Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 98 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seif# 2 JÜDISCH E RUNDSCHAU Nr. 98, 6. XII 1935 der letzten Zeit dort beginnende geistige Gärung ausführlich berichtet (vgl. die Aufsätze unseres amerikanischen Mitarbeiters Ernst Kahn). Das öffentliche Leben der Juden Amerikas steht seit Jahren zum großen Teil im Zeichen von Geldsamnilungen — nicht ihre Schuld, sondern eine Folge der Bedürftigkeit des jüdisehen Volkes in allen Teilen der Welt! Aus der Fürsorge für die so hart mitgenommenen Juden in den Kriegsgebieten entstand die machtvolle philanthropische Organisation, die unter dem Namen ״American Joint Distribution Committee“ (abgekürzt einfach ״Joint“ oder JDC genannt) bekannt ist, dessen Leistungen für die Juden Osteuropas auch der anerkennen muß, der nicht mit allen Prinzipien der Joint-Arbeit zu allen Zeiten einverstanden war. Die nichtzionistiscben Führer der Joint- Gruppe, vor allem der verstorbene Marshall, Felix Warbürg u. a., wurden durch Dr. Weizmann dem Palästinageclankcn nahegebracht und schlossen sich der erweiterten Jewish Agency an, die 1929 konstituiert wurde. Ob diese Form sich bewährt hat oder nicht, soll hier nicht erörtert werden, ebensowenig kann die Wechselvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Zionisten und Joint in Amerika jetzt geschildert werden. Aber in den letzten zwei Jahren, unter dem Eindruck der jüdischen Katastrophe in Deutschland, hatte sich eine neue Form der Kooperation angebahnt, indem die Geldsammelaktionen des Joint mit denen für Palästina zu einer einheitlichen Kampagne kombiniert worden waren. Das Ergebnis dieser Sammlungen, das bei weitem nicht mehr an die Ergebnisse früherer Jahre heranreichte, wurde nach einem bestimmten Schlüssel zwischen den beiden zentralen Saminelbiiros verteilt. Die Leistungen für Palastina waren freilich in den letzten Jahren völlig unzulänglich und deckten keineswegs den vorgesehenen Budget-Anteil. Die Gemeinsamkeit zwischen Joint und Palästina- Drive ist in diesem Jahre wieder aufgelöst worden. Beide Organisationen werden unabhängig voneinander an das Volk appelliere«, und die ,,American Palest ine Campaign“ (APC) wurde am letzten Sonntag durch eine Konferenz aller für Palästina interessierten Verbände in New York eingeleitet. Fine Vereinheitlichung von Sammlungen bietet bei dem notwendigen Egoismus der Einzel/wecke immer große organisatorische Schwierigkeiten, und auch inner 11 alb des Palästina-Drives ist nicht alles in Ordnung. Man hört, daß Miß Szold, die von allen verehrte und respektierte Führcrin des amerikanischen Zionismus, sich aus Palästina nach Amerika begeben wird, um einen zwischen den dortigen Zionisten und der Frauenorganisation Hadassah entstandenen Streit zu schlichten. Wir hoffen, daß Miß Szold diese Friedensmission gelingen wird; über der Rivalität von Organisationen, Büros und Geldsammlern steht die Einheitlichkeit der 1 dee. Wir würden uns auch nicht w undern, wenn zwischen den Sammlern der APC und denen des Joint hier und da Streit ausbrechen würde; das sind zwar bedauerliche Dinge, aber Dinge des Tagesbetriebes, die wahrschein* lieh bei der Schwäche der Menschen unvermeidlich sind, Dinge zweiten Ranges, Bedenklich wild die Sache erst, wenn solche Rivalität auch Folgen in den Bezirken der geistigen Auseinandersetzung hat. Mit größtem Befremden haben wir — und wir glauben dabei für alle Juden Deutschlands sprechen zu können — die Haltung eines der prominenten Führer des Joint verzeichnet, der seiner Organisation zu nützen meinte, indem er — irn Stile von vorgestern — Palästina klein machte. Dies aber hat Rabbi Jona Wise (wohl zu unterscheiden von dem bekannten Dr. Stephen Wise), der Vorsitzende! der Campagne des JDC, voriges Jahr noch Mitvorsit/ender der damals vereinigten Sammelaktion, in einer Rede in Atlantic City getan; ähnliches können wir auch von kleineren Führern und in einem Teil der nichtzionistischen Presse hören. Voriges Jahr 11 nt Rabbi Wise in seinen Reden für den gemeinsamen Appeal auch die Redeutung und die Leistungen Palästinas gerühmt und im Namen Palästinas zum Gc-ldgcbcn aufgefordert; jetzt, nachdem die Partnerschaft beendet ist, bficht das alte Ressentiment des Antizionisten wieder durch, und er geniert sich nicht, die abgestandensten alten Argumente gegen Palästina wieder aufzufrischen. Was sich inzwischen vollzogen hat, der Einwanderungsstrom nach Palästina und die absolute Unfähigkeit (wir sagen das bedauernd, nicht tadelnd) der anderen Juden, andere Zufluchtsstatten zu öffnen, dies alles wird ignoriert. Aus Mangel an positiven Argumenten glaubt Rabbi Wise anscheinend zu dem altbewährten Rezept des Kritisiere!« des Wer- :11 zu müssen. Das Organ der nisten ״The New Palestine“ fragt JDC, dessen Programm ״mit einem Ischan und mit dem anderen Auge eit“, seinen Drive dazu benützen will, um eine Attacke gegen Palästina und den Zionismus zu führen? Wenn dies der Fall war«, dann hätte das jüdische Volk in Amerika zu entscheiden, ob cs das dulden will. Denn der Joint ist schließlich nicht die private Domäne einiger Herren, sondern eine Volksorganisation, die sich ans Volk wendet. Noch keine Ruhe in Polen Schwere Ausschreitungen Im Radomer Bezirk — Viele Verletzte — Energisches Vergehen der Behörden gegen die Antisemiten Warschau, 2. Dezember. (JTA.) Die jüdischen Studenten, die einige Tage den Vorlesungen an der Universität in Posen fern geblieben waren, sind, als sic am 2.Dezemher das Univcrsitätsgebäude wieder besuchten, von nationaldemokratischen Studenten abermals hinausgedrängt worden. Zahlreiche jüdische Hörer der medizinischen Fakultät wurden mißhandelt, ln dem Laboratorium des Professors Jurasz, der sich der jüdischen Studenten angenommen hatte, wurden die Fensterscheiben zertrümmert. Bei einer Tagung der Polonisten in Posen, zu der Vertreter aller Universitätszentren des Landes erschienen waren, sollte auch das jüdische Mitglied der Warschauer Delegation, David H offenstadt, einen wissenschaftlichen Vortrag halten. Der Vortrag wurde jedoch durch einen Tumult natioualdemokratischer Studenten verhindert. Die Warschauer Delegation hat daraufhin die Tagung verlassen. Nach Warschau zurückgekehrt, veröffentlichte die Dclcgation in der Zeitung ״Nasz. Przcglad“ eine Erklärung, in der sie gegen das ״beispiellose“ Vorgehen der Nationaldemokraten protestiert und auf die Notwendigkeit hinweist, die Unabhängigkeit der Wissenschaft gegen Gewalt und Terror zu verteidigen. Die Erklärung ist von sämtlichen Mitgliedern der Delegation, vier Nichtjuden und einem Juden, unterzeichnet. Das Disziplinargericht des Senats der Warschauer Universität hat den Studenten Jan Baranski, der eine aufreizende antisemitische Rede gehalten hatte, auf ein Jahr relegiert. Die Rektoren der vier Warschauer Hocbschulen, der Universität, des Polytechnikums, der Handelshoch־ schule und der Landwirtschaftlichen Hochschule, haben die Wiedereröffnung der Hochschulen am 3. Dezember angelnindigt. An die akademische Jugend richten die Rektoren den Appell, Ruhe und Ordnung zu wahren, Gewaltakte unbedingt zu vermeiden. lieber die judeufcindlichcn Unruhen im Gebiet von Radom liegen jetzt genauere Einzelheiten vor. Der 66jährige Monisch Poznanski, der in einem Radomer Krankenhaus den erlittenen Verletzungen erlegen ist, gehörte zu einer Gruppe von zehn Juden, die wie die gesamte übrige jüdische Bevölkerung aus der Ortschaft Kluow bei Odrzywol am Freitag abend geflüchtet waren, um in Radom Schutz zu suchen, nachdem am Donnerstag und Freitag in den kleineren Ortschaften des Radomer Bezirks immer wieder Ueberfälle auf die jüdische Bevölkerung verübt worden waren. 'Auf dem Wege nach Radom wurde die Gruppe von Nationaldemokraten überfallen, 4 Personen wurden schwer verletzt nach Radom ins Krankenhaus gebracht. In Pszytik wurde die jüdische Bevölkerung terrorisiert und mißhandelt, ln Odrzywol hatten sich die Juden in ihren Wohnungen verbarrikadiert. Nach Verhaftung des Haupthetzers ist Ruhe eingetreten. Ein von außerhalb eingetroffencr Poli/eitrupp hält die Ordnung aufrecht. In Przysucha wurden 13 jüdische Marktständc demoliert und die Waren geraubt; zahlreiche jüdische Kaitlleute wurden mißhandelt. Eine Delegation hat sich nach Warschau begeben, um Schutz zu verlange«. Die Polizei schritt überall energisch ein. In Warschau fand eine Konferenz jüdischer Studenten von allen Universitäten Polens statt, die sich mit der Entwicklung der Verhältnisse an den Hochschulen in letzter Zeit und mit den antisemitischen Ausschreitungen befaßte. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Vorbedingungen für die Wiederherstellung des Friedens und die Aufrechterhaltung der Ruhe an den Hochschulen dargelegt sind. Nach ein gellender Beratung mit den jüdischen Parlamentariern haben die Vertreter der jüdischen Studentenschaft beschlossen, dem Bildungsministcr in einer Audienz ihre Ansichten über die Voraussetzungen für die Wahrung der akademischen Freiheit und Ruhe vorzutragen. Es ist sehr unerquicklich für uns, zu all unseren Sorgen noch von diesen Kontroversen zu hören, besonders wenn man bedenkt, daß die Campagne erst am Anfang stellt. Die Juden Deutschlands erwarten von den Juden Amerikas brüderliche Hilfe. Wie die Dinge nun einmal liege«, kann ein großer, wahrschein־ lieh der größte Teil dieser Hilfe nur in der Form geboten werden, daß Palästina aufnahmefähig gemacht wird für die Scharen der jüdischen Einwanderer, die an seine Tore pochen. Dies stellt u n g e ־ heure Anforderungen an Men sehen kraft und auch an Geld, aber es ist immer noch realer als die Urbarmachung von Ländern, die man erst suchen gehen muß. Gewiß müssen alle Einwanderungsmöglichkeiten erschlossen werden — davon war in der ״Jüdischen Rundschau“ gerade in den letzten Tagen anläßlich der Genfer Sitzung der Auswanderungs-Experten genügend die Rede -־; aber niemand hat das Recht, um solcher Pläne willen die Palästina-Sache zu attackieren. Die Sammelaktionen in Amerika werden mit der Parole ״Hilfe für die deutschen Juden“ durchgeführt. Die deutschen Juden protestieren dagegen, daß gewissermaßen in ihrem Namen solche Reden gehalten werden, wie die von Rabbi Jona Wise. Die deutschen Juden aller Parteirichtungen stehen heute hinter dem Palästina-Werk, das hat sich gerade in den letzten Wochen bei vielen repräsentativen Kundgebungen und Veranstaltungen gezeigt. Diese Tatsache müssen auch unsere Brüder jenseits des großen Meeres zur Kenntnis nehmen. Die Opfer dieser Zeit dürfen nicht vergeblich gewesen sein. Das Judentum Deutschlands appe11 iert an die amerikanischen Juden, unzeitgemäßen Streit zu lassen. Wir wären ein!deines Geschlecht, wenn selbst unter der Wucht so gewaltiger Erlebnisse jüdische Führer es sich nicht über sich brächten, sich selbst zu bezwingen und die kleinliche Parteisuclit in ihrem Innern zu überwinden. Der Weg von Jona Wise kann nicht der Weg der amerikanischen Juden sein. T/YLüur\ SckmJJ'ZU Anläßlich des CHanukkah- Testes (21.-28. Dez.) ver •öffentlichen wir zur Unter- Stützung der Firmen, die Chanukkah - Geschenke an hieteo, eine Semder-Rubrik in den nächstes Ausgaben 100 (Freiing. 13. Dez.) 101 (Dienitsg.17. Dez.) 102 (Freiing. 20. Dez.) תנכה mii Kurt Blumenfelds neues Amt Leiter der Universitäts-Propaganda Wie uns aus Jerusalem gemeldet wird, hat die Verwaltung der Universität Jerusalem Kurt Blumenfeld für die Leitung eines Departments für Propaganda und Organisicrung der Freunde der Universität gewonnen. Blmnenfeld tritt damit an eine neue Aufgabe heran, die große Perspektiven eröffnet. Das Interesse der Judenscliaft der ganzen Welt hat sieh gerade in der letzten Zeit der Universität Jerusalem in steigendem Maße zugewandt. Der ständige Ausbau dieses Instituts, die dort einer Anzahl jüdischer Gelehrtet• von Weltruf gewährte Gastfreundschaft, sowie die Tatsache, daß auch der Studierbetrieb immer mehr erweitert wird, so daß jetzt schon an dieser jungen und unvollendeten Universität zahlreiche Studenten, die in ihren Wohnländern nicht!«ehr zugelassen, werden, lernen können, — alle diese Umstände haben auf die jüdische Öeffcntlichkeit einen großen Eindruck gemacht. Die Universität ist aber bekanntlich darauf angewiesen, sich aus eigenen Mitteln zii erhalten. Die für sie in der ganzen Welt bestehenden Sympathien in Gestalt eines Freundeskreises, der als aktiver Träger der Universitätsarbeit und ihres Budgets in Erschcinung tritt, zu organisieren, ist eine große Aufgabe, und es wird gewiß von allen Freunden der Sache begrüßt werden, dab Kurt Blumenfeld sich ihr in Zukunft widmen wird. Wie wir hören, wird Blumenfeld sich in Ausübung seines neuen Amtes demnächst auf eine längere Reise durch mehrere Länder Europas begeben. Ausländer-Arbeit in Holland Unser Haager ff-Berichterstatter schreibt: Wie sich die Niederlande auf wirtschaftlichem Gebiete immer zu der Tradition der offenen Tür bekannten, so haben sie auch stets die Tradition der Gastfreiheit gepflegt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten aber, von denen auch dieses Land nicht verschont gehlieben ist, und die ihren beredten Ausdruck in den ständig anwachsenden Ziffern der Arbeitslosen finden (der Reichsdienst der Arbeitslosen- Versicherung führt Ende Oktober 374 520 Arbeitslose auf gegen 321003 in der gleichen Zeit 1934 und 203 293 in 1033) haben zu Schutzmaßnahmen geführt. Nach dem Gesetz vom 16. Mai 1934 wurde die Verrichtung von Arbeiten durch Ausländer von einer besonderen schriftlichen B e w i 11 i - gung abhängig gemacht, und die Betriebe, für die eine Arheitsbewüiigung notwendig ist, wurden inzwischen auf etwa 80 ausgedehnt. Daß die Leitung des Reichsdienstes der Arbeitslosenversicherung als zuständige Behörde bei der Handhabung des Gesetzes großzügig verfahren ist und den besonderen Umständen bei Prüfung der einzelnen Fälle Rechnung getragen hat, geht aus der Tatsache hervor, daß 37 771 Bewilligungen nur 1812 Abweisungen gegenüberstehen, während in 509 Fällen die Verlängerung von erteilten Bewilligütigen verweigert wurde. Das neue Gesetz, das soeben in der Zweiten Kammer behandelt wurde, sieht eine Verschärfung der bisherigen Bestimmungen insofern vor, als von jetzt ab jede Arbeitsbewilligung nur für einen bestimmten Zeitraum erteilt werden darf, und daß die Bewilligung Vorbehalte enthalten kann, nach denen sich der Arbeitgeber zu richten hat. Im Laufe der nächsten Monate sollen außerdem die Betriebe, für die Ausländer Arbeitsbewilligungen nachsuchen müssen, um weitere vermehrt und sogar auf die Haushaltungen ausgedehnt werden. Da die Arbeitsheschränkung in einigen Gewerben und Berufen vielfach zur Selbständigmachung von ausländischen Arbeitern geführt hat, so ist ein weiteres Gesetz in Vorbereitung, das die Nieder- I a s s n n g von Ausländern als Gewerbetreibende und die Gründung von Betrieben regeln soll. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Weltsch, Berlin - Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewe nstein, Berlin VV 15. Anzeigenleiter u. verantwortlich für der! Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, ßcrlin-Tempclhof. Gültig: Anzeigcn-Preisliste 4 vom IS. Oktober 1935. Verlag und Anzeigcnverwalhmg: Jüdische Rundschau, Berlin W15. Mfinekestr. 10. D.-A. Not. 38 278. — Druck: Siegfried Scholem, Bln.-Schöncberg. Sachgemäße u. schleunige Durchführung Ihrer AUS W ÄNDERUNG nach Generalrepräsentanz in HAIFA Dipl.-Kaufmann Dr. Paul Sctmurmacher HOUSE JEWISH CHAMBER 0»' COMMERCE Halt•,!>. O. B. 2« . Telefon 197 Amtsger.-Rat a. D. Dr. Aschner Ofcerreg.-Rat a. D. R. Kempner Barlln WH, Melnekestr. 9. J 1 Bismarck 2m (9'/,-13 u. 16V2-19 Uhr> VBRH06INS-II0 UlSAflONRN ♦ TRANSFBR-WROIEKTE ♦ Palästina und anderen Ländern Ei jenes Büro ln TEL-AVIV mit Dr. Jur. W. Marx, Tel-Aviv 18 Schale» Alelchem Str.» Ed!« B«n lehud» Ro*d ANIACEBIRATIINQ י