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Jüdische Rundschau · 1935-12-03 · Heft 97 (3.12.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 97 (3.12.1935)
Date
1935-12-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 07 3. XII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Ein Vorwort Zu Rilkes 60. Geburtstag / 4. Dezember Wenn wir einige Worte dem 60. Geburtstag eines (vorgtorbenen) Dichters widmen, der kein Jude ist, so glauben wir dazu berechtigt zu sein, weil dieser Dichter nicht nur für viele Juden des ersten Mertels dieses Jahrhunderts (uml auch später noch) eine künstlerische Bereicherung bedeutete, sondern weil er in einem besonderen!Maße repräsentativ ist l'iir eine — Ober das nur Acsthetisclie weit hinausreicliende — Erlebnis-Sphäre, die in den entscheidenden Jahren die Entstehung, Vertiefung und Lehensweite der jüdischen 11cnaissance in Westeuropa initgefornit hat. Rainer Maria Rilke war auch durch verschiedene äußere Bande mit jüdischen Dingen and Menschen verbunden. Eine Reihe seiner Gedichte, besonders aus der frühen Zeit, bebaudein jüdische Motive, die er aus der Bibel, zum Teil aber auch aus unmittelbaren Eindrücken in seiner Vaterstadt!,rag und der damit verbundenen Sagenwelt geschöpft hat. Rilke stand — wohl in allen Perioden seines Lebens — mit Juden in Beziehungen, wenn auch seine entscheidenden und wirklich tiefgehenden menschlichen Berührungen nicht jüdidisclie waren —, mit Ausnahme der Bibel, die er immer mit sich führte und von der er sagt, daß sie ihm zu den unenlhehrliehen Büchern gehört. Aber nicht von dieser bewußten Vcrbindung mit Jüdischem soll hier die Rede sein, sondern von der dem Dichter gewiß nicht bewußten und von ihm nicht beabsichtigten Wirkung auf eine junge jüdische Generation, die in jener Vorkriegszeit einer sieh immer stärker vom (leistigen entfernenden, im Triumph der Technik niecliauisierleu Well, zugleich erfaßt schon von der imheil-almenden, müden Haltung eines überfeinerten Weltgefühls, sich selbst zu finden, auszog. Es war Sehnsucht nach L e b e n, nach dem Unerschöpfliehen, das nur aus dem Urgrund strömt; in diesem Suchen nach dem Urgrund, den aucli ein äußerlich verstandener!Nationalismus — die ״letzte Nationalitätenfrage“ des abgeschlossciien 19. Jahrhunderts! ~~ nicht überzeugend gehen konnte, waren einige Dichter da, die halfen, eine innere Welt zu finden. Es wäre ein .Selbstbetrug, wollten wir behaupten, daß der jüdische Nationalismus, wie er in diesem ersten Viertel des Jahrhunderts in Westeuropa entstanden ist, nur aus Ursprunglieh ״jüdischen“ Quellen herstammte. Zu eng war die Vorbindung mit der umgebenden Kultur, zu sehr war die Bildüng eins geworden; aber die Erolicrung seelischen Neulands und die Erfassung allgemeiner Ideen befruchtete auch das eigene volkhafte Sein. Es mußte nur die Erkenntnis entstehen, daß das Große, was an Menschlichem sich in den erwachenden Seelen regte, auf das Eigene, das Jüdische, angewandt werden muß, und daß mit dem großen und verhängnisvollen Irrtum der vorhergehenden Generation, die vor lauter Begeisterurig für das andere das Eigene verlor, gebrochen werden muß. Und die Menschen, die aufnehmen wollten, lehrte Rilke den Weg zu religiösem Empfinden und Innerlichkeit, den der ״aufgeklärte“ Intellektualismus verloren hatte. Tn den später veröffentlichten ״Briefen an einen jungen Dichter“, dem in den letzten Jahren wohl am populärsten gewordenen Buch Rilkes, sagt er ungefähr: Wenn der Alllag Ihnen arm erscheint, klagen Sie ihn nicht an —, klagen Sie sich an; und wenn Sie selbst in einem Gefängnis wären, auch dann noch hätten Sie!len Reichtum Ihrer inneren Welt. Reifen und geduldig warten — dies gilt gewiß nicht nur für den Künstler, sondern für alles organisch wachsende Soelentum. Es war die Zeit, in der Marlin Buber seinen Ruf ,,Von innen!“ erschallen ließ. Und viele junge Juden, die es damals hörten, verstanden, daß durch äußeres Tun und durch Politik oder Organisation, so wichtig dies alles auch sein mag, keine schöpferische Fruchtbarkeil, kein Blühen und Werden eines A'olkes, also auch nicht die Wiedergeburt des jüdischen Volkes und des Judentums kommen könne, sondern nur durch jenes unsagbare und ungewaltsamc Erwachen und Keimen, das ein langer Prozeß ist, für den manche Gedichte von Rilke mehr gewirkt haben als grobdeutliche Aufforderungen. Auch die Wiedergeburt eines Volkes kommt aus der Gcfiihlsspliäre, und so, wie wir unseren eigenen jüdischen Dichtern Unendliches verdanken — etwa Beer-llofinanns ״Scblaflied für Mirjam“ — und in anderem Sinne natürlich der (den Westjuden freilich damals fernliegenden) hebräischen Dichtung, so soll einmal auch ausgesprodien werden, daß wir Aelmlidies und vielleicht noch Stärkeres von manchem ״Adopüv-Dicliler“ empfingen, und zu ihnen gehört Rainer Maria Rilke, der heute CO Jahre alt geworden wäre. Oh er selbst etwas davon ahnte, wissen wir nicht, und es ist auch unwesentlich. Aber in den'Briefen an Frau Ilse Weiß, die die Jüdische Rundschau“ am 3. Mai d. .1. veröffentlicht hat, spricht er mit gereifter und überlegener Weisheit tiefe Erkenntnisse über die Notwendigkeiten jüdischen Wesens ans, das ״in seinem eigensten Gefäß gesammelt werden“ müsse. Diese Briefe zeigen, daß er gewußt hat, wie eine neue jüdische Existenz aus den Geheimnissen der alten hervorwachsen müßte, und er macht in diesen Briefen etwas sichtbar, was viele jüdisclie Menschen, ohne daß er von Judentum sprach, aus seinen Gedichten und Schriften 20 Jahre früher schon lseransgefühlt und herausgeliört halten, ohne es vollkommen formulieren zu können, wie Rilke selbst es hier getan hat. Er weiß, daß der Zionismus die ״neue Bodenständigkeit, ebenso wörtlich wie symbolisch aufzufassen und auszulegen“, sein muß. A\ ir leben heute in einer isolierten Situation. Das jüdische Volk hat in den vielen Jahrhunderten seiner Geschichte oft sich eine innere Welt aufhauen müssen, so wie Rilke in einem seiner ,,Briefe an eine junge Frau1921) ‘׳) schreibt: ״Ich merke, daß Ihnen unrecht geschieht, aber seit dem Kriege ist das Unrecht eigentümlich eindringlich geworden. Und man hat k e i ri e Z u f 1 u r h l v o r i 11 in a I s i m 1 e t z t e n i n n e - ren Best and“. Dies ist naliirlich eine ganz persönliche Bemerkung und hat nichts mit uns zu tun, aber ähnlich könnte man sagen, daß das jüdische Volk seine Zuflucht hat im 1״ e t z 1 e n inner e n B e stau d“. Und darum ist jeder, der uns hilft und lehrt, den ״letzten inneren Bestand“ in uns nufzusuclien und ihn zu realisieren, ein Führer für uns geworden, dessen wir auch heute noch nicht ent raten können, denn gerade die schroffe Wirklichkeit einer werdenden jüdisehen Nation erfordert, ein immerwährendes Wachsein des inneren Bewußtseins und der inneren Stimme. Dank einem Dichter, der unennüdlieh diese beschwört! Darum widmen auch wir nationale Juden dem von vielen Völkern Gefeierten an seinem 60. Geburtstag eine Gedenkstunde. W. Blick ins 19. Jahrhundert Friedrich Eckstein, ״Alte unnennbare Tage!“ Erinnerungen aus siebzig Lehr- und Wanderjahren. Herbert Reichncr Verlag, Wien-Leipzig 1936. Die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, die Blütezeit der liberalen Aera, erschienen vielen Juden als ein Endpunkt zivilisatorischer Entwicklung. Die Juden waren voll rezipiert und nahmen regen Anteil am Wissenschaftliehen, geistigen, künstlerischen Leben, ohne daß das Judentum zum Problem wurde. In diese Aera versetzt uns das Mcmoircnbuch eines mathematisch, naturwissenschaftlich und musikalisch interessierten und auch sonst vielseitigen und lebensfrohen Mannes, der in seinem reichen Leben mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit z.usammenkam und darüber mit dem behaglichen und liebenswürdigen Plauderton des Alters berichtet, wobei oft auch recht harmlose Dinge breit ausgesponnen werden. Die ״Jiid. Rundschau“ brachte in Nr. 81/82 eine jüdisch interessante Episode aus diesem Buch (״Ahasver und die Kaiserin“) zum Vorabdruck, Es ist ein Blick in eine geistig fruchtbare Epoche des alten Wien, in der tnan die herannahenden Schrecken von Krieg und Vernichtung noch nicht spürte. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung1 am Zoo Früz Ring Charlottenburg', Joachirnsthaler Straße 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon Bismur<־k 650^׳ Zusendung nach allen Stadtteilen Von Franz W e r f e 1 Zu einem im Verlag R. Löwit (Wien) demnächst erscheinenden Roman ״Und er kehrte heim“ von Samuel Lev in (der auch in Berlin bekannt ist), hat Franz Werfel ein Vorwort geschrieben, das wir mit Erlaubnis des Verlags abdruckcn. (Red.) Es gehört nicht zu den guten Gewohnheiten unseres zeitgonössisclien Geisteslebens, daß man das Wort ״Dichter“ verscliwendorisch für die Verfasser von Romanen und Geschichten anwendet. Dichter sein heißt etwas anderes als Lebenstatsachen nachbilden, eine gute Fabel erfinden können und die Wirkliehkeit in sprachgewandte Wahrscheinliehkcit zu übersetzen. Die Alten wußten genau, warum sie in dem Worte ״vates“ den Dichter mit dem Seher gleirlisetzten, das heißt mit einem Geist, der innere Bilder zu schauen vermag, die nicht aus der Außenwelt in ihn emstrümen. Obgleich ich mir dieser Beschränkung und lintersclieidimg voll bewußt hin, wage ich es doch mit ruhiger Sicherheit, Samuel Leviti einen Dichter zu nennen. Freilich, Cr ist der Dichter eines kleinen A'olkes, eines verfolgten A'olkes, das die Bergcslnst einer unbegreifliehen Sendung auf den Schultern trägt — des friedlosesten aller Aölkcr, das keine jener notwendigen Bc!lin״ungr11 erfüllt, durch die alle anderen Nationen bestimmt sind. Die Künstler und Dichter des jüdischen Volkes haben es unermeßlich schwer. Ihnen ist keine jener Hilfen gvlmlon, welche Rio schöpferische Existenz überall sonst ״!•währlei.-l1 11. Aul den kleinsten Raum, in ihrem Herzen, drängt sieh die '1 rauer der Jahrtausende zusammen, eine Vielt grheiiiiuiswiller Acrgangenheil und ein Nichts von lmldernder Greenn\ art. Dieses Schicksal wird am deutlichsten, wenn cs sich 11111 einen jüdisehen Dichter aus dein Osten K111'0|1as handelt, ln Polen und in Rußland besteht eine jüdische A o'ksgrmriu~rhalt. Ihr ichlen aber die Eigenschaften und Be-.it/lnme1־, die sie einer anelercil Nation gleiehsetzon könnten. Nicht Grund und Boden, nicht, Freiheit und Selb'lbr-liinmiing bindet sie, sondern eine uralte Lebensform allein, die sie zu ihrer Lu igchtmg in tragiseben AA iderspipirh setzt. Vielleicht ist das Exil an jenen Orten am schmerzlichsten zu tragen, wo sich die \ er-treiilen am dichtesten ztisamtncngesdilossen haben. Dort leistet die Lebensform den heftigsten Widerstand, und der tragische Widerspruch steigert sich zu unauslöschlicher Trauer. A'on dieser Trauer singt Iawin in seinen Geschichten und Romanen. Er sieht ihr ohne Furcht und ohne billige \ orfälsclmngen und Ablenkungen ins Auge. Er leert den Reeller des jüdischen Schicksals und der uncrforschlichcn Sendung Israels bis zum Grunde. Dabei nennt er die hohe Gabe sein eigen, dieses sein Problem nicht mit schriller Stimme, unter Klagen und Anklagen oder mit geschüttelten Fäusten vorzutragen, nein, seine Stimme klingt angenehm leise, seine Hand, die den Leser fest und sicher führt, fühlt sich zart an. Der Roman ״Lnd er kehrte heim“, der liier das erstemal in deutscher Spruche erscheint, kommt aus der Schule der deutschen Erziclnmgsromane. Manche Kapitel und manche Szenen klingen in ihrer Feinheit und in ihrem Humor an den ,.Grünen Heinrich“ an. Ich denke da vorzüglich an den Augenblick, wo der Held, der junge Mcchel, in die verlumpte Schauspielei-gcscllschafl in Warschau gerät. Wie weit aber entfernt sich dann der junge Mcchel vom Grünen Heinrich! Die Last seines Erbteils hetzt ihn durch das!,eben. Er erreicht zeitweise sein Ziel. Aller es ist so, als würde ein Urtoilsspruch Gottes ihm verbieten, all jene Erfolge, all jene AA'onnon, Lüste und Laster, die den arideren vergönnt, sind, selbst genießen und .lu-schoplcn zu dürfen. Tn diesem lirleilssprurh schwingt ein dunkler Klang nach: Ihr sollt mir ein Volk von Prieslcrn sein. Um die Erfüllung dieses Geheißes ringt der Dichter Levin, ohne sich jemals auf die Bibel zu berufen. Aber seine ganze Seele ist erfüllt von ihr, das ewig!' Ungenügrn, das -eiiirii Helden auszeichnet, der seine irdische Behaglichkeit immer von neuem zerstört, ist, die Geißel, die den sehiisüchlic-n Menschen auf den AA eg Gottes treibt. Aus dem H ehr ducken von Dr. Max Mayer, Jerusalem 27• frorUPteong Nachdruck verboten Im Hause Nasson waren die Kapitalisten Tenras zu einer Beratung znsaninienpekommori. Unter denen, die daran teilnahmen, gal» es solche, deren I.age bisher noch unerschüttert geblieben war, wie Raschan und Margalilh, Aber deren Vermögen und Investitionen nichts Bestimmtes bekannt war. Aber auf den Gesichtern fast aller übrigen Versammelten lagen die deutlichen Anzeichen der wirtschaftlichen Depression, die Tcura erfaßt hatte. Die Anwesenden waren diesmal weniger verschlossen und vorsichtig als sonst. Noch bevor man sich um den Tisch gesetzt halte, klopfte Raschan mit schwerer Faust auf die Tischplatte und sagte erregt mit gerötetem Gesicht: ,,So etwas ist mir in meinem!.eben noch nicht vorg®- kommen. Dreißig Jahre hin ich Großindustrieller, und nun komme ich mir wie ein kleines Kind vor. Ich, von Natur ein Praktiker, beginne fast, an Geheimnisse zu glauben. Mein Gefühl sagt mir, daß in diesem Oedland irgendein furchtbares Geheimnis verborgen sein muß, das mir von Stunde zu Stunde mehr Boden unter den Füßen wegzieht. Die Maschinen arbeiten in vollkommener Ordnung, die Steinbrüche sind von guter Qualität, und doch ist irgend etwas nicht so wie es sein sollte. Wo Hegt also der Fehler, den wir begangen haben, ich, Nassen, Margalilh und alle, die wir liier anwesend sind? Ich kann nicht mehr auf dies stumme Ocdland blicken, ohne daß sich mir die Fäuste ballen und mir das Blut zu Kopfe steigt Ich kann diese weißen Kuppen auf den Anhöhen und die Schatten der Zelte in den Tälern nicht mehr sehen, denn ihr Anblick lähmt mein Denken und meine Willenskraft. Ich glaube nicht mehr an Zahlen, an Maschinenanlagen, an Sachverständige und Berechnungen.“ Die Anwesenden senkten ihre Blicke auf den Tisch und spreizten ihre Finger darauf. ״Haben wir wirklich früher keine Mißerfolge gekannt?“ sagte Margalilh. ״Ich z. B. halle, bis ich es zum ,Stoff- König‘ brachte, nicht wenig Mißerfolge, aber mein A’erstand blieb stets klar. AVülirend andere nervös wurden, nahm ich mich besonders zusammen und suchte die Krise zu überwinden. ln Jnduslriekreisen hielt man mich für den Mann, der gegen jeder! Mißerfolg gewappnet, sei. Stets wußte ich der Klippe erfolgreich ausniwciclien. Jetzt haben die Steinbrüche ihre Arbeit eingestellt, die Alteberei stellt still, all unsere Unterrielirnnngen werden allmählich lalimgelegt Aber wir waren doch keine Kinder, als wir daran gingen, große Geldsummen in diese Unternehmungen zu stecken 1 AA ir haben doch nicht zum Zeitvertreib unsere Gelder auf die Felsen des Oedlands gestreut! Da es sich also um eine nnlvegründete Panik handelt, laßt uns beratschlagen, wie wir den Kredit stärken, die Produktion lierahsetzen, den Arbeitslohn vermindern und die Position halten.“ Unter den Anwesenden war einer, dem die Depression arg zugesplzt hatte und der jetzt verbittert die Stimme erhob: ..AA ir Italien in der Tat wie törichte Kinder gehandelt, meine Herren! Wir 1iahen vergessen, «laß auch das Kapital einmal erschöpft sein kann. W'ir haben unendliche Summen in den Sumpf, den Felsen, den Sand des Oedlands gesteckt. AA io konnten wir es nur übersehen, daß der Tag kommen mußte, an dem der Strom des Geldes versiegt? Das Geld steckt im Beton, in den Maschinen und im Boden. Der Boden sagt: Gib mehr! Er ist unersättlich. Und wenn wir aufhören, ihm zu gehen, werden überall Disteln wachsen, und die Oednis wird wieder werden, wie sie war. Aber ich lasse mich nicht mein• nasführen. Ich kann es nicht Ein böser Traum war das Ganze. Ich gehe von hier fort, denn bald werden wir alle barfuß ins Ocdland ziehen müssen. Unsere eigenen Betonhiiuser werden Uns hinausjagen, und das Schicksal des Oedlantlscilines wird besser sein als das unsere. AVer noch seinen Verstand am rechten Fleck hat, rette sich, solange noch Zeit ist!“ Seine Stimme versagte ihm vor Erregung, und Schaum war auf seine Uppen gekommen. Die Worte waren an- Ix'herrscht und kreischend aus seinem Munde gesprudelt und bezeugten den Schrecken, der über ihn geknuiiin-ii war. ״In der AA'elt ist es immer so, daß da, wo Menschen fallen, sich andere auf ihn• Kosten au I rieh ten. Aber hier fallen wir alle, und wer niclit heule fällt, l'älH morgen. AA'״ ist das viele Geld liingekoinsneii, wohin unsere größt- Anstrerigung?“ ״Tn den Sumpf!“ ״In den Sand!“ ״In den Felsen!“ ״Ins Nichts!“ So antworteten die A’cisammelten, ohne dafür eine andere Erklärung finden zu können. AA äliicnd Awiwi, Nassons Sekretär, noch dasaß und nervös an seiner Feder kaute, warden von der Straße her laute Stimmen einer Menge hörbar. Der Lärm näherte sich dem Hause Nassons. Die Anwesenden sprangen auf und eilten ans Fenster. In der Richtung auf das llaus Nassons kam ein langsam cinlierselireilenäcr Zug mit großen Schildern und Aufschnften. Tausende von Menschen schritten in breiter Front in Reih und Glied, ohne etwa Zeichen von Feindseligkeiten oder AVut zu zeigen. AA'ic ihres AA'eges dahinzielienile Müde, Yielversclilagene und im Oedland Irrende zogen sie einher. An ihrer Spitze schritt eine Reihe junger Burschen. Einer von ihnen, mit breiten Schultern, trug eine große Aufschrift: Wo ist unsere Heimat? Die Burschen zu seiner Rechten und Unken trugen jeder eine andere Tracht, je nach den! Land, aus dem sie gekornmen waren: deutsche, österreichische, polnische, ainerikanische, englische, russische, bulgarische, niarokkaiiisHie, ägyptische, afghanische. Als sie an Nassons Haus kamen, schwenkten sie einen Augenblick die Aufschrift, nach allen Seiten und gingen weiter. Nach ihnen kam eine große Grupjie, die trotz ihres ab gerissenen Aussehens erkennen ließ, daß alle. Einzelheiten wohlbedacht waren, lieber ihr schwebte ein riesiges Plakat; Das Werk im 0 c d 1 a 11d in dieser Gruppe priesen Krämer ihre AA’aren an und iii! 1ten sie für Groschen feil: Schuhbänder, Strümpfe, Pfeifen, Papier, Knverta. Sie boten sie stotternd und gleichgültig feil

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