Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 98 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 98, 6. XII. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 5 ״Man kann Kulturbund -Aufführung Der Kulturbund zeigte an: ״!Man kann nie wissen“ von Bernard Shaw, eine Komödie, die gewiß nicht zu den roßen Kunststücken des alten Hexenmeisters gehört. Aeltcre eute erinnern sich, daß das Stück schon mal in Berlin gegeben worden sein muß, und allenfalls noch, daß im ersten Akt eine ausführliche Zahnarzteinrichtung mitspielte. Aeltcre und jüngere Leute fragten sich, warum der Kulturbund diese Komödie überhaupt angezeigt hat. Vielleicht weil Chanukkah bevorsteht und weil man in der Zeit des Lichteranzündens auch sein Gemüt einmal etwas erhellen soll. Oder vielleicht auch aus anderer Erwägung, weil man sich berechtigt glaubte, zwischen zwei schwereren Unternehmungen einmal etwas Leichteres einzulegen. Nun gilt besonders für das Theater der bekannte Satz, daß alles anders kommt, und es können uns sogar alle unsere Fragen abhanden gekommen sein, sobald der Vorhang aufgegangen ist. Dieses angenehme Resultat hat sich auch sofort eingestellt; man hat sich von Anfang an für eine Sache interessiert, die, wenn sie nicht bestes leichtes Theater wäre, uns eigentlich gar nichts anzugehen brauchte; man hat bis zum Ende in sich hinein gelächclt oder frisch aus sich heraus gelacht, und alle Darsteller wurden mit ihrem Regisseur von einem durch vier Akte angcsammcltcn Beifall an die Rampe genötigt. Auf dem besagten Zahnarztstuhl liißt sieh zuerst die dolle D01!y_ Clandon aus Madeira behandeln, dann der grimmige und immer noch auf seine Miete wartende Hauswirt des Zahnarztes Mr. Fergus, Mac Naughtan, und es stellt sich für uns sogleich, für drei Geschwister und eine Mutter erst einen Von links nach rechts: Lilli Kann (Frau Clandon), Jose Ernesto Levi (Philip), Ellen Moses (Dolly), Martin Brand (Mac Cornas) Kot«: Ab״h.m Akt später heraus, daß das ihr seit achtzehn Jahren vorlorener Vater und Gatte ist. Warum die Ehe auseinander ging? Zunächst weil das Ehen des öfteren zu tun pflegen. Dann, weil die Frau schreibt und sogar lauter berühmte Bücher über die Liebe, die Ehe, die Erziehung usw. im anbrechenden 20. Jahrhundert. Womit zugleich gesagt sein dürfte, daII die Frau mit der Behandlung eines einzigen, ihres eigenen Mannes durchaus nicht Bescheid weiß. Das ist lustig aus lauter Unwahrschcinlichkeitcn ineinander gewickelt, wobei auch manches Nachdenkliche in das Wunderknäucl hineingerät; und wenn die Beteiligten alles zu verprudeln versucht haben, wird es erfolgreich entknotet durch die milde Philosophie eines alten Oberkellners, eben mit dem viclbedeutendcn Hauptsatz: Man kann nie wissen. Willy Prager macht dem Niewissenden, in Wahrheit Allwissenden und diskret Allgegenwärtigen eine feine Figur, die noch im Triiikgcldcinnehmen ihre Menschenwürde behauptet, die die richtige, die ganz große, die ganz englische Kellnerhaltung anch nicht an die Philosophie verliert. Der alte Ganymed ist auch selbst so ein verlorener Vater, im stillen Besitz eines Sohnes, der cs bis zum Anwalt gebracht hat. Aber es scheint wenigstens der Weltanschauung der englischen Society nicht passend, daß ein Anwalt einen Keil- 11er zum Vater hat. Obgleich die väterliche Philosophie des ״Als ob“ zwischen Tritikgeldnehmen und Gebührennehmen doch noch Analogien findet. Der Sohn aber hat statt der hohen Kultur des Vaters nur eine Gehirnathletik, die Herbert Grünbaum im letzten schon recht karnevalistischen Akt auch mächtig ausspielte. Mit einem so guten Schauspieler wie Siegmund Nunborg ist der verlorene Vater von drei Kindern eine sichere Sache, mürrisch, reizbar, cholerisch, von der Leber aus, aber vom Herzen aus doch gut und liebebedürftig; Nunberg läßt es auch nur leise und nicht zu früh schlagen. Auch die verlorene Frau bekennt sich nach vielem Tintevergießen zu ihrem Herzblut, sehr fein und vielleicht sogar zu fein mit Lilli Kann. Diskretion ist Ehrensache, aber sie soll keinen daran hindern, daß er die positive Lustigkeit mitverstärkt. nie wissen“ Ucbcrmut, keck einsetzend und auch durchhaltend, hatte das junge Zwillingspaar von Ellen Moses, einem begabten und sehr reizenden Persönlichen, und von iose Ernesto Levi, V י isP’AX' Walter Herz (ür. Valentin) und Ruth Mannheimer (Gloria) Foto; Kilroler der früher mit Künstlernamen Ernst Lenart hieß. Jener Ernst Lenart schien manchmal nicht gut geführt, noch mit Rückständen in deiner Erziehung; dieser Jose Ernesto Levi ist ausgezeichnet, mutwillig, erfinderisch, und es soll der Name eines charmanten Komikers werden. Sehr rechtschaffen ein philiströser Anwalt von Martin Brand. Etwas zu jugendlieh, aber sehr liebenswürdig und wie immer sympathisch der Zahnarzt von Walter Herz (früher Hertner). Der Zahnarzt bekommt die etwas ältere Tochter Gloria, als Erzichungsprodukt ihrer Atuttcr erst verschroben, literarisch verdorben, bis sie durch einige Küsse und ein erwachendes Frauengefühl kuriert wird. Ruth Mannheimer gibt diese bekehrte Precieuse ridicule des 20. Jahrhunderts. Sie ist noch besser als ״Ruth Reimer“, die vordem beim Kulturbund ähnliche Rollen spielte. Das war ein Muster ganz leiser und doch ergiebiger künstlerischer Feinheit, mit der man eine ernste Entwicklung auf komische Wirkungen bringt. Alles, was gut ist, was aus dem Menschlichen kommt, bringt un- Versehens Associationen herbei; ich mußte an den schönen Vers von Theodor Storm denken: ״Die holde Scham ist nur empfangen, daß sic in Liebe sterben soll.“ Hold sein und weiblich sein trotz einem verstockten Inneren, dabei sehr spitzig, sehr witzig in jeder Aeußerung, das ist schon ein feines Stück Arbeit. Ich mache die erfreuliche Feststellung, daß alle Darsteller besser gespielt haben als sonst, und mache dafür Fritz Wist en verantwortlich, der auch zum Schluß mit Recht gerufen wurde. Ich denke, daß eine kleine, fast französisch anmutende Neigung, seine Figuren bei großen Aussprachen Willy Prager (Kellner) und Siegmund Nunberg (Mac Naughtan} Foto: Abr.w im Halbkreis aufzustcllen, nicht zur Gewohnheit werden so!!. Sonst waren sie alle famos geführt, zu einer Munterkeit angehalten, die nie aussetzte und die vor allem nicht aufsetzte, sondern aus der Sache seihst kam. ln schöner Uebereinstimmung mit dieser zugleich treibenden und halteiiden Regie das übermütige Kostüm und die Dekoration von Heinz Gondel 1. Arthur Eloesser Eine Theaterbibliothek für die Habimah Von Margot Klausner In diesen Tagen soll das Habimah-Hatis in Tel-Awiw in seinem Rohbau den Bauunternehmern übergeben werden. Mit der tatsächlichen Bauarbeit bekommen alle Projekte, die irgendwie mit dem Bau Zusammenhängen, reale Formen. Zu diesen alten Plänen, die bisher niemals ihre Verwirklichung finden konnten, gehört auch die Theaterbibliothek der Habimah. Die Situation der Habimah ist weitaus schwieriger als die irgendeines Theaters in Europa. Nicht nur, daß den anderen Künstlern, Malern und Regisseuren hier sämtliche Museen und Bibliotheken zur Verfügung stehen, aus denen sie Anregung für ihr Schaffen finden können, so haben sie doch außerdem noch immer die Möglichkeit, andere Theater, andere Schaffcnskreisc zu sehen und mit ihnen in Berührung zu kommen. Es ist ja bekannt, wie stark Künstler — und besonders so publikutnsnahe wie Schauspieler — den Austausch der Ideen und Anregungen brauchen. Unter dein Mangel einer breiten Theateratmosphüre litt die Habimah lange und wünschte immer, wenigstens einen Teil der nötigen Kräfte aus dem Studium von Büchern, Bildreprodukti 0 n en dramatischer Literatur usw. zu schöpfen. Jetzt mit dem Beginn des Baus wird auch dieses Werk — die Theaterbibliothek — begonnen und erweitert werden. Die Gebiete der Bücher, die in erster Reihe in Frage kommen, sind folgende: aus allen Ländern und Sprachen —Architektur, Dramatik, Dramaturgie, Geschichte, Hausrat und Möbel, Kostmngeschiehte, Kunstgeschichte. Malerei, Mode, Ornamcntgcschichtc, Plastik, Reproduktionen von Kunstwerken, Schöne Literatur, Sitten- und Kulturgeschichte,. Theaterdoku mente und Zeitschriften, Theatergeschichte, Schau- Spielerbiographien und Photographien. Die Habimah wendet sich nun an alle Freunde des Hebräischen Theaters und an alle Verleger mit der Bitte, dieser entstehenden Theaterbibliothek Bücher der genannten Gebiete zw Verfügung zu stellen. Ais Sammelstelle fungiert die Zentralsammelstelle für die Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Meinekcstr. 10. Es ist selbstverständlich, daß die Bücher später allen Interessentenkreisen sowie den Lesern der anderen großen Bibliotheken durch Kataloge zur Verfügung gestellt werden. _ Susage in 3 Stunden _ Ketlf• I. und II. Hypothekenbriefe auf Berliner Mietshäuser. Erledige dazugehörige devisenrechtliche Durchführung Stephan Aal, immoMiien, Jigerstr.12 / Ai 1820 Leon Scheinhaus Vor kurzem erst konnten wir ihm zu seinem 70. Geburtstag gratulieren. Nun erhalten wir aus Memel die Nachrieht, daß er am 3. Dezember nach kurzer Krankheit dort cstorben ist. Mit Leon Scheunhaus ist eine der wenigen crsönliclikeitcn dahingegangen, die das westliche Judentum noch unmittelbar mit der grollen Epoche der Haskalah verbanden. Scheinhaus nahm bis in seine letzten Tage de!! reg sten Anteil an allen jüdische» geistigen und Wissenschaft■ liehen Dingen. Kaum ein Ar tikel über einen Gegenstand der hebräischen Literatur der letzten hundert Jahre konnte in der ״Jüdischen Rundschau״ erscheinen, ohne daß Leon Sclicinhaus aus dem großen Schatz seines Wissens und seiner Erinnerimgen irgendeine ergänzende Bemerkung zu machen gehabt hätte, die er uns darin stets mitteilte und die wir zmn Teil in unserer Rubrik ״Briefe an die Redaktion“ an unsere Leser Weitergaben. Auch an der hebräischen Publizistik hat Scheinhaus bis in die letzten Tage seines Lebens teil genommen. So z. B. hat er noch in der vorigen Woche für die hebräische Wochenschrift 1״ laol.uu“ (London) einen Aufsatz geschrieben. Diese Lebendigkeit lind Regsamkeit, rin ungebrochenes Interesse und die nie abschwächemle jüdische nationale Begeisterung haben dem Verstorbenen eine Resonanz verschafft, die ihm noch in seinen letzten Lebensjahren, als das äußere (duck ihn verlassen hatte, eine Genugtuung sein konnte. 111 Figuren wie Leon Scheinhaus ist die Kontinuität und das Einheits* bewußtsein des jiidisehen Volkes verkörpert gewesen. Wir werden ihm ein ehrendes und dankbares Andenken bewahren. Foto-Archir IN ALLER KURZE König Georg II. von Griechenland hat eine Abordnung, bestehend aus dem ()berrabbiner l)r. Zwi Kor e t z, dem Vorsitzenden der Jude-elien Gemeinde Saloniki, Leon Gattegno, und dem Yi/evorsit/cinle11 llaimachi Collen, empfangen. Als 1!ihrer der Delegation brachte der Oberrabbiner vor dem König die l.oyalitiisgefnhle der gesamten jüdischen Bevölkerung de•. Landes /um Ausdruck. In seiner Antwort sprach König Georg II. den Dank für das ihm von der jüdischen Bevölkerung entgvgengebraehtc Vertrauen aus und forderte den < )berrabbiner .auf, der gcsamten jüdischen Bevölkerung seine (mit׳״ mit der Ver- Sicherung herzlicher Geneigtheit zu übermitteln. In einer Pressebespreclumg betonte der < ieiicralsekretär der litauisch en Nationalen Front (Regierungspartei), daß die Partei an dem Grundsatz der (ileichberechtigung aller Bürger Litauens fest halte und daher der Ansicht sei, daß eine Kampaffne gegen bestimmte Nationalitäten nicht zugclassen werden dürfe. Der Antisemitismus müsse aus dem öffentlichen Leben Litauens verschwinden. In der Carnegie Hall in New York fand eine von der Free Synagoge und dein American Jcwish Gongress veransfaltete Gedenkfeier für den vor kurzem verstorbenen Vorsitzenden der Ncw-Yorker Stadtverordneten Versammlung Bernhard S. Deutsch statt. Der Ncw-Yorker Bürgermeister, Fiorella La Guardia, Stephen S. Wise, Louis Lipski und Horace Allen hielten Ansprachen. Der polnische Außenminister Beck empfing den Direktor des Keren Hajcssod, Leib J a f f e, in einer längeren Audienz. Der Minister zeigte grobes Interesse für die Ausführungen jaffes über die Lniwicklung des Palästina-Werks und sagte die Unterstützung der polnischen Regierung für die jüdischen Bestrebungen zur Schaffung eines Nationalheiins in Palästina zu. In einer vom Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation Polens in NX' a r s c 11 a 11 cinbenifenen Konferenz aller zionistischen Gruppen Dt nach einer Ansprache des Direktors des Keren Hajcssod, Leih |affe, /um erstenmal mich drei Jahren die Proklamiert!!!״ einer gemeinsamen Keren-Hajessod-Aktion aller Parteien in Form eines Kerennajessotl-Monats beschlossen worden. Bei den Wahlen zur W a r s c 11 a ti e 1׳ A 11 v o I; a t 1׳ n ■ k 3 in in c r hat die nationatdeim!kräuseln• l iste rauen Sieg über die Liste der R cg 1 e 1־ u n g s a 11 hn g e r errungen. In die Leitung der Kammer wurden fünf Nationaldemokraten und ein Jude gewählt. Von der Aachener Ersten Grollen Strafkammer wurde, wie der ״Westdeutsche Beobachter“ in! kl! tc, ein -b) Jahre alter Jude aus Brüssel, der aber deutscher Staat-,!!!gehöriger war, wegen R a s s e s c h ä 1! d ה n ״ zu ר Monat! :1 < iefängniis verurteilt. Der Angeklagte war geständig mul hatte zu seiner Verteidigung hervorgebracht, er habe von item neuen Gesetz keine Kenntnis gehabt. Die Strafkammer i!1 Frankfurt a. M. verurteilte einen 30jährigen geschiedenen arisch cn A n ״ e k 1 a g t e n wegen Rasseschäudung zu eineinhalb Jahren Zuchthaus. Der Angeklagte unterhielt seit ihi 1 Be/1elmngen zu einer 40jährigen verheirateten Jüdin und setzte diese Beziehungen auch noch nach dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 15. Scpfernher 1035 in der früheren Weise fort. |)ie Jüdin wurde, wie aus einem Bericht des ״Frankfurter Volksblatfcs“ hervorgeht, in S c 11 ti t z h a 11 genommen. In der ßockenheüiier Anlage in Frankfurt a. M. wird, wie das ״Berl, Tageblatt“ vom •!. 12. berichtet, zur Zeit der Sockel eines B ö r n e -1) e 11 k m a 1 s abgetragen, nachdem die Büste selbst schon vor einiger Zeit zerstört worden war und entfernt werden mußte. Aus einer Mitteilung der Frankfurter Medizinisehen G c s e 11 s c 11 a f t geht hervor, daß in Zukunft die Berechtigung zur Mitgliedschaft zu dieser Gesellschaft aut arische Acrztc beschränkt ist. Wie das Völkcrhumissekretariat bekamiigiht, wird die nächste Tagung der M a ת d a t s k o m!11 i s s j o n des Völkerbundes am 27. Mai lö)6 eröffnet werden. in Warschau ist die ESI•} geborene, somit 121 Jahre alte Frau Henie Mirjam S z w y c l a gestorben. Sic war die älteste jüdische Frau und vermutlich die älteste Frau überhaupt in Holen. Obwohl sie bei ihrer jüngsten Tochter, einer 75jährigen (jcfliigelliiimllerin, in kümmerlichen Verhältnissen lebte, war sic bis in die letzten läge gesund und rüstig. Der Vorsitzende des Keren Hajcssod in Italien. Guiseppe Sinigaglia, wurde zum Ritter des Ordens der Krone Italiens ernannt. ► Schmuck-Uhren + Gold<•Silber Imren Juwelier 3elmünte& lHI? i