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Jüdische Rundschau · 1935-12-06 · Heft 98 (6.12.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 98 (6.12.1935)
Date
1935-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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׳ H ^חר׳י■ I I w 1)tj Nr. 98 / Jahrgang 40 Preis 25 RpL JÜDISCHE RUNDSCHAU MtUU«lhn|,VuU| a. Anxelgonverwaltungi Berll11WI5,W«l1»«fc»»tr. 10 Farnrol: Sraimri-Nr.! I Bimurck 3181782, 7165/70, 7240/42. - Berucsyr״« eiiwchL BMtellgeld j« Mon.1 RM 2,-, jo Vierteljahr RM 5,75, bei Abholunj RM 1,88 bzw. RM 5,39. — Postscheck - Konten der Vertriebe -Abteilun«: Berlin 71573 (Wir Grö* - Berlin). Berlin 17392 (für das übrige Reich), in Fällen höherer Gewalt beeteht kein Anspruch aul Nachlieiertmg oder Etetaltung etwa sehen gerahlter Bemmebühren. — Erscheint Jeden Dienstag and Freitag• Der Zionismus erslrebt für das Jüdische Volk die BERLIN י׳ כסלו תרצ״ו FREITAG, 6. DEZEMBER 1935 Gültig! AaselfeatprelulUte Nr. t. EH« 12 gespalten*» mm ־ Zeile 20 Rpf, iftr Fsmiliennachrichteo 15 Rpf. Aufnahme* von Anzeigen an!bestimmten Tagen oder Stellen und in bestimmte Ausgaben kann nicht gewährleistet werden. Gelegenheit»• anzeigen nur bei Vorauszahlung auf Pott «check Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Donnerstag 9—18 Uhr. Freitag 9 — 16 Uhr. AanahmeschluJ ftr die Dienetag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Au•• gäbe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familienanzeigen am Tag vor Erscheinen 12 Ubr) Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Die Genier Beratungen Zu dem Bericht über die Einvernahme der jüdischen Sachverständigen vor dem Genfer Völkerbunds-Komitee für A ti s w a n d e r u 11 g s f r a g e n, den wir in der vorigen Nummer veröffentlichten, ist noch folgendes zu erganzen: Der Vertreter der JCA, O u 11 g r e, verlangte, gesondertvon den übrigen jüdischen Sachverständigen gehört zu werden, was das Komitee auch bewilligte. Wie verlautet, hat er in gewissen Fragen Erklärungen abgegeben, die von denen der anderen jüdischen Delegierten abweichen. Eine der Hauptfragen, die von dem Komitee an die jüdischen Experten gestellt wurde, war die, ob sie meinen, daß die Mehrheit der jetzt in anderen Ländern bereits befindliehen Emigranten aus Deutschland von ihren jetzigen Aufenthaltsländern an andere Wohnsitze überführt werden können. Die jüdischen Experten haben geantwortet, daß nur eine kleine Minder 11 eit dieser Emigranten anderswohin überführt werden kann, während für die große Mehrheit die Bemühungen fortgesetzt werden müssen, ihnen Aufenthalts recht und Arbcitscrlaubnis in den Ländern, wo sie sich jetzt befinden, zu verschaffen. Nach einem Bericht der ״Palcor“ soll jedoch der Ica-Direktor Oungrc auf diese Frage geantwortet haben, es bestehe die Möglichkeit des Weitertransports. Eine weitere wichtige Frage des Komitees bezog sich auf die künftige jüdische Auswanderung aus Deutschland. Es wurde die Frage gestellt, welches Ausmaß von Auswanderung von den jüdischen Organisationen bewältigt werden könne. Die Antwort der jüdischen Vertreter ging dahin, daß man eine Auswanderung von 18000—20000 Personen jährlich unterzubringen hoffe, wobei der größere Teil nach Palästina gehen müsse und der Rest nach anderen überseeischen Ländern. Der allgemeine Eindruck nach dem anderthalb Stunden dauernden Verhör der gemeinsam aus Vertretern aller jüdisehen Organisationen zusammengesetzten Delegation, deren Wortführer Dr. Bernhard Kahn war, ging (nach ״Palcor“) dahin, daß die Mitglieder des Komitees ein großes Verständnis für die Probleme an den Tag legten. Außer den jüdischen Sachverständigen wurde noch eine ganze Reihe von niehtjüdisehcii Sachverständigen gehört, und zwar die Vertreter der einzelnen Emigrann-n-Hilfskoinitees verschieden er Nationalität. In den vorigen Bericht in Nr. 07 hat sich ein Druckfehler eingeschlichen. Es heißt dort, es seien dem Komitee 500 Projekte in bezug auf die Auswaiidcrimgsregelung vorgelegt worden; richtig soll es heißen: 50 Projekte. Wir finden, daß auch das schon reichlich genug ist. * Genf, 4. Dezember. (JTA.) Die Kommission hat in ihrer Abendsitzung vom 2. Dezember zwei nichtjüdische Fachleute, Prof. Keller vom europäischen Zentralamt für internationale Flilfe und M. R. Lambert vom Hilfskomitee in Paris, angehört. Beide wiesen auf die Notwendigkeit hin, den Ausgewanderten internationale Pässe zu gewähren. Sodann wurde die Vernehmung von Experten a b - geschlossen. Es wurde festgestellt, daß es bei den ״Nansen-Flüchtlingen“ und den Auswanderern aus Deutschland um zwei verschiedene Kategorien handelt. Voraussichtlich wird die Experten-Koinmission auch vorschlagen, daß diese beiden Kategorien in verschiedener Weise behandelt werden. Ferner wurde die Notwendigkeit anerkannt, nicht nur den bereits Ausgewanderten, sondein auch den Auswanderern, die noch in Zukunft zu erwarten sind, Hilfe zu gewähren. Der Berieht der Kommission wird voraussichtlich Sonnabend fertiggestellt sein. Juden als Händler Bemerkangren zu euer Statistik In •dem neuen Heft der Zeitschrift ״Wirtschaft und Statistik‘* veröffentlicht das Statistisch« Reichsamt die wichtigsten statistischen Daten über die ״Glaubensjuden“ 1m L)eutsehen Reich, d. h. über die Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft, da die Rasse-Juden derzeit nach nicht statistisch erfaßbar sind. Die wichtigsten Teile dieser Statistik, mit der sich auch die ״Jüdische Rundschau1‘ schon mehrfach beschäftigt hat, werden in den deutschen Tages- Zeitungen mehr oder weniger ausführlich nachgcdruckt. Dabei ist cs für uns besonders interessant, daß eine ganze Reihe von Zeitungen schon durch die Eieberschrift oder sonstige Aufmachung dieses Berichtes den großen Anteil der Juden am Handel anscheinend zu brandmarken wünschen. Es wird immer wieder hervorgehoben, dali Juden insbesondere im Handel tätig sind, während sie sich ״mit der eigentlichen ProduktionswirtSchaft bedeutend weniger befaßten, als dem Anteil an der Bevölkerung entsprach“. Dies ist ein unbestreitbares Faktum. Aber statistische Ziffern allein besagen noch wenig ohne die soziale Begründung. Es wird oft behauptet, daß die Juden sich besonders zum Handel hingezogen füllten und andere Beruf« vernachlässigen. An dieser Charakteristik kam! etwas Richtiges sein, da die Jahrhunderte lange Gewöhnung au den Handel gewiß auch für die Eigenart der wirtschaftlichen Begabung Nachwirkungen gehabt hat. Aber angenommen, daß das gesamte jüdische Volk an einem bestimmten Zeitpunkt seiner Geschichte beschlossen hätte, den Handel aufzugeben und sich der Produktionswirtschaft zuzuwenden, was hätten die Juden dann tun sollen? Denn ihr Eindringen in die Produktion ist in den Galuthländcrn immer nur in ganz geringem Umfang geduldet worden. Wenn wir von der Gegenwart sprechen, so ist es z. B. in Deutschland nicht wegen der Abneigung der Juden gegen Produktionswirt schaft nicht gelungen, Juden auch nur m geringer Zahl in die Landwirtschaft einzugliedern, und ähnlich ist es auf anderen Gebieten. Heute müssen viele Juden ihre nicht händlerischen Berufe, die sie ausgeübt haften, aufgeben, und gerade auf nichtjüdiseher Seite kann man immer wieder die Meinung ■finden, daß der Jude nur im Handel seinen Platz, finden solle; dabei ist beisannt, d;1ß auch im Handei heute für viele Juden Schwierigkeiten der Berufsausübung bestellen. Da die Statistik sich auf das Jahr 19A3 bezieht, so mag sie sich bis zum heutigen Tage in bezug auf Teilnahme der Juden an der Produktionswirtscliaft noch verschlechter! haben. Die Tatsache, i daß Juden so stark im Handel tätig sind, ist nicht zum geringsten Teil eine Folge der geschichtlichen Erfahrung, die die Juden helehrte, daß ihnen eine Einwurzelung in den (iastiändern nicht vergönnt ist. Erst wenn diese Hindernisse beseitigt wären und auch dann noch die Juden Generationen hindurch sich auf den Handel btschränkten, könnte daraus ein Rückschluß auf die geistige Artung gezogen werden. Eigentlich müßte man hervorheben, welche Stärke darin liegt, daß trotz der Sclnvierigkeiten doch Tausende von Juden den Weg zur Landwirtschaff — wenigstens vorübergehend — beschriften haben. Der ״Westdeutsche Beobachter“ (Köln) erklärt zu dieser Statistik: ״Ihre Ergebnisse gründen sich auf der Volkszählung vom 16. Juni 1033. In der Zwischenzeit hat durch unsere Gesetzgebung ein weitgehender Umwandlungs- und Umschichtungsprozeß eingesetzt, so daß (glücklicherweise!) die Angaben heute nur mehr ,historischen’ Wert besitzen.“ Das jüdische Volk macht heute einen grandiosen Versuch, wieder in die Pr 0 d 11 k t i o n s wirts c Haft zu gelangen; es hat gelernt, daß dies nur auf eigener Scholle möglieh ist. Das ist der Sinn des Jüdischen NaUonalheims in Palästina. Seihst wenn von den heute dorthin strömenden jüdischen Massen viele noch ihre alte Berufstätigkeit im Handel irgendwelcher Art fortsetzen, viele auch gar nicht mehr umbildungsfällig sind, — die entscheidende Frage wird dort erst bei der zweiten und dritten Generation, die schon in enger Berührung mit Natur und Boden aufgewachsen ist, gestellt werden können. Pro-Palästina-Komitee im englischen Parlament London, 4. Dezember. (j.T.A.) Das Pro-Palästina- Komitee des neuen englischen Parlaments hat seine konstituierende Sitzung abgehalten. An der Sitzung nahmen die Freunde des jüdischen Palästina-Aufbaus unter den neu gewählten Mitgliedern des Unterhauses und die Palästinafreunde im Oberhaus teil. Es wurden organisatorische Fragen sowie andere Probleme behandelt, die mit der Tätigkeit der englischen Parlamentarier zugunsten der Entwicklung des Jüdischen Nationallieims in Zusammenhang stehen. Der Palästina Drive in Amerika New York, 1. Dezember. (JTA.) ln einer Konferenz, an der 1000 Delegierte sämtlicher zionistischer Gruppen teilnahmen, wurde die Eröffnung eines Zweiei 11 halb-Millionen D o 1 i a r - 1) r i v e s für Keren Hajessod und Keren Kaiemcth beschlossen. Das Erträgnis des Drives soll je zur Hälfte den beiden Fonds zugefülirt werden. Der Drive wird ini Januar in einer Versammlung proklamiert werden, die ',on einer Kommission einberufen wird, der Dr. Stephen S. w'ise, Louis Lipsky, Morris Rothenberg und David Wertheim angehören Noch keine Ruhe an den Budapester Hochschulen Budapest, 2. Dezember. (JTA.) An der Technischen und an der Wirte!laftswissciiscliaftlichen Hochschule werden die jüdischen Hörer immer noch daran gehindert, den Studien zu obliegen; es hat sich an diesen Hochschulen ein System des sogenannten ״Ahratens“ eingebürgert, d. h. es wird auf die Juden ein Zwang geübt, den Vorlesungen fernzubleiben. Unterriclitsminister Homan hat angesichts der Besorgnisse der jüdischen Techniker, sie könnten uneinbringbare Versäumnisse in ihrem Studium erleiden, erklärt, daß ihnen wegen ihres Fernbleibens keinerlei Nachteile erwachsen werden. An der Pazmany - Universität wurde eine neu vorbereitete antisemitische Kundgebung von der Polizei im Keime erstickt; 47 Studenten wurden angehalten, von denen 17 Hörer der Universität waren, die übrigen waren teils Techniker, teils Veterinäre. Ministerpräsident Julius Gö וזו bös hielt in der Stadt Vac (Waitzen) eine Rede, in der er auf die Wünsche der ungarisch christlichen Studentenschaft zu sprechen kam und für deren Recht, in wirtschaftlichen Berufen unterzukommen, eintrat. Wieder Parteigeist? Zu den Vorgängen In Amerika Die Entwicklung, die die jüdische Geschichte hn Jahre 1933 genommen hat, konnte nicht ohne Rück- Wirkung auf das innere jüdische Lehen bleiben. Worüber man staunt, sind nicht die Veränderungen, sondern die Tatsache, daß sich auf manchen Gebieten und im Bewußtsein mancher Personen so wenig geändert hat. Durch die Macht der Tatsachen ist der ideologische Streit zum guten Teil sinnlos geworden; in der praktischen Arbeit hat die große Mehrheit aller Juden das als richtig und notwendig anerkennen müssen, was sie früher verwarfen. Dies gilt nicht etwa nur für Deutschland, wo die Judenfrage nicht mehr als Spielerei für müßige Stunden behandelt werden kann, sondern bitterer Lebensernst für 11117,billige Menschen geworden ist, sondern für die Juden in allen Ländern, die die Entwicklung in Deutschland mit größter Aufmerksamkeit verfolgt haben und daraus etwas lernen mußten. Von Deutschland aus gesehen schien es zuweilen, daß auch die Juden in anderen Ländern gerade durch die Notlage der deutschen Juden zur gemeinsamen Arbeit zusammengeführt werden. Gewiß waren die Meinungen darüber, wie mau den deutschen Juden helfen soll, geteilt; aber in dem einen Punkt mußten doch notgedrungen alle übereinstimmen; daß es darauf ankomme, unzähligen Tausenden, vor allem der gesamten jüdisehen Jugend Deutschlands, einen Weg zu einein neuen Leben zu bahnen; einem Leben, das gewiß nicht bequem sein konnte, das hart und entbehrungsreich sein muöfe, aber doch Zukmiftspcrspektiven bot Wo waren solche Lebensgrundlagen zu finden? Selbst solche Menschen, die in unverbesserlichem Festhalten an einer Ideologie des 19. Jahrhunderts der Meinung waren, es gäbe keine ״Judenfrage“, sondern nur eine Frage des einzelnen Juden, dem aus Menschlichkeit und Solidarität materiell geholfen werden müsse, konnten ihre Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß in der neuen Epoche nach dem Krieg die wichtigsten Einwanderungsländer ihre Tore geschlossen haben. Als Res servoir zur Aufnahme von größeren Massen von Ein- Wanderern bleibt nur Palästina. Und die unverbesserliehen Ideologen, von denen wir sprechen, würden auch dieses Land als ״eines der Eiinvandcrtitigslämler“ gelten lassen, wenn nicht die unangenehme Tatsache bestünde, daß dieses Land zugleich das Land der Sehnsucht des jüdischen Volkes ist, jenes Volkes, das ja ,.nicht exlstiert“. Sie merken nicht, daß außer ihnen niemand inehr an der Existenz des jüdischen Volkes zweifelt und es mir darauf ankommt, wie dieses Volk aussieht und wie es sich bewährt. Es ist genug deprimierend, daß in dieser jüdischen Welten wende, die wir durchleben, noch nicht alle führenden Juden erkannt haben, daß ohne eine grundsätzliche geistige Orientierung auch unsere praktische jüdische Arbeit nicht fortgeführt werden kann; denn solche von Augenhlicksnot diktierte Tätigkeit müßte erlahmen, wenn das Volk nicht empfindet, daß cs um Dinge des ewigen Sinnes geht Daß durch mehr als drei Jahrzehnte nur die Z i onisten es waren, die unermüdlich für den Gedanken eines Neuaufbaus jüdischen Lebens in Palästina, lim des im Galuth gefährdeten Judentums und um der im Galuth gefährdeten Juden heit willen, eintraten, und daß an den Streit um diese Idee sich die Partei- Scheidung im jüdischen Volk anknüpfte, hat die eigentiimliche Erscheinung zur Folge gehabt, daß die in diesen Jahrzehnten herangewachsenen jüdischen Führer auf Parteimcinungen eingeschworen sind, die ihnen zur zweiten Natur wurden. Auch vvenu alles sich ändert, — die mit dieser Parteifixiening verbundenen Gefühle und Ressentiments sind anscheinend nicht zum Verschwinden zu bringen. Sie sind eines der Haupthindernisse einer konstruktiven und fruchtbaren jüdischen Arbeit in dieser Zeit, — einer Zeit, in der ein jüdisches Versagen weit schwerere Folgen hätte als jemals. Wir haben in Deutschland schmerzliche Beispiele dieser Art erlebt. Wir sehen unter den Juden anderer Länder etwas Aehnliches. Mit großem Befremden verfolgen wir Juden h* Deutschland manche jüngsten Erscheinungen des jüdischen Lebens in Amerika. Die amerikanischen Juden sind zahlenmäßig die stärkste Gnippe des jüdischen Volkes, 5 Millionen Menschen, lebend in einer Sphäre politischer Freiheit und großer ökonomischer Möglichkeiten. In der ״Jüdischen Rundschau“ wurde über Struktur und Lebensweise der amerikanischen Juden und auch über die in

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