Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 99 (10.12.1935)
- Date
- 1935-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÖDISCHE RUNDSCHAU Nr. 99, 10. XII. 1935 eindringlich dargestellt werden, wobei sich ergäbe, daß an* gesichts des Geburicnrückgangs und der stetigen Auswanderung der jüngeren Elemente, nur eine relativ geringe, im Verhältnis zur Gesamtheit der deutschen Bevölkerung gewiß geringe, Menschenzahl übrig bliebe, die jedoch untergehen muß, wenn sie nicht nach Verlust ihres bisherigen Berufes eine Lebcnsniüglichkeit anderer Art erlangt, um sich mit ehrlicher Arbeit zu ernähren. Dieses Plädoyer für die alt gewordenen M e 11 s c 11 e n, um ihnen eine berufliche Arbeit zu eröffnen, ist wohl das einzige, was seitens der jüdischen Zentralstellen geschehen kann. Denn die jüdische Gemeinschaft selbst hat ja nur in ganz geringem Ausmaß Arbeitspositionen zu vergeben. Es hat keinen Sinn, daß eine Kategorie jüdischer Notleidender auf eine andere eifersüchtig wird. Dadurch werden nur Spannungen erzeugt und unsere Atmosphäre vergiftet. Die Unzufriedenheit ist dadurch zu erklären, daß viele Juden in Deutschland das Gefühl haben, daß von seiten der jüdischen Führung nicht alles geschieht, was geschehen könnte. Ob dies nun richtig ist oder nicht, jedenfalls müßten die jüdischen Zentralinstaiizcn es sich angelegen sein lassen, den Menschen im Lande das Gefühl zu geben, daß sie betreut sind, ein Gefühl, das jetzt — wie unsere Postmappe zeigt — noch nicht überall vorhanden ist. * Es ist schwer, in Zeiten materieller Not, wo alle Kraft von dem Kampf um die äußeren Lebensbedingungen bean* spracht wird, von den Menschen zu verlangen, daß sie lernen. Trotzdem ist dies gerade in dieser Zeit unerläßlieh, denn viele erleben jetzt eine ״zweite Geburt“ als Juden und wenn sie sieh nicht die Elementarkenntnisse, die zu einem solchen Lehen gehören, aneignen, dann entstehen wirkliche Mißgestalten, so wie Kinder, die nicht laufen oder sprechen gelernt haben. Merkwürdigerweise findet man gerade in gehobenen Schichten, die nicht die Ausrede der materiellen N'ot haben, oft Juden, die noch am Ende des Jahres 1955 völlig a h n ti!1 g s 1 o s sind. Kleine Erlebnisse dieser Art und berichte, die sich häufig in unserer Postmappe finden, wirken geradezu erschütternd. Wenn 1. B. in einer jüdischen 1 leselNchalt drei große (sehr verschiedene) jüdische Instanzen als identisch betrachtet werden und man noch stolz (darauf ist, davon nichts zu verstehen, oder wenn eine gebildete Berliner jüdische Dame zum erstenmal die ,.Jüdische Rundschau" sieht und erstaunt erfährt, daß es jüdische Zeitungen in Deutschland gibt, so zeigen solche Bcnbai!!hingen, daß noch mehr Menschen als wir taglieh mit jüdischen Dingen Beschäftigte meinen, dein jüdischen Leben g ä 11 z 1 i c h f e r 11 s t e!ו e n. Kürzlich haben, so wird uns berichtet, in einer großen deutschen Stadt in einer Ver* Sammlung von 12 Juden, von denen die meisten sogar Lehrer jüdischer Kinder waren, 11 noch nie den Namen Achat! Haam gehört. Das sind Tatsachen, an denen wir meist vorbeisehen. Wir stehen in einem dauernden Wandlungsprozeß, aber wir haben noch mit viel Apathie und Trägheit zu tun. Eine wirkliche Wandlung wird nur entstehen können, wenn in den Herzen das Feuer loht, jüdisches Leben und Wissen kann nicht von Einzelnen berufsmäßig verwaltet werden, sondern von Mensch zu Mensch, von Mund zu Mund muß es weitergegeben werden, und alle müssen wissen, wie groß und wie wichtig die Aufgabe ist. Daran kann gar nicht oft genug erinnert werden. Die Lage in Polen Warschau, S. Dezember. (JTA.) Die jüdischen Abgeordneten Dr, S o m m e r s t e i n und Rabbiner Rubin stein haben an den Ministerpräsidenten sowie an den Innen- und den Justizininistcr im Sejm eine Interpellation gerichtet, in der auf die Ausbreitung der antisemitischen Agitation über fast alle Gebiete Polens hingewiesen wird. Den Behörden werden schwort Vorwürfe filier ihr Versagen gegenüber dieser Agitation und wegen der Duldung der Angriffe gegen die Juden gemacht. Die Universitatsbeliürden werden beschuldigt, Maßnahmen zur Aufrechterlialtung der Ordnung unterlassen 711 haben, obwohl sie vorher gewarnt worden waren. Scharfe AngrifiV werden in der Interpellation dagegen gerichtet, daß der Polizei das Betreten der Universitäten verwehrt wurde. Die hitcrpelhüicm schließt mit der Forderung nach Sicherung des Lebens und Eigentums der jüdischen lk׳v״ikenmg mul Bestrafung der Unruhestifter. An der Universität Posen wiederholen sich täglich die antijudisclu 11 Ausschreitungen der nationaideniokratischeii Studentensehafl. Nunmehr mußten auch die Vorlesungen an der latul- und forstwirtscha Küchen l aknlt.it wegen der antisaniiKihcu 1׳ \zu.se Ins;111! weiteres eingestellt werden. Der Professor der I Vvchologie an der Warschauer Universitiit, Wifwicki, hat seine• Vorlesungen eingestellt, da ihm in den letzten Tagen anonyme Drohbriefe zugegangen sind, in denen ihm weifen des Inhaltes seiner Vorlesungen Rache angckiimligt wird. Wahrend einer Vorlesung des Professors!)ombrawski kam es an der juridi sollen Fak ultut der Lemberger Universität wieder zu Ausschreitungen von Nationaldemo* kraten gegen jüdische Studenten. Prof. Dombrowski hat seine Vorlesungen abgebrochen. Eine Abordnung der jüdischen Studentenschaft hat dem Rektor über die Vorfälle berichtet. Der Rektor erklärte, er werde eine Wiederholung solcher Exzesse verhindern. ״Joint‘1 plant Notstandsmaßnahmen New York, 5. Dezember. (JTA.) Das Joint Distribution Comniitlee hat für <len 8. Dezember 150 jüdiseh-amerikanische Führer zu einer außerordentlichen Ta* g u n g nach C h i k a g o eiuberufen, hei der über besondere Maßnahmen angesichts der schweren Notlage großer Teile der europäischen Judenlteit gesprochen werden soll. Der Ehrenpräsident des Joint, Felix M. Warburg, und der Präsident Paul Bacrwaid stellen in einer Erkiärung fest, daß ״Probleme von so schwerer und tragischer Bedeutung, die die Juden in der ganzen Welt berühren, so schnell und in so vielen Ländern aufgelaucht sind, daß der Joint das Bedürfnis hatte, den Rat vieler Männer zur Behändlung dieser Probleme zu hören.“ Die Hadassa-Konferenz New York, 2. Dezember. (JTA.) Die Clevelander Konferenz der zionistischen Frauenorganisafion Hadassa wurde mit der Wiederwahl der Präsidentin Mrs. Jacobs und der übrigen Mitglieder der bisherigen Leitung geschlossen. Die Tagung verpflichtete die Hadassa in einer Resolution, 75 000 Dollar für die Errichtung eines Krankenhauses in Palästina auf/nbringen. Das Budget für 193(1 sieht einen Beitrag von 100 000 Dollar für die Schaffung des medizinischen Zentrunis in Palästina, 5000') Dollar für den Jüdischen Nationalfonds und 10 000 Dollar für Schülerspeisung in den Schulen Palästinas vor. Um die jüdische Schule Ist sie befriedigend oder reformbedürftig? Der in Nr. 94 der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlichte ״Appell an die Verantwortlichen“ von Kurt Herz (Düssei* dort') hat in weiten jüdischen Kreisen, insbesondere in der Lehrerschaft, eine lebhafte Resonanz hervorgerufen. ln seinem Aufsatz, dem wir als einer beachtlichen Stimme aus Lehrerkreisen Raum gegeben haben, äußerte sich Kurt Herz kritisch und unbefriedigt über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Schule und appelliert an die verantwortlichen Instanzen, der Sache ein größeres Interesse zuzuwenden und insbesondere dem Kern des Problems, vor das uns die plötzlich zur Notwendigkeit gewordene jüdische Schule stellt, ins Auge zu sehen. Wir glauben, daß eine solche Aeußerutig der Unzufriedenheit stets willkommen ist, besonders aber, wenn sie aus Kreisen derer kommt, deren eigentliches Gebiet zur Diskussion steht. Selbstzufriedenheit ist ein Hemmschuh jeder Entwicklung. Dabei sind wir uns klar bewußt, daß die plötzlich hcrcingebrochene Notwendigkeit, jüdische Schulen in ganz Deutschland sozusagen aus dem Boden zu stampfen, a u 15 e r g e w ö!1!1 1 i c fi e Anforderungen an die Organisationsfähigkeit unserer jüdischen Instanzen und an die Anpassmigs- und /Arbeitsfähigkeit der Lehrerschaft stellt. Auch, für die Elternschaft ist das Problem einer spezifisch jüdischen Schule zum großen Teil neu. Wir werden daher gewiß nicht allzu streng ins Gericht gehen, auch wenn vieles in der jüdischen Schule noch nient so ist, wie wir es wünschen würden. Aber zugleich befurchfen wir, daß ohne eine öffentliche Diskussion die Gefahr besteht, dal! auch die jüdische Schule, nachdem sie einmal errichtet ist, immer mehr eine Angelegenheit der Routine wird. Es liegt dann nahe, daß man sich zufrieden gibt, wenn man nur überhaupt irgendeine Schule für die jüdischen Kinder, die anderswo Ausscheiden müssen, zustande bringt; und überdies kann man schon hier und da im Publikum hören, daß die jüdischen Schulen, die früher aut eine Propaganda unter den Eltern angewiesen waren, heute, wo sie zur Notwendigkeit geworden sind, leicht im Bewußtsein ihrer Unentbehrlichkeit etwas weniger auf Kon* takt bedacht sind. Wir ermessen voll und ganz die außerordentlichen Leistungen, die von den Schulorganisatoren und von den Lehrern vollbracht werden müssen, wir wissen genau, mit wieviel inneren und äußeren Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, welche hingebungsvolle Arbeit von vielen einzelnen in der Stille vollbracht wird, und wir sind weit davon entfernt, die Lehrerschaft als solche anzugreifen oder kränken zu wollen. Wir haben auch den Appell von Kurt Herz nicht als eine Kränkung aufgefaßt. Um so mehr sind wir überrascht, daß dieser Artikel anscheinend gerade in den verantwörtlichen Kreisen der Lehrerschaft verstimmt hat So z. B. erhielten wir eine Zuschrift vom ״Reichsverband der jüdischen Lehrerverein e“, ferner eine Zuschrift von der Ortsgruppe Berlin des ״Jüdischen Lehrerverhandes in Preußen“, die beide gegen die Ausführungen von Dr. Herz — z. T. recht scharf — protestieren. Der Brief des Reiclisverb.־indes, gezeichnet vom Vorsitzenden Dr. Stern, gibt uns freilich zu denken; denn wir glauben nicht, daß cs sich bei dieser Diskussion um eine Frage des ״Beleidigtseins“ handeln kann. Sowohl der Reichsverband als auch die Berliner Ortsgruppe des jüdischen Lehrerverbandes sind der Meinung, daß die konkreten Forderungen, die Dr. Herz in seinem Aufsatz, aufgestellt hat, bereits erfüllt seien. Alle die yorgeschlagencn Einrichtungen, wie Besprechungen, pädagogische Ausschüsse, Vorbereitung von Schulbüchern, Sorge für die Lehrerausbildung, pädagogische Zeitschrift — existieren bereits, und es wird betont, daß die Lehrerschaft sich bereits ״intensiv und extensiv mit dein Umbau der Schulen befaßt“. Nach unserer Meinung dürfte es sich hier insofern um ein Mißverständnis handeln, als nicht das Ob, sondern das W i e zur Diskussion stellt. Der Appell von Dr. Herz wurde von uns — und deshalb haben wir ihn auch veröffentlicht — so aufgefaßt, daß ־er ein Thema behandelt, das weit über den Rahmen der bloßen technischen Schulfragen hinausgeht, nämlich die Frage des Erziehungs- Ziels. Dies ist aber keine eigentlich bloße schulische Frage mehr, sondern eine Frage, die mit der gesamten jüdischen Existenz, mit dem Wesen und der Situation der jüdischen Gemeinschaft in sozialer und kultureller Beziehung und mit dem G e s t a 11 u n g s w i 11 e n, der diese Gemeinschaft beherrscht und für den die Schute nur eines (freilich wohl das wichtigste) seiner Instrumente ist, zusammenhängt. Daher geht diese Sache die ganze Oeffentlichkeit an. Auch die oben erwähnten Instanzen 3er Lehrerschaft, die uns ihre Briefe geschickt haben, werden nicht leugnen, daß dieses Problem auch von vielen Lehrern erst sehr vage erfaßt ist. Wir bitten dringend die geehrten Lehrerverbände, uns zu glauben, daß wir die Situation und die Leistung des jüdischen Lehrers würdigen; wir kommen aber nicht darum herum, uns mit der Frage zu beschäftigen, was — und zwar mit rößter Beschleunigung — geschehen muß, um die jüdische cluile den Anforderungen dieser Zeit gewachsen zu machen; und es ist auch keine Beschuldigung, sondern eine objektive T a t s a c h e n - F e s t s t e 11 u n g, wenn man sagt, daß die meisten jüdischen Lehrer, die jetzt ltn jüdischen Schulwesen arbeiten müssen, von den spezifisch jüdischen Problemen bis vor kurzem überhaupt nichts gewußt haben und auch gewaltige Mängel der jüdischen Bildung aufweisen. Das ist nicht ihre Schuld, gewiß, denn sie waren ja nicht für diese spezifische Aufgabe ausgebildct und haben sie zum großen Teil auch nicht aus innerer Begeisterung ergriffen; aber der objektive Sachverhalt schafft Probleme, die die jüdische Oeffentlichkeit angehen, und zwar nicht allein technisclie Fachorgane, sondern die Gesamtheit der jüdischen Oeffentlichkeit, für die die jüdische Erziehung der Jugend ein brennendes Zentralproblem ist. Nicht Polemik, sondern positive Aufbauarbeit wünschen wir zu fördern. Wir würden es begrüßen, wenn gerade diese Probleme von den zuständigen Verbänden und Instanzen mit ge- Steigerter Aktivität einer Lösung zugeführt würden. Wir bedauern, sagen zu müssen, daß in den meisten Zuschrifteil, die wir, veranlaßt durch die Bemerkungen von Dr. Herz, erhalten haben, das Verständnis für diesen zentralen Punkt nicht genügend zum Ausdruck kommt. Aus den uns zugekommenen Aeußerungcn bringen wir nachstehend zwei in gekürzter Form zum Abdruck. Dr. Siegfried Braun« Köln, der Schriftleiter des Lehrervcrbandsorgans ״Jüdische Schtitzeiiung“, schreibt u.a.: Richtig gesehen ist die jüdische Schule, die Kurt Herz meint, weder alt noch jung; sic ist noch gar nicht da; sie wird — vielleicht einmal — geboren werden. Was heute als jüdisches Schulwerk bezeichnet wird, das sind eine Anzahl Schulen (Grund-, Mittel- und Höhere Schulen), die von Behörden, Gemeinden und Vereinen gegründet wurden, und die in ihrem Wescnsgehalt von anderen Intentionen abhängig sind. So lebt unsere Schule notwendig im Bereiche des Kompromisses: sie ist — mit Martin Bubcr zu sprechen — keine jüdische Wesensschule. Das Instrument, mit dem die Aufgabe des Unterrichts und der Erziehung zu lösen versucht wird, die Sprache, ist keine jüdische Sprache, und die ״geheimen Miterzieher“ werden kaum vorwiegend jüdische Miterzieher sein, 1׳ Alles Planen, das der Umformung der jüdischen Schule gilt, ist dennoch gerechtfertigt, weil es darauf hinzielt, diese Institution immer mehr dein Ideal der Wesensschule anzunähern. Es erhält seinen Antrieb und seine Richtung aus dem Strukturwandel heraus, dem unsere jüdische Gemein- Schaft in Deutschland unterworfen wurde. Sie befindet sich in einem Prozeß der Auflösung. Die Ungewißheit im Hinblick auf das Schicksal des kommenden Geschlechtes macht nun auch den Wert des Planes fragwürdig. Niemand kennt das Maß der Verwurzelungsinüglichkeiten in fremdem Erdreich, und die Festlegung auf ein bestimmtes Bildungszicl bleibt notwendig problematischen Charakters, wobei als gültige Bestandteile dieses Bildungszieles anerkannt werden müssen die Einfügung in die Welt des Judentums und die Bereitmaclumg zur Aiijah nach Palästina. Die Frage ist, ob ein Appell in dieser Richtung an die Verantwortlichen von nöten sei. Die Eltern stellen jiidischeu Erziehungsträgern nicht mehr apathisch gegenüber. Selbst wenn sie nicht aus eigenem Trieb heraus, sondern der Not gehorchend den Weg zur jüdischen Schule finden, so haben sie ihn doch längst betreten, und es hat seit Jahrzehnten keine Zeit gegeben, in der sich Mütter und Väter so eingehend mit Schulfragen befaßt haben wie heute. Wer die Bemühungen der jüdischen Lehrerschaft um eine theoretische Neufundierung der Schulpraxis und um ihre Angieichung an die Erfordernisse der Zeit kennt, wer Einblick zu nehmen versucht hat in die vielfältige Kleinarbeit in der Stube daheim, in Konferenzen und Arbeitstagungen, in den Ausschüssen der großen und kleineren Organisationen (Reichs- Vertretung, Landesverbände, tieineindckomniissionen, Lehrerverbände und -Vereine, Mittelstellen u. a. m.), der wird das harte Urteil, die jüdische Schule sei ein Museum, und die Lehrerschaft weise in weitem Umfange Menschen mit veralteter Gesinnung auf, nicht über die Lippen bringen. Der wird durch einen Aufruf an die ״Erzieher, denen es um die Zukunft unserer Jugend geht“, den Lehrerstand nicht in Mißkredit bringen, seihst dann nicht, wenn der Auf ruf ende — kein Lehrer wäre. Wer weiterhin darüber hinausgehemi versucht hat, Klarheit zu gewinnen über das Schwankende, noch nicht in eine feste Gestalt zu Bannende der Situation, in der sich heute die jüdische Schule befindet, der wird nicht Selbstverständlichkeiten mit Wunschbildern ineinander verwoben als Programm der neuen jüdischen Erziehung verkünden. Wir alle, die Eltern, die Lehrer und die Kinder stehen mitsammen an einer Stelle, an der uns das Verharren in der Ruhelage verwehrt ist. Alle Organisationen, die uns irgendwie umfassen, kennen längst nicht mehr den Rhythmus der Stetigkei.t in der Arbeit, Ein Zwang, dein man nicht ausweichen kann, hat sie hineingestoßen in das lebhafte Getriebe, und nie sind sie einer Pctrefaktcnsammlung unähnlicher gewesen als in diesen drangvollen Schicksalstagen..» Sind. Prof. a. D. Dr. Richard, WiSrzbarg, schreibt: Die Erfahrung der Statistik zeigt, daß in der Umschichtung und in der Schaffung des werktätigen Juden noch nicht allein das Heil liegt. Es erhellt, «laß immer nach eine gute Schulbildung einen Besitz bedeutet, der von den Wert- Schwankungen der Zeit am meisten unabhängig ist. Unser Ziel muß also dahin gerichtet sein, eine hochwertige Bild.ung zu schaffen, gleichgültig, ob wir Aufbauschulen oder höhere Schulen im Auge haben. Die Entscheidung hängt ja auch von Dingen ab, die außerhalb unserer Macht liegen. Anders ist es mit der Form der Schule. Es liegt in unserer Hand, ob wir eine Lern -oder Arbeitsschule entstehen lassen. Kurt Herz hat von einem Museumszustand des jüdischen Schulwesens gesprochen. Da ich eine Generation lang meinen Lehrberuf in der deutschen Schule ausgeübt habe, darf ich mich nicht anmaßen, ein Urteil zu fällen. Ich nehme aber an, daß die Form des Unterrichts ein gut Teil schuld daran ist . . . Der fragende junge Mensch, der mit Sehnsucht nach Wissen die Stätten der Erziehung betritt, wird häufig nur mit Lehrstoff angefüllt, oft gegen den Wunsch des Lehrers, der nur seine Vorschrift, sein Pensum erfüllt, wenn ein bevorstehendes Examen bestimmte Kenntnisse fordert. JÖicse ״Lernschule“ ist endgültig zu begraben, an ihre Stelle hat die ״Arbeitsschule“ zu treten. Wir müssen dann allerdings das Ziel der sog. abgeschlossenen Bildung aufgeben, mit jenem Seheinwissen, das bei einer Prüfung glänzende Gedächtnisieistungen wie ein Spiel von Raketen aufieuchten läßt. Wie das Leben Erfahrungen einhämmert, so wird das durch eigene Tätigkeit geschaffene Können selbst zu einer Lebenserfahrung, die dauerndes Wissen erzeugt. Erleben kann man am besten durch die Anschauung. So ist die mit Werktätigkeit verknüpfte die häufigste Form dieses Arbeitsunterrichts. Die alte Koch- und Haushaltnngsscliulc kann also zur typisehen Arbeitsschule werden, ebenso wie das moderne Landheim mit seinen Werkstätten oder die neue Aufbauschule mit ihren Werkkursen. Die Arbeitsschule ist aber nicht an eine Werktiitigkcit gebunden, sie verlangt nur ״Erarbeitung“. Eine Gcschiclitsstundc kann durch einen selbständigen Vortrag eines Schülers, an di« sich eine Diskussion über dessen Inhalt anschließt, die echte Form des Arbeitsunterrichts verkörpern. Die jüdische ״Schule“ der Alten hat durch das sog. ״Lernen“ in einer Art Diskussion das Studium der Religionsgesetze erarbeitet und war so recht eigentlich, unbewußt, die Erfinderin der modernen Unterrichtsmethode. Man muß zugeben, daß auch Nachteile mit der Arbeit®־ schule verknüpft sind. Es liegt nahe, daß mit der Erarbeitung ein großer Aufwand von Zeit verbunden ist. Zeitfragen sind ja gerade das Problem der jüdischen Schule. Wo sollen wir denn den Sonderstoff der jüdischen Schule unterbringen? Denn darüber sind wir doch alle einig, daß jüdisches Wissen, der Einblick in das jüdische Schicksal, allein imstande sind, aufkeimende Minderwertigkeitsgefühle in der jüdischen Jugend zu ersticken. Lfnd trotzdem die Arbeitsschule, die allein aus dem ״Musciimszustand“ da und dort hcraitsiiihren kann. Ausbildung von Körper und Geist, die allein imstande sind, gesunde und tatkräftige Menschen und nicht nur intellektuelle Köpfe zu schaffen. Hauptschrift leiten Dr. Robert Welt sch, Berlin - Charlottenburg # (mirl! verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenitein, Berlin W 18. Anzeigenleitcr u. verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n r>. Berlin-TempclhoL Gültig: Anzcigen-Preislistc 4 vom 16. Oktober 193s. Verlag und An• reigcnverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10י D.-A. Nfl». 38 278. — Druck: Siegfried Scholen, Bla.-S(hönebe1ft. l