Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 98 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 98. 6. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 17 Aus der sozialen Arbeit “1“ ״ Jerusalemer Elendsviertel Bericht Uber einen Streifzug Von Margarete Turnowsky-Pinner Die soziale Abteilung der Jerusalemer Gemeinde wir öeauftragt, Erhebungen über die Familien zu machen, die ihre Kinder in die Volksschulen der Altstadt schicken. Die Fürsorgerin erlaubte mir, sie auf einem ihrer Wege zu bo gleiten. Innerhalb der Häuser des jüdischen Viertels kamen wir an die Türen von früher betreuten Hilfsbedürftigen; auf der Straße baten einzelne Menschen die bekannte Fürsorgerin um Besuch, Rat und Hilfe. Im übrigen gingen wir unerwartet und zufällig in fremde Wohnungen — und gerade darum konnte ich ein echteres Bild dieses Stücks Jerusalem bekommen, als wenn wir nur die. Notleidendsten gesehen hätten, die die Fürsorge rufen. Allerdings war es nur ein winziger Ausschnitt aus Jerusalem, selbst aus dem alten Jerusalem, das ich so sah und zu schildern versuche. Nur wer Hunderte von Wohnungen betritt, Hunderte von Alltagen mit ansieht und von Schicksalen erfährt, wird das Leben dieser Stadt erkennen können, in die — mehr als an irgendeinen andern Ort des Landes — Juden aus allen Ländern der Gallith wandern, jeder mit den besonderen Zügen seines Geburtslandes gezeichnet. Mit 28 Jahren dreimal verheiratet Eine persische Jüdin sprach uns in dem, In glatten Stufen absteigenden, Basar an. Sie führte uns durch schmale, von Häuserbogen überdacht« Wohnstraßen. Vor wenigen Jahrzehnten wohnten hier hinter den vergitterten und Ornamentgeschmückten Fenstern die Reichen; heute sind diese W011nungen, in lauter einzelne Zimmer aufgeteüt, die Behausunen der Armen. Die Adresse der Perserin lautete: Gegenüb« er Klagemauer; aber die Mauer blieb uns durch ein arabisches Steinhaus verdeckt. Durch den blaugetüncliten Hof, an dem sonst nur Araber wohnen, kamen wir in das Zimmer der Frau. Es war auf orientalische Art, mit billigem europäischen Hausrat eingericlitet. Die Perserin hockte sich vor uns hin und berichtete. Sie begann Hebräisch, ging aber, sobald sie sich «regte, ins Arabische über: Sie ist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt und zum dritten Male verheiratet. Von dem «sten Mann, der nach einjähriger Ehe starb, hat sie ein schwächliches Mädchen. Von dem zweiten Manne gebar sie 1929, am Tage der Unruhen, einen Knaben. (Sie spricht hiervon aufgeregt und ausführlich. Die Unruhen sind in ihr, wie in allen Mersehen der Altstadt, eine dauernd beunruhigende Erinnerung,) Der dritte Mann, von dein sie einen zweijährigen Jungen hat, ist siebzigjährig. Er verdient durch eine Arbeit bei d« Regierung etwa drei Pfund im Monat. Das ginge an, wenn nicht die zwei Halbwaisen dem Mann zur Last und zum ständigen Aerger wären. Man soll die Kind« ins Waisenhaus bringen. ״Aber die Waisenhäuser sind überfüllt, und wenn du selbst ein paar Stunden täglich arbeitest, kannst du das Nötigste für die Kinder verdienen. Du hast die Verantwortung für deine Kinder.“ Die Frau beginnt zu weinen. Ratschläge und Mahnungen gehen an ihr vorbei. ״Ich weine den ganzen Tag“ versichert sie, und dies scheint ihr das einzig Gemäße. Aber wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen ■ soll, das ist für diese Fiinfundzwanzigjährige, die von Ehe zu p Ehe gegangen ist, unfaßbar. Eine zufriedene Familie Wir gingen von hier aus durch den ״deüschen Hof", schöne, saubere, von deutschen Juden gespendete Chalukkah- Häuser, kamen an dem grollen chassidiscnen Bethaus vorbei, fragten uns mühsam zurecht, bis wir zu den Warschauer Häusern kamen. Es waren kaum Menschen auf den Straßen des Judenviertels: eine Alte, die im Vorhof eine Decke fürstete, ein schmales, altjüngferliches Mädchen, ein in ein großes schwarzes Wolltuch eingewickelter, vom Bethaus heimkelirender, fanatisch weltabgeschlossener Chassid. Streckenweise waren die Straßen in diesen Vormittagsstunden völlig leer, wie blankgescheuert, mit ihren glatten Steinböden und den hellen Steinhäusern, Die Familie, zu der wir endlich kamen, machte den Eindruck gesicherter und selbstbewußter Zufriedenheit. Ein europäisch, kleinbürgerlich eingerichtetes Zimmer in einer geräumigen Dreizimmerwohnung: bunte Oeldrucke nordeuropä-!scher Landschaften an den wänden, ein mit einer farbigen Wolldecke bedeckter Tisch in der Mitte des Zimmers, ein Sofa, Familienbilder. Ein achtzehnjähriges, etwas zu breites, aber hübsch und gescheit allssehendes Mädchen saß am Tisch und las eine hebräische Novelle von Burla. Sie spricht Hebräisch, die Mutter — noch jung wirkend und heiter, das nette Vierjährige an der Hand — spricht das polnische Jiddisch. Es sind noch zwei jüngere Töchter in der Familie. Von der dreizehnjährigen erzählen Mutter und Schwester in strahlendem Stolz: Sie war die Beste in ihrer Schule, und man hat sie zu ermäßigtem Satz im Gymnasium aufgenommen. Ein kleiner Schatten liegt nur auf der Aehesten. Auch sie möchte noch lernen, aber von der Altstadt ist es weit und nicht unbedenklich, die Abendkurse zu besuchen, und ein Fach läßt sie der Vater nicht erlernen. ״Meine Tochter soll keine Schneiderin werden.“ Wir sehen dann auch den Vater, einen frommen, selbstgefällig-heiteren Mann und den altem Onkel, den 70jährigen Heb Schmttl, der seine Kinder mit einem Zertifikat der Rabbauuth aus Polen ins Land und in die Bauarbeit in Tei-Awiw gebracht hat. Tragödie eines Mädchens Wir gingen nun von Haus zu Haus weit«. Ein Hof mit ein« Fassade wie ein kleines Schloß: Säulen, Ornamente, ganz in starkem Blau und Gold gemalt. Aber die Parterre-Räume an den Hofseiten haben keine Fenster, nur durch die offene Tür fällt Licht. Und es ist schon kalt im Freien. Wir sehen im Vorbeigehen in einen der Räume hinein. Zwei Araberinnen sitzen darin auf einer Matte, müßig, mit lang ausgestreckten Beinen; es ist völlig finster um sie herum. An einer andern Tür steht eine der Fürsorgerin bekannte kurdische Jüdin, lang, schmal, mit starrem Gesicht und kranken Augen. ״Du hast nicht recht an deiner Tochter getan. Du bist keine gute Mutter,“ schilt die Fürsorgerin. ״Ich nicht gut?“ sagt die Frau; ihr Gesicht bleibt dabei vollkommen unbewegt. Was will die Fürsorgerin; so tut man das eben. Der Mann bettelt, sie ist halb blind. Die Fürsorge hatte sich um die Familie bemüht, ihre Augen behandeln lassen, die Tochter in die Schule und dann in eine Lehrstelle gebracht. Mitten aus der Lehre hat die Mutter die Vierzehnjährige herausgenommen und verheiratet — mit einem unfähigen, dummen Burschen, der es nie zu etwas bringen wird. Jetzt nach einem Jahr ist das schwächliche, unversorgte Kind schwanger. Die Mutter leugnet es ab, aber sie gibt sich nicht viel Mühe damit. Auch jetzt bleibt das Gesicht ohne jede Bewegung. Es ist eben so; was will man? Die Kinderreiche Ein enger Gang führte in einen anderen Hof. Er wurde fast ausgefüllt durch die schwangere Frau, die dort aus der Tür trat. Sie ist groß, breit, und wie ein Bild der Fruchtbarkeit. Das gutmütige, kräftige Gesicht strahlt. Es ist Balja, eine m a r o k k a n i s c 11 e Jüdin, die Frau eines armen Glasers. In ihrem Zimmer wimmelt es von Kindern; vier von ihr selber, dazu ein Nachbarskind und ein kleiner Pflegiing, —• das Kind einer Geisteskranken, das bisher im Säuglingsheim der Wizo aufgezogen wurde, und für das die Fürsorge nun weiter bezahlt. All die Kinder sehen gut aus, als ginge die Ruhe der Mutter auf sie über: Noch ein paar Tage, dann wird sie Wieder gebären. Ihre Aelteste, die schon in Haifa verheiratet ist, wird sie bei den Kleinen vertreten. Sie freut sich auf das neue Kind, und wenn sie cs hat, wird sie zw׳ ei andere Mutterlose miternähren können, so reich und gesund strömt nach jeder Geburt aus ihren Brüsten die Milch. Liebreiz In der Armut Wir treten in eine fremde Wohnung: zwei geräumige, holzbedeclte Zimmer, auf orientalische Art möbliert mit gepolsterten Bänken an den Wänden, eingebauten Regalen, Gobelinteppichen. Eine Menge bunter Garne liegt auf der einen Bank; eine großgewachsene Zwölfjährige stickt im Rahmen Blumen auf einen grünen Wollstoff. Sie belehrt eine junge Frau, die ein zweijähriges Kind auf dem Arm hat. Ihre Mutter, eine noch sehr stattliche, energische Frau, mit buntem Bürger uon Tei-Awiwi Wählt Liste Rosenhiam! Kopftuch und Kopfschmuck, sitzt breitbeinig auf einer Fensterbank. Die junge Frau ist von einem bezaubernden Liebreiz; der kleine Kopf mit den schwarzen Flechten ruht auf einem hohen, schmalen Hals. Der Körper ist zierlich und fein. Das Gesicht hat einen friedlich-glücklichen Ausdruck. Sie ist marokkanische Jüdin, ab« in Spanien aufgewachsen, in einem kleinen Ort, in dem fast nur Christen lebten; so ging sie kaum zur Schule, und was sie an Schulwissen hatte, vergaß sie. Als Siebzehnjährige heiratete sie ihr Onkel, der uin vierzehn Jahre ältere Bruder ihrer Mutter. Er ging mit ihr nach Jerusalem. Der Mann ist Autoagent; er verdient etwa fünf Pfund monatlich. Die Wohnung kostet für sie und die Mutter acht Pfund im Jahre; sie können gut auskommen. Außer dem Zweijährigen hat sie einen Vierjährigen und einen Sechsjährigen, der in der Talmud-Thora lernt. Eigentlich sind es zwei Sechsjährige. Denn als ihr Aeltester etwa ein Jahr alt war, nahm sie einen Gleichaltrigen mit ins Haus. Er war d« Sohn einer polnischen Jüdin, die von ihrem Manne weggegangen war und mit einem Araber zusammenlebte. Ihr Mann wollte von dem Kinde nichts wissen; die Mutter wollte es los sein, und war im Begriff, es der Mission zu überbringen. Da nahmen die sephardischen Nachbarn das Kind. Nun wächst es als ihr eigenes mit auf. Geffihrdete Mädchen Die Zwölfjährige? Sie ist eine Nachbarin. Und Im Augenblick wurde das heitere Bild durch ein grauenerregen־ des abgelöst. Das Mädchen führte uns in seine Wohnung, ein dunkles Zimmer mit einem löchrigen Holzverschlag als Kochraum, Auf ein« Alatratze, auf dein Boden, in dünne Decken eingepackt, lag ein blinder Greis. ״Wer ist da?“ fragte er mißtrauisch und richtete sich mühsam auf. Auch er ist Marokkaner. In erster Ehe hatte er Kinder, die starben. Dann heiratete er noch in Marokko, die um dreißig Jahre jüngere Frau. Sie gebar Jungen, Mädchen, jedes Jahr ein Kind, und alle starben. Da gingen sie nach Jerusalem und befragten die Aerrte. Hier gebar nun die Frau die jetzt Zwölfjährige und ein zweites, jetzt zehnjähriges Mädchen, die beide Kräftig und gesund sind. Aber nun ist der Vater blind und unfähig, sich von seiner Matratze in der Zimmerecke fortzubewegen. Die Mutter verdient ein paar Pfund als Scheuer- Iran in einem Speisehaus. Die Mädchen sind nach kurzem Schulbesuch aus der Schule verwiesen worden. Warum? Das ist im Augenblick nicht zu «fahren. ״Zu Hause ist sie nicht schlecht“, sagt die Nachbarin, ״Ich weiß nicht, was draußen ist.“ Die Fürsorgerin bestellt das Mädchen zu sich. Sie will ihre Ding« nachprüfen und verspricht, sich um die Aufnahme in einer Schule zu bemühen. Das große, blonde Mädchen hat, wie sie vor uns hergeht, etwas Kühnes, Ungehändigtes. Man fühlt, daß sie in Gefahr ist, und daß es hohe Zeit ist, sie in eine geordnete Erziehung zu bringen. Ein Hausbesitzer Um zu der Familie zu kommen, zu der uns die Zwölfjährige führte, mußte man durch einen tiefen Bogengang voller Unrat hindurch. Dann trat man in einen nicht unschönen Hof und stieg viele Treppen hinauf bis zur Wobnung. Die Hausfrau, eine Sephardin, die seltsamerweise nicht Spaniolisch, sondern Jiddisch spricht, da sie als Kind in asclikenasischer Nachbarschaft aufgewaclisen war, gibt uns Bescheid. Sie hat zwei Jungen, die in die Talmud-Thora gehen: das Kleinste ist noch bei ihr. Von den Mädchen ist eins in der Volksschule. Das Zweite, ein sehr blasses Kind mit freudlosen schwarzen Augen, stand neben ihr. Es besucht eigentlich die Alliance-Schule, ist aber seit Monaten krank und muß nach der Aussage von drei Acrzten operiert werden. Aber das lostet ein Pfund, und der Vater gibt das Geld nicht her. Die Größt«, eine Siebzehnjährige, saß untätig auf einer Bank herum. Sie hat nichts gelernt, und der Vater duldet nicht, daß sie allein aus dem Hause geht. Da sind ander«, die treiben sich mit einem Freunde herum; so könnte es mit seiner Tochter auch gehen, wenn sie erst etwas lernt und unter Fremde kommt. Der Vater ist ein ganz Unbeweglicher, ganz Enger. Er lernt in der sephardischen Jeschiwe. Auch sie, die Frau, unterdrückt er. Sie kann gut nähen, und säe muß verdienen, um ihren alten Eltern etwas zu geben und den Kindern warme Sachen kaufen zu können. Der Mann läßt sie widerwillig arbeiten, keinesfalls aber duldet «, daß sie für Juden näht; das wäre eine Schande. So kann sie nur für?י.'־־ In Kirjalh Bialik bei Haifa, einer Siedlung von Juden aus Deutschland, wird ein neues Haus des Kitt Jerheims Ahawah aus Berlin errichtet. Die Ahawuh bereitet sich soeben zum Empfang einer neuer1 Kinder-Alijah vor, so daß das Heim etwa 1141 Kinder aus Deutschland beherbergen wird. Das Haus der Ahawah steht auf Boden des Keren Kajemeth und wird aus Ziegeln der Silikat-Ziegeljabrilt in der Huifa-Bap errichtet. Foto : r. i.ibnei■ Araber arb.i und die bezahlen schlecht. Der Mann hat noch Geld, aber er legt Zins auf Zins und gibt der Familie fast nichts zum Leben. Sein llauptbcsit/ ist das Haus. Seit den Unruhen fürchten sich aber Juden, darin zu wohnen; nur Araber haben dort gemietet. Trotz unseres Widerstrebens führt uns die Frau in die arabischen Wohnungen. Irrt ersten Stock ist ein Zimmer, in dem eine Frau mit einem Kind sitzt. Die Diele ist vollständig mit Matten und einem Teppich bedeckt; es sind keinerlei Möbel in dem Raum. IHe Frau sitzt auf einer etwas erhöhten Stufe. Auf einem Tuch liegen neben ihr arabische flache Brote. Frau und Kind haben die Schuhe an der Tür stehen. Sie gehen aut Strümpfen. Im zweiten Stock sind hinter einem Hof einige Zimmers davon ist das eine prunkhaft mit Riesen möbeln und Spiegeln( ausgestattet. Eine btuiiende Araberin, mit viel bimfan Haarschmuck und rosa-seidenem Kleid wirtschaftet herum. Die Hauswirtin führt uns ans Fenster, — und wir sehen verblufft direkt vor uns den Tempelplatz, mit der für Juden verschlossenen Omannoschee und den sie umgehenden Säule»• toren. Zur Rechten, wo der Platz airfallt, steht die Klagemauer. Zur andern Seite ziehen sicli unter uns eng die Straßen des jüdischen Viertels. Etwas entfernt wölbt sich die Kuppel der Chiirvah-Synagoge. Eine Mißtrauische Noch eine letzte Familie besuchfen wir: ein heller, abef feuchter Raum hinter einem engen Hof. Die alte Marokkanerin saß gleichgültig da, die etwa achtzehnjährige Tochter empfing uns abweisend. Sie war die einzige, die sich gegen dies Eindringen in fremde Verhältnisse sträubte. Alle die andern hatten lins vertrauensselig hineingelassen. Dafür zeigte sich uns das Bild eines tüchtigen, piliehtbewußtcn Menschen. Im Hause der alten Mutter zieht sie zwei Nichten auf, —-י die eine, deren Mutter hier krank liegt, die zweite, die sie ganz ins Haus nahm, weil die Mutter bei der Geburt starb, und der Vater, unbekannt wohin, verschwand. Das jetzt neunjährige Kind sieht sauber und gepflegt aus. Sie geht zur Schule und ist schon in der vierten Schulklasse. ״Ja, ich lerne alle Tage mit ihr“, sagt die Erwachsene leise, und immer mit der gleichen mißtrauischen Strenge: ״Ich muß den Kindem die Mutter ersetzen.“ Nach wenigen Minuten kamen wir aus den men sehenleeren Wohnstraßen, deren ganzes Leben sich hinter diesen Steinmauern verbirgt, zurück in die überfüllten, lärmenden Basarstraßen und weiter, aus dem Tor hinaus, in die europäischen Geschäftsstraßen des ״anderen“ Jerusalem. Erinnerungen an Oberrabbiner Kuk Das letzte Heft der misrachistischen Monatsschrift ״Hah e d“ ist dem Andenken des verstorbenen Oberrabbiners Kuk gewidmet, dessen Gestalt in all ihrer Vielseitigkeit von verschiedenen Mitarbeitern gewürdigt wird. Mosche Smilanski erzählt, wie Kuk in den j;ihren vor den! Kriege, als er noch Rabbiner von Jaffa war, wiederholt nach Rechoboth kam und sich dort unter die jungen Arbeiter mischte, die ihm viel näher standen als die alten Kolonisten des Ortes, wie er bei Nacht die Wächter in den Weinbergen in den Waehihiiiten besuchte. Fr war mit seinem ganzen Herzen der Arbeiterbewegung nahe, und die damals entstandene Bewegung ״I lasehomer״, welche die jüdischen Wächter aller Kolonien zusamnienschlof!, nahm ihn mit ihrer Romantik und ihrem Heldentum so gefangen, daß er wiederholt in der Tracht eines Schonier aiisrift. — Rabbiner B. Seliulman erzählt von der großen Liebe, mit welcher Kuk die Werke des Wilna er fiaoii aus dem 18. Jahrhundert studierte. Er verfaßte einen Kommentar Bc’tir Elijnhu z!1 dem Kommentar, welchen der Gnon von Wilna zu dem Reclitskodcx Gl loschen Misehpat geschrieben hntte, und als jemand ihm diesen Kommentar lobte, sagte er: ״Mein Leben lang war es mein Wunsch, rin Dien« im Lehrhaus des Gaon von Wilna 711 sein, und als ich dieses Buch schrieb, war es mir, als säße jdi in seinem Umkreis und reichte ihm die alten Bücher.“ In den vielen Monaten seiner Krankheit lehrte er seine Besucher das Gebot des Krankenbesuchs mit Freude zu erfüllen.!11 trendiger Stimmung solle dies geschellen, denn erstens sei nach Maimoiiides der Sinn dieses Gebotes, den Kranken zu erheftern, und zweitens trage jedes Gebot, das man erfülle, seine Freude in sich. — Wenige Wochen vor seinem Tode sagte er zu seinem Schüler, dein Rabbiner Charlap: ״Jetzt kommt der Monat Elul, für den uns eine besondere Heiligung vorgeschrieben ist. Welches Gebot kann aber ich auf dem Krankenlager in besonderer Weise erfüllen?“ Sein Schüler antwortete ihm: ״Das Gebot: achtet aut euer Leben!“ Als der Kranke aus dem Munde seines Schülers vernahm, daß ihm noch immer die Möglichkeit der Erfüllung eines besonderen Gebotes gegeben sei, leuchteten seine Augen auf. — Rabbi Binjamin erzählt von der bekannten Toleranz KuRs gegenüber der jungen Generation in Palästina, die die Gebote nicht beachtet. ,,Wir alle ackern in einem Weinberg“, pflegte er zu sagen. ״Die Irrtiimer, die unsere Jugend begeht, sind nur die Irrwege derer, die den rechten Weg suchen. Und selbst der Unglaube dieser Jugend entspringt ilircm Suchen nach dem Rechten und Wahren.“ Besonders pflegte auch Rabbi Kuk seinen Anliängern einzuscliärfen, daß wir den anderen Religionen gegenüber tolerant sein sollen. Wir dürfen niemals vergessen, daß Esau und Ismae-1, die dem Juden als die Symbole der beiden anderen Weltrcligioncn erscheinen, gleich uns von Abraham abstammen״ und daß es von Jakob heißt, daß er zu Esau sagte: ״Dein Antlitz erscheint mir wie Gottes Antlitz.“ In Kürze erschein!: Rabbiner Dr. Swarsensky Das Jüdische Jahr Jüdische Religion - gestern und heute Bestellen Sie sofort bol Ihrem Buchhlndlsr oder direkt beim Sammlung ״Jüdisches Wlaaen“. Herausgageben von Dr. Erich Gottfeld. Ganzleinen RM 3,88 Verlag Ernst Köstenbaum, Berlin SW 19, Neue Grünstraße 30 Postscheckkonto; Berlin 177B76 ■10 iel 110 nt 1t 10 as te Ln er