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Jüdische Rundschau · 1935-11-29 · Heft 96 (29.11.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 96 (29.11.1935)
Date
1935-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 96, 29 XI 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Wie es zur Ballour-Declaration kam Sir Herbert Samuel erzählt Erinnerungen In einem Vortrag über ״Großbritannien und P a I ä s t i n a“, den Sir Herbert S a m u e I am 25. November in der Jewish Historical Society als zweite Luden- Wolf-Gedächtnisvorlesung hielt, gab er Einzelheiten aus der Vorgeschichte der Balfour-Deklaration bekannt. Den Vorsitz bei der Veranstaltung führte der ehemalige Gouverneur von Jerusalem Sir Ronald Storrs. In seiner Eröffnungsansprache erklärte er, die fünf Jahre, die er unter Sir Herbert in Palästina arbeitete, seien die glücklichsten seiner ganzen Dienstzeit gewesen. Nie habe er seitens eines Vorgesetzten stärkere Unterstützung erfahren. Es sei ein schwerer Verlust für das englische Parlament, daß Herbert Samuel ihm nicht mehr angehört. Man müsse hoffen, daß sich möglichst bald ein Sitz für ihn in leitender Körper- Schaft des Britischen Reiches finden ■wird. Di• geistigen Voraussetzungen Sir Herbert Samuel ging in seinem Vortrag von der geistigen Situation in England und in der Judenheit aus, die die Errichtung eines Jüdischen Nationalhcims in Palästina erleichtert habe, und legte sodann dar, wie er, der erste Jude in einem englischen Kabinett — Disraeli war schon als Knabe aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschieden — in der Palästinafrage die Initiative ergriff. ״Ich hatte“, sagte er, ״bis dahin keinerlei Verbindung mit der zionistischen Bewegung; die Aussichten für einen greifbaren Erfolg schienen allzu weit entfernt. Jetzt aber hatten sich die Verhältnisse plötzlich geändert, und ich fühlte, daß eine besondere Verpflichtung auf mir lag. Ich studierte die Ziele der zionistisehen Bewegung und ihre bereits erzielten Erfolge und lernte soviel wie möglich über Palästina. Zum erstenmal machte ich die Bekanntschaft Dr. Weizmann s und hatte einige Male Unter!edungen mit ihm. Wie jeder, der ihn kannte, hatte auch ich sofort eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten; diese Meinung wurde verstärkt mit den Jahren, die mich in engere Berührung mit ihm brachten und ihm Gelegenheit zu um* fassenderer Verwertung seiner Gaben boten. Auch seitens Nahum Sokolows und anderer Kollegen Dr. Weizmanns in der zionistischen Bewegung sowie seitens einer Reihe von Engländern und anderen Personen, die in Palästina gelebt hatten, wurde mir vielerlei Aufklärung zuteil.“ So habe er, fuhr der Redner fort, bald die Ueberzeugung ewonnen, daß nach dein Kriege die Errichtung einer g!־oen autonomen jüdischen Gemeinschaft in Palästina unter englischem Protektorat erleichtert werden sollte. Auf Grund von Tagebuclianfzekhnungen berichtete Herbert Samuel sodann von einer Unterredung mit Sir Edward Or ey am 9. November 1914. Die Jadenstaats ■ Konzeption Nach Beendigung des Krieges, sagte Samuel zu Grey, werde sich vielleicht die Möglichkeit einer Befriedigung der alten Ansprüche des jüdischen Volkes auf Palästina und der Wiederherstellung cines_Ju den Staates in diesem Lande ergeben. Samuel wies dabei auf das Interesse hin, das das damalige zaristische Rußland mit seiner starken jfidisehen Bevölkerung an dieser Lösung haben könnte, und sprach die Erwartung aus, ein schöpferisches geistiges Zentrum in Palästina werde noch einen starken Einfluß auch auf jene Millionen des jüdischen Volkes haben, die, da Palästina zu klein sei, um alle zu fassen, weiterhin in der Zerstreuung leben würden. Diese Menschen seien intelligent und tatkräftig, ihre geistige Inspiration entstamme aber einer zu weit zurückliegenden Vergangenheit, nicht aber der Gegenwart, und Zukunft. I) i e s sei zu w e n i fe, um ein Volk zu e r h a 11 en . Wenn diese Menschen sehen würden, daß Leute ihrer Art Großes vollbringen, dann würde dadurch ihr Selbstvertrauen und damit ihr Wert für die Völker, unter denen sie leben, wachsen. Für die Ablösung privater Interessen, Bewässerung, Straßen, Eisenbahnen und die Anlage eines Hafens würden sicher die erforderlichen Mittel aufgebracht werden, wenn geeignete Menschen ins Land gebracht werden und die Entstehung einer Bevölkerung aus Kleinhändlern verhindert wird. Sir Edward Grey antwortete, dieser Gedanke habe stets eine starke gefühlsmäßige Anziehung für ihn gehabt. Er stimme dem Vorschläge zu und sei bereif, für seine Verwirklichung zu arbeiten, sobald sich die Gelegenheit dazu bieten würde. Man werde keinem Plan Frankreichs oder einer anderen Macht in bezug auf Syrien zustimmen dürfen, falls ein solcher Plan unvereinbar sein sollte mit der Schaffung eines Judenstaats in Palästina. Die Frage, ob es notwendig sein werde, Syrien mit Palästina zu vereinigen, verneinte Herbert Samuel. Als wesentlich bezeichnete Herbert Samuel in seinem Gespräch mit Grey die Neutralisierung Palästinas, da das Land zu klein sei, um sich selbst verleidigen zu können, sowie die Sicherung freien Zutritts zu den heiligen Stätten für christliche Pilger. Er fügte hinzu, daß es sehr vorteilhaft wäre, wenn der übrige Teil Syriens an Frankreich fiele, damit der neue Staat an das Gebiet einer europäischen Macht und nicht an die Türkei grenze. Damals, drei Monate nach Kriegsausbruch, war die Idee eines Völkerbundes noch nicht entstanden und die Schaffung eines Mandatssyslems noch nicht in Betracht gezogen worden, Samuels Aufzeichnungen enden mit der Erwähnung einer kurzen Unterredung mit Lloyd George über denselben Gegenstand. Er hatte im Ministerrat über aas künftige Schicksal Palästinas gesprochen und sagte zu Herbert Samuel, er wünsche sehr, daß in Palästina ein Judcnstaat errichtet werde. Je mehr er sich in den folgenden Monaten mit der Frage befaßte, führte Sir Herbert weiter aus, um so mehr sei er in seinen Schlußfolgerungen bestärkt worden. Mit einer Ausnahme: es zeigte sich bald, daß der Plan eines autononicn Juden staats angesichts der Tatsache, daß damals fünf Sechstel der palästinensischen Bevölkerung aus Arahem bestanden, und aus anderen Gründen praktisch undurchführbar war. Oie Interessen Englands und des jüdischen Volkes wiesen auf folgende Lösung hin: Errichtung einer englischen Oberherrschaft bei gleichzeitiger Förderung der jüdischen Einwanderung und Gewährung des unter den gegebenen Bedingungen größtmöglichen Maßes von Autonomie an die neue jüdische Gemeinschaft in Palästina. Diese Gedanken wurden im Januar 1915 in einer Denkschrift des Kabinetts niedergelegt, die jedoch erst im März in Umlauf gesetzt wurde. Das Projekt fand starke Unterstützung bei den Mini- Stern. Herbert Samuel trat Ende 1916 zurück und hatte daher keinen Anfeil an der Verkündung der Balfour-Deklaration im Jahre 1917. Doch wurde sein Rat vor der Formulierung der Deklaration eingcholt. Er stimmte der Deklaration zu, ebenso wie fünf aridere von den insgesamt acht Persönlichkeiten, die in dieser Sache befragt worden waren. Das Unabhängigkeitsveraprechen an die Araber 13er Vortragende wandte sich sodann gegen die Bchauphing, die Balfour-Deklaration stehe im Widerspruch zu einem den Führern des arabischen Aufstandes gegen die Türken gegebenen Versprechens der Schaffung eines allarabischen Reiches mit Einschluß P a 1 ä s t i - nas. Ein derartiges Versprechen, auf das sich die Gegner der jüdischen Palästina-Bewegung immer berufen, wurde n i e gemacht. Die betreffende Behauptung wird in dem Weißbuch vom Jahre 1922 widerlegt, in dein festgestellt wird, daß in dem Briefe des englischen High Comtnissioncr in Aegypten Sir Henry MacMahon an den Schcrifen von Mekka und späteren König Hussein vom Hedschas vom 2t. Oktober 1915 von dem Uiiabhängigkeitsversprechen Syrien westlieh des Kreises Damaskus ausdrücklich ausgenommen wurde. England habe dies stets auf den Vilajet Beirut und den unabhängigen Sandschak Jerusalem bezogen. Ganz Palästina westlich des Jordan sei somit in das Versprechen nicht mit eingeschlossen worden. Dies habe Sir Herbert Samuel, als er High Gommissioner von Palästina war, dem König Hussein wiederholt auseinandergesetzt. Er konnte sich auch davon überzeugen, daß die englischen Vertreter, die 1918 mit Hussein verhandelten, nie daran gezweifelt hatten, daß Palästina westlich des J o r - d a n aus der arabischen Sphäre ausgeschaltet bleiben solle. Die englisch - jüdische Kooperation Nach einer Uebersicht über die Entwicklung Palästinas unter seiner eigenen Verwaltung und der seiner Nachfolger stellte Sir Herbert Samuel fest, daß der Aufschwung des Landes seit 1920 alle Erwartungen übertroffen habe. Dieser Fortschritt sei nur möglich geworden durch ein Bündnis zweier Kräfte — der Judenheit und Englands. Die Juden brachten Tatkraft, Intelligenz, wirkungsvolle körperliche Arbeit und gleichzeitig einen Zustrom von Kapital, der nur nach Dutzenden von Pfundtnillionen gemessen werden kann. England hat eine Regierung mit allen Hilfsquellen eines Weltreichs beigestellt, geschulte Verwalter, Mensdi und Ding Ben AsaJ pflegte zu sagen: Halte keinen Mensdien für gering und kein Ding für unwahr* sdtelnlich; denn es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde, und es gibt kein Ding, das nicht seinen Ort hätte. Aböl IV. 3 (Ueber3. v. N. M Glatter) in vielen Ländern seit Generationen erprobte Kegierungsmethoden, öffentliche Sicherheit, geordnetes Geldwesen, reichliehe Mittel für Erschließungsarbeiten und jene Stabilität, die auf der militärischen und der Seemacht beruht. Palästina, erklärt Sir Herbert, ist ״s e I f s 11 p p 0 r t i n g“ geworden. Die englischen Interessen wurden gewahrt, der englische Steuerzahler nicht belastet. Beide Partner in dem Unternehmen haben gewonnen; und die arabische Bevölkerung hat nicht gelitten, sondern ebenfalls gewonnen. Schließlich haben auch die Nachbarstaaten Palästinas gewonnen. Palästinas geistige Bedeutung Zum Schluß wandte sich der Redner der geistigen Bedeutung des neuen Palästina zu. Wirtschaftlicher Aufschwung sei wichtig, aber es gebe Wichtigeres. ■Jener sei nur das Mittel zum Zweck, das Ziel sei ein anderes. Wie ein wahrhaft lebendes menschliches Wesen um Nahrung und Gesundheit nicht mir ihrer selbst willen bekümmert ist, sondern lim seiner Persönlichkeit, seiner Seele willen, so sei es auch mit einem Volk. So sei es mit Palästina und dem Jüdischen Natioiialheim. Materieller Fortschritt — ausgezeichnet! Vortrefflich all diese Chausseen, diese wachsenden Städte, neuen I ahriken, neuen Dörfer, diest. Schiffsladungen Orangen. Aller das sei nicht das Ziel. Solche Dinge oder ähnliche könne man überall schaffen. L.ins aber könne nur in Palästina allein hcrbeigciuhrt werden: eine n e 1! e B 1 ü t e j ü d i s c h e 11 Geiste s. Man wisse dies hier in England, das jüdische Volk in der ganzen Welt wisse es, und am besten wisse es das jüdisehe Volk in Palästina. Materielle Entwicklung ist das Mitte 1, k 11 1111 re 1 1 e E 11 f f a 11 11 11 g d a s Ziel: Dienst an der Sache der Wissenschaft, der Philosophie, des Menschentums. Vielleicht wird, schloß der Redner, aus der Seele eines erneuerten Palästina ginst wieder eine große religiöse Botschaft ausgehen, die neue Botschaft, auf die unsere verwirrte Welt hofft und harrt. Sollte dies geschehe״, dann wird die Geschichte feststelk'11, daß Hie Zusammenarbeit Englands mit der Judenheit in dieser Zeit in reichstem Maß ihre Rechtfertigung gefunden hat. — Das Schlußwort hielt Sir Ronald Storrs Er begrüßte seine Gefährten aus seiner Amtszeit, den früheren Einwanderungskommissar Albert I I v a m s o 11 und den früheren Gencralstaatsanwalt von Palästina, Prof. Norman Be nt■ wich, und rechtfertigte die Tatsache, daß er als Nichtjude den Vorsitz in dieser Versammlung führe, mit seiner viel■ fachen Verbindung mit jüdischen Dingen. Er schilderte di( Schwierigkeiten, die Sir Herbert Samuel als High Com■ tnissioner mit großem Geschick zu überwinden verstanden habe und erklärte: Der künftige Geschichtsschreiber wird vier Männer nennen, die das neue Palästina Wirklichkeit werden ließen: Theodor H e r z I, den Seher und Planer, Weizmann, der die Gelegenheit erfaßte und riclitij; verwertete, Ralfour, der diese Gelegenheit in der Geschichte Gestalt annehmen ließ, und schließlich Sir Herbert Samuel, der Grundsätze in Praxis, Worte in Taten umsetzte. Die Beisetzung Bernhard Deutschs Unter außerordentlich starker Beteiligung der Bevölkc* rung wurde am 24. November der Vorsitzende der New Yorker Stadtverordnetenversammlung Bernhard S. Deutsch zu Grabe getragen. Bürgermeister La (iuardia hat angeordnet, daß sämtliche Amtsgehätide von New York zum Zeichen der Trauer anläßlich des Todes von Bernhard Deutsch zehn Tage lang Halbmast flaggen. Präsident Franklin I). Roosevelt und der Gouverneur des Staates New York, Colonel Herbert H. Lei! man 11, haben an die Fa* milie des Verstorbenen Beileidsschreiben gerichtet. F F-K L E I DIIN G •י ״״•*־ש:* 3 '0“Roßh •נ ^o9°״״'rbe\t9״״ fe־•״* S*°lÄet'0.״ ״״•״'*«VeTorb״ Di« 9u**4«t lad® «* nG?b£‘* na■ . ..,knft d יי . i°h"% gt 0י> I. '׳SS1''״* 3 sJohoa׳ .10־1 "•יי<>*ש.י" ׳•ס fco* חי6 UH*•' w0Ü®i'.e1-;״o< "י‘* zu besichtigen חז»ז ילחט* '•**״>״ OLDENBURGER STRASSE 48, Ecke Turmstraße Burschen- und Jünglings-Anzüge sehr preiswert! Für Hansa-Viertel und Moabit Anspruchsvolle und Sparer tun klug, bevor sie einkaufen, erst unsere Angebote zu prüfen und die reichhaltige Auswahl unseres Spezial- Geschäftes

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