einer Immigration von über 50 000 Menschen סזון Jahr wächst naturgemäß die Zahl der Kinder, die eingeschult werden müssen. Es ist bisher nicht möglich gewesen, allen diesen Anforderungen nach/ukoiiimen. Die Klassen sind überfüllt, oft 50 <>() Kinder in einem Raum, die Gebäude sind ungenügend, manchmal gibt es nicht genug Stuhle für alle Kinder. Den Lehrern wird der Unterricht unter diesen Umständen sehr schwer. Es sind zwar in den letzten Jahren auch eine große Anzahl von Privatschu- 1 c n eröffnet worden, aber diese kommen natürlich nur für Eltern in Betracht, die das Schulgeld, das oft recht hoch sein muß, aufbiing׳■!! können, und gerade die Aerineren, die es ain nötigsten haben, daß man ihnen die Kinder abninunt und gehörig unteirichtet, wissen vielfach nicht aus noch ein. Daß in Palästina, wo die Schule zugleich Träger der H e b r a i s i crun g sein muß, das Schuipioblem noch dringender ist als amkrwvo, braujit keiner weiteren Erläuterung. Ls ist von den /!Mündigen Instanzen des Jischuw, sowohl von der JewKIi Agency, wie auch vom Waad Leumi wie von den Munizipalitäten seit Jahren ein schwerer Kampf n!it der Regie!mir; um die Gewährung einer entsprechenden grö- Bereu Subvention t'iir das hebiaiwhe Schulwerk geführt worden. Die Regierung hat sich auch nach langem Zögern vor einigen j,׳ihren entschlossen, ihren Zuschuß zu erhöhen, aber unterdessen habt 1! sich die Verhältnisse grundlegend geändert, die palästinen'Rehe Jtidenheit ist rase h gewachsen und die \nfo! de! na gen an das Schulwesen wurden größer und größer. Es gibt eine alte Meinungsverschiedenheit zwischen der Agency und der I’alastina-kegierung über den Schlüssel der SuhvcntioiKberedimiiig. Die Agency wollte sie auf der Zahl der die Schule besuchenden jüdischen Kinder basiert haben, die Regierung auf der Proport i o!! des jüdischen Jischuw innerhalb der pala-tinviisischen Gesamtbevölkerung. I)a das Analphabetentum unter den Arabern (wegen der ungi'iiiigeinlrn bat Wicklung der I Dorfschulen durch die Regier1!n!;f auch heule noch groß ist, gehört ein prozentualer sehr viel größerer Anteil der jüdischen Kinder in die Schülerzahl als bei den Arabern. Aber selbst, wenn ma!1 die Regicrungsbasis für die Subvenlionsberechmmg annimmt und auf die Proportion der Juden innerhalb der Ciesarnfbevölkerung zurückgreift, ist der Regierungsbeitrag heute■ nicht mehr adäquat. Die Behörden haben auch nicht mehr die Entschuld- Kling des Geldmangels, die früher immer von ihnen vorgebracht wurde, denn der hebräische Regimmgssäekd hat ja eine bereits legendenhafte Fülle erlangt mit seinen Millioiien des Ucbersdiusses. Ls wäre jetzt überhaupt die Zeit gekommen, von der Regierung neue Aktionen zur Entwich- Jung des Landes zu verlangen (Vermehrung der Regicrungsschulen, Vergrößerung des Sanitätsdienstes, besseren Wegebau usw. usw.). Und die Forderung des Waad Leumi nach einer entsprechenden Subvention des jüdischen Schulwerkes scheint von allen Gesichtspunkten aus heute absolut gerechtfertigt. Man muß dringend wünschen, daß die weiteren Verhandlungen mit dem Er/ichungsdepartcmcnt der Regierung und dem Schatzamt zu positiven Resultaten führen und wir in Stand gesetzt werden, allen jüdischen Kindern entsprechenden Schulunterricht zu gehen. Jehoschua Chankin Siebziger Am 1 fi Ki'lew (Id. Dezember) wird Jehoschua Chankin 70 Jahre alt. Unter der! Gestalten, die für das jüdische Leben Palästinacharal.teri'tisch sind, fällt er durch seine besondere Markau/, mit. Schon in seinem AeuUereu ist sehr viel, was an die Nka-iraer erinnert, gleich denen er mit seinen langhirahwalkudcu Haaren überall nufiallt, wo er sich zeigt. Allerdings Kt Chaiisin kein ,Marin des Redens, sondern ganz und gar der lat. Als junger Mensch kam er mit seinen Eltern aus Rußland nach löila-tirta, selbst Sohn eines Landwirts, und erlebte in der Periode der Chowewc Zion-Kolonisation all die Schwierigkeiten der damaligen Zeit, die Auseinanderset/ung mit der Rotli-chihKclien Verwaltung und den Kampf um die judi•• ־In- Arbeit. Schon in jenen Jugendtagen erkannte er, daß die Bums der judi-chcn Wiederauferstehung die natürlieh gegebene Grundlage des II d 11 e n s sein!misse, und die Lösung dieser LTage hat er sich zu seinem Lebensziel gesetzt. Jduisciuia (.hnnkin Kt im wörtlichen Sinne der ״Erlöser“ des Bodens, [־dir all die Institutionen, die an der Erwerbung des Bodens interessiert sind, seit 20 Jahren für die PLDC. und den KKL. hat (.hankin die großen Bodenkäufe durchgeführt. Nicht allein seine unermüdliche Zähigkeit, seine Geduld und seine Leidenschaft, mit der er sich dieser Sache gewidmet hat, machte!] ihn dazu fällig, noch viel mehr trug dazu das Vertrauen hei, (Jas die arabische Bevölkerung zu ihm gefaßt hat. Sein Wort wiegt beim Araber schwerer als besiegelte Unterschriften, und durch dieses Vertrauen, das er sich bei beiden Partnern erworben hatte, wurde er fähig, die in der Vorkriegszeit lind auch jetzt noch so außerordentlich sclnvieriget! Bodentransaktionen eirmiieiten und zu glücklichem Ab- Schluß zu bringen. Von dem Kauf von Rechowoth bis in unsere Tage zieht sich die Serie seiner großen Erfolge; sein Leben ist so zugleich die Geschichte der Kolonisation Palästinas. Der Höhepunkt seiner Arbeit war die Erwerbung des Emek Jesreel, dessen Bedeutung für jüdische landwirtschaftliche Arbeit er schon lange vor dem Kriege erkannt hatte und mit dem er bis heute besonders stark verbunden gebliebem ist. Jehoschua Chankin, ein lebendes Monument aus der ״heroisehen“ Periode unserer Palästina-Arbeit, hat sich sein Denkmal im Lande selbst errichtet, weil überall, wo Juden auf eigenem Boden arbeiten, sein Name mit diesem Boden verknüpft ist. Wir wünschen ihm, der auch heute unermüdlich für sein eigenstes Werk tätig ist, die Kraft, es fortzusetzen und gerade in dieser Zeit der allzu überstürzten Entwicklung dazu beizufragen, daß der Kern der jüdischen Erneuerung im Lande weiter ausgebaut wird. _ Wie die Tageszeitung ״El Dschamea El Islamia“ mitteilt, konnte dem wegen angeblicher Mißbräuche vorläufig des Amtes enthobenen Beamten des Immigrationsdenarfmeiits der Palästina-Regierung, Massarse, nach Vernciimung von 70 Zc1..,cn ein Verschulden nicht riachgewiesen werden. Voraussichtlich wird George Massarse (ein Araber) seinen Dienst demnächst wieder aufnehmen. Die Regierung hat dem Organ des Groß m u f t i ״El Dschamea El Islamia“ die Einstellung für den Fall angedroht, daß die Zeitung mit ihrer Kampagne gegen die jüdische Bevölkerung nicht auf hören sollte. Das Blatt hat daraufhin eine Antwort an die Regierung veröffentlicht, in der es erklärt, es werde den Kampf für das Wohl der Araber fortsetzen. Die Eröffnung d er pal ästin cnsischcn Radio- Station soll am 31. Dezember stattfinden. Besondere Einlagen des Programms sind für die Fellachen in den Dörfern (wo öffentliche Empfangsstationen eingerichtet werden) und für Kinder geplant. Die Regierung ernannte eine Kommission, bestehend aus Isaac Epstein, der Schauspielerin Chamia Rowina und Avinoani Yelliii, dem Regierungsinspektor für die jüdischen Schulen, mit dem Aufträge, die Anwärter für den Posten der hebräischen Ansager beim palästinensischen Rundfunk zu prüfen. Die Prüflinge im A n w a 1 f s e x a in e n, die vor acht Monaten die Prüfung in Jerusalem durchgemacht haben, haben bis heute noch Leine Antwort erhalten, ob sie die Examen bestanden haben oder nicht. Die Prüfungsinstanzen haben bisher auch keine Erklärung für die grotesk lange Wartezeit, die den Kandidaten die Niederlassung in ihrem Berufe unmöglich macht, gegeben. Das Mitglied der Agency-Exekutive, Mosche Schertok, war dieser Tage bei Sir Arthur Wauchope zum Lunch eingeladen. Dr. Arthur Ruppiri kehrte am 5. 12. nach Palästina von seiner Südamerika-Reise zurück. Die letzten Vorbereitungen für die Besiedlung des großen Bodenkomp lexes, den der KKL in der letzten Zeit in B e i s a n erworben hat, sind im Gange. Der Plan für die Besiedlung dieses Bodenstücks ist fertig und die erforderlichen Untersuchungen wurden bereits durch die Sachverständigen des KKL und der Jewish Agency durchgeführt. 50 Delegierte von 41 meist ländlichen Konsumgenossenschäften (seit September sind vier Genossenschaft ai neu hinzugekoinincn) haben an einer Konferenz in Tel- Awiw teilgenommen. Der Umsatz der Konsumgenossenschaften, der i. J. 1935 eine halbe Million Pfund betrug, dürfte 1936 bis Jahresende die Summe vo!1 750 000 Pfund erreichen. Den Beratungen der Konferenz, die den weiteren Ausbau des Korisumgenossenscliaftswesens, die Möglichkeiten von Erleichterungen bei der Kreditbeschaffung und beim Im• port u. ä. m. zum Gegenstand hatten, wohnten auch Vertretet der Arbeiterbank und der Produktionsgenossenschaften bei. ln Tel-Awiw tagte der Landesrat der jüdischen Hand werkerverbände Palästinas unter Teilnahme von Delegierten aus Jerusalem, Tel-Awiw, Haifa, Tiberias, Afuk und Gliedern. Es wurden aktuelle Probleme der Handwerkerschaft behandelt. Der Konferenz war eine Besnreehung der Handwerkervertreter mit dem Exckutivmitgiied Dr. Rottenstreich über Forderungen in bezug auf Kreditbescliaffung, Alijah usw. vorangegaiigen. Wie aus einem soeben veröffentlichten Bericht hervorgeht, ist in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres die Zahl der Mitglieder der palästinensischen Arbeiter-Krankenkasse (Kupat Choliin) von 37 000 auf 490U0 gestiegen. Mit den Familienangehörigen werden 80 000 Menschen durch die Kasse betreut. Der KKL hat bei jüdischen Kolonien einige Bodcnkotnplexe erworben, auf denen mit Hilfe einer besonderen Ge- Seilschaft für A r b e i t e r w o 11 n u n g e n, die durch die Jewish Agency geschaffen wurde, Wohnhäuser und Hilfswirtschäften für die in der Landwirtschaft tätigen jüdischen Arbeiter errichtet werden sollen. So wurde in Kfar-Saba ein Bodenkomplex van 200 Dnnam, in Chcdera ein solcher von 250, in Pelacli-Tikwa von 30 und in üan-Jawne von 20 Dunam erworben. Bis zum 24. November sind seit Beginn der diesjährigen Saison 480 100 Kisten Zitrusfrüchte aus Palästina exportiert worden. Nach einer Meldung der ״Jouniee Industrielle“ hat das regionale Komitee der Aiißenhaiidclsräte von Lyon und Südostfrankreich beschlossen, eine Studien ko mmission nach Palästina zu entsenden mit der Aufgabe, sich dort über die Möglichkeiten des Absatzes französischer Waren zu unterrichten. Von Freunden des Oberrabbiners Kuk wird eine Ausgabe der von ihm in Palästina gehaltenen Reden und der in verschicdencn Zeitschriften veröffentlichten Artikel vorbereitet. Das Ohel-Theater in Tel-Awiw führt demnächst ein Drama ״Sabbatai Z v i“ von N. Bistrizki, Musik von Rozovsky, unter der Regie von Mosche Halevi auf. ״Die Warte des Tempels“, die Zeitschrift der Templer, die bisher in Stuttgart erschien, verlegt am 1. Januar 1936 ihre Redaktion und ihrer! Verlag «ach J erusalera. Arabische Poliklinik Sn Jerusalem Die arabische Poliklinik für Säuglinge und Kleinkinder liegt hinter dein Damaskiistor in Jerusalem mitten im arabischen Proletariervieriei der engen verzwickten romantischen Steingassen. Das schön gebaute arabische Haus blinkt vor Sauberkeit. Mit einfachen Mitteln ist hier eine modernen Grundsätzen entsprechende Poliklinik aufgebaut worden. Ein schwarzer Araber mit sympathisch-gutmütigen Zügen empfangt. Die Mutter sind sämtlich Araberinnen, meist Molianimedaner, seltener Christen, alle schwarz gekleidet, mit schönen Armreifen und Ketten als Schmuck, auch die Säuglinge tragen bereits Ohrringe. Vor dein Arzt verschleiern sich die Frauen nicht. Edle ausgeprägte Gesichter, klare lebendige Augen, schöne schwarze oder auch dunkelblonde Haare, schmale feine Gestalten.!Mit elf, zwölf, dreizehn Jahren haben sie geheiratet und haben vier, zehn, sechzehn Geburten hinter sich. Erschreckend groll ist die Zahl der toten Kinder, und je mehr Geburten, desto weniger lebende Kinder. Die jüdische A e r z t i n und die christliche Schwester sprechen arabisch, haben das Vertrauen vollkommen gewinnen können, und die ärztliche Arbeit mit diesen Frauen ist daher sehr angenehm. Die Kinder sind im allgemeinen nicht schlecht gehalten, und es ist erstaunlich, wieviel trotz Wassermangel und ärmlichen Verhältnissen durch Aufklärung und Erziehung erreicht werden konnte. — Ein kleiner dunkler Säugling ist nicht gut gewachsen. ״Du mußt Dich schämen“, sagt die Aerztin, ״daß Ich so einem berühmten Arzt aus Europa so einen schmutzigen Kopf zeigen muß“; und die junge Mutter wird rot, schämt sieh wirklich — es wird helfen. — Ein offenes Fenster ist trotz des milden Herbstwetters uiimöglieh. Noch nach drei Jahren würde jede Krankheit auf ״den Zug“ in der Poliklinik zurückgeführt werden. Es ist daher oft ein energisches Wort nötig, um die Kinder entkleidet untersuchen zu können. Ein uneheliches Kind gilt als große Schande; der Bruder der Frau muß Mutter und Kind töten, sonst geht die Schande auf ihn über. Den Acrmsten bleibt nur die Flucht übrig. Ein solcher kleiner Findling ist Ln der Poliklinik, die Großmutter hatte ihn weggebracht und der Familie gesagt, er sei tot. Das Geheimnis der Wirkung der leitenden Aerztin liegt ' ihrer Sicherheit. Sie gibt ihren Kat einfach und klar, aber kämpft lim keinen Patienten. In den seltenen Fälle«, in de sich kein Vertrauen!!erstellen läßt, schickt sie die Leute י ״Die Welt ist groß“, sagt sie. I« dieser Poliklinik für arme arabische Kinder wird wirklicht, was i!1 Palästina ein Ziel sein muß: Kooperat. W. H, Die zweite Generation im Emek-Jesreel Jerusalem. (Palcor.) 1111 Emek Jesreel, bei Nahalal, wird eine landwirtschaftliche Siedlung geschaffen, in der die S ö 1111 e und Töchter der Siedler von Nahalal und aus den übrigen Siedlungen im Emek J e s - rcel zur Ansiedlung gelangen werden. Diese neue Siedlung wurde durch die Anpflanzung des Waldes auf den Namen König Georgs ermöglicht. Bei den Arbeiten in der Nähe dieses Waltles, der über eine halbe Million Bäume umfassen wird, die jetzt auf KKLTloden in den Bergen bei Nahalal aut einer Fläche von 200(4 Dunam angcpilanzt werden, werden etwa 40 Arbeiter fünf bis sieben Jahre lang sieben Monate jährlich beschäftigt sein. Habimah *Premiere ״Vier Generationen" von L. I. Cohen van Delft Tel-Awiw, Anfang Dezember Ein Drama, ״das Leben der deutschen Juden vom Jahre 1815 bis 1933 behandelnd“, wie der Untertitel anzeigt, ist es nun wirklich nicht. Vielmehr bleibt das Ganze bestenfalls die Entwicklungs-Skizze einer Familie durch vier Generationen hindurch. Interpunktiert von den Ereignissen der Jahre 1815 — Befreiung aus dem Ghetto und damit Beginn der Emanzipation —, 1882 — Pogrome in Osteuropa, jedoch fortschreilende Assimilation bis zur Taufe in Deutschland —, 1914 und 1933. Die verschwägerten Familien Neumann, Hirsch und Eichengrün, an denen exemplifiziert wird, befinden sich, dem Zustana des Hauses nach zu urteilen, das während eines Jahrhunderts und mehr ihr Domizil bleibt, in wirtschaftlich besten Verhältnissen. Soziale Gegensätze innerhalb der jüdischen Schichtung diskutiert der in Holland beheimatete Autor überhatipt nicht. Als einziger Antipode der Assiinilanteii geht ein nicht sehr stark gezeichneter Vertreter der Orthodoxie durch das Stück. Wo bleibt die Wechselwirkung des Empdangcns und Gebens, die in diesem Jahrhundert zwischen Deutschtum und Judentum sich abspielte? Und der Zionismus? Gab es innerhalb des Judentums in Deutschland wirklich keine Revolution, kein Erwachen aus dem ״Gleichberechtigungs“- Traum, den es ein Jahrhundert lang geträumt hatte? Ist das wirklich alles, daß man 1933 seine Lifts packt und — in Ermangelung eines Besseren — in das Land der ״Kamel-Karawanen, Schlangen und Chamsine“ fährt? Der Autor macht es sich zu leicht. Sein Thema rührt automatisch eine Kette von Problemen an. Er bemüht sich eher, sie zu vertuschen als sie zu lösen. Immerhin bleibt die Aufnahme solcher Stücke, auch wenn sie die Gegenwart nicht überdauern werden, begrüßenswert, um so mehr, wenn die Inszenierung als solche — unter dem Habirnah-Scliatispicler Zvi Friedland — so geglückt ist wie hier. Der Bühnenbildner Luftglas schafft ein überaus gelungenes und geschmackvolles Interieur des Hauses, in dem die vier Generationen leben; verändert nur durch moderner werdendes Mobiliar und die Familienbilder der im Zwischenakt Verstorbenen. Für die Schauspieler liegt der Reiz, ähnlich wie bei O'Neill's ״Seltsamen Zwischenspiel“, in der Vielheit von Rollen, die sie zu verkörpern haben, bei wechselnden Lebensaltern ihrer Figuren. Der erste Akt bietet kaum dramatische Momente, während das zweite Bild — 1882 — vor allein durch die Leistungen der Schauspieler Bcrtonoff und Kutai Steigerung erfährt. Der Letztgenannte in Haltung;, Geste und Ausdruck konzentriert und einprägsam, wird sprachlich — scheinbar im Bemühen jedes unangebrachte Pathos zu vermeiden -ךleider oft undeutlich, wie überhaupt die Sprachgebung bei vielen sehr zu wünschen übrig läßt, in einer kleinen Rolle fällt die Schauspielerin Ooar auf. im dritten Akt, dem stärksten, hat die Rowina, die in den ersten beiden Bildern fast nur dekorativ und anmutig wirken kann, i!1 einer Müttcrrolle Spiclmöglichkeitcu. In der patriotischen Stimmung, die die deutschen Juden 1914 nicht weniger stark ergriffen hatte, als die Juden Frankreichs und Englands, sieht die Mutter nur, daß man ihr die Kinder, kaum der Schulbank entwachsen, entreißt. Dem Siegestaiimel der Männer (sehr gut A vital) steht sie schweigend gegenüber. Ihr Bruder (Finkei), der einzige Traditionstreue der Familie, spricht es aus: die Juden aller Länder bezahlen die Errungenschaften der Emanzipation, Brüder morden einander. Es gab keine Juden mehr —- nur Russen, Franzosen, Deutsche. Da inan in allen drei Bildern nur wenig von der Atmo- Sphäre spürt, die die Juden Deutschlands fast vergessen ließ, daß sie in der Diaspora waren, bleibt dem letzten Bild die Wirkung versagt. Wenn man sieht, wie ein junger Baum, der eben Wurzel geschlagen hat, wieder entwurzelt wird, — ergreift einen nicht Mitleid? Hier denkt man nur: nach 120 Jahren wird es Zeit, daß man mal die Wohnung wechselt. Konstruktion ist dem Autor vielleicht gelungen, Oestaltung nicht. Die Regie, im ganzen eine sehr beachtliche Arbeit, hätte gelegentlich, insbesondere im ersten und vierten Bild, _den Dialog auflockern sollen. Man sollte es sich zum Prinzip machen, daß Fremdwortc auch auf der hebräischen Bühne richtig ausgesprochen werden. Die Masken sind immer noch zu deutlich geschminkt. Das Tclephongespräch der Thea am End« des dritten Bildes könnte 011 ne Verlust gestrichen werden. Die Schauspieler — zu erwähn«! «och: Tamara Robin N FanJa L i u b i 11, Ben-Chaim und Warschaver — taten ihr Bestes, Die nach den Entwürfen des Bühnenmalers von ״Drecoll“ ausgeführten Stilkostüme waren besonders hübsch. Die Uebertragung ins Hebräische stammt von Jacob Hoiowitz. Manfred Geis